89. Die deutsche und die rumänische Lyrik

Nora Iuga gehört zu den bedeutendsten rumänischen Gegenwartsdichtern. Ende der 1960er Jahre begann sie ihre literarische Karriere als Mitglied der Literaturgruppe „Grupul oniric“. Neben ihrer dichterischen Laufbahn ist Nora Iuga besonders aufgrund ihrer Arbeit als Übersetzerin deutscher Werke berühmt geworden. 2007 verlieh ihr die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland. Trotz ihrer 81 Jahre ist die Dichterin noch sehr aktiv. 2010 veröffentlichte sie ihren ersten Roman, „Die Sechzigjährige und der junge Mann“. Im Frühjahr überraschte Nora Iuga mit einer weiteren Premiere während der deutschsprachigen Literaturtage in Reschitza. Sie stellte ihre ersten Gedichte in deutscher Sprache vor. Ein Exkurs für die bedeutende Dichterin. ADZ-Redakteur Robert Tari sprach mit Nora Iuga über die Entwicklung der rumänischen Gegenwartsliteratur und ihre ersten dichterischen Versuche in einer anderen Sprache.

Auszug:

Sie haben viel als Literaturübersetzerin gearbeitet und vertreten die Ansicht, dass ein Dichter sich nur in einer Sprache ausdrücken sollte. Was waren die Schwierigkeiten während des Entstehungsprozesses Ihrer ersten deutschen Gedichte? 

Ich muss dir ehrlich sagen, dass ich mich für meine deutschen Gedichte nicht abmühen musste, eigentlich war es fast schon ein Wunder. Wenn ich das sage, runzeln wahrscheinlich manche Dichter die Stirn. Besonders junge Dichter, die eine andere Vorstellung von Lyrik haben und weniger an eine Form von unbewusster Inspiration glauben, so als wäre das Gedicht einem vorgegeben. Ich aber glaube daran, denn es gibt Augenblicke, in denen man sich in einem Zustand befindet, in dem man den Eindruck hat, eine fremde Stimme würde dir das Gedicht diktieren. Ich habe in letzter Zeit unglaubliche Erfahrungen gemacht. Seit ich älter geworden bin, träume ich nicht mehr in Bildern, sondern eher in Worten und oft wache ich auf, aber wirklich oft – ich bin darüber sehr glücklich – wache ich mit einem neuen Vers auf. Aber diese Verse sind meistens unlogisch, manchmal sind auch die Wörter verdreht, weißt du. Zum Beispiel ging ein Vers so: „Was macht das Wort zwischen zwei Portionen Mörtel?“ Wie du sehen kannst, habe ich es mir sogar gemerkt. Ich bin sofort aufgewacht, ich habe mir den Vers aufgeschrieben und so ein Gedicht angefangen, diesmal auf Rumänisch. Darum sage ich dir auch: Ich schreibe auf eine Art, die du vielleicht als Experiment auffasst. Aber es ist kein Experiment. Es ist eher meine Art zu denken, Dinge miteinander zu assoziieren und besonders mein Vertrauen in meine Träume. Ich glaube an das Unterbewusstsein, ich glaube, dass das Unterbewusstsein unendlich wichtiger ist als Vernunft, wenn man Gedichte schreibt, Logik fällt sogar ganz weg. Denn Logik ist der größte Feind des Gedichtes. Ein Gedicht ist ein Zustand, der dem Unbewussten und also dem Traum sehr nahe steht.

Als Dichterin und Übersetzerin haben Sie einen Einblick sowohl in die rumänische als auch in die deutsche Gegenwartsliteratur. Bestehen Unterschiede?

Es gibt einen sehr großen Unterschied. Ich bin froh, dass du mir diese Frage gestellt hast, weil sie wichtig ist, weil viele unserer jungen Schriftsteller in letzter Zeit auf Auslandsreisen geschickt werden, wo sie an Lesungen teilnehmen können und so deutschen Schriftstellern begegnen. Trotzdem wird es noch lange dauern, bis sie Gedichte mit der gleichen Rhetorik schreiben werden. Ich weiß nicht, ob es unbedingt einen Gewinn darstellen würde, weil die gegenwärtige deutsche Lyrik befindet sich keineswegs in einem guten Zustand. Es gibt einige überaus gute, sie stellen aber nicht die Mehrheit dar. Deutsche Lyrik befindet sich genau wie die französische auf einer Talfahrt. Eigentlich hat der ganze Westen diese Probleme. Ich bin davon überzeugt, dass der Osten eine wesentlich komplexere, dramatischere und stärkere Literatur liefern kann. Das soll jetzt nicht missverstanden werden. Ich beziehe mich dabei nicht auf den Drang zum Pathos. Pathos ist furchtbar, es ist der Feind östlicher Lyrik, besonders rumänische Gedichte leiden darunter. Deutsche Schriftsteller, die uns besucht haben und junge Dichter oder auch die ältere Generation kennenlernten, werfen uns gerade das vor und haben vollkommen recht: Wir sind viel zu pathetisch und viszeral. Wir sprechen ständig über unseren Körper, über dessen Physiologie, über die Organe, über Blut. Das haben sie nicht, sie verhalten sich da diskreter und sind bodenständiger.

/ Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien

Auf Deutsch:

  • Der Autobus mit den Buckligen. Akademie Schloss Solitude, Stuttgart 2003, ISBN 978-3-929085-84-6 (übersetzt von Ernest Wichner).
  • Gefährliche Launen. Ausgewählte Gedichte. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-93765-7 (übersetzt von Ernest Wichner).
  • Die Sechzigjährige und der junge Mann. Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2010, ISBN 978-3-88221-532-8 (übersetzt von Eva Ruth Wemme).

One Comment on “89. Die deutsche und die rumänische Lyrik

  1. Die Lage der gegenwärtigen deutschen Lyrik nähert sich offenbar der Trostlosigkeit. Die geschätzte rumänische Dichterin und Übersetzerin Nora Iuga ist der Ansicht, daß sie, von Ausnahmen abgesehen, keineswegs in einem guten Zustand und auf Talfahrt sei. Für Walter Delabar ist unsere heutige Lyrik vor allem Medium subjektiver Befindlichkeitsreflexion, „beliebt freilich mehr bei den liebestrunkenen oder -kranken Verfertigern gereimten Schriftguts als bei ihren Lesern“. Das muß man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Immerhin läßt der außerplanmäßige Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FU Berlin „wenige Ausnahmen“ und vor allem „Dominator“ Durs Grünbein gelten. Noch vor vier Jahren stellte der Literaturkritiker Michael Braun zurecht fest, daß Lyrik die aufregendste Gattung innerhalb unserer Gegenwartsliteratur sei. Und nun das! Die Talfahrt einer Generation liebestrunkener oder -kranker Poetinnen und Poeten? Dabei veröffentlichen die Autorinnen und Autoren, die die deutsche Poesie noch vor wenigen Jahren zur aufregendsten Literaturgattung gemacht haben, nach wie vor Gedichte – und keineswegs schlechte. Außerdem sind inzwischen neue vielversprechende Stimmen hinzugekommen. Da schließe ich mich doch eher der Meinung von Michael Braun an, die auch für die Lyrik unserer unmittelbaren Gegenwart ihre Gültigkeit hat.

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