38. Sprachmusik

Nein, die Verse des 1969 in Moskau geborenen Düsseldorfers sind Sprachmusik, immer wieder durchdrungen von sarkastisch wirkenden Disharmonien. Unreine Reime strapazieren das Ohr wie Zwölftonmusik.

Ist es Leichtsinn oder Provokation, wenn sich „wieso nicht“ auf „Honig“ reimen soll*? Was der russische Komponist Alexander Skrjabin (1871 – 1915), der exzentrische Erfinder einer Klaviatur mit Ton-Farbe-Zuordnung, beabsichtigte: das Zusammenführen aller Sinne in Wort, Ton, Farbe, Duft und Bewegung, als rhetorische Figur „Synästhesie“ genannt, wofür die Romantiker ein Faible hatten, genau das versucht auch Nitzberg zu verwirklichen. / Dorothea von Törne, Die Welt

Alexander Nitzberg: Farbenklavier. Suhrkamp, Berlin. 76 S., 17,95 Euro.

*) Das kann man trainieren. Majakowski lesen, entweder Russisch: дети / заметили; хоботом /  гроба том, oder Deutsch bei Hugo Huppert: Pause / Genosse Mauser; Sonne brach / millionenfach. Oder Emily Dickinson: listens / Distance. Oder e.e. cummings (diese beiden Strophen sind durch konsononantische Halb- (Auslaut-)reime verbunden im umschließenden Maß):

Me up at does
out of the floor
quietly Stare
a poisoned mouse

still who alive
is asking What
have i done that
You wouldn’t have

Will sagen, soviel Zwölftonmusik ist es nun auch nicht. Nitzberg machts wie Huppert, das ist immerhin innovativ: ein Versuch, unsere Ohren zu erziehen. Die Amerikaner aber sind wirkliche Erfinder.

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