69. Replik

Von  Felix Philipp Ingold

Ein merkwürdiges Phänomen sind jene Kommentare Ingolds, die so vernichtend wirken, als wollten sie einem die Lust zum Weiterlesen austreiben. Man versteht nicht, wie ein Herausgeber, von dem man doch meinen sollte, er empfehle seine Ausgabe, sich derart selber ein Bein stellen kann. (Birgit Veit in „Neue Zürcher Zeitung“, 2012-06-06)

 

Was man bei der Lektüre meiner Lyrikanthologie Als Gruss zu lesen „meinen sollte“ (also erwarten dürfte), legt die Rezensentin in ihrer kritischen Besprechung wortreich und mit merklicher Irritation dar. Indigniert wirft sie mir vor, einige der ins Buch aufgenommenen Autoren schlecht zu machen und damit nicht nur ihren weithin anerkannten Rang herabzumindern, sondern auch dem Grundprinzip anthologischer Auslese zu widersprechen.

Dass eben dies mein erklärtes Ziel ist, entgeht ihr, obwohl ich im Vorwort deutlich mache, dass meine „Blütenlese“ ausser Orchideen auch mindere Gewächse und sogar Unkraut berücksichtigt, weil erst all dies zusammengenommen die literarische Kultur einer Epoche oder einer Nation ausmache. Auch verkennt die Rezensentin, dass es innerhalb meines Konzepts kein Kritiktabu geben kann; dass also von einem starken Autor (etwa Wiktor Sosnora), einer starken Autorin (etwa Jelena Schwarz) durchaus gesagt werden darf, dass es in deren Gesamtwerk – wie übrigens bei jedem Dichter ‒ auch schwächere und beiläufige Texte gibt.

Es ist schon dreist (oder ist es bloss unbedarft?), von mir eben das zu erwarten, sogar zu fordern, was ich explizit nicht zu liefern beabsichtige. Meine Anthologie ist gerade kein weiterer Beitrag zur Kanonisierung „schöner“, „bedeutender“, „wunderbarer“ Gedichte oder „herausragender“, wenn nicht „genialer“ Autoren. Als repräsentativ kann sich die Sammlung nur deshalb empfehlen, weil sie neben Meisterwerken auch Gelegenheitsgedichte – gelungene und weniger gelungene – berücksichtigt; weil sie ausser lyrischen Spitzenprodukten auch mittelmässige Ware zugänglich macht: die gängige Durchschnittsqualität prägt den Epochenstil (wie übrigens oft auch den Personalstil der Autoren) weit mehr als vereinzelte dichterische Höchstleistungen.

Lew Tolstoj war’s doch, der einst das Elend aller Kanonisierung – auch seiner eigenen! ‒ beklagte und davor warnte, grosse Namen und kanonisierte Werke bloss aufgrund ihrer literarhistorischen Einstufung der Kritik zu entziehen. Nicht alles – eigentlich doch das Wenigste – von dem, was als „klassisch“ und somit als vorbildlich gilt, vermag auf Dauer, bei unvoreingenommener Lektüre, seinen angeblichen Rang zu bewahren, so wie auch keineswegs jene andern Autoren vergessen werden sollten, die vom Kanon ausgeschlossen blieben und in der Literaturgeschichte dementsprechend marginalisiert wurden. Unter den Aussenseitern gibt es – meine Anthologie ist ein Beleg dafür ‒ „Genies“, die mit noch unerkannten „Meisterwerken“ manches von dem übertreffen, was weiterhin als „ewiger Vorrat“ europäischer Dichtung gehortet wird.

Felix Philipp Ingold, „Als Gruss zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch/Deutsch. Dörlemann Verlag, Zürich 2012, 532 S.

2 Comments on “69. Replik

  1. Hm, ich würde auf Unbedarftheit tippen und auf allzu oberflächliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand – ein Eindruck, der sich beim Lesen der „Qualitätspresse“ immer häufiger nicht nur bei Buchrezensionen einstellt (hinzu kommen all die alten ideologischen Verbrämungen und Kisten, über die anscheinend schon spätestens seit Kraus nicht hinwegzusehen ist)…

    Aber zurück zu Anthologien: Sehr lesenswert ist Ingolds Essay zum Thema, erschienen in Volltext 4/2009.

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