39. Ich ist eine andere

Graue Vorzeit – biografisch gesehen die Zeit, als meine Haare noch schwarz waren. Irgendwann Anfang der 80er fand ich in einer Zeitschrift namens „Neue Literatur“, Monatszeitschrift des Schriftstellerverbandes der SR („Sozialistischen Republik“) Rumänien, die ich abonniert hatte und mit Spannung las (u.a. waren mir dort in den 70er Jahren paar Prosatexte einer gewissen Herta Müller aufgefallen, die mich elektrisierten), ein paar Gedichte von einem Klaus F. Schneider. Ich merkte mir den Namen und fand ihn gelegentlich in Anthologien und Zeitschriften wieder – in den 90er Jahren und neuerlich vor 2 oder 3 Jahren in der „randnummer“. Dann fiel mir ein Buch in die Hände und wieder einige Wochen später traf ich ihn auf Facebook. Mittlerweile einer meiner engsten Facebookkontakte, auch eine Nachteule – wir tauschen fast tag- und nächtlich Informationen und Meinungen, teils öffentlich teils privat. Viele äußern Vorbehalte gegen Facebook, kann ich verstehen, aber mich macht es seit jeher skeptisch, wenn Bekannte genauso reden wie die Regierung, das hat sich nicht geändert. Die Leute, die schamlos an meine Daten herangehen und sammeln was sie kriegen können (upps, hab kein Handy, ihr kriegt mich nicht, da nicht!), warnen mich vor Facebook. Ihr könnt mich, ich paß auf mich selber auf.

Neulich las ich bei einer österreichischen Bloggerin, die ich bewundere und jedem ans Herz lege, der sich für Lyrik und Verwandtes interessiert, ein Lob des Bloggens, verständlich, indes mit einem Akzent, der nicht auf meine Erfahrung paßt. Bloggen sei produktiv – im Unterschied zum bloß konsumptiven Facebook, meinte sie. Na, das kommt drauf an, dacht ich. Grad hatte ich einen thread verfolgt, in dem etliche Autoren stundenlang über ein Gedicht von Norbert Hummelt diskutierten. Und ob da produziert wird!

Zurück zu Schneider (er heißt bei Facebook anders). Fast sicher ist, daß wir ohne Facebook nicht in so engen Kontakt gekommen wären. Von Greifswald ist es fast überall hin zu weit (außer Rügen und Usedom und allenfalls noch Klempenow und Darß/Fischland).

Seit einigen Tagen veröffentlicht er offenbar als Versuchsballon numerierte Gedichte. Eins heute nachmittag klingelte bei mir: Hallo, hier bin ich. So wie meine „Meine Anthologie“ genannte Onlineanthologie seit 12 Jahren funktioniert (noch ein Jahr länger als die Lyrikzeitung). Hier ist es.

(Ich hab den Autor um Erlaubnis gefragt, er zögerte, weil er es vielleicht noch überarbeitet, aber ich erläuterte ihm mein Projekt und bat, es für hier nehmen zu dürfen as is. Bzw. as was – vor 18 Stunden.)

#13
ich lese nicht sehr viele zeitungen aber ich habe gehört viele situationen.
was komme sprache mir sagen jetzt plotzlich nix mehr gut
wie ich musse spielen meine system ändern? 
ganze woche trainieren avanguardia
und dann auf platz spiele medizinball. 
diese avanguardia heute ist catenaccio mit ballett! 

was wolle experiment? 
mir sagen ich mache falsch?
epxeriment glaube spielen wie maradonna
aber experiment isse strunz! 
flasche leer! und gibt immer verlängerung 
auch wenn nicht mehr ist platz für die zeit.

warum accademie fordern viererkette
wenn alle wolle mache libero? viere mal lothar matthäus!?
haben viele kollegen stellen sie die kollegen in frage! 
haben keine mut an worten aber ich weiß was denken über diese spieler!

und zuschauer nur viceversa von die capo und agenten 
alles marionette macht nur noch la ola …
ist eine tsunami von la ola! 
kann machen la ola überall so viel sie wolle 
auch zu hause allein. aber nix mehr wie ein subjekt. 
subjekt stehen abseits in neue norm. passive abseits! 
ist klar diese wörter? ist möglich verstehen?
jetzt nur noch mannschaft in kopf aber ganze turnier
nicht genug luft weil immer querpass mit worte rotieren
einige Spieler vergessen ihnen Profi was sie sind 
nix mehr wissen wohin laufen weil nur noch objekt:
wozu brauche diese ball? kann bilden eine capella aufstellen 
chor mit ganze mannschaft und riserva von bank 
und alle debutante naturlich A-jugend!

offensiv. offensiv ist wie machen in platz. 
kann machen viele haufen bis rasen kaputt ist 
spielplatz für talpa wie sagt man? 
wenn kann schießen auf tor dann viele posizione 
auf eine mal zusammen dass keine weiß wo kommt ball
und wenn sie nehmen mit kopf immer eigene mann 
fliegt so hoch dass tore musse sein wie bei rugby.

ich hat eine andere

3 Comments on “39. Ich ist eine andere

  1. ich finds klasse, so wies ist. (auf weitere nuancen waer ich gespannt.) bisher aber: trapquadrat (mind.)! lafleur (pressezertifizierter „fuszballdichter“)

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  2. Kito Lorenc:

    An einem schönbemalten Sonntag

    An einem schönbemalten Sonntag
    spielten die Metaphern gegen die Vergleiche
    ein Gedicht von einem Spiel.

    Die Vergleiche trugen erdgraue Trikots,
    die Metaphern azurblaue.
    Der Hahn pfiff an.

    Der Ball ist gleichwie die Sonne,
    staunten die Vergleiche. Da schossen
    die Metaphern die Sonne vom Osttor ins Westtor.

    Das ist gleichsam der Untergang,
    bemerkten die Vergleiche.
    Unter den Schlachtenbummlern

    fiel eine halbe Synekdoche in Ohnmacht.
    Erst zwei Halbzeiten ergeben eine
    Mahlzeit! höhnte die Amphibolie.

    Nur die Metonymie schrie: Tor …
    (In der Pause trank man Quittenbrause
    wegen des tropischen Klimas.)

    Nach dem Erdseitenwechsel konzentrierten
    sich die Vergleiche, also: Der Ball ist –
    und schossen die Ballsonne vom Osttor ins Westtor.

    Jetzt sind wir quitt! jubelten sie.
    Welche Verballhornung des Sonnenballs! mokierten
    sich die Metaphern: Seliger Ballhorn, wer

    druckt das noch hierzuerd? Damit zogen alle
    zum Großen Bären, auf dem Ballspielplatz der Sterne
    endete ihr Match unendlich:unendlich.

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  3. dann wollen wir uns auch in diesem fall nicht zurückhalten
    sondern stellvertretend die steilvorlage aufnehmen & den kopf hinhalten
    – wenn’s sonst keiner sagt: gibt der jetzt den Waldemar Hartmann des lyrikbetriebs?
    und es stellt sich die aus dem werbespot(t) ins hochdt. übersetzte frage:
    ja, sag einmal, spielst du noch oder redest du bloß drüber!

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