54. Mehrwert des Blankverses

Christopher Schmidt sprach mit dem Shakespeare-Übersetzer Frank Günther (Süddeutsche Zeitung 6.8.):

Günther: Die kanonisierte Übersetzung ist die von Schlegel, die ebenso wenig aussterben wird wie die Luther-Bibel. Das hat einen bestimmten Ton, den man mit Shakespeare identifiziert, das ist die Benchmark. Gleichzeitig gibt es in Schlegels leicht trällernden Übersetzungen eine Verniedlichung, die im Original nicht enthalten ist, das immer von Lakonie und Direktheit bestimmt wird. In einem der ‚Heinrich‘-Dramen heißt es bei Schlegel verquast: ‚Reicht Mantel mir und Degen. Freunde, gute Nacht!‘ So was hat noch kein deutscher Muttersprachler freiwillig gesagt. Bei Shakespeare steht etwas ganz Einfaches: ‚Give me my sword and cloak. My friends, good night!‘ Ein ganz simpler Satz, kein Kunstsatz. Warum übersetzt Schlegel das so merkwürdig? Weil er den Blankvers bedienen musste, was ihm nur unter Verdrehung der Syntax gelang.

SZ: Auch Sie behalten den Blankvers, also den fünfhebigen reimlosen Jambus bei – warum?

Günther: Der Mehrwert des Blankverses besteht darin, dass die relative Formlosigkeit eines Prosasatzes eine musikalische Struktur bekommt. Es gibt mehr Möglichkeiten, den Sinn eines Satzes zu verstehen, wenn er über ein Metrum läuft. Denn der Sinn ist ja nicht nur eine rational-semantische Angelegenheit, die Klänge und Rhythmen der Sprache öffnen Deutungsmöglichkeiten für die emotionale Lage, für die Haltung einer Figur, für ihren subtextuellen Unterleib. Der Blankvers ist eine Trägerwelle, auf der ein Gedanke reitet. Man muss das gar nicht theoretisch verstehen, um zu merken, wann ein Satz eine höhere poetische Kraft hat.

Ein Blankvers ist ein syntaktisch normaler Sprechduktus, dessen unterschwelligen Beat man spüren muss, aber nicht merken darf. Aber das ist eigentlich nur noch mein privates Hobby, weil das heute eh keiner mehr versteht.

(o, ein paar Dichter wissen es schon)

One Comment on “54. Mehrwert des Blankverses

  1. Frank Günthers Shakespeare-Projekt, im übrigen eine Lebensaufgabe (aber nicht wörtlich zu verstehen), macht diesen ewig grünen Klassiker auch wieder Teens zugänglich. Ich weiß, was ich rede (hier in der Stadtbibliothek).

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