1. The good, the bad, and the ugly aktueller deutscher Lyrik

Wäre das Subsegment des Literaturbetriebs, das „aktuelle Lyrik“ heißt, eine Live-Musiksendung: Niemand, aber auch wirklich niemand würde sich die anschauen. Mainstream-Gitarrenrockbands, Ensembles für hoch anstrengende Kompositionen der neuen Musik (für drei Rasenmäher und Bratsche), volkstümliche Humptatakapellen und Renaissancechöre würden ohne erkennbares Ordnungsprinzip hintereinander über eine leere Bühne getrieben, und ob die Moderation von Florian Silbereisen oder Alexander Kluge besorgt würde (wobei Thomas Gottschalk, Nina Hagen und Johannes Grenzfurthner genauso in Frage kommen), entschiede sich direkt vor Sendebeginn per Münzwurf.

Case in point: Die Anthologie Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik aus dem Leipziger Literaturverlag, die 2009 in der Reihe neue lyrik erschienen ist. Das Buch ist insofern verdienstvoll, als in jeder Hinsicht genau das drin ist, was draufsteht: Um die „junge deutschsprachige Lyrik“ ist es genau so und nicht anders bestellt, wie die Lektüre der Anthologie es nahelegt (vgl. hiezu die einleitende Wackelmetapher); was bedeutet, dass auch der Titel Skeptische Zärtlichkeit selbst, dieses (durchaus in gekonnter Weise) poetisch aufgeblasene Einbekenntnis von Mutlosigkeit und/oder Unbestimmtheit, passender nicht sein könnte. (…)

Was mir da aufgefallen ist, kann auch was anderes sein als ein gemeinsames Set poetologischer Grundannahmen („Unverstehbarkeit“ hin, „Evokation“ her). Etwa: Der Umstand, dass die Vertreter der verschiedenen, einander „eigentlich“ ausschließenden Schreib- und Denkweisen sich möglichst nicht mit irgendwelchen allzu definitiven Äußerungen auf die Zehen steigen wollen – mutmaßlich, um die gemeinsame Bühne und Arbeitsumgebung „Lyrikbetrieb“ in ihrem gegenwärtigen Zustand selbst möglichst nicht anzutasten. Denn wer weiß, welche Positionen sich am Ende der Bühne verwiesen fänden. (…)

Um zusammenzufassen: Die Anthologie Skeptische Zärtlichkeit lehrt mich vieles über den Zustand der „jungen deutschsprachigen Lyrik“. Dass sie mich durchaus nicht lehrt, warum das alles irgendwer lesen soll, mag sich genauso gut einem Defekt meiner Wahrnehmung verdanken wie einem Defekt dieser Lyrik oder dieses Lyrikbetriebs als ihrem Kontext. Skeptische Zärtlichkeit richtet sich an dasselbe Publikum wie die Jahrbücher der Lyrik und jüngst Lyrik von Jetzt II, und es wird diesem Publikum kraft seiner Begleittextlastigkeit einige Präzisierungen bieten – richtig Neues wohl nicht, aber was wäre das schon? / Stefan Schmitzer, schreibkraft

Ulf Großmann, Axel Helbig (Hg.): Skeptische Zärtlichkeit. Junge deutschsprachige Lyrik.
Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2009

One Comment on “1. The good, the bad, and the ugly aktueller deutscher Lyrik

  1. Ein anregender Text, der einen Ansatz bietet, die übliche Stapelbearbeitung junger Lyrik (Generalfeier oder Generalmisstrauen) zu unterlaufen. Am Ende aber doch wieder die Generalskepsis: Wer soll das alles lesen? Da erweist sich, dass das Bild von der Fernsehshow am Anfang, so erfrischend und erhellend es auf der einen Seite ist, ebenso schief ist auf der anderen: Beim Buch kann man sich eben aussuchen und je nach Stimmung dies oder das lesen und dann hat man vielleicht am Ende doch mehr gelesen als bloß die Leute seiner eigenen Richtung: Wie man ja auch mal Pop und mal was anderes hört.
    In diesen Kontext gehört noch hinein, dass der „neuen Musik“ (die ja ein viel klarerer Terminus ist als „junge Lyrik“) immer das Verdikt „hoch anstrengend“ anhängt, wie vielleicht dem Experiment das Prädikat „schwierig“. Ich meine, Schmitzer ist wohl bereit, die neue Musik zu achten, aber er hört sie offensichtlich nicht so gerne. Man kann sie aber, mit nur wenig Übung (3-6 Abende) auch laufen lassen nebenbei zur Abendunterhaltung. Und da braucht man keine Runden von Abiturträgern dazu, auch andere kommen nach meiner Erfahrung wunderbar damit klar. Es ist also nichtmal eine elitäre, sondern eine einfach unbekannte Form von Abendunterhaltung(smusik).
    Eine zweite wichtige Beobachtung: Poetologie neigt dazu, sich immer weniger festlegen zu lassen. (Auch die des Jahrbuchs der Lyrik bringt ja kaum greifbare, konkrete Statements, obwohl zumindest einige der unten folgenden Entschuldigungsgründe hier nicht greifen.) So sehr ich diesen Trend ebenso wie Schmitzer eher missbillige: Es kann auch daran liegen, dass Rechthaber überall bereitsitzen, einem bei der kleinsten offenen Stelle in die Weiche zu schlagen. Und auch diese Weichenschläger schaffen sich den Hauch von Rechthaben immer nur durch Anspielung. Ließe man sie reden, verlöre sich das meist. Oft lässt sich aber auch beobachten, dass jemand mit seiner Poetologie quer zu etablierten Unterscheidungen liegt. Da merkt man dann, wenn sie sich nicht zu bestimmten Richtungen bekennen und abgrenzen, kaum, dass sie doch sehr Konkretes gesagt haben. (Allerdings, geb ich zu, ist viel zu selten dieser Fall.) Abgesehen davon muss es nicht jedem Lyriker liegen, die eigene Poetologie schriftlich nieder zu legen. Gleichwohl wird es von ihnen immer häufiger erwartet. Nicht jeder ist da so konsequent wie etwa Sandra Trojan, die auch damals, als es für sie noch ein seltenes Glück war, irgendwo zu veröffentlichen, bereits ablehnte, wenn eine Poetologie dazu gefordert wurde. Wenn man eben nichts dazu sagen möchte, muss man auch nicht Druckseiten füllen. Würde jeder Lyriker so konsequent sein?
    Letzlich kommen solche Gemischtwarenläden zu Stande, weil man junge Lyrik oft nur noch en gros mit dem Argument „neu“ überhaupt verkaufen kann. Dass Herausgeber um der Gleichheit willen dann jedem eine Poetologie abverlangen und nicht nur denen, die dann auch etwas sagen, vielleicht wäre das zu kritisieren. Aber man stelle sich vor, nicht jeder würde ungefähr gleich repräsentiert! Das würde auch ein Geschrei geben!

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