88. Klanggewitter von archaischer Wucht

Von Volker Sielaff

Les Murray kommt als Gast der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden am 25. Mai, 20 Uhr, ins Hygiene-Museum. In Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum und gefördert von der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank sowie der Stadt Dresden, Amt für Kultur und Denkmalschutz.

 

Der australische Lyriker Les Murray kommt nach Dresden ins Deutsche Hygiene-Museum

Die australische Fremdenverkehrswerbung kommt ohne ihn, den Dichter, nicht aus. Er ist einfach zu berühmt. In einem Video, das für Reisen in den fünften Kontinent wirbt, sieht und hört man Les Murray ein paar Zeilen aus einem seiner Gedichte rezitieren. Bei der Verszeile „spirituality with pockets“ lächelt der gewichtige Mann ein wenig, er, der jedem seiner Bücher die Widmung „To the glory of God“ voranstellt. Dazu passt der Titel seiner im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Sammlung: „Translations from the Natural World“ (Übersetzungen aus der Natur).

Les Murray lässt sich nicht festlegen. Schablonen und Etiketten versagen, wenn man diesen Dichter und sein Werk wirklich begreifen will. Entwarf er in seinem Versepos „Fredy Neptune“ das Zeitgemälde eines an Schrecken so reichen 20. Jahrhunderts, so wendet er sich nun, in „Translations from the Natural World“, auch „als Gegenreaktion auf das Überhandnehmen einer intellektuell exklusiven Gesellschaft“, der allen Dingen innewohnenden „Heiligkeit“ der Natur und besonders der Tiere zu. Mehr noch, er schlüpft in ihre Häute, er wird sie und leiht ihnen seine unverwechselbare poetische Stimme.

Les Murray, wenn er ein Gedicht über eine Fledermaus schreibt, wird selbst zur Fledermaus. Man muß den Dichter nur lesen hören: wenn er „Bat´s Ultrasound“ vorträgt, hört man es nur so fiepen, pfeifen und tönen, ist man umgeben, ummantelt, umschwirrt vom Fledermaus-Sound. Nicht anders, wenn er dem Tintenfisch oder dem Pottwal, dem Leiherschwanz oder dem Kuhreiher, dem Ameisenigel oder dem Zuchthengst seine Stimme gibt. Es sind Rollen- und Anverwandlungsgedichte der besonderen Art, die ein Hohelied auf die Schöpfung, die einfache und zugleich unerklärliche Gegenwart der Kreatur singen. Und auf die Gefährdungen, der diese Kreaturen immer wieder ausgesetzt ist, gelegentlich durch uns, die Menschen.

Sein Gedicht „Das gegenwärtige Abschlachten verwilderter Tiere“ schrieb Les Murray, weil er das unbarmherzige Abschlachten wilder Esel, Pferde und Büffel in seinem Land als falsch und grausam empfand: „Es scheint, daß die gnadenlose menschliche Umordnung / der gesamten Welt kein grünes Ende nehmen wird.“

In einer Gegen der Milchfarmen, waldigen Hügel und Sägewerke, in Bunjah im australischen New South Wales, wurde Les Murray 1938 geboren. Er sei, so bemerkt er lakonisch, „im Busch aufgewachsen“, mit einem anderen Zeitgefühl, mehr Traumzeit als reale Zeit. Gute Bedingungen für einen, der auszog, der eigenwilligste Dichter des fünften Kontinents zu werden. Sein Kollege Joachim Sartorius sagt über ihn: „Sein Habitus ist gutmütig, bäuerlich. Dahinter verbergen sich ungeheure Belesenheit, leidenschaftliche Lust am Reichtum der Sprache und ein absolutes Gehör für Metrik und Reim“ und die „Süddeutsche Zeitung“ konstatierte beeindruckt, dieser Mann bringe „Klanggewitter von archaischer Wucht“ hervor.

Les Murrays wohl berühmtestes Gedicht heißt „Dichtung und Religion“. Darin zitiert er Huckleberry Finn, der meinte, daß man „eine Lüge nicht beten könne.“ Les Murray: „Man kann sie auch nicht dichten.“ Dichtung und Religion kommen für ihn aus „demselben Spiegel“: „beweglich, aufblitzend, nennen wir es Dichtung, / zentral verankert nennen wir es eine Religion.“

Les Murray wurde bereits mehrfach für den Literatur-Nobelpreis nominiert, legt allerdings keinen großen Wert auf solche Ehrungen. Sie würden sein Leben und Schreiben nur allzu sehr durcheinanderbringen, sagt er. Er wolle lieber in Ruhe an seinen Gedichten arbeiten.

Thaller When Prone“ heißt sein neuestes Buch, das diesen Mai unter dem schönen Titel „Größer im Liegen“ auch auf Deutsch erscheint. Das Cover der bei Carcanet in Großbritannien erschienenen Originalausgabe zeigt den langen Schatten eines Mannes mit Hut, auf grünem Wiesengrunde liegend. Die deutsche Ausgabe (Edition Rugerup) versammelt nicht nur Gedichte aus diesem Band, sondern auch einiges aus dem vorletzten Werk des Dichters, „The Biplane Houses“.

Übersetzt wurden die Gedichte sämtlich von Margitt Lehbert, die Les Murray seit dem Buch „Ein ganz gewöhnlicher Regenbogen“ eine adäquate deutsche Stimme gibt. 1994 erlaubte ihr ein Stipendium, Les Murray und seine Familie in Bunyah zu besuchen – was man rückblickend als ein Glück für alle deutschsprachigen Leser von Les Murrays Büchern bezeichnen darf. Aber am besten liest man den Dichter natürlich im Original. Oder hört beiden, ihm und seiner Übersetzerin, zu, wenn sie am 25. Mai im Dresdner Hygiene-Museum auftreten. Weitere Stationen in Deutschland und den USA werden folgen.

Von dem neuen Buch, „Größer im Liegen“, dürfte dann die Druckerschwärze noch frisch sein, denn es erscheint dieser Tage in der in Önneköp / Schweden ansässigen Edition Rugerup.

(Dresdner Neueste Nachrichten vom 21./22. Mai 2011)

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