85. Von der Erde

Es gibt Werke, die erweisen sich als schlauer als ihre Schöpfer. Für den Mahler-Verächter Hanns Eisler trifft dies jedenfalls zu, polemisierte der marxistische Musiker doch heftig gegen die angebliche bourgeoise Dekadenz seines Kollegen: In einem Aufsatz von 1935 denunzierte er dessen Werke als „unechte, sentimentale ‚Weltanschauungsmusik'“. Den 100. Todestag Gustav Mahlers am Mittwoch nahm nun das Ensemble Resonanz zum Anlass, dennoch nach Gemeinsamkeiten zu forschen. Es wurde fündig und stellte Hanns Eislers „Gesang des Abgeschiedenen“ Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ gegenüber. Dabei wurde eine verblüffende künstlerische Geistesverwandtschaft des jungen Eisler mit dem reifen Mahler deutlich, was die ideologische Kulturkritik des späteren Schönberg-Schülers in einem anderen Licht erscheinen ließ.

Beide Liedzyklen greifen die Nachdichtungen asiatischer Lyrik von Hans Bethge auf – mithin Vorlagen, von denen sich auch Webern und Schönberg inspirieren ließen. Hört man nun Eislers Gesänge, wird man ohne Umschweife an Mahler erinnert. Ob er in Mahler womöglich doch sein heimliches Vorbild sah? Aus dessen „Lied von der Erde“ soll Eisler als Kriegsheimkehrer jedenfalls durchaus begeistert, aber mit schrecklicher Stimme gesungen haben. / Peter Krause, Die Welt

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