146. Meine Anthologie: Olive

Fuad Rifka

Hymne

Die Sehnsucht der Oliven nach der Ölpresse,
die Sehnsucht der Ölpresse nach den Krügen,
die Sehnsucht der Krüge nach dem Öl,
die Sehnsucht des Öls nach dem Brot,
die Sehnsucht des Brots nach den Händen.
Die Sehnsucht der Erde nach dem Himmel,
die Sehnsucht des Himmels nach der Erde.

Aus: Die Farbe der Ferne. Moderne arabische Dichtung. Hrsg. u. übers. von Stefan Weidner. München: C.H. Beck 2000, S. 94

Muoter-Meit (traget uliva nâ dorf)

Da slahet Ôstermittac!
Vrische himel, clâre loup.
Buobe, wellet uliva?
Clâre Ôsterâbent,
Vrische himel, clâre bach.
Uliva, uliva, uliva.

(Christian Filips 2009 nach Pasolini 1942)

Mari-Fruta (puartànd pal país l’aulíf)

A bat misdí di Pasca!
Fuèjs claris, séil fresc.
Fantàs, volèisu aulíf?
Clara sera di Pasca.
Clara roja, séil fresc.
Aulíf, aulíf, aulíf.

(Pier Paolo Pasolini 1942)

Grôz-Muoter (traget uliva nâ dorf)

Da slahet Ôstermittac!
Himel nacket, stumbes loup.
Niht ein buobe zeiget sich?
Toter Ôsterâbent,
Himel nacket, trucken bach.
Uliva wil niht sîn.

(Christian Filips 2009 nach Pasolini 1975)

Mari-Nona (puartànd pal país l’aulíf)

A bat misdí di Pasca!
Fuèjs mutis, séil nut.
No si jot un fantàt.
Muarta sera di Pasca.
Roja secia, séil nut.
L’aulíf a vòul no essi.

(Pier Paolo Pasolini 1975)

Aus: Pier Paolo Pasolini: Dunckler Enthusiasmo. Friulanische Gedichte. Übersetzt von Christian Filips. Basel/ Weil am Rhein: Urs Engeler Editor 2009, S. 100f.

Fuad Rifka wurde 1930 in Syrien geboren, ging später in den Libanon und promovierte in Tübingen über Heidegger.

Pier Paolo Pasolini, italienischer Schriftsteller und Filmregisseur, 1922 in Bologna geboren und 1975 unter ungeklärten Umständen in Ostia ermordet.

Die mittelhochdeutschen Texte in grober Rohübersetzung:

(1) Da schlägt es Ostermittag! Frischer Himmel, glänzendes Laub. Knabe, willst du Oliven? Glanzvoller Osterabend, frischer Himmel, glänzender Bach. Olive, Olive, Olive.

(2) Da schlägt es Ostermittag! Der Himmel leer, stumpfes Laub. Nicht ein Knabe in Sicht. Toter Osterabend. Der Himmel leer, trocken der Bach. Olive will nicht sein.

Keine Interpretation, aber ein kurzer Kommentar:

Der Text Rifkas hat die Selbstverständlichkeit des Vorhandenseins, wie die erste Strophe von Hölderlins „Hälfte des Lebens“. Eins greift nahtlos ins Andere. Die Grenze ist bei Hölderlin die Leerzeile zur zweiten „Hälfte“, bei Rifka die Sehnsuchtsform. Die Kette hält und mündet in die Umkehrbarkeit (Kreisform) des abschließenden Chiasmus, aber nur optional.

Pasolinis frühes Gedicht scheint die Anwesenheit des Idylls oder meinetwegen eine Epiphanie vollkommen auszudrücken. Alle Entsprechungen (Korrespondenzen) gehen auf und münden in „Olive“, wer interpretieren mag, sage je nach Gusto „Transzendenz“, Ding oder „Südwort“. (Der Inhalt existiert für den, der ihn will – jedem seiner).

Beide Gedichte erinnern mich an den Brecht der „Buckower Elegien“. Rifkas Chiasmus an den von „Rudern, Gespräche“, auch da mündet eine parallele Reihe zweigliedriger Verse in den Kreis: „Nebeneinander rudernd / Sprechen sie, sprechend / rudern sie nebeneinander“. (Der Leser ist gehalten, die Verse in ihrer Selbständigkeit* wahrzunehmen, dann und nur dann mag der Mittelteil des Zitats an Celans ungleich schwierigere Gangart gemahnen).

Bei Pasolini fiel mir zuerst ein anderer Spruch des späten Brecht ein, ein alter, 1942 noch mittelalter Zeitgenosse des jungen Herrn Pasolini, jetzt ist es 10 Jahre später:

Glücklicher Vorgang

Das Kind kommt gelaufen
Mutter, binde mir die Schürze!
Die Schürze wird gebunden.

Manchem kommen diese Texte simpel vor, viele Interpreten in Ost und West wollten Affirmation herauslesen. (Inhalt ist immer da für den, der ihn braucht). Der winzig kleine „glückliche Vorgang“ ist doch aber ein elegischer Spiegel für all die nicht glückenden im Großen. Die Ruhe knapp vorm Verzweifeln. (Um die Zeit hatte er sich einen österreichischen Paß besorgt und plante die Übersiedlung nach Maos Chinas. Der Tod hat es ihm erspart, es wär ihm schlecht bekommen.)

Bei Pasolini, frühe Fassung, bin ich nicht sicher, ob ein doppelter Boden existiert. Das Gedicht erzwang den späten Rückruf. (Als gelernter Protestant finde ich es zu „katholisch“. Selbst in der latenten „Schwulität“. Die brauchen dafür DIE Mutter und DEN Knaben, dann geht ALLES.) –

*) Das heißt doch nicht „Selbst-ständigkeit“, wer läßt sich das von Ignoranten aufschwatzen? Selbst-Ständigkeit ist viel zu „selbstgewiß“ für den Inhalt des Wortes. Die alte Schreibweise hielt in der Schwebe, was diese Idioten zur Entscheidung zwingen. Selbständig erlaubt den Übergang zu „selbander“ (ein anderes verschwundenes Wort, auch hier Sprach-Rückbau durch Ignoranten). Selbstständig kappt die Beweglichkeit.

2 Comments on “146. Meine Anthologie: Olive

  1. Pingback: Gratz seine Anthologie « roughblog

  2. Lorcas „Canción de jinete“ beginnt:

    Córdoba.
    Lejana y sola.

    Jaca negra, luna grande,
    y aceitunas en mi alforja.
    Aunque sepa los caminos
    yo nunca llegaré a Córdoba.

    [Córdoba. / Weit weg und einsam. // Schwarzes Pferd, großer Mond / und Oliven in der Tasche. / Auch wenn ich die Wege kenne, / werd ich Córdoba nie erreichen.]

    Liken

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