31. Wo stand Goethes Kastanie?

Die Nuss der Kastanie drängt mit fortschreitender Reife ans Sonnenlicht. Die Frucht, eben noch umgeben von grün-stacheliger Schale, entsteigt ihrem Jugendlager und bricht auf, um neues Leben zu kreieren. Dies Naturphänomen hat Johann Wolfgang von Goethe aufgegriffen in seinem Kastanien-Gedicht im Buch Suleika aus dem Westöstlichen Divan von 1815. Mit einfachen Worten schildert der Dichter das natürliche Werden, das Wiegen und Fallen, das Schwellen und Platzen – und mehr als unterschwellig stimmt Goethe dabei einen erotischen Unterton an. Zur Liebeslyrik vollendet er sein vierstrophiges Gedicht an die Geliebte, wenn der Kastanie gleich „fallen meine Lieder gehäuft in deinen Schoß“. / Stuttgarter Nachrichten

An vollen Büschelzweigen,
Geliebte, sieh' nur hin!
Laß dir die Früchte zeigen,
Umschalet stachlig grün.

Sie hängen längst geballet,
Still, unbekannt mit sich,
Ein Ast der schaukelnd wallet
Wiegt sie geduldiglich.

Doch immer reift von Innen
Und schwillt der braune Kern,
Er möchte Luft gewinnen
Und säh die Sonne gern.

Die Schale platzt und nieder
Macht er sich freudig los;
So fallen meine Lieder
Gehäuft in deinen Schoos.

Das Gedicht entstand am 24. September 1815. Es ist, wie der Herausgeber der zweibändigen Edition Goethe: West-Östlicher Divan, Deutscher Klassiker Verlag 2010 (vollständig revidierte und aktualisierte Neuausgabe von Band III der Ausgabe „Sämtliche Werke“ von 1994), Hendrik Birus, schreibt, „ein lehrreicher Fall für die Kommentierungstradition des West-östlichen Divans überhaupt“ (Teilband 2, S. 1162). Übrigens auch ein ironischer Kommentar zur gegenwärtigen aufgeregten Islam-Debatte konservativer Kreise und Stammtische.

Gustav von Loeper hatte in seiner Ausgabe 1872 eine (falsche) Spur gelegt, und die späteren Kommentatoren folgen.

Ich kürze mal ab, lasse die Stelle vom Palmenbaum und Marias Schoß weg und zitiere Ernst Beutler aus der ersten Ausgabe seiner Divan-Ausgabe in der Sammlung Dieterich 1943:

Niemand ahnt den Koran als Hintergrund dieses Gedichtes. Alles scheint ganz westlich zu sein, ganz deutsche Herbstlandschaft <…>; indes gerade hier offenbart sich, wie sehr im Divan, dem Leser unmerkbar, Osten und Westen verschmelzen. Die grünen Stachelfrüchte klopfen auf den Boden, die Schale platzt, glänzend liegt der braune Kern vor Augen. Da fällt Goethe ein persischer Vers ein:

Marias Palme ist der Kiel
Dschamis, der, wenn er sich bewegt,
Die frischen Datteln von dem Zweige
In ihrer Freundin Schoß gegeben.

Man sieht sofort die Abwandlung und Wiederholung des orientalischen Bildes. <…> Die Verse, die er in Hammers „Geschichte der schönen Redekünste Persiens“ [1818, S. 319] gelesen, spielen auf die 19. Sure des Korans an. […] Uns erscheint das vielleicht abseitig gelehrt, dem Orientalen aber war es geläufig; und jedenfalls verstehen wir schon, daß Goethe <…> gerade diese Verse Dschamis im Gedächtnis behalten hatte; und eben deshalb eröffnet das Wissen um die poetische Vorform ein Verstehen der deutschen Strophe, das eindringlicher ist als die naive Aufnahme ohne Kenntnis der literarischen Hntergründe.“ (zitiert nach der genannten Ausgabe von Birus, S. 1263).

Das Problem ist bloß, daß die als Goethes Quelle genannte Ausgabe erst drei Jahre nach Entstehung des Gedichts erschien. Goethe konnte kein Persisch. Er kannte Hafis aus der Übersetzung Hammer-Purgstalls und diverse weitere Quellen, aber dieses Gedicht eben nicht.

Birus schreibt weiter:

In der 2. Auflage spricht Beutler dann nur noch von einer „merkwürdige(n) Parallele in der persischen Lyrik, von der aber weder behauptet werden soll noch nachgewiesen werden kann, ob und wie weit sie Goethe damals bekannt war“ (S. 624). Mit gutem Grund, denn die – in Anknüpfung an Wurm (S. 211) – als Quelle unterstellte Geschichte der schönen Redekünste Persiens Hammers war ja erst zweieinhalb Jahre nach Abfassung des Gedichts erschienen. Gleichwohl hat Beutler  – wie schon v. Loeper – an der vermeintliche Anregung durch die 19. Sure des Korans festgehalten.

Fazit: nix Koran, und auch nix Edelkastanie, sondern schlichte deutsche Roßkastanie. (Vielleicht Material für eine BILD-Kampagne?).

Hammer-Purgstalls Band von 1818 gibt es als Google-Scan hier, Dschamis Gedicht darin auf Seite 319.

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