37. EEE-Teil 7: Neuropolitik beginnt beim königlichen Bewußtseinserror

„Alles bleibt eine Frage der Chemie. Natürlich eine ganz großartige, geheimnisvolle, wunderbare ‚Chemie‘. Was meinen Sie, was das sonst sein sollte? Wer das als Wunder erstmal akzeptiert, der verliert nicht seinen Glauben, bei dem kehrt er wieder zurück.“ J. Allan Hobson (TRAUMFORSCHER), im Interview mit BerlinBlock (11/2009)

„Ich sage es noch einmal, es gibt vollkommene Augenblicke. Nicht nur einfach, dass die Vulgarität der Welt verschwindet; nicht nur einfach schweigendes Einverständnis in den so schlichten Bewegungen bei der Liebe, im Haushalt und beim Baden des Kindes. Sondern die Vorstellung, dieses Einverständnis könnte von Dauer sein; dass nichts, vernünftig angenommen, sich dieser Dauer entgegenstellt.“ Michel Houllebecq, in: „Wiedergeburt“ (1999)

G&GN-Institut, Berlin-Neukölle (September 2010) / Das „ekstatisch-empirisch-esoterische mOMent“ der Direkten Dichtung unterscheidet NICHT zwischen politischen und apolitischen Motivationen, weil die Beschäftigung mit dem „Weltganzen“ im Sinne des Lochismuß‘ stets von beiden psychischen Seiten der randlosen Medaille gespeist wird: der spirituellen (ontologischen) Basis des lyrischen Ichs sowie dessen kritisch-konkret behandelten neurosoziologischen Bewußtseinsphänomenen, die das Menschsein in der Welt beschreiben. Dementsprechend gibt es für das „direkt“ dichtende Ich (also jenes, das sich absichtlich „filterlos“ von der Welt beeindrucken läßt wie in einer Art multidimensionalen Trance) sowohl schwärmerische als auch schockierende Aspekte in der poetischen Erfahrung. Das Endergebnis kann je nach Situation MEHR ODER WENIGER politische UND apolitische Anteile beinhalten, kennt aber KEINEN ABSOLUTEN privatistischen Fluchtort im klassisch-idealistischen Sinne: durch das Loch des Lochismuß‘ zu sehen, bedeutet eben KEIN Schlupfloch aus der sozialen Wirklichkeit auf eine „andere“ (falsch verstandene pseudo-mystische) Seite zu haben sondern wirft das Individuum auf sein „auswegloses“ (bodenloses) Bestandteil-Sein zurück. Damit liegt ein gravierender Unterschied vor zwischen dieser Ekstase transdualistisch-empirischer Daten, die direkt-dichterisch ausgewertet werden, und falsch verstandener redundant-dualistischer Esoterik, die sich hinter weltflüchtigen Illusionen (und deren literarischen Metaphern) abschirmt und damit immer nur autistische Fantasy statt authentischer Phantasie produziert. Zwei aktuelle Gedichte von Tom de Toys mögen verdeutlichen, wie die omnipolitische Schwerpunktverlagerung je nach Auslöser der Inspiration funktioniert, ohne die Welt je gänzlich aus dem Blick zu verlieren – zum einen das Urlaubsgedicht „FÖHRLING“ und zum anderen das jüngste Lochgebet „eRROR ROYALe“:

1) Komplettes „FÖHRLING (INSELFEELING)“ vom 1.8.2010 (Quelle: www.angenommene.de):

Erde Sonne Sehr Dezent Das Wasser Wellen Wind Sandstrand ICH BIN KEIN DICHTER Rauschen Regen Brandung Schaum Kapuze ÜBERBLAUE QUALLE Muscheln Tang Verriegelte Strandkörbe Steine Kleine Kinder Spielen Fahrrad Promenade Billige Postkarten Überall Touristen Urlaub Urlaub Nochmal Urlaub Ja ICH BIN KEIN DICHTER Auto Auto Hinterland Kein Tisch Frei Alles Reserviert Nur Raucherecken Letzte Rettung Essen Garantiert Und Wieder Wolken Wind Kein Regen Regen Radtour Angesagt Die Pläne Ändern Sich Bei Jeder Wetterlage Sonne Kommt Doch Noch ICH BIN KEIN DICHTER Sondern Sohn Und Onkel Bruder Und Die Ganze Literatur Hat Heute Hitzefrei!

2) Schlußzeilen aus „eRROR ROYALe (LOBGeSANG AUF DIe GeSICHTSLOSe GRÜNe GAIA) [17.TRANSRELIGIÖSES GEBET]“ vom 8.9.2010 (Quelle: www.errorroyale.de):

(…) / ein außerhalb von allem / in der tiefsten ebene / mittendrin dieses geheimnis / ist so schockierend / geheimnislos daß wir / jahrtausende brauchen / um uns in den besten werken / daran abzuarbeiten bis / wir uns an dich gewöhnen / du schönste aller wahrheiten / du grausamste liebe / und letzte weisheit / wir wollen diesen planeten / als dein paradies anbeten / und endlich gemeinsam / darüber reden daß wir / die lebenden sind die / das universum bevölkern //

Da in der laufenden Gegenwart ohnedies von vielen Seiten ein Mangel an seelischem Tiefgang beklagt wird (sowohl im verblödenden Volk als auch an pubertären Regierungsspitzen), ließe sich sogar behaupten, daß besonders eine spirituell dem „Leben an sich“ zugewandte Lyrik -womit eben gerade NICHT religiöse oder sonstige dogmatische sondern freigeistige Literatur aus der „Offenheit für die Erfahrung“ (Carl Rogers, 1961) gemeint ist- an sich schon DIE parteilose politische Kritik par excellence am kollektiv-destruktiven Zeitgeist thematisiert, weil sie im krassen Widerspruch zum hektischen Konsumieren unreflektierter Floskeln steht. Stuckrad-Barre möchte man für diese Zwecke einen Aufenthalt in einem Zenkloster zwangsverordnen, damit er über das neurophilosophische Rätsel „WER BIN ICH?“ meditiert, das ihm der mittlerweile erleuchtete Mönch Michel Houllebecq aufgibt, und dessen unerwartete Beantwortung die redundant-deskriptive (pseudo-affirmative) Haltung ganzheitlich-politisch zu erweitern vermag. Nach einem erfüllten Leben als „kritische Visionäre“ sehen sich dann alle literarischen Lager bei ihrer eigenen Beerdigung wieder und gestehen sich gegenseitig ein:

„(…) / Superfans, Dichterlinge, alternde Beatniks & Deadheads, Autogrammjäger, vornehme Paparazzi, intelligente Glotzer / Alle wußten sie waren Teil der ‚Geschichte‘, außer dem Verblichenen / der aber auch zu meinen Lebzeiten nie richtig wußte, was denn nun eigentlich los war. //“ Allen Ginsberg, in: „TOD & RUHM“ (1997)

One Comment on “37. EEE-Teil 7: Neuropolitik beginnt beim königlichen Bewußtseinserror

  1. Bruno Brachland Nr.41, 4.8.2011

    STROMWANDLER

    ALLES an einem normalen herbsttag
    mitten im sommer sofort ändern
    wollen solange die luft still steht
    als sei diese stadt ein gebet
    aus beton und verwelkten rosen
    der rost meiner seele entblättert sich
    heute ist kein guter tag für gedichte
    die zeit rennt davon wie eine zeitlupenrakete
    du wartest auf mich in der ferne
    und bist mir doch näher
    als das geschrei dieser schulhofskinder
    die noch nicht ahnen wie sehnsucht
    das menschliche in ein morbides gebilde
    aus montagsbeamten verwandelt während
    ich plötzlich in tränen ausbreche weil es
    dich sogar jenseits der träume im wirklichen
    leben auf diesem echten planeten GIBT

    (c) http://www.NewCologneARTwedding.de @ G&GN-INSTITUT
    MEHR VON B.B.:
    http://poemie.jimdo.com/pseudonyme/bruno-brachland/

    Liken

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: