52. „Simultanität, Glossolalie, Bedeutungen statt Bedeutsamkeit“

Oswald Eggers „Die ganze Zeit“ ist – salopp gesprochen – ein Ziegel. 741 Seiten in zinnoberrotes Leinen gebunden – ohne Genrebezeichnung: Das Buch ist kein Roman, kein Gedicht oder Epos, kein Traktat. Selbst im Vergleich zu früheren Arbeiten wie die umfangreiche „Herde der Rede“ wirkt „Die ganze Zeit“ wie Eggers Opus maximum. …

Die Leichtigkeit dieser Kurz-Texte verrät einen mitunter schelmischen, feixenden Kommentator der eigene Sache: sie als Gedichte zu bezeichnen fällt nicht nur schwer, weil heute ohnedies niemand mehr weiß, was ein Gedicht ist. Sie verweigern auch jegliche innere Form, die ein Gedicht voraussetzt. Paul Celan nannte das: „Unendlichsprechung vor lauter Vergeblichkeit und Umsonst“. Unendlichkeit heißt bei Oswald Egger Simultanität, Glossolalie; ein Netz von Bedeutungen – anstatt Bedeutsamkeit.

Schon die Menge dieser allem Symbolischen abgeneigten Vierzeiler entwertet alles Epiphanische, alles Erleuchtende eines Gedichtes. Es geht hier viel mehr um Serielles – wie einst in der so genannten Neuen Musik, oder in der Bildenden Kunst. …

Oswald Egger zitiert viel heran, bringt seine Zitate zum Singen, schließlich entwirft er – unter anderem mit Hölderlin – eine Poetik europäischer – einst hieß das abendländischer – Landschaft. Zumindest der südliche Teil mitteleuropäischer Aachen, Bäche und Flüsse mündet in der Donau, also im Schwarzen Meer. /

/ Erich Klein, ORF 8.8.

Oswald Egger, „Die ganze Zeit“, Suhrkamp

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