24. Klar sehender Europäer

Weil sich der Selbstmord Carl Einsteins, eines der wenigen Europäer – denn ein Deutscher war er ja nicht –, die im letzten Jahrhundert interessant über Kunst geschrieben haben, zum 70. Male jährt, erlaubt sich die Frankfurter Rundschau ein wenig Ironie:

„Bei Kurt Tucholsky fand sich eine freche Bemerkung. 1931 zitierte er aus einer Rezension Einsteins – offenbar zu Gedichten Gottfried Benns – einen peinlich pompösen Satz. Dessen einziger Sinn, so Tucholsky, bestehe offenbar darin, auszuloten, was einer Redaktion alles zuzumuten sei. Tucholskys Methode ist fies, aber leider funktioniert sie stets, wie die Blattkritik täglich beweist. In diesem Fall kann man daraus aber einen versöhnlichen Schluss ziehen: Ein Schriftsteller muss kein guter Journalist sein und eine Zeitungskolumne keine Literatur.“

Der Satz, den Tucholsky für unzumutbar und die Rundschau für „peinlich pompös“ hält, lautet:

„Nach den beschreibenden Gedichten der Jugend bemerkt man im Gedicht ‚Karyatide‘ das Eindringen eines stärker dynamisierenden Wortvorgangs; das Motiv schwindet, zerrinnt fast in den zeitflutenden Verben; das zeithaltige funktionsreiche Ich läßt das Motiv vibrieren und aktiviert den Dingzustand im Prozeß; nun lebt das Motiv stärker, doch nur in der Zentrierung in das Ich; die Bedingtheit der Welt durch das lyrische Ich wird gewiesen.“

Er ist Teil einer klar sehenden Kritik.* Aber es geht gar nicht um einen Satz. Tucholsky hatte Einstein und die moderne Kunst schon Jahre zuvor auf dem Kieker. In dem von Einstein und Paul Westheim herausgegebenen „Europa-Almanach“ von 1925, in dem neben vielen anderen Werke von Alexander Blok, Constantin Brancusi, Georges Braque, Bertolt Brecht, Blaise Cendrars, Le Corbusier, Otto Dix, James Ensor, Lionel Feininger, André Gide, Juan Gris, Sergej Jessenin, Wassily Kandinsky, Paul Klee, Else Lasker-Schüler, Fernand Léger, El Lissitzky, Wladimir Majakowski, Kasimir Malewitsch, Amedeo Modigliani, Benjamin Péret, Pablo Picasso, Pierre Reverdy, Arthur Rimbaud, Erik Satie, Tatlin und Melchior Vischer erschienen sind, wollte Tucholsky einzig und allein ein Berliner Icke-Gedicht („Ick sitze da un esse Klops“) und ein paar Zeichnungen von George Grosz gelten lassen. / STEFAN RIPPLINGER, Jungle World

* C.E., „Gottfried Benns ‚Gesammelte Gedichte‘“ in Die Neue Rundschau, Oktober 1927, S. 446f., erneut in ders., „Werke“, Bd. 2, hg. v. Marion Schmid, Berlin 1981, S. 369-372. Die Besprechung endet mit „Vor Leistung ist Lob töricht; ich stelle meine Bewunderung fest“. Die „Abneigung gegen die teleologische Dynamik des Entwicklungs- und Kausalitätsnepps“ versteht sich aus der Ästhetik des jungen Einstein von selbst, die Bewunderung von Benns „objektentbundenem Subjektivismus“, seinen „zerebralen Halluzinationen” und seiner „autistischen Beschwörung“ wird von Einsteins posthumer Schrift „Die Fabrikation der Fiktionen“ widerrufen. Aber dass er so glasklar diagnostiziert hat, was seiner späteren Kritik verfallen musste, ist nur ein weiterer Beweis für die Stärke seiner Analyse.

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