34. 600 bedeutende Dichter

Die Literaturlandschaft in Russland bietet ein uneinheitliches Bild. Während Verlage und Medien gerne junge Prosaautoren favorisieren, die in der Art der alten sowjetischen Romanciers schreiben (nur meist schlechter), existieren Parallelwelten, in denen es viel frischen Wind gibt. In erster Linie hat sich die Lyrik als widerstandsfähig gegenüber den neuen Markt- und Machtverhältnissen erwiesen. Auf den ersten Blick sieht die Situation ähnlich aus wie im Bereich der Prosa: Publikumsverlage drucken neben Klassikern die ehemals populäre sowjetische Lyrik oder deren Nachahmungen. Im Ganzen fällt die Lyrik nicht ins Gewicht, die Poesie ist für die Grossverlage wirtschaftlich uninteressant, sie gehört für sie eher zum «Rahmenprogramm». Zeitgenössische russische Lyriker sind weder mit Geld noch mit Ruhm verwöhnt. Weitgehend sich selbst überlassen, müssen (und dürfen) sie sich selbst organisieren.

Allerlei russische Lyrik wird in kleinen, nichtkommerziellen Verlagen, in neuen (und teilweise auch alten) Zeitschriften publiziert. Die Lyrikszene trifft sich auf Festivals und bei Klublesungen, und gerne tummelt man sich im Internet. Da Russischschreibende auf alle Kontinente verstreut sind, hat das Internet die nicht zu überschätzende Funktion, einen gemeinsamen Kommunikationsraum zu schaffen. Natürlich entstehen beim unkontrollierten Publizieren im Netz Unsicherheiten der Einschätzung, aber der Raum strukturiert sich von selbst. Bei den literarischen Internetprojekten weiss man sofort, wo ernste lyrische Spracharbeit stattfindet und wo sich pubertierende Jugend (jeden Alters) in Versen entlädt. / Olga Martynova, NZZ 8.5.

Der Artikel geht ein auf Dmitri Kusmin,

der inzwischen zu den Schlüsselfiguren des Literaturlebens gehört: als Organisator von Veranstaltungen, als Herausgeber einer der zwei Moskauer Lyrikzeitschriften und von vielem anderem mehr. Eine seiner Lieblingsthesen ist, dass es heute um die sechshundert bedeutende Lyriker russischer Sprache gibt und nicht drei, vier, sechs oder sieben, wie im traditionellen hierarchisch-pyramidalen Verständnis angenommen wird. Sechshundert ist sicher eine Übertreibung und ist wohl auch als solche gedacht. Aber nicht deshalb wird diese These von vielen bestritten. Sie passt einfach nicht in das gewohnte Bild der russischen Lyrik mit einem «Ersten Poeten» an der Spitze (wobei jeweils verschiedene Kandidaten in dieser Rolle gehandelt werden)

Die Autorin nennt dann einige Namen aus allen Altersgruppen, um den Reichtum zu illustrieren. Die Gruppe der über Siebzigjährigen hat in den letzten Jahren durch Todesfälle (wie Sergei Wolf, Gennadi Ajgi, Dmitri Prigow und kürzlich Lew Lossew) herbe Verluste erfahren. Bedeutende Vertreter dieser Altersgruppe sind Natalja Gorbanewskaja (Paris), Wiktor Sosnora (Sankt Petersburg) und Jewgeni Rejn (Moskau).

Unter den über Sechzigjährigen starb vor kurzem Jelena Schwarz. Sie nennt die Petersburger Alexander Mironow und Sergei Stratanowski, den Moskauer Michail Eisenberg sowie den zurzeit auf der Krim lebenden Iwan Schdanow.

Die um die Fünfzigjährigen seien wohl am meisten um die Welt verstreut: Leonid Schwab (Jerusalem), Dmitri Strozew (Minsk), Alexander Beljakow (Jaroslawl), Oleg Jurjew (Frankfurt/ Main – bei uns nur als Romanautor bekannt) und aus Sankt Petersburg Alexei Purin und Waleri Schubinski.

Von den Dreissig- bis Vierzigjährigen nennt sie: Igor Bulatowski (Petersburg), Andrei Poljakow (Simferopol auf der Krim) und Marija Stepanowa (Moskau).

Und bei den Jüngeren zwischen zwanzig und dreissig: Wassili Borodin (Moskau), Alexei Porwin und Alla Gorbunowa (beide Petersburg), Jekaterina Bojarskich (Irkutsk).

Diese etwa 20 sind die Spitze des Eisbergs, sagt die Autorin (die selber auch eine wichtige Lyrikerin ist).

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