146. Frenetische Stille

Wenn man Worte so aneinanderreiht, dass sie nicht das ergeben, was man landläufig als Sinn begreift, dann heben sie sich in ihrer Bedeutung gegenseitig auf. Es entsteht vielleicht etwas, dass man als eine Art Stille betrachten kann. Ist das Wortmaterial, mit dem diese Form von Stille erzeugt wird, ausgefallen, laut, vielleicht sogar schrill, dann kann man wohl von einer „Frenetischen Stille“ sprechen.

Ron Winkler ist mit seinem gleichnamigen Gedichtband endgültig in der Postmoderne angelangt. Es geht ihm nicht mehr darum, Realität mit Hilfe eines technisch-wissenschaftlichen Vokabulars zu beschreiben und dadurch zu brechen, wie dies noch in „vereinzelt Passanten“ oder „Fragmentierte Gewässer“ der Fall war. Es geht darum, Sprache zu dekonstruieren und neu zueinander in Beziehung zu setzen („laut Statistik waren wir vorgesehen. ich formatierte / ein Lächeln und du, du, was sah dein Elektroplan vor?“ – „place to beast“ oder „wir hatten Diät miteinander. demnach / Organe / und „Kabbala-Wasser.“ – „draußen. ein Märchen“). Häufig arbeitet Ron Winkler mit Neologismen wie „Punkpraktikanten“, „Heideggerkeit“ oder „Endvierzigerjesusfüße“, Tautologien („inwiefern Sprache eine Vorschau auf Sprache sein konnte“ – „vereinzelt Pulp Fiction“ oder „das Wasser war so klar, wie Wasser, das klar ist“ – „kaltes klares Nordmeer“) oder belebt alte rhetorische Figuren wie Variatio und Correctio („als uns selbst. als unser Selbst. als selbst uns“ – „Fächer: von den Jahren der Reise an einem einzigen Tag“ oder „hatten sprechen wollen. sprechen können. hätten sprechen dürfen“ – „die ideale Welt“). …

… Ein wenig wehmütig denkt man an Zeiten zurück, als Autoren noch klar erkennbare inhaltliche Positionen – auch im Gedicht – vertreten haben. / Andreas Hutt, literaturkritik.de

Ron Winkler: Frenetische Stille. Gedichte.
Berlin Verlag, Berlin 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783827009203

One Comment on “146. Frenetische Stille

  1. Der Dichter, der sich immer wieder bemüht, dem gehört schon besondere Ehre. Aber wie rechtfertigen Verlage sich für ihre Auswahl von Lyrikern?
    Welche ausserirdischen Fantasiebeschreibungen lassen sich die Feuilletons einfallen, werden sie von den Jornalisten erfunden oder sind sie Vorgabe der Zeitschriften?

    Liken

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