130. Zwischen den Zeilen

Nummer 31 ist soeben erschienen, zum Preis von 10 Euro, mit Texten von Konstantin Ames, Michael Fiedler, Andrea Heuser, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke und Daniela Seel. Wieder eine Fund- und Pfundgrube. Hier als Appetithäppchen zwei Auszüge aus einem Essay von Bertram Reinecke:

[1.]

Auch von Lesern, deren Urteil ich schätze, wird meine Schreibweise als ambivalent wahrgenommen. Da ich mich nicht als gespaltene Dichterexistenz fühle und meiner Schreibweise in der lichten Ruhe des Arbeitsprozesses immer neu Plausiblität zuwächst, verwirrt mich das.

Auf der anderen Seite lese ich oft von hintersinnigsten Poetiken. Mir fehlt der Glaube. Durch mein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig konnte ich tagaus, tagein Dichter bei öffentlicher Lektüre beobachten. Es ging auch bei Avancierteren geradliniger zu, als ambitionierte Kritiker das mitunter beschreiben. (Zumal man unterstellen darf, dass öffentliche Lektüre intellektuell aufgeputzter daherkommt als ein privates Lesevergnügen.) Mir drängt sich der Verdacht auf, dass Kritiker durch das Erfinden extravaganter Lesehaltungen der Gefahr entgehen wollen, sich bei der Interpretation eines Textes zu verrennen, den sie mit ihrem Besteck nicht gänzlich durchdringen können. (Das Verfahren dient also der Literaturvermeidung.) Weil als klug zu gelten ein hohes Gut im Kampf um mediale Aufmerksamkeit ist, scheint sich in solchem Fall regelmäßig ein geheimes Stillhalteabkommen zwischen dem Kritiker und dem ob seiner Intelligenz geschmeichelten Dichter zu ergeben. Das Erfinden von Lesestrategien, die es noch nicht gibt, kann intellektuell bereichern. Nur sehen moderne Literaturprozesse damit noch stärker wie ein Tun für Spezialisten aus, als sie es ohnehin sein mögen. Und den durch diese Verschiebung frei werdenden Raum besetzen dann triviale Diskurse (z.B. mit Dichtern in Übergröße und Authentizität). …

[2.]

Tiefer als Geniediskurs und verschlankte Schulbildung vermitteln, ist die notorische Praxis des Paraphrasierens und Neuübertragens der alten Texte in der Dichtung gegenwärtig.

Auch Montagetechniken haben bereits Vorlagen im christlichen Diskurs: Die so genannten Evangelienharmonien, welche die verschiedenen Berichte zu einer konsistenten Erzählung zusammenzustellen suchen. Vielen Chorälen liegen Sammelsurien von Bibelstellen zu Grunde, deren einzige Gemeinsamkeit oft zu sein scheint, dass diese Zitate den theologischen Vorlieben des Verfassers entsprachen. Man könnte von Pastiches auf Montagen sprechen. Insofern verwundert es, dass an Schule oder Universität Formen von Montage und Intertextualität oft immer noch wie schwierige Rand- oder Sonderformen dargestellt werden, die uns eine Moderne eingebrockt habe, die wir, ob wir sie lieben oder nicht, akzeptieren müssten.

Wenn auch die meisten Dichter nicht so naiv sind und Kritiker abwinken, wächst doch von solcher Vorbildung den Montageverfahren immer ein Misstrauen zu, und Dichter, die sich ihrer bedienen, haben sich häufiger gegen den Formalismusvorwurf zu wehren, während die, welche auf solche Elemente verzichten, im Gegenzug eher als authentisch gelten.

Man könnte sich leicht entschließen, im Gegensatz dazu z.B. das Gedicht in Alltagssprache für eine problematische Sonderform zu halten. Denn ein wie ambivalentes, fast möchte man sagen hinterhältiges Unternehmen ist das! Wenn die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache ist, dann redet auch das Alltagsgedicht Fremdsprache, verhehlt aber diese Tatsache systematisch. Denn ein Tisch verhält sich im Alltagsgedicht ja nicht wie ein Tisch in der Wirklichkeit: Er steht für Heimeligkeit, für eine Kneipensituation, für eine Distanz zwischen ihm und ihr oder was immer. Reale Tische stehen meist für nichts. Bei ihnen kommt es auf anderes an, ob man z.B. etwas Heißes darauf stellen kann, welche Reinigungsmittel für ihn geeignet sind usw. Ein realer Tisch bezieht sich auch nicht, wie ein Tisch im Gedicht, auf andere Tische. Nur im Kontext von Design und Innenarchitektur können reale Tische symbolische Funktionen annehmen, wie sie Tische in Gedichten haben. (Etwa durch besondere Wertanmutung für die Distinktion seines Besitzers oder den Ruf eines Lokales sprechen.) Die Verwendung der Wörter im Alltagsgedicht ähnelt also den Derivaten der Werbung, die uns eine arme künstliche Symbolwelt für Wirklichkeit vorspiegelt, während Kunstformen, die ihre Künstlichkeit ausstellen, diese Lüge nicht beinhalten.

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