150. Bewußtseinsgenie und Intuitionist

Goethe war klar, dass Schiller ein ganz anderer Typus war, einer, der sehr stark vom Intellekt, von dem Bewusstseinskonzept und von der Reflexion her kommt. Er war ein im hohen Masse absichtsvoller Poet; das wusste Goethe. Eigentlich schätzte er so etwas nicht. Aber im Kontext der Schillerschen Person bekam diese Art für Goethe eine ganz neue Würde, und es wurde ein Faszinosum, so sehr, dass Goethe, was er sonst wahrscheinlich nie getan hätte, auf einmal Fichte liest und auch im Kant herumliest und sich überhaupt sagt, dass es wahrscheinlich auch sehr schön ist, wenn man das eigene Schaffen durch Reflexion noch vermehrt begleitet.

Einerseits bewunderte Schiller diesen Typus, wie ihn Goethe verkörperte, aber auf der anderen Seite war ihm das viel zu sehr unkontrolliertes, ungefiltertes Gefühlsleben. Aber in Goethe bemerkte er die Genialität, die diese Art des geistigen Temperamentes hatte. So dass man sagen kann: Sie erlebten ihre Gegensätze, da sie sie aber im personalen Kontext des jeweils anderen erlebten, waren sie nicht davon abgestossen, sondern konnten etwas damit machen. So wurden die Gegensätze zum produktiven Stachel. So konnte Goethe an das Bewusstseins-Genie Schiller schreiben: «Fahren Sie fort, mich mit meinem Werk bekanntzumachen.» / Rüdiger Safranski im Gespräch mit der NZZ, 12.12.

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