19. Miklós Radnoti 1909-1944

Vor 100 Jahren, am 5. Mai 1909, wurde Miklós Radnóti in Budapest geboren. Er wurde einer der besten ungarischen Dichter seines Jahrhunderts. Im 35. Lebensjahr, vor fast genau 65 Jahren, wurde er von einem SS-Offizier auf dem Gewaltmarsch erschossen, als das Lager, in dem er gefangen war, vor den heranrückenden Truppen Titos evakuiert wurde. Gewaltmarsch heißt eins seiner im Lager Bor geschriebenen Gedichte vom September 1944. Von gemischten Erinnerungen im Gedenkjahr spricht ein Artikel von Thomas Orszag-Land bei TOL, Transitions Online vom 4.11. Leider befindet sich der Artikel im „Premium-Bereich“ der Website, so daß ich mich mit dem Untertitel abfinden muß, der lautet: Wie der Mörder Miklós Radnotis in Ungarn ein Held wurde.

Franz Fühmann, der einen Band mit Radnótis Gedichten 1967 in der Weißen Reihe des Verlages Volk und Welt herausgab, schreibt im Nachwort: „Der Liebhaber der ungebundenen Zeile erobert sich das klassische Versmaß: Er zwingt seine Berichte vom Zerbersten  der Städte und Berge in die äußerste Disziplin verlangenden, keine Unregelmäßigkeit duldenden Doppelreihen des Alexandriners und bleibt dabei dennoch im Plauderton; er übernimmt Formelemente des deutschen Minnesangs und beschreibt einen Gewaltmarsch; er redet das Volk an und experimentiert gleichzeitig mit gereimten Hexametern, und seine zweite Ekloge, diese große Auseinandersetzung zwischen dem Poeten und einem zur Mordmaschine gewordenen Bombenflieger, kleidet er teilweise in eine vor ihm ungekannte, höchst schwierig zu handhabende Art des Distichons, mit dem er den stumpfsinnigen Soldatenjargon ebenso exakt auszudrücken vermag wie alttestamentarische Leidenschaft.“ (Miklós Radnóti: Ansichtskarten. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1967, S. 101f) Ansichtskarten heißt ein letzter Gedichtzyklus, der bei seiner Exhumierung 1946 in einem blutverschmierten Notizbuch gefunden wurde. Die vierte Ansichtskarte lautet in Fühmanns Übersetzung:

Er stürzte neben mir. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuß. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.

31. Oktober 1944

(Die Worte DER SPRINGT NOCH AUF! im Original Deutsch)

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