11. Ein Lied wie eine Armee

Am 18. August 1893 erwähnte Reichskanzler Otto von Bismarck Nikolaus Beckers «Rheinlied»: «Aber dankbar bin ich der Musik, daß sie mich in meinen politischen Bestrebungen wirkungsvoll unterstützt hat(…).

In diesem Stadium war das Beckersche Rheinlied mächtig und bei der Schnelligkeit, mit der es von der Bevölkerung aufgegriffen wurde, die damals meist noch partikularistisch war, hatte es die Wirkung, als ob wir ein paar Armeecorps mehr am Rhein stehen hätten, als wir hatten.» Diese Worte von Otto von Bismarck zeigen, dass dieses Gedicht von Nikolaus Becker eine starke psychologische Wirkung auf die Kampfkraft der Soldaten hatte. / Aachener Zeitung 2.10.

Aus Beckers Rheinlied:

Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein

So lang er ruhig wallend
sein grünes Kleid noch trägt
so lang ein Ruder schallend
In seine Woge schlägt

Heinrich Heine, aus: Deutschland. Ein Wintermärchen:

Zu Biberich hab ich Steine verschluckt,
Wahrhaftig, sie schmeckten nicht lecker!
doch schwerer liegen im Magen mir
die Verse von Niklas Becker.

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Hier ein französisches Gegenlied: Alfred de Musset : Le Rhin allemand (nebst weiteren französischen und deutschen Rheinlichkeiten)

1841 erschien eine Anthologie „Klänge aus der Zeit: hervorgerufen durch die neuesten politischen Ereignisse und zunächst durch das Becker’sche Rheinlied“, darin das Rheinlied auf Deutsch, Lateinisch (richtig in Distichen), Französisch, Englisch und Holländisch sowie zahlreiche patriotische Gesänge. (Kann bei Google gelesen oder heruntergeladen werden)


One Comment on “11. Ein Lied wie eine Armee

  1. Man kann die Wirkung dieses Liedes wohl wirklich kaum überschätzen. Es gibt noch eine zweite Polemik von Heine wider Becker in „Lutetia“:

    Neben jenem Victor Cousin, welcher begriffen, daß bei Immanuel Kant die beste Kritik der reinen Vernunft und bei Marquis die beste Schokolade zu finden, saß damals im Ministerrate Hr. v. Rémusat, der ebenfalls dem deutschen Genius huldigte und ihm ein besonderes Studium widmete. Schon in seiner Jugend übersetzte er mehrere deutsche dramatische Dichtungen, die er im »Théâtre étranger« abdrucken ließ. Dieser Mann ist ebenso geistreich wie ehrlich, er kennt die Gipfel und die Tiefen des deutschen Volkes, und ich bin überzeugt, er hat von dessen Herrlichkeit einen höhern Begriff als sämtliche Komponisten des Beckerschen Lieds, wo nicht gar als der große Niklas Becker selbst!

    Bei Herwegh findet sich ebenfalls eine Spitze gegen Becker.

    Hausordnung

    »Negatives Geschlecht!« Nur Geduld: erst hält man die Aerndte,
    Dann aus dem frischeren Korn backen die Söhne das Brot:
    Und zwar besseres Brot als jüngst uns Becker gebacken,
    Das den Germanen auf lang wieder den Magen verdarb.

    Das Arndt das Lied begrüßt, ist auch kein Wunder:

    Das Lied vom Rhein an Niklas Becker 1840.

    Es klang ein Lied vom Rhein,
    Ein Lied aus deutschem Munde,
    Und schnell wie Blitzesschein
    Durchflog’s die weite Runde,
    Und heiß wie Blitzesschein
    Durchzuckt es jede Brust
    Mit alter Wehen Pein,
    Mit junger Freuden Lust.

    Sein heller Widerklang
    Vom Süden fort zum Norden
    Ist gleich wie Wehrgesang
    Des Vaterlands geworden.
    Nun brause fröhlich, Rhein:
    Nie soll ob meinem Hort
    Ein Welscher Wächter sein!
    Das brause fort und fort.

    Und stärkrer Widerklang
    Gleich Pauken und Posaunen,
    Gleich kühnem Schlachtgesang
    Klingt Welschland durch mit Staunen –
    Es klinget: Neue Zeit
    Und neues Volk ist da;
    Komm, Hoffart, willst du Streit!
    Germania ist da.

    Drum klinge, Lied vom Rhein!
    Drum klinget, deutsche Herzen!
    Neu, jung will alles sein –
    Fort, fort die alten Schmerzen,
    Der alten Wahne Tand!
    Alleinig stehn wir da
    Fürs ganze Vaterland,
    Jung steht Germania.

    In Lusie Büchner (1821-1877) Vorlesungen über deutsche Geschichte von 1815-1877 nimmt dies Lied einen breiten Raum ein hier ein affirmativer Ausschnitt:

    Niklas Becker dichtete zur rechten Stunde, und dies war sein Hauptverdienst, das bekannte Lied: »Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, ob sie wie gierige Raben, sich heiser darnach schrei’n!« u.s.w. Von Conradin Kreuzer in Musik gesetzt, wurde das Lied zum ersten Male in Köln im Theater gesungen, und von da machte es dann seine Runde durch alle Kehlen, die in Deutschland zu singen vermochten: es erklang in dem Salon wie der Kneipe, vom eleganten Flügel wie von der Drehorgel und that vollkommen seine Wirkung, denn es rief überall die höchste patriotische Begeisterung, die entschiedenste Opposition gegen Frankreich hervor! Mochten die Verse auch schwach sein, mochte der Spötter Heine auch später in seinem Wintermährchen den, seine Leiden aufzählenden Rhein, ausrufen lassen: »Bei Biebrich hab‘ ich Steine verschluckt, bei Gott, die schmeckten nicht lecker! noch schwerer liegen im Magen mir, die Verse von Niklas Becker!« es galt gleich, der Dichter hatte damit in’s Schwarze getroffen. Sein Lied fand ein Echo in jeder deutschen Brust und erstaunt lauschten die Franzosen der »teutonischen Furie«, die da drüben, jenseits des grünen Stromes sich so laut kund gab. – Selbst die Fürsten schlossen sich dem allgemeinen Enthusiasmus an; der König von Preußen gab dem Dichter eine einträgliche Stelle und ein Ehrengeschenk von 1000 Thalern; der König von Bayern wollte nicht zurückbleiben und schickte ihm einen silbernen Becher, wozu Schwanthaler die Zeichnung entworfen hatte und den der König mit einem gnädigen Handschreiben begleitete.

    Sie erwähnt aber auch Robert Prutz, der einen anderen Akzent setzt. Hier die zwei Strophen die sie gibt. Einer der in oftmals verbotenen liberalen Blättern gedruckt wurde.

    »Wer hat ein Recht zu sagen und zu singen,
    Vom freien Rhein, dem freien deutschen Sohn?
    O, diese Lieder, die so muthig klingen,
    Bei’m ew’gen Gott, sie dünken mich wie Hohn!
    Ja, wolltet Ihr erwägen und bedenken,
    Welch‘ stolzes Wort von Euren Lippen kam,
    Ihr müßtet ja die Augen niedersenken,
    Mit bitt’ren Thränen voller Zorn und Scham!«

    »D’rum frisch gewagt und Euch mit ihm verbündet:
    Es ist der deutsche, ist der freie Geist!
    Gebt frei das Wort, ihr Herrn, auf euren Thronen,
    So wird das Andre sich von selbst befrei’n;
    Wagt’s und vertraut! in allen Euren Kronen,
    Wo gibt’s ein helleres, edleres Gestein?
    Die Presse frei! Uns selber macht zum Richter!
    Das Volk ist reif, ich wag’s und sag‘ es laut;
    Auf Eure Weisen baut, auf Eure Dichter,
    Sie, denen Gott noch Größ’res auch vertraut!«

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