99. Ostprodukte (4): Die Leserbriefschreiber und die Securitate

Unter dieser Überschrift schreibt Richard Wagner im Blog „Die Achse des Guten“ über die Arbeit der Securitatespitzel vor und nach der Ausreise aus Rumänien – und bis heute:

Nicht wenige meiner Landsleute fuhren seinerzeit schon bald nach ihrer Ausreise als Besucher zurück ins Banat. Dabei hätten sie doch endlich ungestört nach Italien reisen können. Heimatliebe? Nicht bei allen, wie sich jetzt, nach der Aktenlektüre herausstellt. Manche fuhren ins Banat, um sich mit ihren ehemaligen Führungsoffizieren zu treffen und sich der gemeinsamen Sache zu erinnern, der gemeinsamen Interessen, und für deren Fortbestand zu sorgen. (…)

Eine besondere Kategorie unter den Tätern sind die Leserbriefschreiber. Sie begleiteten unsere Ausreise. Die Erzeugnisse der Fälscherwerkstatt der Direktion D, Desinformation, hatten sie im Handgepäck. Sobald einer der rumäniendeutschen Schriftsteller Kritik an rumänischen Interessen übt, treten die Leserbriefschreiber in Erscheinung. Solche und solche. Bis heute. Nützlich Idioten und stille Beauftragte. Einer der, sagen wir, Idioten, seit ewigen Zeiten in Deutschland, pensionierter Studienrat, mit bescheidenen literarischen Versuchen, wiederholt seine Invektiven seit Jahrzehnten.

Ein Beispiel: Er wirft mehreren Autoren vor, den Debütpreis des Verbandes der kommunistischen Jugend angenommen zu haben. Um dem westlichen Leser die Sache drastischer vor Augen führen zu können, zitiert er jedes Mal den angeblich vollständigen Titel des Preises: Preis für Literatur und sozialistische Ethik. Nur, der Titel kommt so in meiner Preisurkunde nicht vor. Dort steht: Debütpreis des VKJ. Punkt. Der Mann wurde mehrfach darauf hingewiesen, ließ sich aber von den Fakten nicht weiter stören.  Seine Dauerthemen ähneln im Übrigen aufs Haar denen eines Maßnahmenplans der Securitate zu unserer Verleumdung, aus dem Jahr 1986, kurz vor unserer Ankunft im Westen. Das ist natürlich ein Zufall.

Den sogenannten VKJ-Preis haben Autorinnen wie Herta Müller bekommen können, weil in der Jury Leute saßen, die diese Art Literatur schätzten, Leute aus der Seilschaft der Guten, wenn Sie so wollen. Der Juror im Fall Herta Müller heißt Rolf Bossert, er war der eigenwilligste Lyriker der „Aktionsgruppe“. Mit solchen Preisen versuchte man die Autoren vor dem Geheimdienst zu schützen. Wer in Rumänien gelebt hat, sollte das wissen. (…)

Der Auslandsgeheimdienst hat die Akten über uns bis heute nicht freigegeben. Was uns zur Verfügung steht, sind Unterlagen des Inlandsgeheimdiensts, während der Auslandsgeheimdienst weiterhin mit den alten Unterstellungen, und vor allem mit den bewährten Zuträgern arbeiten kann, weil sie nicht enttarnt sind. Wie lange müssen wir uns noch dafür beschimpfen lassen, dass wir mit geholfen haben, den Arschlöchern dort, und denen hier, ihren Ceausescu zu nehmen?  Es geht nicht an, dass Geheimdienste eines EU-Lands in einem anderen EU-Land Menschen schikanieren und verleumden, indem sie Intrigen spinnen und selbst im Hintergrund bleiben, und den Eindruck erwecken, als würden nur irgendwelche Provinzklons oder nützliche Idioten in Erscheinung treten, arglose Leserbriefschreiber.

(Richard Wagner, Herta Müller, Rolf Bossert – für mich sind und bleiben das Namen neben anderen aus der Achse des Guten, deren Texte ich in den 70er und 80er Jahren vor allem in der merk-würdigen Zeitschrift Neue Literatur kennenlernte. Und wenn ich die vorliegende Schilderung lese, weiß ich, wem ich vertraue.)

Mehr: Herta Müller, Die Securitate ist noch im Dienst. Die Zeit 31

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