20. Was „gar nicht verstanden werden muss, um zu wirken“

Der Afrika-Tag des von der Berliner Literaturwerkstatt ausgerichteten Poesiefestivals, der in diesem Jahr die englischsprachigen Länder im Süden des Kontinents vorstellte, erinnerte am Sonntag aber daran, dass das, was viele heute als hermetisch empfinden, eine ganz körperbezogene Kunst ist und ursprünglich den Riten und Rhythmen der Arbeit und des Krieges entsprang.

Von einer jungen Performer-Generation aufgenommen, ist das gestische Wort in die Popkultur eingewandert und hat einen lyrischen Strom freigesetzt, der, wie die für den Schwerpunkt Verantwortliche Afrika-Expertin Flora Veit-Wild bemerkte, gar nicht verstanden werden muss, um zu wirken. Kgafela oa Magogodi jedenfalls hätte mit seiner Rap-Lyrik, in der immer wieder das Wort „Holocaust“ aufschien, auch die sprachresistentesten Geister vom Stuhl reißen können. Zumindest das jüngere Publikum in der Akademie am Hanseatenweg lag ihm zu Füßen.
Johannesburg gilt als Melting Pot der südafrikanischen Lyrikszene, dort verschmelzen kosmopolitische Einflüsse mit traditionellen Kulturbeständen. Virtuos führt Phillippa Yaa de Villiers vor, „wie man in der Stadt überwintert“. Während ihr 70-jähriger Dichterkollege Keorapetse Kgositsil („Willi“), ANC-Aktivist der ersten Stunde, noch ein Bindeglied zum alten Südafrika ist und seine Stimme der Erinnerung an den Kampf gegen das Apartheidregime und seine Opfer leiht, haben sich die jüngeren Stadtpoeten frei gemacht von der verpflichtenden Verbeugung vor der heroischen Vergangenheit. Frech lädt de Villiers etwa den ehemaligen Präsidenten zum Tee („Tea for Thabo“), um ihm seine kriminelle Aids- Politik vorzuhalten: „Du bist der Vater einer gesunden Bordellnation.“ / Ulrike Baureithel,Tagesspiegel 30.6.

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