Nachtrag zur sozial-realistischen Lyrik

von Enno Stahl

Meine „Thesen zur sozial-realistischen Lyrik“ sind von verschiedenen Seiten missverständlich aufgefasst worden, das liegt zum einen daran, dass man den bewusst fragmentarischen, bewusst zugespitzten Charakter dieser kurzen Thesen verkennt – ich hatte explizit auf meinen umfangreicheren Essay zum sozial-realistischen Roman verwiesen, der als methodologische und theoretische Grundlage auch der „Thesen“ fungiert.

Zum anderen aber sind diese Missverständnisse den „Thesen“ selbst, ihrer etwas provokativ-pointierten Form, geschuldet. Wenn dort etwa die Rede von „Gebrauchslyrik“ ist, dann klingt das natürlich nach „Produktionsästhetik“ und sozialistischem Realismus. Tatsächlich sollte hier aber nur eine Spitze gesetzt werden gegen die Abgehobenheit der selbst ernannten Mystagogen Schrott und Grünbein. Wenn eine heutige Lyrik in dem Sinne „gebräuchlich“ werden kann, dass man sie versteht – selbstverständlich ohne Abstriche bei der Qualität zu machen – spricht dagegen nichts. Eine Bedingung für zeitgenössische Lyrik kann das jedoch nicht sein.

Formale und sprachliche Innovation ist dann jederzeit zu begrüßen, wenn sie einem analytischem Ziel dient, das Brecht – den ich schon im Roman-Essay dazu zitierte – als Wesen des Realismus umreißt: „den gesellschaftlichen Kausalkomplex aufdeckend/ die herrschenden Gesichtspunkte als die Gesichtspunkte der Herrschenden entlarvend.“ (Berliner und Frankfurter Ausgabe, Bd. 23: Schriften 3, S. 409). Von diesem Standpunkt her ist irrelevant, ob Gedichte schwer rezipierbar sind oder nicht, denn: „Realistisches Schreiben ist keine Formsache. Alles Formale, was uns hindert, der sozialen Kausalität auf den Grund zu kommen, muß weg; alles Formale, was uns verhilft, der sozialen Kausalität auf den Grund zu kommen, muß her.“ (ebd., S. 419)

Wahrscheinlich dienen nur ausgereifte Kunstwerke diesem Ziel, der bloße Agitationstext war und ist nicht wirkungsvoll, ein echtes Kunstwerk dagegen vermag im besten Falle seinen analytischen und subversiven Gehalt auch nach Hunderten von Jahren zu bewahren.

Andererseits spricht einiges dafür, dass die Lyrik nicht allzu sehr auf Verrätselungsstrategien setzt, weil sie sich damit noch weiter vom möglichen Rezipienten entfernt – denn die Zeit, in der wir leben, ist nun einmal von einem Tiefststand der kulturellen Bildung geprägt. Bei der Schwerfälligkeit, mit der die notwendigen Reformen hier angegangen werden, kann man nicht davon ausgehen, dass sich das in den nächsten zwei Jahrzehnten ändert. Auf Dauer aber kann es kaum befriedigend sein, wenn die Zahl der Lyrikproduzenten sich mit der der Rezipienten deckt.

Noch etwas spricht dagegen, zumindest gegen bestimmte Praktiken der Verrätselung: nämlich die literarische Evolution. Der Avantgardismus ist erledigt, in den 50er/60er Jahren hat das literarische Experimentieren an einen Point Zero geführt, hinter dem allein der Orkus der Beliebigkeit liegt. Das wesentliche Motiv der Avantgarde war Provokation, war Geste, das Aufsprengen aller Form, die Negation von Sinn – sie ging damit tatsächlich bis zur totalen Auflösung des literarischen Textes. Das war ein notwendiger Schritt, doch hat diese Strategie sich damit im selben Moment erschöpft, freies Gelände findet sich dort nicht.

Zwar gibt es im Literaturbetrieb immer die Tendenz, möglichst Verstiegenes, auch ohne jede Not, emphatisch zu begrüßen, und Verständlichkeit, Einfachheit – gerade im Gedicht – erbarmungslos zu attackieren, doch nur zu oft verschlingt die Geschichte mit den Apologeten jene, die auf sie hören.

Wenn Form zur Manier wird, wenn Hermetik keine bewusste Kontrabeziehung zur Welt des Geplappers vermittelt, dann werden Gedichte wirkungslos. Und niemand weiß mehr, wozu sie überhaupt geschrieben werden.

Ich hasse Herrmann Hesse, aber in seiner Geschichte „Der Europäer“ hat er eine denkwürdige Anekdote übermittelt: das Setting ist eine neue Arche Noah, auf der Menschen und Tiere, Angehörige aller Rassen, versammelt sind. Alle zeigen, welche Fähigkeiten sie besitzen, um das Überleben unter den veränderten Bedingungen zu gewährleisten, jede Menge praktisches Know-How kommt da zu Tage, bis der Europäer an der Reihe ist: dieser sagt großspurig, er besitze den Geist, worauf der Afrikaner ruft: „Vorzeigen!“ Niemand also kann damit etwas anfangen.

Mir scheint, Gedichten, die allein zur „Fachsprache“ mutieren, ist ein ähnliches Schicksal beschieden – ihre Qualität mag herausragend sein, aber wem nützt es?

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