Poesie Jiddisch und Deutsch: Rajzel Zychlinski

Sie hatte schon 1928 angefangen, Gedichte in jiddischer Sprache zu veröffentlichen. Im Jahr 1936 erschien ihr Gedichtband „Lieder“ in der Bibliothek des Jiddischen PEN und wenige Wochen vor dem Ausbruch des Krieges ihr zweites Buch „Der Regen singt“. Von Anfang an fand sie ihre Form, das ganz kurze Gedicht, in freien ungereimten Versen – und eigentlich auch ihre Inhalte: alltägliche Gegenstände und Menschen aus ihrer Familie, aus ihrem Schtetl, Naturbilder und alttestamentliche Szenen.

Ihre Entscheidung für den freien Vers war damals avantgardistisch, ihre Poetik verließ sich aber mit kindlichem Vertrauen ein Leben lang auf uralte poetische Verfahren: einfache Nennung, Vergleich, Personifizierung, Herstellung stets durchsichtiger allegorischer und symbolischer Beziehungen zwischen der Natur und der Seele, der materiellen und der geistigen Welt: „Der Sommer ist grau geworden. / Da im Garten / regt sich kein Blatt. / Der Wind ist gestorben. // Lass mich allein auf der Bank. / Da werd ich sitzen, / da werd ich schweigen – / lange.“

Obwohl Rajzel Zychlinski ein halbes Jahrhundert in Amerika gelebt und gedichtet hat, ist erst 1997, wenige Jahre vor ihrem Tod, eine repräsentative Auswahl ihres Werks erschienen, in englischer Sprache.

Zum erstenmal werden nun die von Rajzel Zychlinski veröffentlichten Gedichte in einer Gesamtausgabe zusammengefasst. Sie hat überdies das Verdienst, durchgehend deutsche Übersetzungen zu den jiddischen Originalen zu liefern, die hier nicht in ihren ursprünglichen hebräischen Buchstaben, sondern in einer für deutschsprachige Leser leichter zugänglichen Form transkribiert sind. Diese Übersetzungen von großer Sorgfalt befolgen fast immer den Ratschlag der Dichterin und machen sich nicht poetischer als das Original.

Die Versuchung dazu ist aber groß: Die Dichterin hat sich eine Schlafpuppe gekauft, die sie sich als Kind so sehnlich wünschte: „ … am Abend macht sie die müden Augen zu, / ich bette sie, / ich lege sie schlafen”, sagt die Übersetzung. Aber im Original stand noch bescheidener: „ich lejg si schlofn, / ich dek si zu —.“

Anlässlich ihrer Aufnahme in die Sammlung „Der Fiedler vom Getto“ im September 1966 schrieb Rajzel Zychlinski in einem deutschsprachigen Brief an den Reclam-Verlag in Leipzig: „Schon lange war es meine Sehnsucht, meine Gedichte in deutscher Sprache gedruckt zu sehen.“ Sie hat sich nicht nur nicht gesträubt, ihre Gedichte in deutscher Sprache veröffentlicht zu sehen, sie hat selber dabei geholfen. Ihrer Biographin Karina von Tippelskirch-Kranhold sagte sie bei einem Besuch 1995 gerührt: „Leser werde ich haben, dort, in Deutschland!“ Wie furchtbar das Wort „deutsch“ auch für sie klingt und wie bitter es in einigen Gedichten ausgesprochen wird, so sind Leser deutscher Muttersprache doch nach den immer weniger werdenden Jiddischsprechenden eine zweite natürliche Leserschaft dieser Gedichte, die auch in der Übertragung ihren heimischen Klang und Rhythmus nicht verlieren.

HANS-HERBERT RÄKEL, SZ 21.7.03

RAJZEL ZYCHLINSKI: di lider 1928-1991. Die Gedichte. Jiddisch und deutsch, herausgegeben und übertragen von Hubert Witt. Zweitausendeins, Frankfurt 2003. 930 Seiten, 24,90 Euro.

„Also das Alphabet vergessen?“. Die jiddische Dichterin Rajzel Zychlinski
Also das Alphabet vergessen?. Die jiddische Dichterin Rajzel Zychlinski von Karina von Tippelskirch
Preis: € 25.90
ISBN: 3828881416

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