148. „Wechselstuben der Begierde“

Es sind wenige Grundwörter, „Schatten“, „Wind“, „Licht“ oder „Sonne“, die Chiellino wieder und wieder verwendet. Genitivmetaphern wie die „Wellen der Fremde“ oder die „Wechselstuben der Begierde“ stehen neben Sentenzen und bedeutungsheischenden Strophen, die wahllos Konkretes und Abstraktes vermischen: „Bereinigt von Erwartungen und Geboten, / Loyalitäten und Einbildungen, / unfähig zu lieben, zu urteilen, zu handeln / erschaudert der Kern, der mich ausmacht“. Bei so vielen Pathosformeln wollen die wenigen gelungenen Zeilen nicht recht trösten. Wie würde es der Autor selbst sagen: „Im Schatten deines warnenden Schauders / ernähre ich mich von Zweifeln“. NICO BLEUTGE, SZ 24.3.

GINO CHIELLINO: Landschaft aus Menschen und Tagen. Gedichte. Mit einer Selbstbetrachtung des Autors. Hanser Verlag, München 2010. 80 Seiten, 14,90 Euro.

147. La grande Lalula

Das Nasobem, von dem Morgenstern noch mit Recht dichtete: „Es steht noch nicht im Meyer und auch im Brockhaus nicht, es trat aus meiner Leyer zum ersten Mal ans Licht“, schaffte es bereits 1935 in die großen Lexika und wird als Erfindung des Dichters sogar bei Wikipedia gewürdigt.

Dass es es schwierig ist, die lautmalerischen Werke Morgensterns in andere Sprachen zu übersetzen, belegte Ihring mit dem Gruselett“, das auf Englisch zum „Scariboo“ wurde und dem „Mondschaf“, das auf Latein ein „Lunovis“ ist. Wenig zufrieden war der Vortragende mit der italienischen Version von „Das große Lalula“ bei dem sich die Übersetzungsleistung auf die Überschrift „La grande Lalula“ beschränke, im Übrigen den italienischen Lesern Buchstaben, wie K oder Ü zugemutet würden, die im Italienischen nicht vorkommen. / Klaus-J. Frahm, Gießener Anzeiger

146. Was ist Surrealismus?

In seiner Schrift „Was ist Surrealismus?“ hat Max Ernst seine Methode des radikalen Uminterpretierens von Bestehendem und Zufällig-Erzeugtem anschaulich erläutert: Es sind die Übergänge vom Bekannten ins Unbekannte und die Zwischenzustände zwischen dem Rätselhaften und dem Deutbaren, die ihn zum Weiterdenken und zum Gestalten animieren. In seinen kunstvollen Metamorphosen des Vorgefundenen sollen Bewusstes und Unbewusstes ineinander aufgehen. Die schönste poetische Metapher für diese Form des bildnerischen Transponierens hat wohl der Dichter René Crevel gefunden, als er Max Ernst den „Zauberer der kaum spürbaren Verrückungen“ nannte. / GOTTFRIED KNAPP, Süddeutsche Zeitung 20.3.

Max Ernst – „Albtraum und Befreiung“, in der Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall bis 2. Mai; im Museum der Moderne in Salzburg vom 12. Juni bis 3. Oktober. Info: 0791/946720. Der riesige Katalog (Swiridoff Verlag) kostet 45 Euro.

145. »Fahrtenschreiber«

»Fahrtenschreiber« – ein Wort, in dem viel Technik und wenig Poesie zu stecken scheint. Doch weit gefehlt: José F. A. Olivers neuer gleichnamiger Gedichtband spiegelt Eindrücke für alle Sinne von Reisen durch Deutschland und Osteuropa wider.

Behandelte der Hausacher Lyriker mit seiner vorherigen Sammlung »Unterschlupf« noch Rückzug, Heimat und Geborgenheit, so setzt José F. A. Oliver nun einen Kontrast. »Die Gedichte erzählen von Augenblicken, die mich auf Reisen in den vergangenen drei Jahren berührt haben«, beschreibt der Autor sein 14. Buch. So lädt er auf einen Streifzug durch das ukrainische Czernowitz ein, Geburtsort von Paul Celan und Rose Ausländer. / Alexander Gehringer, Schwarzwälder Bote

144. Kaskaden

Wie ich einem Kommentar entnehme, ist die erste Nummer der hier im Februar etwas skeptisch angekündigten Lyrikzeitschrift „Kaskaden“ nun erschienen und kann hier herunter geladen werden. Neben Unbekannten finden sich mit  Lutz Steinbrück, Peter Ettl oder Christian Kreis auch Leute in der ersten Nummer, die schon von sich reden gemacht haben.

143. Meine Anthologie 37: Tadeusz Różewicz, Poetik II

Poetik
II

Ich meinte
Worte seien leicht
wie Flaumfedern
glänzend wie Seide
rund wie die Knie von Mädchen
sorgenfrei wie Vogelgefieder
Ich meinte
gehorsam
folgten sie jedem Ruf
und man könnte Bilder aus ihnen bauen
deren Vieldeutigkeit
Reichtum in sich birgt

In meinem Leben gab es
Worte des Abschieds
und Worte des Hasses
und dann Worte der Liebe
Und dann sah ich
eingekratzt
in die Kerkermauer
Worte der Hoffnung
Alle waren sie
eindeutig

und zwischen ihnen weder
Symbol noch Metapher
nicht Periphrase noch Hyperbole
Aber in sich hatten sie
die Stärke des Urteils
und die Stärke des Wachstums
und sie besaßen die Stärke der Schöpfung. . .

Übertragen von Günter Kunert
In: Tadeusz Różewicz, Gesichter und Masken. Berlin: Volk und Welt 1969, S. 31f.

142. „Einmal singen kostete mich 40 000 Euro, nochmal singen 80 000“

In seinen Liedern hat Hans Söllner Politiker und Polizisten beleidigt. Dafür musste er hohe Strafen zahlen. So lange, bis er es sich nicht mehr leisten konnte.

Söllner: Ich habe mich immer an einen Spruch vom Strauß gehalten: Wir sind Bayern, wir langen halt ein bissl härter hin! Das hab ich auch gemacht.

SZ: Und teuer dafür bezahlt.

Söllner: Und wie! Im Fall mit der Polizistin sollte ich 80 000 Euro zahlen.

/ SZ 19.3.

141. Unverschleiert

Hören Sie bei der BBC ein Gespräch mit der saudischen Lyrikerin Hissa Hilal, die vollverschleiert, aber mit unverschleierten Worten die Männerwelt herausfordert. Frau Hilal hat bereits Gedichte veröffentlicht und war Lyrikredakteurin der arabischen Tageszeitung al-Hayat. Ihr werden Chancen auf den 1,3-Millionen-Dollar-Lyrikpreis des Abu Dhabi-Fernsehens zugesprochen.

Vgl. L&Poe 2010 Mrz #120. Das Böse aus den Fatwas

140. „Detailliert, verräterisch, intim, erschöpfend“

Faktor kam 1978 von Prag nach Ost-Berlin und wurde neben Bert Papenfuß schnell zu einem Protagonisten (und Außenseiter) der Prenzlauer-Berg-Szene. Sein Alter ego Georg geistert schon lange durch Faktors verzerrt autobiographisch grundierte Bücher. Früher machte Georg sich Sorgen um seine Zukunft, und sein Autor kündigte an: „Alles, was die Gegenwart und die Vergangenheit von Georg betrifft, wird erst im nächsten Band zu finden sein. Detailliert, verräterisch, intim, erschöpfend.“ Das war nicht zu viel versprochen. / INSA WILKE, FR 18.3.

139. Meine Anthologie 36: Lothar Klünner, Phycomyces

PHYCOMYCES

Der Biologe: Gelänge es, eure Instinkte zu messen, wir drehten am Schlüssel zum Leben.

Der Pilz: Vergebliche Mühe. Die Quanten, die meine Reaktionen regeln, umtanzen wie Flöhe eure Mechanik. Jetzt borgt euch Geduid bei den Dichtern. Jeder Vorstoß, den sie in unbewußtes Gelände tragen, belebt wieder euern Instinkt.

Der Dichter: Ging die Sicherheit auch ans Bewußtsein verloren, was uns an Ahnung von den Instinkten verblieb, kann den Schlüssel noch immer bewegen. Nachtklare Unschärfe erst macht ein Ganzes erkennbar und Sicht souverän.

In: Lothar Klünner, Diese Nacht aus deinem Fleisch. Gesammelte Gedichte. Berlin: Jeannne-Mammen-Gesellschaft 2000, S. 160.

138. Joachim-Ringelnatz-Preis für Wulf Kirsten

Der Lyriker Wulf Kirsten bekommt in diesem Jahr den Cuxhavener Joachim-Ringelnatz-Preis. Der in Weimar lebende Künstler achte „wie Ringelnatz auch das Kleine, Unscheinbare“ heißt es in der Begründung. Zu der mit 15 000 Euro dotierten Auszeichnung gehört auch die Vergabe eines Nachwuchspreises. Für den benannte Wulf Kirsten den ebenfalls aus Weimar stammenden Musiker und Lyriker Christian Rosenau.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.66, Samstag, den 20. März 2010 , Seite 16

137. Traumheimat

Ronald M. Schernikau, der Sohn, war zu Beginn der achtziger Jahre eine Hoffnung der deutschen Literatur gewesen. Er vereinte Glamour und Intellekt, Zickigkeit und Menschenliebe mit Formbewusstsein.

Obendrein war er stolz auf seine ausgesprochen klaren politischen Ansichten. Er würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen und den Schritt seiner Mutter rückgängig machen: in Leipzig, am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“ studieren und am 1. September 1989 in die DDR übersiedeln. Als er 1991 an den Folgen von AIDS starb, gab es dieses Land, das seine erotisch-politisch-literarische Traumheimat gewesen war, nicht mehr. / Jens Bisky, SZ 15.3.

RONALD M. SCHERNIKAU: Irene Binz. Befragung. Herausgegeben von Thomas Keck. Mit einem Vorwort von Dietmar Dath und einem Interview zwischen Ellen Schernikau und Claudia Wangerin. Rotbuch Verlag, Berlin 2010. 224 Seiten, mit zahlr. Fotos, 16,95 Euro.

136. Hölderlinpreis für Georg Kreisler

Der eine, Friedrich Hölderlin, preist die Schwäne, die ihre Häupter, trunken von Küssen, in heilignüchternes Wasser tunken. Der andere, Georg Kreisler, feiert den Frühlingsbeginn mit dem Aufruf zum gemeinsamen Vergiften der Tauben im Park. In Bad Homburg wird der Kabarettist dieses Jahr im Zeichen des Dichters geehrt: Am 6. Juni erhält der 1922 in Wien geborene Kreisler im Bad Homburger Kurtheater für sein Lebenswerk den Friedrich-Hölderlin-Preis. / FAZ 24.3.

„Ein Kritiker hat mich bezeichnet als Kabarettisten!“ Georg Kreisler gelingt es, in eine erste Gedichtzeile zwei seiner liebsten Hassworte einzubauen. / Sebastian Fasthuber in Falter : Woche 12/2010 vom 24.3.2010 (Seite 19)

135. Brückenbauer

Der Deutsche Nationalpreis 2010 geht an den deutschen Übersetzer und Autor Karl Dedecius und den emeritierten polnischen Erzbischof Alfons Nossol. „Wir zeichnen in diesem Jahr zwei ,Brückenbauer‘ zwischen Deutschland und Polen aus“, sagte Dirk Reimers vom Vorstand der Deutschen Nationalstiftung. „Karl Dedecius hat mit seinen Übersetzungen von polnischer Literatur den Deutschen deren Kultur geöffnet – Erzbischof Nossol verkörpert mit seinem Lebenswerk die Versöhnung der beiden Länder nach dem Krieg“, begründete Reimers die Entscheidung der Stiftung. Der mit 50 000 Euro dotierte Nationalpreis wird im Juni in Hamburg verliehen.  / Süddeutsche Zeitung 25.3.

134. Meine Anthologie 35: Mikolaj Rej, Dem der liest

Dem der liest

Unsern Nachbarvölkern dies verkünd ich:
Der Pole ist kein Ganter, ist der Rede kundig!

Schwatz nicht wie andre: Was gehts mich an?
Bedenk wie bald ein Mann geknechtet werden kann!

(1562)

Do tego, co czyta

A niechai narodowie wzdy postronni znają,
iz Polacy nie gęsi, iz swój język mają!

Nie mów tak jako drudzy: – A co mnie do tego?
Bo nie w czas, gdy juz cwiczy niewola kazdego!

Original aus: Sto wierszy polskich. Hundert polnische Gedichte, ausgewählt und übertragen von Karl Dedecius. Kraków: Wydwnictwo Literackie 1989, S. 8. (Die obige deutsche Fassung von Michael Gratz)
Mikolaj Rej (1505-1569), genannt der „Vater der polnischen Literatur“, war einer der ersten Polen, die in ihrer Muttersprache schrieben. Sein Text sprach mich an, weil er auf schlichte und schlagende Weise die „ursprüngliche Geste der Mitteilung“ (Brecht) hat. Ursprünglich auch im Wortsinn einer Ur-Frühe. Der erste kann ganz selbstverständlich für und an alle* sprechen, von Volk zu Volk. Ähnlich in dem Gedicht „Moralia“ von Biernat z Lublina (1522), dessen Anfang in der Nachdichtung von Karl Dedecius so lautet:

Was Fabeln lehren, erfahre!
Damit sagt Äsop das Wahre.
Drum laß dich vom Gleichnis leiten,
Verachte nicht Einzelheiten!

Durch einfache Worte kommen
Wir nämlich näher dem Frommen.
Zum Beispiel, wie kluge Raben
Die Füchse zum Narren haben.

(A.a.O. S. 7)
* alle, soweit sie lesen – das war demnach schon am Anfang klar.