19. Trost der Bäume

Dorthin zog ich mich zum Lesen zurück, als pathoserfüllter Adoleszent mit Hölderlin in der Sakkotasche und Plänen für die Gründung einer Akademie namens „Hyperion“, deren Statut noch immer irgendwo in meiner Insel-Taschenbuchausgabe steckt. Auch wenn die Akademie, die unter Spöttern etwas sprechender der „Sherry-Klub“ genannt wurde, die Schulzeit nicht überlebt hat, unvergesslich ist mir eine Hochsommernacht, die wir im Freien dort unter dem Baum verbrachten. Wie da drei Jungs saßen, einer neben dem anderen, mit dem Rücken an den Baum gelehnt, im Dunkeln ebenso obskure Gedichte schreibend, erfüllt von einer Art gemeinsamer All-Erfahrung im Zeichen der Kunst, das ist eine Erinnerung, die mir heute noch Trost spendet. Heute, da es schon ausreicht, mit einem gerade bei Oxfam erstandenen Band Gedichte von Gertrud Kolmar in der Hand ein japanisches Interiorgeschäft zu betreten, um in fast verschwörerischer Geste als Mitglied einer Gemeinschaft Ausgestorbener begrüßt zu werden. Gedichte auf offener Strasse zu lesen! / Eckhart Nickel, Die Welt 4.4.

18. Gedicht vom Tod

Erika Werner, Hamburgs Grande Dame der Literatur, macht Lesungen ganz nach ihren Vorstellungen. Bestsellerlisten oder berühmte Autoren interessieren die 74-Jährige nicht

Und sie erzählt mit sichtbarem Vergnügen: „Die Lyrikerin Elke Erb liest eigene Texte, die Schauspielerin Ingeborg Kallweit liest Lyrik von Inger Christensen und ich moderiere: Drei alte Damen von Anfang Siebzig reden vom Tod. Darauf freue ich mich schon.“ / Welt online

7. April: Harry Rowohlt liest komische Gedichte von Shel Silverstein im Sporthaus SC Sternschanze, 20 Uhr. 23. April: Totengedenken II im „Die Döns“, Anleger Neumühlen/Altona; 20 Uhr. Weitere Infos unter http://www.stil-ev.de

17. Huchelpreis verliehen

Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker hat den Peter-Huchel-Preis für deutschsprachige Lyrik bekommen. Aus gesundheitlichen Gründen konnte die 85-Jährige die Auszeichnung am Samstag im badischen Staufen nicht selbst entgegen nehmen.

Sie ließ sich durch eine Mitarbeiterin des Suhrkamp-Verlages vertreten. Die Jury hatte Mayröcker den mit 10 000 Euro dotierte Preis für ihren Gedichtband «dieses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif» zugesprochen. …

Der Band, in dem Mayröcker ihr Leben und ihre künstlerische Arbeit reflektiert, sei ein «neuer Höhepunkt im umfangreichen Lebenswerk der Schriftstellerin», sagte der Jury-Vorsitzende Claus Schneggenburger. / Zeit online

16. Kabylische Poesie

Von dem 1998 herausgegebenen Band „Isefra n at zik“ erschien jetzt eine zweisprachige Ausgabe (Tamazight – Französisch). Sie umfaßt 430 anonym überlieferte Gedichte. Das Buch enthält eine CD, auf der Tassadit At Ouvavas einige Lieder singt bzw. vorträgt. Die Lieder, aufgenommen vor langer Zeit, sind nicht bearbeitet und bezeugen eine Jahrhunderte zurückreichende mündliche Kultur im heimatlichen Land der Kabylen – so sang man sie im Haus oder auf dem Feld.

Tassadit At Ouvavas, die verstorbene Mutter des Herausgebers, ist eine wahre Bibliothek der Oralität, die ihm diesen Schatz überliefert hat. Der Herausgeber Ramdane At Mansour heißt mit seinem kabylischen Namen Ramdane Ouahès. Er war Universitätsprofessor und hat zwei Gedichtbände und eine Übersetzung des Koran in die Berbersprache veröffentlicht. 2008 wurde er vom Haut Commissariat à l’Amazighité für seine Verdienste um die Berberkultur ausgezeichnet.

/ Kabyle.com

Buch + CD kosten 26 Euro. Versandkosten nach Frankreich: 3 Euro.

Tamazight: Berbersprache in Nordafrika
Kabylen: die Berber Algeriens
Amazight heißen die Berber in ihrer Sprache (Berber wurden sie von den Römern genannt: „Barbaren“ wie die Germanen) – Die Verbindung wiederholt sich lustigerweise im 20. Jahrhundert. L&Poe-Nachricht vom Februar 2005:

Sidi H’Ammu ist der berühmteste chleuh-Dichter des 16. Jahrhunderts. Chleuh ist eine Berbersprache in Südwestmarokko. Da das Wort „chleuh“ in Frankreich pejorativ besetzt ist, verwendete man es nach dem zweiten Weltkrieg auch für die Deutschen.

15. Jackson Poetry Prize für Harryette Mullen

Harryette Mullen erhielt den mit $50,000 bestückten Jackson Poetry Prize als Dichterin von „außergewöhnlichem Talent, die breitere Anerkennung verdient“.

Das gab die gemeinnützige Organisation Poets & Writers Inc. bekannt.

Die Autorin (56) schrieb u.a. die Bücher „Recyclopedia,“ „Muse & Drudge“ und „Sleeping With the Dictionary“. Ihre sozial und politisch engagierte Lyrik ist von der feministischen und Bürgerrechtsbewegung geprägt. / AP

14. In Deutschland nix los?

(vgl. #13. Nationaler Lyrikmonat) Mach ichs eben alleine. Ich erkläre hiermit die nächste Woche zur Woche der türkischen Poesie. Von Ostermontag bis den darauffolgenden Sonntag gibts täglich eine Nachricht dazu. Oder – falls mir jemand was schickt: Leser in der Türkei? In Deutschland? – auch mehr. Stay tuned.

Nachtrag 6.4.: In der Tat, es macht mir manchmal Spaß, under cover zu zitieren. Der Spaß ist ein Meister aus… ach halt. Ich empfehle in den Kommentaren von Tom de Toys die Links zu klicken, vor allem diesen, wo man eine schöne PDF-Anthologie deutscher und ukrainischer Lyriker findet:

http://www.tochka.org.ua/pics/2004-09-18+10_EUROpaer.pdf

13. Nationaler Lyrikmonat

Nein, nicht in Deutschland (ein ganzer Monat?!). In den USA ist es wieder soweit. Zu den vielen Aktivitäten gehört auch wieder ein Gedicht des Tages bei Knopf Poetry, 30 Tage lang. Bisher wurden Gedichte von Edward Hirsch, Marge Piercy und Dan Chiasson vorgestellt, jeweils mit Zusatzmaterial (so eine Tonaufnahme Hirschs).

12. Verleihung des Peter-Huchel-Preises

Zur Stunde (ich bin gerade aus dem Ausland zurück und komme leider so schnell nicht von Greifswald nach Staufen) findet gerade die Verleihung des Huchelpreises an Friederike Mayröcker statt.

Obwohl Friederike Mayröcker aus gesundheitlichen Gründen abgesagt hat, ist eine spannende Veranstaltung zu erwarten. Traditionell liest zu Beginn der vorherige Preisträger, das war Gerhard Falkner („Hölderlinreparatur“).

Für die, die nicht dabei sein können und für alle anderen, die es interessiert,  Sendezeiten im SWR:

1. Bericht von der Preisverleihung: SWR2, Samstag, 03. April 2010, zwischen
18.40 Uhr und 19.00 Uhr, im Rahmen des SWR2 „Journals“.
Autor: Hans-Peter Frick.

2. Eins – zu – Eins Übertragung der Preisverleihung: SWR Cont.Ra, Montag,
05. April 2010, 17.05 – 18.00 Uhr .

3. Kurzportrait Friederike Mayröcker: SWR2, Samstag, 03.April 2010,
zwischen 14.05 und 15.00 Uhr Im Rahmen der Sendung „Musik und Literatur“
Autor: Werner Witt

4. Radio-Feature: „Wie ich dich nenne, wenn ich an dich denke und du nicht
da bist“, Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, 2 Dichter – 1 Liebe.
SWR 2, Samstag 03. April 2010, 22.03 – 23.00
Uhr, Wiederholung auf SWR Cont.Ra, Sonntag, 04. April 2010, 9.03 – 10.00
Uhr
Autor: Werner Witt

11. Auslegen „ohne jede Information“

Gadamer hatte keineswegs den Anspruch, als Literaturwissenschaftler an die Texte der Schriftsteller heranzugehen. So verfolgte er in dem Buch „Wer bin ich und wer bist Du?“ das Projekt, „ohne jede Information besonderer Art einen Zyklus Celanscher Gedichte auszulegen“. Gadamer wandte sich gegen den Anspruch von Literaturwissenschaftlern wie Peter Szondi, die davon ausgingen, dass die Celan-Gedichte nur auf der Grundlage spezieller biografischer oder historischer Kenntnisse zu interpretieren seien.

Die Ablehnung einer übertriebenen philologischen Interpretation äußerte Gadamer auch gegenüber dem Philosophen Dieter Henrich, der das Gedicht „Andenken“ von Friedrich Hölderlin durch genau topografische Angaben über die Gegend von Bordeaux, die im Gedicht erwähnt wird, erläutert. Er stelle sich die Frage, so schrieb Gadamer, „ob eine noch so zutreffende Rekonstruktion des damaligen Bordeaux für das Verständnis des Gedichts hilfreich sein kann? / Nikolaus Halmer, Ö1 Wissenschaft (mit angeregter Leserdiskussion)

10. „Die ersten Texte rumäniendeutscher Dichter nach dem Krieg“

Unter der merkwürdigen Überschrift „Ausgrabungen: Die ersten Texte rumäniendeutscher Dichter nach dem Krieg“ gibt es bei der Stattzeitung Südbaden einen Bericht über die Frankfurter Zeitschrift „Umbruch“, die 1986 Texte rumändiendeutscher Autoren mit einem Aufsatz darüber veröffentlichte. Merkwürdig zunächst, weil in dem Text die Situation in Rumänien 40 Jahre nach dem Krieg beschrieben wird. Die haben ja immer geschrieben. Auch sonst stimmt nicht alles:

Exemplarisch soll das Gedicht von Johann Lippert [Lıppet!] verdeutlichen, unter welchen Bedingungen die lyrischen Ergüsse damals entstanden sein müssen. Der Bildausschnitt wurde aus Umbruch (5-6/1986; S. 76) entnommen.

Herbst 1986 bekamen wir dankenswerterweise von einem Mann namens Jürgen Toth ein ganzes Paket zugestellt von Texten rumäniendeutscher Schriftsteller. Mit einem Essay, der hier unten auszugsweise folgen soll.

Die Texte der Gedichte wirken heute oft als Nachhall der deutschen Naturlyrik, die Benn in Hass-Ekstasen getrieben hatte. Mit einigen bitteren Einsprengseln. Bösen Anmerkungen.

Diejenigen Schriftsteller, die heute noch in Temesvar leben, können heute nicht mehr in Rumänien publizieren, nachdem bereits in den letzten Jahren Gedichtbände von den Zensoren zusammengestrichen worden waren, einzelne Autoren Publikationsverbot erhielten. Nebenbei sei bemerkt, dass eine Existenz als freier Schriftsteller auch in besseren Zeiten nicht möglich war. Zwar sind die Autorenhonorare gesichert, unabhängig vom Verkaufserfolg, aber um „selbständig” zu sein, müssten mehrere Bücher pro Jahr publiziert werden – wofür wiederum der Markt zu klein ist. Die Auflagenhöhe bewegt sich je nach Autor zwischen 250 und 700 Exemplaren.

Nachdem in den sechziger und siebziger Jahren bereits Autoren wie Pastior und viele andere ausgewandert sind, haben auch alle oben genannten ihre Ausreiseanträge gestellt.

Dem langsamen Exodus der deutschsprachigen Literatur in Rumänien wird also unweigerlich der Exitus folgen. In einem Land, das sich zunehmend gegen alle westlichen Einflüsse abschirmt (keine ausländische Presse, Kontaktverbot für Rumänen mit Ausländern) und auf unbedingte Loyalität zur Politik des Generalsekretärs setzt, wird nur noch Raum bleiben für den windigen Opportunisten mit der schnellen Feder, der glaubt, sich von einer kritischen Äußerung durch zehn Lobeshymnen auf Partei-und Staatsführung freikaufen zu können.

9. Die Fräulein «umnachtet»

Edmund Mach war einer der schizophrenen Patienten, die der legendäre Primar Leo Navratil in der Psychiatrischen Klinik von Maria Gugging bei Wien dazu anhielt, die Eigenheiten und Nöte ihrer Existenz künstlerisch auszudrücken. In seinen Gedichten und Prosastücken, von denen Uwe Schütte jetzt eine schöne Sammlung herausgegeben hat, erweist sich der 1929 geborene Mach als ironischer, sprachschöpferischer und auf unberechenbare Weise äusserst origineller Autor. Er erfindet neue Worte und Wendungen wie «quicklich» oder das «gesaftete Glas», räumt ein, als junger Mann gerne die Fräulein «umnachtet» zu haben, und erfreut mit Stilbrüchen und kuriosen Verbindungen. / NZZ 23.3.

Edmund Mach: Meine abenteuerlichen Schriften. Gedichte und Prosa 1965–1996. Herausgegeben von Uwe Schütte. Picus-Verlag, Wien 2009. 184 S., Fr. 33.90.

8. Sprache ohne Nebensätze

Die Sprache der Pirahã bildet keine Nebensätze, die Pirahã kennen keine Farbbezeichnungen wie «Rot» oder «Blau», ausserdem kennen sie keine Zahlwörter. Sie reden nur über Dinge, die sie selbst in der Gegenwart erlebt haben; Vergangenheitsform oder Futur sind ihnen unbekannt. Eine Geschichte wie diejenige des Jesus von Nazareth ist für sie unbegreiflich. Es ist nun der Missionar, der selbst bekehrt wird: Die Sprache, die wir sprechen, reflektiert unsere Welt, die wir im Denken und Reden entwerfen. Wer nicht zählen kann und keine Possessivpronomen kennt, wird keine Eigentumsgesetze entwerfen. Was zählt, sind die Dinge, die nützlich fürs Leben sind. / NZZ 30.3.

7. Überschwang und Gattenliebe – Schumann neu verdichtet

Für das poesiefestival berlin verdichten Ulf Stolterfoht und Sabine Scho den Liederzyklus Frauenliebe und –leben neu.

Insgeheim brodelt es darin vor Überschwang, Vergänglichkeit und Verlustangst, aber Robert Schumann komponierte mit Frauenliebe und -leben ein Hohelied der Gattenliebe. Die Dichter Sabine Scho und Ulf Stolterfoht haben sich für das poesiefestival berlin an zwei radikal explizite Neuvertextungen von Schumanns und Chamissos berühmten Liederzyklus’ gewagt. Eine hintersinnige Auseinandersetzung mit dem Original ist dabei entstanden, die am 10. Juni 2010 in der Akademie der Künste uraufgeführt wird, gemeinsam mit der ursprünglichen Version sowie mit der Neukomposition von Jan Müller-Wieland. Das Original und seine Variationen in Text und Musik werden interpretiert von Caroline Melzer (Sopran), Vanessa Barkowski (Mezzosopran) und Axel Bauni (Klavier).

Sabine Scho und Ulf Stolterfoht schufen einen subversiven Gegenentwurf voll schierer Gier: mit Wandschirmen, Snowclones, unterm Sternbild der Ichzersetzung, geprägt vom Design der Liebe im Zeitalter des Internet – und doch voller Liebe zu Schumanns Liedern und Chamissos Gedichten.

Scho bricht ironisch die Chiffren bedingungsloser Liebe und das Bild der hingebungsvollen Ehefrau. Sie spielt mit ihnen und setzt sie wieder neu zusammen. Das, was am Ende noch von ihnen übrig bleibt, lässt verblüffende Rückschlüsse auf die Veränderungen der gesellschaftlichen Rollen zu.

Stolterfoht unterläuft die blumige Sprache des Originals, indem er den Herzensergießungen aus den Chamisso-Gedichten ein rein mechanisches Sprechen entgegensetzt. Der ursprüngliche Text wird nach strengen Oulipo-Prinzipien und Automatismen verjüngt und erneuert sich dadurch wie von selbst.

Der Komponist Jan Müller-Wieland reagierte dagegen auf das neunte, von Schumann nicht vertonte Gedicht aus Chamissos Zyklus mit einer intimen „Liebesszene. Casa Verdi“ nach letzten Worten seiner Großmutter.

Der Abend ist eine Huldigung an Robert Schumann, dessen Geburtstag sich im kommenden Juni zum zweihundertsten Mal jährt.

Das poesiefestival berlin findet statt vom 4.- 12. Juni 2010.

Eine Koproduktion mit dem Schumannfest Düsseldorf.
Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.
Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.

6. Hybris des Schmerzes

Doch selbst Paul Celan wurde Sachs‘ Leidens-Gestus irgendwann unheimlich. Ende der fünfziger Jahre hatte er brieflich Kontakt zu ihr aufgenommen, bei ihrem Besuch in der Schweiz 1960 holte er sie dann gemeinsam mit Ingeborg Bachmann vom Flughafen ab, lud sie schließlich nach Paris ein und besuchte seine „Schwester“ später in Stockholm. Hier musste er dann allerdings feststellen, dass die ihm angetragene geschwisterliche Anrede aus einem Mund kam, „dem es nichts galt“.

Sachs war umgeben von „Schwestern“ und nicht besonders erpicht auf Celans Besuche. Celan selbst kam dieser Umstand gleichwohl ganz gelegen. Er hatte in Stockholm eine Affäre mit einer bildhübschen Regisseurin begonnen und die vermeintliche Dichterfreundschaft ließ sich gegenüber seiner Frau ganz hervorragend als Alibi benutzen.

Celan also sprach von Sachs‘ „Hybris des Schmerzes“. „In Stockholm hörte ich sie sagen“, schreibt er, „,Die in Auschwitz litten nicht das, was ich leide'“. Celan empfand das – und damit drückt er es wohl noch recht milde aus – als „Vermessenheit“. Zu Sachs‘ Entschuldigung mag man vorbringen, dass sie zu diesem Zeitpunkt schwer psychisch krank war. Sie litt sogar unter Verfolgungswahn: Eine „Nazi-Spiritisten-Liga“ meinte sie, würde ihre Wohnung mit Mikrofonen belauschen und überhaupt an ihr Rache nehmen für die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel. / TOBIAS LEHMKUHL, SZ 25.3.

5. «a curious and lawless collection of poems»

Der populistisch hohe Ton dieser Sätze wirkte ähnlich befremdlich wie die implizit arrogante Gelassenheit der Erscheinung. Die Abbildung erlaube, fand der Bostoner Bildungsbürger, Harvardprofessor und Feuilletonist Charles E. Norton, eine genauere Einschätzung des Autors, der sich über Kleidungsvorschriften ebenso hinwegsetzte wie über Rhythmus, Reim und angemessenen Sprachgebrauch – «a curious and lawless collection of poems» nannte er die Sammlung, in der hingegen Ralph W. Emerson einen sicheren dichterischen Impuls erkannte. In London wunderte sich George Eliot, dass die «transatlantic critics» in derart ungeschliffenen Gedichten den Beginn einer neuen lyrischen Tradition sahen. …

Statt mit «Grashalme» hat Jürgen Brôcan den Titel wortgetreu mit «Grasblätter» übersetzt und so etwas von der poetischen Verfremdung des Originals herübergerettet. Auch sonst bleibt Brôcan, dem man schon Übersetzungen von Robinson Jeffers und Marianne Moore verdankt, nahe am Original und findet einen sprachlichen Mittelweg zwischen Ernüchterung und Pathos, zwischen banalen und gehobenen Ausdrücken, zwischen modernem und archaischem Vokabular, so dass er den komplexen Registerwechsel und den besonderen Rhythmus des Englischen erhält und dennoch eine geschmeidige deutsche Fassung gestaltet. / Stefana Sabin, NZZ 20.3.

Walt Whitman: Grasblätter. Übersetzt von Jürgen Brôcan. C.-Hanser-Verlag, München 2009. 880 S., Fr. 65.–.