Philippe Jaccottet wurde mit dem Großen Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 2010 geehrt. Jaccottet zählt zu den bedeutendsten Lyrikern französischer Sprache. Sein Werk umfasst Gedichte, lyrische Prosa, Essays zu Literatur und Kunst sowie zahlreiche Übersetzungen aus dem Griechischen (Homer), aus dem Deutschen (Hölderlin, Musil und andere) und aus dem Italienischen (Ungaretti, Cassola).
Der mit 30.000 Franken dotierte Große Preis der Schweizerischen Schillerstiftung wird etwa alle fünf Jahre vergeben. Philippe Jaccottet erhielt den Preis zum Auftakt der Solothurner Literaturtage. / buecher.at
Edition und Kommentar von Goethes „West-östlicher Divan“, die Hendrik Birus 1994 vorlegte, wurden sofort als Meilenstein der Philologie gefeiert. Birus befreite den 1819 erschienenen „Divan“ von späteren Zusätzen in der „Ausgabe letzter Hand“, der die meisten späteren Editionen folgten, und bot diese bereicherten Fassungen separat, dazu die handschriftlichen Vorfassungen, vor allem die in Wiesbaden 1815 entstandene, alle Vorabdrucke, Nachlass-Stücke und Exzerpte. Zusammen mit einer detaillierten Werk-Chronologie entstand so erstmals das Bild eines „work in progress“, einer nicht nur zu einem anderen Kulturkreis – dem persisch-islamischen Orient -, sondern auch für weitere Komplettierung offenen „Versammlung“ von Texten. „Versammlung“, die wörtliche Übersetzung von „Divan“, nicht eine mehr oder weniger geschlossene „zyklische“ Struktur wurde als Bauprinzip erkennbar.
Es wurde sichtbar, was Goethes schöne Formulierung vom „künftigen Divan“ eigentlich bezeichnete: eine duftig-schwebende, von irdischen Anlässen und strenger Gelehrsamkeit angeregte, endlos weiter anregende Poesie. Zum aufgefrischten äußeren Eindruck gehörte, dass Birus den Druckerschwärzestaub der allzu vielen Kommata und Interpunktionen späterer Editoren abbürstete. / Gustav Seibt, SZ 7.5.
Goethe: West-östlicher Divan. 2 Bde. Hrsg. v. H. Birus. Dt. Klassiker Verlag, Berlin 2010, 32 Euro
‚Sieh mich an! Sieh mich an! Schau nicht dort hin, da drüben gibt es nichts zu sehen! Sieh mich an! Siehst du mich an? Sehen mich alle an?’…
‚Sieh mich an! Sieh mich an! Schau nicht dort hin, da drüben gibt es nichts zu sehen! Sieh mich an! Siehst du mich an? Sehen mich alle an?‘ Nein, es ist kein hyperaktives Kind, dass die Hauptrolle in Beth Fultons Clip spielt – es ist das Fernsehen. Für ‚Television Is A Drug‘ nahm sie sich das Gedicht ‚Television‘ von Todd Alcott her, der selbst übrigens als Drehbuchautor arbeitet. / Annekatrin Liebisch, monstersandcritics
Der Dichter, Essayist und Herausgeber Michael Krüger (66) erhält den Joseph-Breitbach-Preis 2010. Der Lyriker habe mit seinen Gedichtbänden wie „Diderots Katze“ (1978) oder „Die Dronte“ (1985) an die großen Traditionen des 20. Jahrhunderts angeschlossen, teilte die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur mit. Die gemeinsam von der Akademie und der Stiftung Joseph Breitbach verliehene Auszeichnung ist mit 50 000 Euro Preisgeld der höchstdotierte Literaturpreis in Deutschland. Er wird am 24. September in Koblenz verliehen. / Südwestpresse
Eine provokante Wirkung auf manche Leser entfaltet, obgleich nicht so intendiert, möglicherweise Benyoëtz’ Auffassung von Sprache. Im Einklang mit der jüdischen Tradition gilt sie ihm als die Quelle der gesamten Schöpfung. Wie schon im Band Allerwegsdahin. Mein Weg als Jude und Israeli ins Deutsche (2001) zitiert er aus dem Midrasch, der rabbinischen Bibelauslegung, zum ersten Buch Mose: „Gott schaute in die Tora und schuf die Welt nach diesem Plan. Auch Gott muss sich am Buch orientieren“ und knüpft hier direkt an: „Sprache – das ist der Baum des Lebens, der über Nacht zum Baum der Erkenntnis auswuchs“ (S. 37). Das läuft jeder kruden Kommunikationstheorie zuwider, die Sprache zum bloßen Austauschmedium zwischen Sender und Empfänger reduziert, und die wohl eher dem intellektuellen Zeitgeist entspricht als Benyoëtz’ Sprachmagie. In Keine Worte zu verlieren (2007), der Festschrift zum 70. Geburtstag, weist Kurt Oesterle zu Recht darauf hin, „dass nicht nur die Religion das ‚verlorene Thema’ ist, sondern auch die Sprache, eine genaue und wahrhaftige…“ Der Aufgabe, „ihr zu ihrem wahren Sinn zu verhelfen und sie vor bloßer Bedeutungsträgerei zu schützen“, ist sich Benyoëtz wie kaum ein anderer Aphoristiker bewusst. / Tobias Grüterich, fixpoetry.com
Jens Petersen hat Goethe, Mörike, Rilke, von Fallersleben und viele andere durch die elektronische Mangel gedreht.
Die Google-Sprachtools wurden als digitale „Assistenten“ verwendet, um ganz neue Lyrik zu produzieren. Plötzlich erzielen selbst die romantischsten Klassiker eine urkomische Wirkung, wenn sie auf dem Umweg über Finnisch und Japanisch wieder im deutschen Idiom zurück sind. Oft ergibt sich auf diesem Wege totaler Nonsens, manchmal aber auch erstaunlich eindringliche, ernst zu nehmende Verse. / fair-news.de
„Vergiftung, flüsterte mein Lied: Mein Sohn ist ein Nebel.“ (ISBN 978-3-86850-653-2) ist ab sofort im Buchhandel und in Onlineshops erhältlich (14,99 €) darüber hinaus auch als ebook.
Dann wird es heiterer, der Pflanzenreichtum auf Teneriffa, ein Rosenwort für Gertrude Stein, deren bekanntester Satz „Rose is a rose is a rose is a rose“ besser ins Alemannische als ins Hochdeutsche zu übersetzen sei: „A Ros isch a Ros isch a Ros“ und Chamisso, dessen Verse Robert Schumann vertonte, darf an diesem Abend auch nicht fehlen. Zum einen ist José Oliver seit 1997 Träger des nach Adelbert von Chamisso benannten Preises, der Poeten verliehen wird, die in Deutsch als Fremdsprache schreiben, zum anderen hat Chamisso als Botaniker gewirkt, mehr als 150 Pflanzennamen sind nach ihm benannt. Oliver präsentiert Chamissos Loblied auf die Nützlichkeit der Birke.
Höhepunkt des Abends ist aber zweifellos das intensive Gedicht auf die vielen Grüns des Schwarzwalds, „das Grün auswendig lernen, Andachtsgrün, Tabernakel, Kuckucksschrei, Windgefieder, tragen fort die Altschneenarben, Windwipfelzittern, Dämmerfluss der Müdigkeit, Lupinenfeuer“, frei und ohne Gewähr den nomadischen andalusisch-alemannischen Heimatdichter zitiert, dessen filigrane Sprachschöpfungsstrukturen wie von selbst den Bildern von Rainer Nepita nahe sind. Am 19. Mai stellt Oliver seinen neuen Gedichtband „fahrtenschreiber“ in der Hausacher Buchhandlung Streit vor. / Susanne Ramm-Weber, Badische Zeitung 14.5.
Innokenti Annenski gehört zu den grossen Illusionslosen, doch genau dies machte ihn frei. Frei, sich in «Quälenden Sonetten» und «Redefetzen» auszudrücken, aber auch in einem hoch lautmalerischen Gedicht wie «Glöckchen klingen» (1906), das futuristische Lautexeperimente vorwegnahm. «Ding-Dang-Dong, / Ding-Dang . . . / Dido Lado, Dido Lado / Lida fürs Ding-Dang-Dong herrichten, / Dido für Leda herrichten, / sichteten, richteten, / was mit Dido angerichtet . . .» Martina Jakobson, die in der verdienstvollen Edition Rugerup erstmals eine repräsentative Auswahl von Annenski-Gedichten auf Deutsch vorlegt, hatte nicht wenige Schwierigkeiten zu meistern. Manches ist ihr vorzüglich gelungen, an andern Stellen, wo Annenskis Stil äusserste Lakonie verlangt, stören allzu häufige (erklärend-verunklärende) Füllwörter, mögen sie auch metrisch-reimtechnischen Überlegungen geschuldet sein. Der Entdeckung des bahnbrechenden Einzelgängers Innokenti Annenski steht aber nichts mehr im Wege. / Ilma Rakusa, NZZ 27.4.
Innokenti Annenski: Wolkenrauch. Gedichte (zweisprachig). Aus dem Russischen übertragen und herausgegeben von Martina Jakobson. Edition Rugerup, Hörby 2010. 155 S., Fr. 27.80.
Die vor 40 Jahren verstorbene Schriftstellerin Nelly Sachs galt lange Zeit als lyrische Anwältin Israels, ihr Werk wurde nicht zuletzt durch die Begründung zum Erhalt des Nobelpreises 1966 oft auf die jüdische Thematik festgeschrieben. Dem schwedischen Schriftsteller Aris Fioretos ist es nun gelungen, mit einer neuen Werkausgabe den Blick auf den gesamten literarischen Kosmos von Nelly Sachs zu öffnen. / Carola Wiemers, DLR
Nelly Sachs: Gedichte 1940-1950. Kommentierte Ausgabe in vier Bänden. Hrsg. von Aris Fioretos. Bd. 1. Hrsg. von Matthias Weichelt. Suhrkamp Verlag 2010. 344 Seiten. 44 Euro.
Nelly Sachs: Gedichte 1951-1970. Bd. 2. Kommentierte Werkausgabe. Hrsg. von Ariane Huml und Matthias Weichelt. Suhrkamp Verlag 2010. 426 Seiten. 44 Euro.
Franz Lennartz, Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, 1969:
Sachs, Nelly (10.12. 1891 in Berlin), eine dichterische Schwester des „schwarzen Schwans Israels“, der Else Lasker-Schüler, verbrachte „sieben Jahre unter Hitlers Schreckensherrschaft“ und wurde im letzten Augenblick vor der „Verschickung“ im Frühjahr 1940 mit ihrer Mutter nach Schweden gerettet. Diese „Rettung“ war durch die Dichterin Selma Lagerlöf und den Malerprinzen Eugen von Schweden vorbereitet worden.
Mit der „Aktion wider den undeutschen Geist“ ging der 10. Mai 1933 unrühmlich in die deutsche Geschichte ein. Am Mittwoch ist der „Tag der Bücherverbrennung“ ein Gedenktag, der moderner Literatur Raum gibt. Aus diesem Anlass lasen am Montag 53 Autoren der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. in den 53 Städten der Metropole Ruhr 2010. In der Heiligenhauser Stadtbücherei wurde Lyrik geboten: Andreas Altmann zu Gast im Lesecafé. / derwesten.de
Die Anlieger haben in letzter Minute versucht, Agnes Miegels Ehre als Heimatdichterin zu retten. Es bleibt unbestritten, dass Agnes Miegel sich um die deutsche Literatur verdient gemacht hat – und um die ostdeutsche Heimat der vielen Heimatvertriebenen, die auch in St. Arnold leben. Es sind Texte und Gedichte, die die Heimat beschreiben – und die unpolitisch sind. Entscheidend für die Einordnung ihres Charakters aber sind Miegels Schriften und Gedichte, die politischen Charakter haben. Lobeshymnen auf Adolf Hitler zum Beispiel, in denen sie schreibt „Laß in deine Hand, Führer, uns vor aller Welt bekennen; Du und wir, nie mehr zu trennen, stehen ein für unser deutsches Land!“ Es ist unmöglich, diese Seite ihres Schaffens auszublenden. Es sind diese „Weiheverse“ Agnes Miegels, die sie als Namensgeberin einer Schule oder einer Straße untragbar machen. / JÖRG HOMERING, Ibbenbürener Volkszeitung
Vgl. hier
Flucht und Verwandlung heißt die vom schwedischen Autor und Übersetzer Aris Fioretos kuratierte Ausstellung, die dem Besucher die fragile Dichterexistenz der Nelly Sachs in Erinnerung ruft. Zu sehen sind da also beispielsweise die Kette aus Mondsteinen, die sie zur Nobelpreisverleihung trug, Privatfotos, auf denen sie zusammen mit einer Freundin das Festkleid für den Anlass anprobiert – aber eben auch die ängstlichen Briefe an Celan, in denen sie von einer »Nazi-Spiritist Liga« berichtete, von der sie verfolgt werde. Fioretos gelingt eine Gratwanderung: Die Schau spürt der Person hinterher und zeigt Privatestes, ohne sie posthum zu verletzen. Gefallen hätte es der Dichterin wohl dennoch kaum. Denn dass Nelly Sachs diskret sein wollte, verdeutlicht das Zitat an der Wand aus einem Brief, den sie 1959 an den Germanisten Walter A. Berendsohn schrieb: Sie wolle »hinter meinem Werk verschwinden«; sie wünsche sich, »daß man mich gänzlich ausschaltet – nur eine Stimme, ein Seufzer für die, die lauschen wollen«. / Alexander Cammann, Die Zeit 12.5.
In der Wortkunst der deutschsprachigen Schweiz nimmt Eugen Gomringer – er ist 1925 in Bolivien geboren − seit Jahrzehnten eine dominante Stellung ein. Kein anderer hiesiger Dichter ist in Anthologien so stark vertreten wie er, keiner ist als Dichtungstheoretiker vergleichbar einflussreich gewesen, und keinem ausser ihm ist die Ehre zuteilgeworden, in Reclams Universalbibliothek mit einem eigenen Gedichtband vertreten zu sein. …
Wenn Gomringer nun, ein halbes Jahrhundert nach der hohen Zeit der «Konkreten», in zwei Büchern eine Sammlung von Sonetten vorlegt, mag sich dies zunächst wie eine späte Desavouierung seiner eigenen innovativen Anfänge ausnehmen, ist doch das Sonett eine althergebrachte, in sich geschlossene, dabei stets von neuem anwendbare Gedichtform – alles Qualitäten, die unterm Gesichtspunkt konkreter Dichtung obsolet sind.
Obsolet wirken allein schon die beiden Buchtitel mit den antiquiert vorangestellten Genitiven: «eines sommers sonette», «der sonette gezeiten». Um aber den Einwand der Antiquiertheit vorab zu entkräften, verweist Gomringer in einer Begleitnotiz darauf, dass auch beim Sonett «die strenge form als disziplin» praktiziert werde; dass auch hier «einer konkreten inneren einstellung eine bestimmte äussere form zu entsprechen» habe; und dass für ihn das Schreiben von Sonetten «ein neues experiment, ein ganz persönliches» geworden sei. / Felix Philipp Ingold, NZZ 12.5.
eugen gomringer / markus marti: eines sommers sonette / a summer’s sonnets. edition signathur, dozwil 2008. 52 S., Fr. 24.–. eugen gomringer / markus marti: der sonette gezeiten / the sonnets‘ tides. edition signathur, dozwil 2009. 64 S., Fr. 24.–.
In der Geschichte der Dichterverehrung in Deutschland ist Hausen im Wiesental ein einzigartiges literarisches Laboratorium. Zum 250. Geburtstag Hebels beginnt man hier nun, den größten Sohn des Ortes, der freilich in Basel geboren wurde, mit anderen Augen zu sehen. Was daraus folgen mag? Ein vorschnelles Urteil ist in Hausen nicht am Platz. / Hubert Spiegel, FAZ 12.5.
Arnold Stadler ist ein würdiger, geradezu idealer Hebelpreisträger im Jubiläumsjahr, schreibt die FAZ. Auch ist der Preis wohl ein würdigerer Preis als mancher andere, für die Zeitung; denn sie druckt die Dankrede ab, in der er über vieles plaudert und auch einige Sentenzen gibt wie diese: „Der Mensch ist unterwegs, von hier nach dort, vom Leben zum Tod. Aber unterwegs ist es auch schön.“
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