1 E I N L A D U N G
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Stadiumrock
oder mal wieder die alten lieder singen
christian petersen
21. märz 2011 20.30h
in der reihe
montagsdemonstrationen
perspektive literatur berlin e.V.
körtestr. 19-21 10967 berlin
2 V O R A N K Ü N D I G U N G
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Weil es zu gut ist.
Litaneien.
clemens schittko
04. april 2011 20.30h
in der reihe
montagsdemonstrationen
perspektive literatur berlin e.V.
körtestr. 19-21 10967 berlin
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perspektive out of area
Wer wie ich erwartungsfroh die „Zeit“ auf Seite 3 aufschlägt, um „die neuen Gedichte“ zu lesen (wie man im 19. Jahrhundert in französischen Kleinstädten auf die nächste Folge des Fortsetzungsromans wartete), erlebt eine linde Entäuschung. Nichts, dort gibt es Wichtigeres, wie auf allen anderen 95 Seiten. Soviel Buchstaben und große Bilder, aber kein Gedicht?
Doch – auf Seite 8 wenigstens eins, das sich die Seite zu gleichen Teilen mit einem Werbeauto teilt. Hendrik Rost schrieb eine „Notiz an das Neugeborene“, die so endet:
Tsunamis brechen durchs Wohnzimmer.
Tumulte in Massen. Wir wissen genau,
was uns einst stürzen lassen wird.
Sei dabei. Es geht vorüber. Verzeih.
(Was wir schon vorige Woche bei Jan Wagners Text ahnten: es gibt es noch, das „Warn-„, das „Mahngedicht“, das seine Hochzeit in den 50er/60er Jahren hatte. Das ist eine Feststellung ganz ohne pejorativen Beigeschmack.)
Der grosse Aufkärer Voltaire schrieb zu Lissabon ein Gedicht mit dem Aufschrei: «Philosophes trompés, qui criez: ′Tout est bien′» – «Betrogene Philosophen, die ihr ′Alles steht zum besten′ schreit»! Lissabon erschütterte nicht nur die Aufklärungsphilosophie, sondern alle namhaften Denker in ihren Grundfesten. Immanuel Kant schreibt sein Entsetzen im Aufsatz mit dem leichtverdaulichen Titel: «Geschichte und Naturbeschreibung der merkwürdigsten Vorfälle des Erdbebens, welches an dem Ende des 1755sten Jahres einen grossen Theil der Erde erschüttert hat» nieder. Der erschütterte Knabe Wolfgang Goethe verfasst in gestandenden Mannesalter die wohl poetischste Beschreibung des Erdbebens von Lissabon: «Die Erde bebt und schwankt, das Meer braust auf, die Schiffe schlagen zusammen, die Häuser stürzen ein, Kirchen und Türme darüber her, der königliche Palast zum Teil wird vom Meere verschlungen, die geborstene Erde scheint Flammen zu speien».
Es ist als ob Goethe am 11. März 2011 an der japanischen Küste dabei gewesen wäre. Trotzdem ist 2011 alles anders als 1755, obwohl sich die Naturereignisse als solche nicht wesentlich unterscheiden. Die Erde bebt und damit basta. Doch 2011 gibt es keine Gedichte mehr. Es gibt auch keine Philosophen, die irgendwas Gescheites sagen könnten. Japan findet nur Niederschlag in einem umfangreichen technischen Nihilismus, der uns alle gefangen hält.
(…) Genau das ist die Absicht der Techniker von TEPCO, Mühleberg, Leibstadt etc. Sie wissen zwar nicht wirklich, was sie tun, aber sie wissen, was sie tun, sagen, konstruieren müssen, um uns angesichts der Verbindung von Natur und Technik zu stummen Menschen zu machen. Kein Gedicht könnte die Mitmenschen mehr erschüttern, zu sehr sind sie schon in einer numerisch-technischen Ideologie gefangen, als dass sie sich noch durch den Klang vergessener Menschlichkeit wirklich berühren lassen möchten. / Regula Stämpfli, news.ch
Übersetzer aus aller Welt trafen sich gestern mit dem Literaturnobelpreisträger in Straelen zur Arbeit: Wie, so fragte man sich, lässt sich „Grimms Wörter“ in fremde Sprachen übertragen? Die meisten allerdings verzweifelten an der Aufgabe. … Und dann gibt es noch A- und B- und E-Gedichte, in denen die Buchstaben eine tragende und vor allem rhythmisierende Rolle spielen. Genau da aber hapert es bei den meisten europäischen Sprachen. / LOTHAR SCHRÖDER, Rheinische Post

17. März 2011
14:00 – 15:00 Uhr
Žarko Radaković, Dragoslav Dedović, Jovan Nikolić
Serbische Literatur aus Köln
ARTE, Glashalle, Stand 11
17. März 2011
19:00 Uhr
Zvonko Karanović, Nancy Hünger, Stephan Turowski, Radmila Lazić ( http://radmilalazic.com ), Vladimir Kopicl, Stevan Tontić, Jan Volker Röhnert ( http://www.janroehnert.de )
In diesem unendlichen Blau
Lyriker der Edition AZUR und aus Serbien, dem diesjährigen Länderschwerpunkt der Leipziger Buchmesse, laden zu Exkursionen in eine äußerst lebendige und heterogene Lyriklandschaft ein.
19 Uhr Zvonko Karanovic und Dragana Mladenovic
Zvonko Karanovic (geb. 1959) beschreibt in seinen Büchern nicht die äußerliche Schönheit der Welt, sondern vielmehr ihr inneres Dunkel. Seine Gedichte wurden in zehn Sprachen übersetzt. Dragana Mladenovic (geb. 1977) lebt und arbeitet in Pancevo bei Belgrad und sorgte vor allem mit ihren jüngsten Gedichtbänden „Das asoziale Programm“ (2007) und „Schrifteinband“ für Aufsehen. In Leipzig stellt sie ihren aktuellen Band „Verwandtschaft“ vor. Beide Autoren sind in der Anthologie „Eintrittskarte/ Ulaznica – ein Panorama der zeitgenössischen serbischen Lyrik vertreten, der 2011 im Drava-Verlag erschienen ist.
20 Uhr Nancy Hünger, Stephan Turowski, Jan Röhnert
Nancy Hünger liest aus dem Manuskript eines für 2012 geplanten Buches. Zu hören ist auf’s Äußerste verdichtete lyrische Prosa, die man – nicht nur des intensiven Vortrags wegen – unter Hunderten von Stimmen problemlos wiedererkennen würde. Die Gedichte von Stephan Turowskis „Glückwunsch zur Wunde“ erzählen in zarter, grotesker und erschreckend klarer Sprache die Geschichte einer Verwandlung. Was eben noch das Glück war, ist im nächsten Moment schon die Hölle – und umgekehrt. Jan Röhnerts „Notes from Sofia“ versammeln Notizen und Gedichte, die nicht nur Zeichen und Topographie der heutigen Metropole Sofia und ihrer Landschaft zu erkunden suchen, sondern zugleich eine neue Poetik entwerfen: die eines sensiblen, neugierigen, nicht über, sondern in den Dingen stehenden Blicks, der die Dinge präzise und einfach zu Papier bringt.
19. März 2011
16:00 Uhr
Veranstaltungsart leipzig.liest.in.der.spinnerei
Mitwirkende Achim Wagner, Adrian Kasnitz, Jan Kuhlbrodt
10 Jahre parasitenpresse
Jubiläumslesung: Zehnjähriges Jubiläum der Kölner parasitenpresse und Start des Buchprogramms des Aachener [SIC] – Literaturverlages
Die parasitenpresse aus Köln beging im letzten September ihr zehnjähriges Jubiläum und der Aachener [SIC] – Literaturverlag startet in diesem Frühjahr sein Buchprogramm, nachdem vier Nummern der gleichnamigen Zeitschrift enormen Zuspruch fanden. Beide Ereignisse wollen wir mit einer Lesung feiern und freuen uns, in den Räumen der Galerie B2 den entsprechenden Rahmen zu finden.
Lesung mit Achim Wagner, Jan Kuhlbrodt und Adrian Kasnitz (der Texte des belgischen Dichters Serge Delaive lesen wird.)
Die Autoren:
Der Dichter Serge Delaive wurde 1965 in Lüttich geboren, wo er auch lebt. Nach verschiedenen Jobs ist er jetzt als Pädagoge, Schriftsteller und Fotograf tätig. Seit 1995 sind von ihm vier Romane und zehn Gedichtbände in Belgien und Frankreich erschienen. Außerdem betreut er den Verlag Le Fram, der die gleichnamige Literaturzeitschrift herausgibt. In 2009 wurde er mit dem belgischen Rossel-Preis ausgezeichnet.
Serge Delaive: Wie er heute stolperte. Gedichte aus dem Französischen von Tom Nisse und Adrian Kasnitz, 14 Seiten, Preis 5,- € (Oktober 2010)
Jan Kuhlbrodt, geb. 1966 in Karl-Marx-Stadt/Chemnitz, lebt als freier Autor in Leipzig. Er studierte Politische Ökonomie in Leipzig, Philosophie in Frankfurt/M. sowie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Von 2007 bis 2010 war er Redakteur der Literaturzeitschrift EDIT. Zuletzt erschienen von ihm die Gedichtbände Verzeichnis und Wagnis Warteschleife (Lyrikedition 2000) sowie die Romane Schneckenparadies und Vor der Schrift (Ploettner Verlag).
Jan Kuhlbrodt: Zentralantiquariat. Gedicht, 14 S., 5,- € (Lyrikreihe Bd. 025)
Achim Wagner, geb. 1967, lebt in Köln und Istanbul, mehrere Lyrikbände (zuletzt vor einer ankunft, yedermann, 2006). Achim Wagner wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem sechsmonatigen Istanbul-Stipendium der Kunststiftung NRW (2009) und dem Johannes-Poethen-Stipendium des Stuttgarter Schriftstellerhauses (2010).
Achim Wagner: flugschau. Gedichte. 62 S. 16,- €
Ort Baumwollspinnerei, Galerie b2_, Spinnereistraße 7, Gebäude 20, 04179 Leipzig (Plagwitz)
Reihe Junge deutschsprachige Autoren, leipzig.liest.in.der.spinnerei, Literatur unabhängiger Verlage
Sa, 19.03.11 20:00
Thomas Kunst
Galerie KUB, Kantstraße 18, Leipzig
„Thomas Kunst liest aus seinem neuen Gedichtband „Legende vom Abholen“. 1965 in Stralsund geboren, seit 1987 in Leipzig, zahllose Preise und Stipendien, fast ein Dutzend fantastische Bücher. Kunst zählt zu den Wenigen, die in deutscher Sprache überzeugen, Gedichte die fesseln, lachen lassen, wilde Party feiern, trinken, an einem haften bleiben.“
(Bitte beachten Sie auch die Kommentare)
17.03.2011 – 21:00
Galerie MZIN, Paul-Gruner-Straße 64
Freie Radikale Lyrik
Konstantin Ames, Synke Köhler, Simone Kornappel, Dagmara Kraus, Christian Lux
18.03.2011 – 12:00
Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand C200
Lesung mit Kevin Prufer und Mary Jo Bang.
18.03.2011 – 20:00
Lindenfels Westflügel, Café
Lesung der unabhängigen Verlage mit Adrian Kasnitz
18.03.2011 – 20:30
The English Room, Käthe-Kollwitz-Straße 54
Transatlantisches Wetterleuchten mit Mary Jo Bang und Kevin Prufer
18.03.2011 – 21:00
Alte Hauptpost, Historische Schalterhalle
Die Party der Jungen Verlage
18.03.2011 – 21:30
Lindenfels Westflügel, Café
Katharina Schultens
Lesung der unabhängigen Verlage mit Katharina Schultens
19.03.2011 – 20:00
Hochschule für Grafik und Buchkunst, Galerie
Mary Jo Bang, Kevin Prufer, Daniela Seel
Teil der Bewegung. Lyriknacht an Musik
20.03.2011 – 12:30
Leseinsel Junge Verlage, Halle 5, Stand C200
Mary Jo Bang, Annette Kühn
Eskapaden
kookbooks auf der Leipziger Buchmesse: Halle 5 C207. 17. bis 20. März 2011, Donnerstag bis Sonntag, jeweils 10.00 bis 18.00 Uhr, Neue Messe Leipzig
17.03.11
Waldfrieden-Connewitz, Leipzig
ROUGH POETRY PERFORMANCE. Mit Elke Erb, Christian Filips, Ulf Stolterfoht, Konstantin Ames, Martina Hefter, Jan Kuhlbrodt, Rick Reuther, Daniela Seel u.a.
Donnerstag, 17. März 2011, ab 20.30 Uhr … Open End. Ab 22.30 Uhr: Open Stage … Waldfrieden-Connewitz, Bornaische Straße 56, Leipzig
17.03.11
Moritzbastei, Leipzig
Lange Leipziger Lesenacht L3. Alexander Gumz und Daniela Seel lesen.
Donnerstag, 17. März 2011, 22.00 Uhr Moritzbastei, Ratstonne, Universitätsstraße 9, Leipzig, 04109 Leipzig (Zentrum)
17.03.11
Moritzbastei, Leipzig
Lange Leipziger Lesenacht L3. Die jungen Magazine Bella triste, Edit und sprachgebunden präsentieren Peter Neumann, Laura Lichtblau und Hendrik Jackson.
Donnerstag, 17. März 2011, 23.00 Uhr Moritzbastei, Schwalbennest, Universitätsstraße 9, Leipzig, 04109 Leipzig (Zentrum)
18.03.11
kookbooks präsentiert die neuen Gedichtbände auf der Leseinsel der Jungen Verlage: Alexej Parschtschikow »Erdöl«, vorgestellt von seinem Übersetzer Hendrik Jackson, Alexander Gumz »ausrücken mit modellen«, Mathias Traxler »You’re welcome« und Daniela Seel »ich kann diese stelle nicht wiederfinden«.
Freitag, 18. März 2011, 17.00 Uhr, Leipziger Buchmesse, Halle 5, Leseinsel der Jungen Verlage, Neue Messe Leipzig
18.03.11
Lindenfels Westflügel, Leipzig
UV – die Lesung der unabhängigen Verlage. Mit Thomas Böhme, Alexander Gumz, Katharina Hartwell, Hannes Köhler, Jan Kuhlbrodt, Katharina Schultens, Mathias Traxler, Tube, Frédéric Valin u.v.m. Eine Veranstaltung von bilger, connewitzer, luxbooks, kookbooks, luftschacht, mairisch, mdv, Milena, Plöttner, poetenladen, secession, Verbrecher und Voland & Quist. http://www.uv-lesung.de
Freitag, 18. März 2011, 20.-24.00 Uhr, Lindenfels Westflügel, Hähnelstr. 27, 04177 Leipzig
19.03.11
Lesekonzert
HGB, Leipzig
Teil der Bewegung. Lyriknacht an Musik. Mit: Mary Jo Bang (USA), Martina Hefter, Jean Krier (Luxemburg), Nadja Küchenmeister, Kevin Prufer (USA), Ulrike Almut Sandig, Daniela Seel, Mathias Traxler und Sandra Trojan. Musik: Kat Frankie (Sydney/Berlin). Moderation: Alexander Gumz und Mathias Zeiske. Eine Kooperation der Verlage und Zeitschriften EDIT, kookbooks, luxbooks, poetenladen und Schöffling & Co. mit dem Texttonlabel KOOK, dem Generalkonsulat Leipzig und der Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.
Samstag, 19. März 2011, 20.00 Uhr, Galerie der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Wächterstr. 11, 04107 Leipzig
Freitag 18. März 2011 19:00 Uhr, Marktgalerie Markt 11Don Francisco de Quevedo y Villegas (1580-1645) „Arschäugleins Freuden und Leiden“ – eine barocke Satire. Erstmals ins Deutsche übersetzt von Jürgen Buchmann
Sonnabend 19.03, 19:00, MZIN – Buchhandlung und Galerie Paul Gruner Straße 64 „Vergessene Großmeister der Moderne“
Deusche Neuausgaben des „Gaspard de la nuit“ von Aloysius Bertrand vorgestellt vom Übersetzer Jürgen Buchmann und „Phonetik des Theaters“ von Alexei Krutschonych, präsentiert vom Übersetzer Valeri Scherstjanoi
Mitveranstalter: Eudora Verlag
Mitveranstalter: Kulturschule, fhl Verlag Leipzig
Anlässlich des diesjährigen Welttages der Poesie am 21. März 2011 richtet lyrikline.org die Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Lyrikübersetzer. Auf unserem lyrikline.org blog finden sich vom 15.3 an bis zum 21.3. täglich neue Statements von Lyrikübersetzern zu den besonderen Herausforderungen Ihres Faches.
Zudem präsentieren wir auf lyrikline.org täglich wichtige neue Dichterstimmen und täglich ein Gedicht zum Thema ‚Sprachen & Übersetzen’.
Vielleicht haben Sies zuerst beim System BRUETERICH gelesen, dann ist es gut. Wenn nicht, müssen Sie entscheiden, ob Sie hier weiterlesen oder erst dorthin klicken; denn sonst hätten Sies zuerst hier gelesen. Nämlich dies (unterm Strich gehts weiter):

In der Zeit schreibt David Hugendick über die serbische Literaturszene. 2 Auszüge
1
Pluralismus. Dieses Wort fällt oft, egal, mit welchem Schriftsteller man redet. Der Lyriker Dragoslav Dedović beschreibt die Literaturszene des Landes als ein Aquarium, in dem große und kleine Fische aneinander vorbeischwimmen. „Es gibt einige Gräben“, sagt Dedović, der bis zum vergangenen Jahr Serbiens Auftritt auf der Messe koordinierte: rural gegen urban, eskapistisch gegen gesellschaftskritisch, nationalistisch gegen kosmopolitisch. Das mache die Szene nicht übersichtlicher.
2
Zu Zeiten Milošević‘ habe Végel zuweilen Angst gehabt, auf die Straßen zu gehen. Als der Narzissmus der kleinen Unterschiede das Land beherrschte. Als es wichtig wurde, auf welchem Buchstaben der eigene Name endet und wie man ihn ausspricht. Darüber schweige die Literatur heute meistens leider, sagt Végel. Lieber sagten ihre Schöpfer: Die Prosa müsse autonom sein. Anstatt zu bewältigen, was seit nahezu zwanzig Jahren Schatten über das Land wirft.
Auch bei den russischen Futuristen gibt es noch Ausgrabungen zu machen. Der junge Leipziger Verlag Reinecke und Voß gibt ein Buch von Alexej Krutschonych heraus, übersetzt von Valeri Scherstjanoi.
Alexej Krutschonych, geb. 1886 als Bauernsohn in der heutigen Ukraine, studierte Kunst in Odessa und Moskau. Er war Futurist, Dichter, Zeichner, Sammler und Herausgeber von Künstlerbüchern. Neben Majakowski und Chlebnikow war er Mitautor der wichtigsten Manifeste des russischen Futurismus, u.a. „Eine Ohrfeige dem öffentlichen Geschmack“, 1912.
Er verfasste 1912 das erste Sa-um-Gedicht Dyr bul stschyl:
| Zaum | Transliteration |
| Дыр бул щыл убещур скум вы со бу р л эз |
Dyr bul shchyl ubeshchur skum vy so bu r l ez |
(aus der englischen Wikipedia – dort und in der russischen Version gibt es mehr Links als in der deutschen)
In Tiflis gründete er mit Igor Terentjew und Ilja Sdanewitsch die futuristische Gruppe «41°». Zu Beginn der 20er Jahre kehrte er nach Moskau zurück und veröffentlichte in der „LEF“ – Zeitschrift und im Verlag „MAF“.
Nach Majakowskis Selbstmord (1930) distanzierte sich Krutschonych von allen literarischen Aktivitäten. Er starb 1968 als teils belächelter, teils abgelehnter Sammler und Bibliophiler in Moskau.
In der Phonetik des Theaters sieht Krutschonych den Dichter als Akteur einer theatralischen Inszenierung. Die sa-umnische Sprache erlaube dabei „die Worte entsprechend einer bestimmten phonetischen oder einer anderen Aufgabe zu zerbröckeln. Das Wort wird biegsam, schmelzbar, schmiedbar und dehnbar.“.
Die neue Sprache wird „zu einer emotionalen Begleitung“ der Stummfilmkunst und „strebt danach, international zu sein, wie das Film-Theater“
Der Text ist eine Collage aus sa-umnischen Gedichten und Beiträgen von Krutschonych und seinen Mitstreitern.
Alexei Jelissejewitsch Krutschonych „Phonetik des Theaters“
Übersetzt, eingeleitet und kommentiert von Valeri Scherstjanoi.
1. Auflage
978-3-9813470-5-0
Paperback: 19×12
10 Euro
Hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages eine Textprobe:
Die Probleme, die aus der Erscheinung der sa-umnischen Sprache erwuchsen, sind folgende:
1. Bildliche und phonetische Seite der sa-umnischen Sprache.
Bis heute beachteten die Forscher hauptsächlich die lautliche, phonetische Seite der Sa-um; man beschuldigte uns sogar, die Poesie in den Bereich der Musik zu überführen, d.h. sie, die Poesie einer der wichtigsten Teile der Wortbildhaftigkeit zu entledigen. Und dabei vergaß man völlig, dass wir mit der Herausbildung der Wortverschiebungen und der sa-umnisch-synthetischen Worte eine völlig neue Position eines sa-umnischen Bildes gebracht haben, das durch unsere Worte ausgedrückt wird. Beispiele: сарун, мизюнь, трусть, рококовый рококуй, гнестр, петер usw.
[sarunʲ mʲzʲunʲ trustʲ rɔkɔkɔvɨj rɔkɔkuj
gnʲɛstr pʲɛtʲɛr]
„Das ist des Windes zärtlicher pjeter“ [pʲɛtʲɛr]
(W. Chlebnikow). Im Wort петер [pʲɛtʲɛr] wird das Verb singen [pʲɛtʲ] mit dem Substantiv ветер [vʲɛtʲɛr] zusammengeschlossen. Das Lied des Windes wird im Wort [pʲɛtʲɛr] gegeben: Ein neues, noch nicht genau bestimmtes Bild, das teilweise an den Hahn петух [pʲɛtux] erinnert.
Im sa-umnischen Wort sind immer Teile verschiedener Wörter enthalten (Sinne der Bilder), die ein neues sa-umnisches, aber nicht genau bestimmtes Bild geben. (Beispiel: Das Wort [pʲɛtʲɛr] lässt auch eine andere Deutung zu, als jene, die wir ihm gegeben hatten). Die phonetische Seite des sa-umnischen Wortes ist keinesfalls eine Lautnachahmung (aj-aj oder mjau-mjau), sondern eine selbständige und immer ungewöhnliche Lautverbindung. Beispiel:
Хо – бо – ро
Мо – чо – ро
Во – ро – мо
Жлыч
[xɔ bɔ rɔ
mɔ tʃʲɔ rɔ
vɔ rɔ mɔ
ʒlɨtʃʲ]
Die Aufgabe der sa-umnischen Sprache ist: Eine für die gegebene Sprache ungewöhnliche Lautreihe zu erspüren, das Ohr und den Hals, die den Laut aufnehmenden und reproduzierenden Organe des Hörens und des Sprechens zu erfrischen. An weiteren Problemen deuten wir an:
2. Die Schicksale der sa-umnischen Sprache:
a. bis zu welchem Grade ist die sa-umnische Sprache in der Poesie zulässig (einzelne Wörtchen, kleine Verse, ganze Poeme, Dramen, Romane)?
b. welcher Sprache gehört die Zukunft in der Kunst – der gewöhnlichen oder der sa-umnischen, und ist die Sa-um nur die Verjüngung der alten Sprache, oder wird sie von ihr völlig verschlungen?
3. Die sa-umnische Sprache und die Öffentlichkeit:
a. ist die Sa-um eine Ausgeburt des Individualismus, des subjektiven Genießens der Welt, oder trägt sie in sich einen kollektiven Anfang, wird sie von den Massen gebraucht? (Massensignalisation).
b. ist die Sa-um eine Sprache der Zukunft (Gegenstandslosigkeit, Konstruktivismus), oder der Vergangenheit (Barbarei, primitiv)?
Bisher sind meine Meinung und mein Glaube derart
SA-UM IST EINE NEUE KUNST, GEGEBEN VOM NEUEN RUSSLAND
der ganzen erstaunten und verwirrten Welt.
Nelly Sachs wollte als Person hinter ihrem Werk verschwinden, im Dunkeln bleiben, damit nur ihre Worte wichtig seien. Vermutlich ein Hinweis darauf, wie die Gedichte der jüdisch-deutschen Schriftstellerin während des schwedischen Exils entstanden: in der Nacht und bei gelöschtem Licht, um nicht ihre kranke Mutter in der winzigen Einzimmerwohnung zu stören.
Dabei hatte alles so gut begonnen im Leben der Nelly Sachs – mit einer behüteten, möglicherweise sogar überbehüteten Kindheit seit der Geburt in Berlin 1891. Diesen Lebensweg bis zu ihren mehrfachen Aufenthalten in Nervenkliniken ab 1960, dem 1966 verliehenen Nobelpreis für Literatur und dem Tod im Mai 1970 zeichnet nun das Jüdische Museum Frankfurt nach, in einer Wanderausstellung, die bereits in Berlin, Stockholm und Zürich zu sehen war. …
Bis in die 80er Jahre wurde sie gelesen, danach ebbte das Interesse ab. / Christian Huther, Frankfurter Neue Presse
Jüdisches Museum, Untermainkai 14–15, Frankfurt, Telefon (069) 212-388 04.
Bis 31. Juli, dienstags und donnerstags bis sonntags 10–17 Uhr, mittwochs 10–20 Uhr. Eintritt 8 Euro.
Internet http://www.juedischesmuseum.de
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