23. Gedicht

ICH HÄTTE DIESE GASTPROFESSUR IN SÜDKOREA NIE
Und nimmer annehmen dürfen, allein schon wegen
Dir und dann auch noch in der Vorweihnachtszeit, in
Einer gemäßigten Klimazone mit ein paar
Sauberen Märkten und Stranden in Busan, eigentlich
Wollte ich an deinem Nikolaustag allein mit dem Bus
An die Flußmündung des Nakdonggang fahren, habe
Es dann aber doch vorgezogen, mit meinen
Drei Lieblingsstudentinnen Mi-jung, Yang-soon und
Phuong zum Beomeosa Tempel zu wandern, um dort
Vom Quellwasser mit den magischen Kräften zu
Kosten, im Kollegium änderte sich danach für mich
Einiges, ich wurde von diesem Zeitpunkt an
Nie mehr zum abendlichen Gesaufe auf dem Campus
Eingeladen, wahrscheinlich, weil auch Phuong Park
Diesen Ausflug mitgemacht hatte, die amtierende
Miss U-Bahn-Bibliothek, die auf der Welt so ziemlich
Einzigartig war, ich hatte meinen Kollegen
Im Nachhinein erklärt und es dann leider nicht sofort
In ihre Landessprache übersetzen lassen, daß wir zu
Viert versucht haben, einen Dreizehnzeiler
Des Nationaldichters Ri Tsche Hjon
Aus dem vierzehnten Jahrhundert nachzustellen,
Nachts auf einer Dienstreise im Boot, wenn das
Der König wüßte, oben auf dem Berg, auf dem
Kumjong-san, Fische und Wein, Asiatinnen und kleine
Brüste, von
Wegen, ich hatte meinen Kollegen ebenfalls
Erklärt, daß wir in der Dunkelheit wirklich nicht mehr
Zurückwollten und dabei zum Glück
Alles um uns herum vergessen haben, unser Gefolge, die
U-Bahn-Bibliothek, das
Freie Gymnasium in Zwenkau, die
Berge.

 

Thomas Kunst, aus dem soeben erschienenen Gedichtband

Legende vom Abholen
Edition Rugerup
Geschichten von Liebe, Ernüchterung und der Hartnäckigkeit von Illusionen in hinreißenden Gedichten.

22. Der Fall Oskar Pastior

„Unterzeichneter Pastior Capesius Oskar Walter, geboren am 20. Okt. 1927 in Sibiu, Sohn von Pastior Oskar Robert, von Beruf Reporter, derzeit angestellt beim Rundfunk, wohnhaft in Bukarest, Rayon 23. August, V.-Stroescu-Straße 42, habe im Lauf der Untersuchung gestanden, daß ich Gedichte mit feindlichem Charakter geschrieben und diese an verschiedene Personen weitergegeben habe. Ich bin mir dessen bewußt, daß diese meine Aktivität strafbar ist und verlange von den Organen der Securitate, mir die Möglichkeit zu geben, mich zu rehabilitieren und durch konkrete Taten meine Ehrlichkeit und Treue zum Demokratischen Regime der Volksrepublik Rumänien zu beweisen. Hierfür werde ich mir alle Mühe geben, um dem Regime der VRR feindliche Elemente zu enttarnen. Die Informationen, die ich liefern werde, werden ehrlich und objektiv sein und ich werde nichts von all dem verschweigen, was ich erfahre, ungeachtet der Person. Ich werde die Informationen schriftlich geben und diese mit dem Namen Stein Otto unterzeichnen.“

4.3.2011 – 20:00 Uhr

Museum Folkwang

Museumsplatz 1
45128 Essen

Urs Allemann und Ernest Wichner in Lesung und Gespräch.

Museum Folkwang Essen

21. Gestorben

Der Dichter John Haines starb am Mittwoch im Alter von 86 Jahren in Fairbanks (Alaska). Er veröffentlichte mehr als 10 Gedichtbände sowie Essays und Erinnerungen. Der Autor Dan O’Neill nannte ihn „den besten Dichter und Schriftsteller, den Alaska je hervorgebracht hat“. Zuletzt lag er im Koma – sein langjähriger Freund John Kooistra las ihm dabei aus seinem ersten Gedichtband vor. / Mary Beth Smetzer, newsminer

20. Fasnetssprüche

„Giizig, gizzig, gizig, gizig isch der Itzig;
un willsch Dü kei itzig si, döasch uns was ins Gigili ni!“…

… so schallt es heute noch aus Kindermündern in manchem Dorf im Südbadischen zur Faschingszeit. Die Kinder wissen nicht, was sie da rufen – meist haben sie es von den Großeltern gelernt oder von älteren Leuten, an deren Türen sie um Süßigkeiten für ihre Tüten bitten. „Übersetzt“ man diesen Spruch ins Hochdeutsche, so lautet er:

„Geizig, geizig, geizig, geizig ist der Jude.
Und willst Du kein Jude sein, gibst Du uns was in die Tüte rein.“

Itzig , diese alte, abwertende Bezeichnung für Jude, ist in ihrer Bedeutung den Kindern oft gänzlich unbekannt. Sie lernen diesen Spruch wie sie andere „Fasnetssprüche“ lernen. / Ramona Ambs, hagalil.com

Hans Thill schreibt:

der fastnachtsvers gitzig isch der itzig … ist eine spätere ergänzung zu dem heischbrauch-spruch horrig, hoorig, hoorig isch die katz // und wenn die katz nett hoorig wär, dann fängtse keine mäuser mehr usw.

das ist ein verbreitetes muster mündlicher dichtung, das eine serienproduktion ermöglicht. vielleicht weiß jemand, wann und wo die itzig-varianten aufkommen? oder kennt andere varianten? falls jemand einschlägige literatur zuhause hat – nachträge willkommen!

19. Itzig

Witzige Kölner

Ein kleiner Beitrag von Axel Kutsch zu den närrischen Tagen:

Im Dritten Reich
verspotteten
Kölner Karnevalisten
den „Itzig“.

Kölner Karnevalisten
waren schon
immer witzig.

(Itzig – abwertende Bezeichnung für Jude. Während der Gewaltherrschaft der Nazis wurden Juden in Kölner Rosenmontagszügen verspottet, was noch Jahrzehnte nach dem Ende des 2. Weltkriegs links und rechts vom Dom ein Tabuthema war.)

18. Pro Pound, contra Rum-pum-pum

Charles Olson war traurig und wütend über Pounds Vorurteile, aber das hinderte ihn nicht daran, ihn regelmäßig in der Nervenklinik zu besuchen, in die man ihn gesteckt hatte. „Olson rettete mein Leben“, sagte er später.

Denn Tatsache ist, Pound ist wichtig und wo er gut ist, sehr gut. Mehr oder weniger allein erfand er die Lyrik des 20. Jahrhunderts, den Modernismus, will sagen die Sorte Literatur, die ehrgeizig ist, intellektuell und musikalisch aufwühlend und oft verstörend. Das Gegenteil, kurz gesagt, der rum-pum-pum-Schule Betjemanesquer Holperverse [rumty-tumty-tum school of Betjemanesque doggerel], die man hier liebt.

Natürlich machte Pound poetische Fehler (obwohl nicht so gravierend wie seine politischen Fehler); er hoffte, daß die Cantos „die Welt zusammenhalten“ würden, und in meiner Jugend glaubte ich tatsächlich, daß sein Werk im Kern die gesamte Weltgeschichte und -literatur umfaßt, was nicht zutrifft; und ich vermute, sehr wenige Leute außerhalb der akademischen Welt haben sie je komplett gelesen.

Aber sie enthalten viele Zeilen von großer Schönheit, und die 130seitige Auswahl in diesem schönen Band gibt eine gute Vorstellung davon (obwohl ich die eine oder andere umstrittene Zeile vermisse). Sie haben auch Anmerkungen, so daß die Anspielungen und Zitate aus fremden Sprachen, die die Leser seinerzeit irritierten und auch den heutigen Leser verblüffen, kein Hindernis mehr darstellen. (Pound sagte, das sei ohnehin nicht wichtig und man könnte das überschlagen, bis man wieder auf ein Stück stoße, das man verstehen kann). / Nicholas Lezard, Guardian 29.1.

Selected Poems and Translations of Ezra Pound 1908-1969
by Richard Sieburth

Hier ein Brief von Ernest Hemingway an Archibald MacLeish mit dem Tenor: „Pound ist offensichtlich verrückt“.

17. Lider Togbuch aufgeführt

Gilead Mishory, 1960 in Jerusalem geboren, Musikprofessor in Freiburg, spielte im Lyrik Kabinett München „vor wenigen Connaisseurs“ seine Vertonung von 13 Gedichten des großen jiddischen Dichters Abraham Sutzkever, berichtet die Süddeutsche:

Für Mishory war Jiddisch in jungen Jahren die (Fremd-)Sprache des Großvaters, mit der der Klavierstipendiat, Ironie des Schicksals, erst 1984 in München näher in Berührung kam. Sutzkevers Sprache – ‚ein immenses Glühen, das übersprang‘ (Mishory) -, bildhaft, heimelig, weh, aber auch voller Humor, hat ihn zu dieser seiner ersten Komposition motiviert, der noch weitere Literaturvertonungen, zum Beispiel von Werken Else Lasker-Schülers und Marc Chagalls, folgten.

Das ‚Lider Togbuch‘ wurde anlässlich des Israel-Schwerpunkts der Münchner Frühjahrsbuchwoche uraufgeführt und damals nicht weiter zur Kenntnis genommen. Ein Fehler. Der Lieder-Zyklus beginnt mit klirrenden Akkorden – ein Sonnenaufgang wie splitterndes Glas. Dieses schmerzende Vorspiel verweist auf die nur angedeutete Düsternis unter dem Sonnenglast und erfasst damit das vieldeutig Schillernde. Mishori selbst singt die Gedichte. Bei den ersten könnte man meinen, er habe Schönbergs Sprechgesang fortgeschrieben. Stimmt. Aber seine Komposition kennt viele Farben und Schichten. Bei der ‚Abgehackten Hand‘, einer gruseligen Ballade, schwingt er scharfe Konsonanten statt einer Axt. /  Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung

16. Pessoa vorgestellt

Am Dienstag, 15. März, stellt Johann Westra im Bad Rothenfelder Literaturforum bei Bücher Beckwermert um 19.30 Uhr ein literarisches Porträt des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa vor. …

Sein literarischer Nachlass umfasste 27543 Manuskripte in zwei Truhen. / Neue Osnabrücker Zeitung

15. „Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch“

Einen Artikel für eine große deutsche Tageszeitung habe er schreiben sollen. Doch Frieder Schuller lehnte ab. Stattdessen setzte er sich an seinen Schreibtisch und verfasste ein Theaterstück.

„Ossis Stein oder Der werfe das erste Buch. Ein rumänischer Volkstanz mit wechselnden Paaren“ ist Schullers Beitrag zur Diskussion um die Securitate-Mitarbeit des Lyrikers Oskar Pastior. / Siebenbürgische Zeitung

14. In eigener Sache

Bist du sicher, dass du das tun möchtest?

Das fragt mich WordPress, wenn ein Leser erstmals einen Kommentar schreibt. Wenn ich ihn freigebe, sind alle weiteren Kommentare desselben Autors dann frei.

Nein, ich bin nicht sicher. Anonyme Schmähungen sind eine Plage des Internets, der man kaum Herr werden kann. Wenn aber jemand eine Person auf persönliche Weise attackiert und sich obendrein den nom de guerre „Resident evil“ gibt, muß ich passen. Auf solche Meinung kann und will ich verzichten, sela.

Um dieser Nachricht etwas Gehalt zu geben, füge ich die aktuellen Top-Klick-Zahlen ein:

Heute

131. Europa als Gedanke, Gewissheit und Realität 73
113. Literarischer März mit 12 Autoren 69
6. Ana Blandiana in Berlin 24
2. Zurückgetreten 20
10. Und was ist politische Lyrik? 14
4. Kochbuchautorin und Lyrikerin 14
5. Mutiger Protestbrief 1984 13
11. Heute in der „Lyrikmail“ 10

 

(Zum Vergleich: Startseite 864)

Gesamt:

 

100. Thien Tran (31) gestorben 1,115
76. Zeit lobt Lyrik 964
57. Weiszklee schreibt über open mike 728
137. Lyrikstationen 2009 (12) 697
113. Literarischer März mit 12 Autoren 654
25. Mitmachen! 543

(Startseite 282.355)

 

13. Tanz mit dem Tod

Es gibt wenige Texte der deutschen Gegenwartslyrik, deren Tanz mit dem Tod beharrlicher und zugleich zärtlicher wäre als die Gedichte von Ingeborg Kaiser. / NZZ 17.2.

Ingeborg Kaiser: gegen abend oder später. Lyrik und Prosa. OSL-Verlag, Riehen 2010. 100 S., Fr. 30.–.

12. Rilkes Stilblüten

Aus Elke Erbs „Poetics  4“, Poetenladen

nach 4 Rilkezitaten, deren viertes lautet:

Drittes Buch: Buch der Armut und vom Tode (1903)

Und willst du jetzt von mir: so rede recht –, / So bin ich nicht mehr Herr in meinem Munde, / der nichts als zugehn will wie eine Wunde; / und meine Hände halten sich wie Hunde / an meinen Seiten, jedem Ruf zu schlecht. (Mehr)

Immerhin paßt Herr zu Hunde. Ach!

Krasse Beispiele, denke ich, und das Verfehlte ist ja offensichtlich. Läßt es sich thematisieren?

Beim allmorgendlichen Lesen der 300 Seiten Gedichte aus seinem ersten Jahrzehnt hatte ich neben dem Erstaunen über dergleichen immer wieder das Gefühl, als stünde ich an einem flach dahinfließenden Gewässer, flach wie Gebirgsgewässer, dabei aber doch breit.

Das Erstaunen fragte: warum diese Stilblüten, merkt er es nicht?

11. Heute in der „Lyrikmail“

ein Gedicht von Horst Samson:

LYRIKMAIL #2377 SAMSON

SCHWEDENECK

Saukalter Wind zerbrach
Bäume. Kein Stern

Leuchtete, alle Sicherungen
Waren durchgebrannt.

Gott fluchte über dem Meer und schrie
Nach einem Elektriker,

Aber ich hatte zu lieben.
An der warmen Brust lag mir

Eine Sirene. Herrlich roch sie
Nach Fisch und nach Algen

Horst Samson (*1954)

Und wenn du willst, vergiss

www.horst-samson.de

www.lyrikmail.de/

Samson in L&Poe

„Das ist schön“, sagt meine Frau. Recht hat sie. Es muß in meine Anthologie.

10. New Poetry

In der März-Ausgabe von Poetry Gedichte des indischen Mystikers und Dichters Kabir (1440-1518) sowie von Sarah Lindsay („Shanidar, Now Iraq“), Carolyn Forché, Daisy Fried, Paul Hoover, Clive James und neue Benn-Übersetzungen von Michael Hofmann:

Can Be No Sorrow
Little Aster
Beautiful Youth
Threat
Tracing
A Shadow on the Wall
Think of the Unsatisfied Ones
Hymn
People Met
Last Spring

9. Begrabene Gedichte

Über die amerikanische Künstlerin Nancy Holt, die derzeit in Karlsruhe ausgestellt ist, schreibt die Frankfurter Rundschau:

„Buried Poems“ ist Nancy Holts exzentrische Hommage an Freunde und Freundinnen. Sie brachte eigene Gedichte unter die Erde. Die Auserwählten bekamen ein Booklet mit Richtungsangaben, dazu Fotos und Karten, angefangen von der Weltkarte bis zur Region, sowie der Ortsannäherung dienendes geologisches und botanisches Material. Wegen der auf eine lange Zeitspanne, bis auf eine knappe Lebenszeit angelegten Suchaktionen waren die Gedichte in Vakuumbehältern verschlossen.