38. Eine neue „Zeit“

Politische Lyrik ist tot, seit Jahrzehnten schon, abgesehen von Autoren wie Volker Zastrow, dem Politik-Verantwortlichen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, der Texte schreibt, zuletzt über Karl-Theodor zu Guttenberg, die in Form und Inhalt so speziell sind, dass man sie dichterisch nennen kann. Die Zeit, die wie die FAS einmal in der Woche erscheint, druckt auch oft spezielle Artikel, aber einen Zastrow hat sie nicht. Vielleicht auch deshalb startet sie nun eine ungewöhnliche, in jedem Fall beachtenswerte Kampagne: für politische Lyrik.

Elf deutsche Dichter – sechs Frauen und fünf Männer – sollen sich beginnend mit der Ausgabe von dieser Woche und mindestens bis Ende des Jahres mit Politik beschäftigen. Es sind: Marion Poschmann, Daniela Danz, Michael Lentz, Hendrik Rost, Ulf Stolterfoht, Nora Bossong, Ann Cotten, Herbert Hindringer, Jan Wagner, Monika Rinck und Uljana Wolf. Bekannt sind sie alle, in Dichterkreisen, allerdings noch nicht für eine irgendwie politische Beobachtungsgabe.* …

‚Selig sind die Lyrikerinnen, denn sie werden die Streitkräfte übernehmen‘, beginnt einer der Texte, er stammt von Monika Rinck. Wie schreibt Zastrow: ‚Eine neue Zeit hat begonnen.‘ / MARC FELIX SERRAO , Süddeutsche

*) ganz im Gegensatz zur poetischen Beobachtungsgabe der Presse also

37. Serbien, offene Szene

Serbien ist Schwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse 2011. Konsequent folgt die Messe damit ihrer Akzentuierung auf Südosteuropa (2007 Slowenien und 2008 Kroatien). Eine deutschsprachige Seite http://literatur.rs/ liefert viel Material.

Ich grübele ein wenig über den Eingangssatz von Mihajlo Pantić zu einem Überblicksartikel über „Die neue Gestalt der serbischen Literatur“:

Die zeitgenössische serbische Literatur, Prosa und Drama mehr als Poesie, folgt ihrem Lebenselement, schwimmt mit dem Strom und gegen ihn, hält den Kopf über Wasser, ruft manchmal um Hilfe, verführt dann und wann, mitunter gilt sie als weise und inspirierend, manches mal in seichten Wassern planschend.

Heißt das, Prosa und Drama würden stärker als die Poesie „ihrem Lebenselement folgen“, „mit oder gegen den Strom schwimmen, um Hilfe rufen, verführen und mal weise sein, mal seicht“? Oder daß, wie andernorts auch, andere Gattungen wichtiger sind?

Etwa 10 Millionen Menschen sprechen die serbische Sprache, „nochmal so viele verstehen sie“, lesen wir, und mehrere Tausend neue Bücher erscheinen jedes Jahr. Vertraut mutet uns die Beschreibung an, die serbische lyrische Szene sei „sehr zergliedert und kaum kritisch erfasst“. Und wie viele Gedichtbände sind unter den tausenden Neuerscheinungen? Wenn wir die Übersichtlichkeit der Szene in Deutschland bedenken, wo uns immer mal wieder von Kennern mitgeteilt wird, es erschienen „ungefähr 17 Debüt-Gedichtbände“ im Jahr, von denen ja ohnehin nur ein Bruchteil in die überregionale Presse kommt, und der geschätzt höchstens Mitte 20 an Titeln überhaupt, die es in die Debatte schaffen, stehen bzw. sitzen wir in Ehrfurcht vor der Zahl von „einigen Hundert“ lyrischen Neuerscheinungen pro Jahr im viel kleineren serbischen Sprachraum. Pantić hat gedämpftere Vorstellungen von der Dimension dieses angenähert Zehntels der Buchproduktion, er spricht davon, daß „die Poesie sich, auf ihren ‚Kapillarwegen‘, wie eine Art Geheimwissen, trotzdem unter den restlichen selten interessierten Lesern (und Kritikern)“ ausbreite. Was uns wieder vertraut vorkommt.

Vertraut auch seine Beschreibung der Szene:

Mit dem Abgang der bedeutendsten und bedeutenden serbischen Lyriker im letzten Jahrzehnt des vergangenen und im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts, ist in der heutigen serbischen Poesie die offene, nicht-hierarchische Situation, in der die Prozesse der mythenbezogenen Reinterpretation der Kultur, die konstante Revitalisierung der Tradition und das Erproben der expressiven Macht der Sprache andauern, wiederhergestellt. Ich sehe keine Grund, einem aktuellen poetischen oder thematischen Konzept serbischer Poesie Vorrang einzuräumen: Alles ist im Spiel und hängt vom individuellen Talent und der erfolgreichen sprachlichen Realisierung ab.

Vielleicht wird man im deutschen Sprachraum trotz gewichtiger Verluste (ich nenne nur Wolfgang Hilbig, Thomas Kling und Ernst Jandl) kaum insgesamt vom „Abgang der bedeutendsten und bedeutenden“ Lyriker sprechen können. Wenn wir eine vergleichbare neue Unübersichtlichkeit haben, dann wohl eher durch das massive Auftreten zahlreicher neuer und neuartiger Stimmen in den letzten beiden Jahrzehnten. Trotzdem ein vergleichliches Bild, in dem kein einzelnes Konzept unbestritten herrscht und „alles im Spiel“ ist. Pantić:

Das Problem entsteht erst, wenn man eine Kanonisierung der Gegenwart vornehmen muss. Wer hier falsch beurteilt, verliert für immer. Ich bin glücklich, dass in diesen Verwicklungen, in denen es nicht leicht ist, sich zurechtzufinden, junge Autoren ihren Weg gehen, und dass die alten, ererbten Geschichten sie weder behindern noch zu stark binden. Die Gegenwartslyrik ist das Beste, das zur Zeit in der serbischen Literatur entsteht.

(Das meine ich ja von der deutschen auch).

L&Poe berichtet weiter.

36. Halles vergessener Dichter

Er gehört zu jenen wichtigen Dichtern des vergangenen Jahrhunderts, die schon zu Lebzeiten Ruhm, aber auch Vergessen erfuhren: Alfred Wolfenstein. Als im September 1945 eine Straße in seiner Geburtsstadt Halle nach ihm benannt wurde, war über den ein halbes Jahr zuvor verstorbenen Autor so gut wie nichts mehr bekannt. Denn zwölf Jahre NS-Regime hatten die Erinnerung an den jüdischen Erfolgsschriftsteller verdrängt. Während sein Werk inzwischen längst vollständig herausgegeben wurde, liegen viele Lebensabschnitte Wolfensteins nach wie vor im Dunkeln. …

Nachdem seine ebenfalls jüdische Lebensgefährtin Andrée Weil aufgegriffen und deportiert worden war, lebte Wolfenstein ganz allein. Er soll ein zweites Mal inhaftiert gewesen sein, in Scheunen und Ställen gehaust haben, doch nichts davon ist verbürgt. Im Februar 1944 tauchte Wolfenstein wieder im besetzten Paris auf. Dort lebte er unter dem Namen Albert Wörlin in ärmlichen Verhältnissen. Herzkrank wurde er in das Rothschild-Krankenhaus eingewiesen, wo er sich, depressiv und nervenschwach, am 22. Januar 1945 das Leben nahm. Der hallesche mdv-Verlag arbeitet derzeit an einem Lesebuch, das an Alfred Wolfenstein erinnern soll. / BERNHARD SPRING, Mitteldeutsche Zeitung 7.3.

35. Beste Gedichte

„Die besten deutschen Gedichtbände 2010“ nannte ich einen Vortrag, der hier angekündigt wurde. Proteste gab es nicht. Aber er war als Provokation gedacht. Ich glaube nicht an ein „absolutes Gehör“ für Lyrikkenner. Ich werde mißtrauisch, wenn jemand mit Bestimmtheit sagt, DER sei sehr gut oder DIE sehr schlecht. In der Regel will er oder sie damit etwas erreichen. Den eigenen Favoriten herausstreichen, mögliche Konkurrenten niedermachen. Nicht zuletzt den eigenen Rang als Kenner bekräftigen. Wer immer nur lobt, wird ausgeschlossen.

Ich habe die Formulierung von „schlechten Zeilen“ und „schlechten Gedichten“ auch in meiner Juryarbeit in den vergangenen Jahren oft gehört. Manchmal auch in Bezug auf Autoren, die dann das Rennen machten. Manchmal auf solche, die ich für ernsthafte Favoriten hielt, jemand anders aber nicht. Beim Huchelpreis gibt es sieben Juroren, alle zwei Jahre werden 3 oder 4 ausgetauscht. Vor 2 Jahren waren es 4 Neue – das änderte viel. Ich vermute, daß die Preisträger von 2008 und 2009, so unterschiedlich sie sind und so anders die Mehrheit jeweils zustandekam, mit der neuen Zusammensetzung nicht gewonnen hätten. Außer im Fall von Mayröcker 2010 waren es immer knappe Mehrheiten. Und Mayröcker hat ja schon zuvor oft Gedichtbände veröffentlicht – offenbar hatte sie vorher jeweils keine Mehrheit und nun eine klare.

Welches die besten oder „herausragenden“ Gedichtbände des Vorjahrs sind? Axel Kutsch und ich haben uns im Januar ein paar Namen zugerufen, er nannte „Das zweite Meer“ (Andreas Altmann), „Blinde Bienen“ (Kathrin Schmidt), „im felderlatein“ (Lutz Seiler) und „Frenetische Stille“ (Ron Winkler). Ich legte nach: Ann Cotten, Florida-Räume; Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir. Christoph Meckel, Gottgewimmer. Johanna Schwedes, Den Mond Unterm Arm. Wilhelm Bartsch, Mitteldeutsche Gedichte. Thomas Böhme, Heikles Handwerk. Nicht jeder wird so eine Liste konsensfähig finden – jedenfalls nicht in allen Teilen. Es war aber ein spontanes Zurufen, keine wohlabgewogene, geschweige denn abgestimmte Liste. (Sonst müßte ich sagen: Jan Wagner, Australien. etc. Raum zum Selbereintragen …………………………………………………………………………………………………………………………………

So, und jetzt ich wieder: warum nicht Dieter Schlesak, Der Tod ist nicht bei Trost? Ferdinand Schmatz, quellen? Uljana Wolf, falsche freunde? (Richtig, die hat den Huchel schon, der darf nur einmal vergeben werden). Warum nicht, wenn wir Debüts dabeihaben, Uljana Wolf bekam ihn ja ebenfalls für ihr Debüt, Martina Hefter, Nach den Diskotheken? Bernhard Saupe: Viersäftelehre? Konstantin Ames oder Christian Filips mit ihren roughbooks? Ich bin mir sicher, jeder Leser wird Einwände, vielleicht heftige, gegen die ein oder andere Nennung haben. Nicht jeder auch wird alle gelesen haben. Vielleicht nenne ich den ein oder andren ja nur deshalb nicht, weil ich ihn nicht gelesen habe. (Die hier genannten hab ich aber alle gelesen). Mancher wird auch von schlechten Gedichten oder wenigstens schlechten Versen sprechen. Aber läßt es sich beweisen? Ich glaube nicht an das Prinzip der Größe, an das absolute Gehör, das ist Priestertrug. Das gibts im „Großfeuilleton“ ebenso wie in den einzelnen Szenen, natürlich je verschieden. Aber in keinem Fall wird es sich beweisen lassen. Ich glaube an das Prinzip der Liste, an das Diskutieren und Aushandeln. In der Demokratie bestimmen die Dummen, wer uns regiert? Mag sein, aber sollen wir deshalb die Monarchie zurückfordern? Dumme Monarchen gibts auch.

Hier kann man abstimmen. (Ehrencodex: Bitte nur Namen von Autoren nennen, deren Bücher Du gelesen hast / Sie gelesen haben! Mehrfachnennung ist möglich, Mehrfachabstimmung nicht)

[Zusatz 14.3.: Abstimmung geschlossen. Auswertung folgt]

Vgl.

Jan #68. Peter-Huchel-Preis 2011 für Marion Poschmann

Jan #1. Listen · Zahlen ∙ Mut zur Lücke?

34. American Life in Poetry: Column 311

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Peggy Shumaker lives in Alaska, but she gets around the world. Here she takes us with her on a ninety-foot dive into colorful mid-Pacific waters.

 

Night Dive

 

Plankton rise toward the full moon
spread thin on Wakaya’s surface.
Manta rays’ great curls of jaw
scoop backward somersaults of ocean
in through painted caves of their mouths, out
through sliced gills. Red sea fans
pulse. The leopard shark
lounges on a smooth ramp of sand,
skin jeweled with small hangers-on.
Pyramid fish point the way to the surface.

 

Ninety feet down, blue ribbon eels cough,
their mouths neon cautions.
Ghost pipefish curl in the divemaster’s palm.
Soft corals unfurl rainbow polyps, thousands
of mouths held open to night.
Currents’ communion—giant clams
slam shut wavy jaws, send
shivers of water. Christmas tree worms
snap back, flat spirals tight,
living petroglyphs against the night.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2010 by Peggy Shumaker from her most recent book of poetry, Gnawed Bones, Red Hen Press, 2010. Reprinted by permission of Peggy Shumaker and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

 

 

33. Gestorben

Der Wallstein Verlag teilt bei Facebook mit, daß der Übersetzer Friedhelm Kemp gestorben ist. Bei Wallstein veröffentlichte er sein Standardwerk über „Das europäische Sonett„. Seine zweisprachige Baudelaire-Ausgabe in 8 Bänden tauchte seinerzeit auch mirakulöserweise in der DDR in „Das internationale Buch“ auf (wo es fast nur osteuropäische Bücher gab). Die deutschen Fassungen in Prosa ersetzen nicht das Original, sondern erleichtern die Lektüre. (Vor einigen Jahren erschien eine vierbändige Ausgabe bei Zweitausendundeins, nicht so schön gebunden, aber preiswert).

32. Die Allusion im siebten Vers

Theo Breuer spricht:

Die Leute lesen Gedichte, weil sie nicht wissen, wie sie ausgehn. Mit den beiden rhetorischen Figuren als Tandemspitze, mit der Metapher im dritten und der Allusion im siebten Vers, das ist in diesem Fall die Überraschung. Es ging einfach darum, diese rhetorischen Individualisten bei aller Freiheit in eine Ordnung und ins Kollektiv einzufügen. Taktisch bleibt das zwar ein Ringen: Ich weiß um die Gefahren, und ich weiß, daß sich die Gefahren noch oft genug zeigen wer den. Aber ich weiß auch, daß die Gedichte mehr Gewinn durch diese Konstellation haben. Das Wörterplus ist ausgeglichen: Die Allusion ist zehnmal erfolgreich gewesen, die Metapher neunmal, sie waren zusammen an 28 Gedichten beteiligt. Da ist die Aussicht auf Gewinn größer als das Risiko. / Mehr über Hinterland, Karneval und Fußball hier

31. Schlechte Gedichte

Ihre „Gedichte“, erstmals 1873 erschienen, lagen 1903 bereits in der achten Auflage vor. Sie waren jeweils nach Erscheinen schnell vergriffen. Denn Friederikes Bruder David, Gutsbesitzer und Autor einiger Novellen, kaufte die gesamte Auflage auf und ließ sie einstampfen. An diesem seinem ästhetischen Schamgefühl ging er schlussendlich auch wirtschaftlich zugrunde.

Seine Schwester Friederike war zu diesem Zeitpunkt von der Literaturkritiklängst schon zur Großmeisterin der unfreiwilligen Komik erklärt und auf die Spottnamen „schlesische Nachtigall“ und „schlesischer Schwan“ getauft worden. „Schlechte Gedichte müssen schon außerordentlich gut sein, um wirklich komisch zu sein“, versuchte der Dramatiker Peter Hacks dem Phänomen Friederike Kempner auf die Schliche zu kommen. / Westfälische Nachrichten

30. Aber ein kurzes!

SZ: Es gefällt Ihnen, Menschen zu irritieren, indem Sie plötzlich aufstehen und ein Gedicht rezitieren.

Hessel: Viele fragen, warum soll ich Gedichte hören, das tut mir doch nicht gut. Meine Kinder wissen, dass ich gerne lange Gedichte aufsage, und sie sagen dann: Papa, mais un court. / SZ

 

29. Kotzbrocken u. Klassiker

Wolf Wondratschek hat Prostituierte beschimpft, Kokain geschnupft – und unsterbliche Verse verfasst. Im Gespräch mit Sven Michaelsen zieht er die Lehren aus einem deutschen Dichterleben

(…) Heillos zerrüttet ist das Verhältnis der deutschen Frauenbewegung zu Wolf Wondratschek. Mal machten ihn gezielte Kotzbrocken-Statements zur Hassfigur („Ich habe den Frauen in meinem Leben sicher mehr Zeit geschenkt als ihnen zusteht“), dann wieder seine chauvinistischen Wutreden gegen die flaue Performance von Prostituierten, die er „Pritschen ohne Arbeitsmoral“ nennt. (…)

Welt am Sonntag: Herr Wondratschek, Sie waren einmal der meistgelesene Lyriker Deutschlands und hatten den Ruf eines großen Rock- und Sexualpoeten, der sein Leben zwischen Bar, Boxring und Bordell zubringt. Warum sind Sie vor 15 Jahren von München-Schwabing nach Wien gezogen?

Wolf Wondratschek: Ich wollte in der Heimat meines Lebensgefühls leben. Niemand weiß heute, wo ich wohne, niemand ist je in meinem Zimmer gewesen, und meine Telefonnummer haben nur noch ganz wenige Leute.

(…)

Wolf Wondratschek: Sie haben früh rauschhafte Kritiken bekommen.

Wolf Wondratschek: Reich-Ranicki schrieb gleich beim ersten Gedichtbuch diesen ominösen Satz, der mir seither schwer im Magen liegt: „Schon zu Lebzeiten ein Klassiker.“ Heute untersage ich jedem, das vorne oder hinten auf meine Bücher zu drucken.

(Autor: Sven Michaelsen steht darüber. In dem langen Gespräch steht nur beim ersten Mal „Welt am Sonntag“, danach über jeder Rolle „Wolf Wondratschek“. Ob Versehen oder Gag? Weiß ich nicht.)

28. „Leipzig liest“

Jetzt feiert Europas größtes Lesefest sein 20. Jubiläum mit über 2.000 Veranstaltungen, 1.500 Autoren und mehr als 300 Leseorten.

Zum Bücherfrühling 2011 erscheinen zahlreiche neue Romane deutschsprachiger und internationaler Autoren, spannende Belletristik-Debüts sowie Lyrikbände und Sachbücher. In diesem Jahr steht das politische Buch im Mittelpunkt.

Mit dabei in diesem Jahr sind unter anderem: Melinda Nadj Abondji, Jacob Arjouni, Mary Jo Bang, Zsuza Bank, Tanja Dückers, Thomas Glavinic, Wolfgang Herrndorf, Rolf Hochhuth, Wulf Kirsten, Angela Krauss, Helmut Krausser, Reiner Kunze, Erich Loest, Clemens Meyer, Doron Rabinovici, Sven Regener, Ulrike Almut Sandig, Sigurjón Birgir Sigurðsson, Peter Stamm, Uwe Timm, Birgit Vanderbeke, Wolf Wondraschek und Judith Zander.

Als Schwerpunktthema präsentiert sich diesmal Serbien auf der Leipziger Buchmesse. Für die Republik mit der umfangreichsten Buchproduktion unter den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens ist es der erste große Kultur-Auftritt im Westen seit den Balkan-Kriegen. Mehr als 40 Autoren reisen nach Leipzig. Dazu erscheinen mit Hilfe eines vom Belgrader Kultusministerium aufgelegten, vom europäischen Netzwerk Traduki unterstützten Förderprogramms rund 30 neue Titel erstmals auf Deutsch. Unter den Autoren sind David Albahari, Bora Ćosić, Milovan Danojlić, Otto Tolnai sowie László Végel. Alle Balkanliteraturfans können am 18. und 19. März im UT Connewitz zu „Der Balkan rockt“ Literatur und Musik aus Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien und Serbien erleben.

Das Lesefest bietet gerade dem literarischen Nachwuchs aus dem deutschsprachigen Raum eine besondere Plattform. Zum sechsten Mal präsentieren sich Independent-Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz auf einer eigenen „Leseinsel Junge Verlage“. Mit der Edition Moderne (30 Jahre) und Reprodukt (20 Jahre) feiern hier zwei Wegbereiter der Graphic Novel runde Geburtstage. Aus Mitteldeutschland kommen der Plöttner Verlag (Leipzig), die Tippgemeinschaft (Leipzig), Voland & Quist (Dresden/Leipzig), der Poetenladen (Leipzig), der Leipziger Literaturverlag, die Connewitzer Verlagsbuchshandlung (Leipzig) und der Mitteldeutsche Verlag (Halle/Saale).

Der erste gemeinsame Auslands-Auftritt der Schweizer Independents macht Leipzig noch ein Stück bunter: Auf einem 50 Quadratmeter großen Stand präsentieren sich 20 SWIPS-Verlage (Swiss Independent Publishers) – von bekannteren Namen wie Limmat, Dörlemann oder Bilger bis zu (Noch-)Geheimtipps wie Pudelundpinscher oder Der gesunde Menschenversand.

Ein Klassiker der jungen Literatur ist die Lange Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei. In diesem Jahr dürfen sich die Besucher auf rund 50 Nachwuchs-Dichter freuen. Im Lindenfels Westflügel, geht am 18. März die zweite Auflage von „UV – Die Lesung der unabhängigen Verlage“ über die Bühne. Daran schließt sich die Party der Jungen Verlage in der Schalterhalle der Alten Hauptpost.

Die Poesie lebt bei „Leipzig liest“. Neben der seit 20 Jahren etablierten Lyrikreihe im Gohliser Schlösschen gibt es in diesem Jahr erstmals die Lange Lyriknacht unter dem Motto „Teil der Bewegung. Lyriknacht an Musik“. Am Messesamstag präsentieren Trendsetter der deutschsprachigen Dichter-Szene erstmals eine lange Lyriknacht – mit dabei Kookbooks, Luxbooks, Schöffling & Co., der Poetenladen und die Literaturzeitschrift Edit. Als Gäste werden unter anderem Daniela Seel, Alexander Gumz, Mathias Traxler, Ulrike Almut Sandig und Nadja Küchenmeister erwartet. Die Lange Lyriknacht findet am Abend des 19. März im Festsaal der Hochschule für Grafik und Buchkunst statt.

http://www.leipziger-buchmesse.de
http://www.leipzig-liest.de
http://www.leipziger-messe.de

27. Brüllend und das Maul voll Suff

Beim Stichwort Poesiealbum ist Google noch westdeutsch-rückständig und listet seitenweise die so genannten 19.-Jahrhundert-Alben, die es auch im 21. noch gibt. (In meiner Kindheit nannte man sie Pohsie, leider hatten sie nur Mädchen). Seit 1967 aber hat das Wort durch Bernd Jentzsch eine neue Bedeutung angenommen. Das ist nun mehr als 40 Jahre her, man sollte es mal registrieren. (Wikipedia ist da aktueller. Das kommt, weil da noch Menschen arbeiten!)

Poesiealbum war und ist ein Heft mit 32 Seiten Gedichte neuer und alter, deutscher und Weltlyrik. Bald nähert es sich der Zahl 300 – 300 Dichter sind schon eine stolze Sammlung. Wer so alt ist wie ich, kann sie alle haben (ich habe als Schüler mit Nummer 1 begonnen). Der Preis von 90 Pfennig von 1967 bis Anfang 1990 machte das Sammeln leicht. Im Wendefrühjahr wurden sie teurer, aber es half nicht, die Reihe ging ein. Seit 2007 gibt es sie wieder. Wer nicht so alt ist, könnte immer noch alle Hefte ab Wiedererscheinen 2007 sammeln, auch das wird mal eine Sammlung. Mit Namen wie Peter Huchel, Ezra Pound, Ernst Jandl, Seamus Heaney, Wolfgang Hilbig, Boris Pasternak oder Inger Christensen sitzt man immer noch in der ersten Reihe. (Nur schade, daß in die illustre Reihe noch nicht wieder wie „früher“ Neulinge aufgenommen werden. Vielleicht kommts ja wieder! Es würde die Reihe abrunden und auch für junge Schreiber und Leser noch interessanter machen. Pietraß, was ist?))

Auch Lavant-Einsteiger kommen auf ihre Kosten. 2010 bekam sie ihr Heft mit der Nummer 289. Magische und böse Zeilen kann man dort lesen: „Nicht rosenrot, nicht himmelblau, / ich bin für Schwefelfarben!“ „Gott, sag das nicht nach,/ sag keins der lauen Worte dieser Frommen!/ Ich will ja nicht in ihren Himmel kommen!“ „Wenn sie mich zu einem Bündel schnüren,/ bis die Hände nimmermehr sich rühren,/ und die ganze Wut im Mund gesammelt/ nichts als ausweglose Flüche stammelt/ rundherum um deinen hohen Namen.“ „Hau jetzt ab samt deiner Nüchternheit!/ Dieses Schiff wird nie verständig werden –/ melde oben bei dem Bootsverleiher,/ daß wir brüllend und das Maul voll Suff/ seine Sterne aus der Hölle holen.“ Rimbaud redivivus!

Poesiealbum kostet 4 Euro und ist in guten Buchhandlungen oder beim Verlag erhältlich. www.poesiealbum-online.de

26. Streit um Lavant

Kärnten-Wien gegen Tirol-Salzburg: Im Kampf um die Rechte an der großen, geheimnisvollen österreichischen Dichterin Christine Lavant ist die Germanistik nicht zimperlich, schreibt Die Presse:

Die Anrufungs- und Bekenntnispoesie der als Christine Thonhauser 1915 geborenen, 1973 verstorbenen Armeleuttochter fand Leser auch jenseits von Salzach und Inn – dank der Auswahlbändchen von Grete Lübbe-Grothues (1972 bei dtv), von dem um Poetae maiores et minores unendlich verdienten Lyrikapostel Horst Heiderhoff (1982) und von Jürgen Israel (1984 in der DDR).

Thomas Bernhard erwirkte 1987, kurz vor seinem Tod, bei Siegfried Unseld einen Band in der Bibliothek Suhrkamp. Wie die Lavant hatte er seine religiös eingefärbten frühen Gedichte („In hora mortis“) bei Otto Müller untergebracht; beide fanden beim kleinfeudalen Ehepaar Maja und Gerhard Lampersberg – arg gezaust im Roman „Holzfällen“ – in einem Schlösschen in Maria Saal Freundschaft und Hilfe (wie auch Peter Turrini, Gert Jonke). (…)

Schmid half dem Ehepaar Wigotschnig beim Rückruf der Werknutzungsrechte von OM, indem er die Verfahrenskosten übernahm. Kleibel wurde vorgeworfen, er habe die vereinbarte Gesamtausgabe nicht angefangen, es wäre denn, die ersten Bände erschienen bis Mitte 2008. Das österreichische Urheberrechtsgesetz sieht in einem solchen Fall (§ 29) die Pflicht vor, innerhalb von 14 Tagen Stellung zu nehmen. Die Frist wäre einzuhalten gewesen. Versäumt!

Im Juli 2008 starb Armin Wigotschnig. Nun verfügt die Hans-Schmid-Privatstiftung in Wien über die Rechte. Die Tantiemen der OM-Bücher fließen zu Schmid. Bis Ende 2011 darf Kleibel seine Lavant-Bücher abverkaufen. Ob die Restauflagen einzustampfen sind, hängt von einem neuerlichen Goodwill-Akt Schmids ab. / Hans Haider, Die Presse 5.3.

25. Reich bestücktes Schatzhaus

Seine Sprache ist immer schon – im Wortsinn – ein Thesaurus, ein reich bestücktes Schatzhaus, daraus jeder sich mit Witz und Lust bedienen mag, um sich auf die Welt des Fremden einen Reim zu machen.

Dies gilt erst recht für die reichhaltigen Verfremdungen des Übersetzens: „Und als du dich dem Thesaurus hingabst, / oder, genauer gesagt, hingegeben wurdest, / kamen hopp hopp die Worthäschen daher. / Bald war es dunkel.“ Oder aber, in alternativer Wendung: „Und als du dich dem Thesaurus hingabst, / oder, genauer, ihm hingegeben wurdest, / kamen die Wortkarnickel um die Ecke gehoppelt. / Es dämmerte bald.“ Bei derlei Lektüre dämmert uns in der Tat, dass die Kunst der Lyrikübersetzung eben nicht, wie oft behauptet, eine Verlustrechnung aufmacht, bei der es nur noch darum geht, was in der neuen Version alles fehlt. Vielmehr stiftet dieser reichhaltige Band durchweg zur Erkundung an, was durch die Wendungen und Wandlungen eines Gedichts in eine andere Sprache immer auch gewonnen werden kann: „Other solutions proposed themselves“ heißt hier „Andere Lösungen boten sich an“ und zugleich „Andere Auswege boten sich ganz von selbst an.“ / Tobias Döring, FAZ

John Ashbery: „Ein weltgewandtes Land“. Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von deutschen Lyrikern. Mit einem Nachwort von Marjorie Perloff. Christian Lux Verlag , Wiesbaden 2010. 340 S., br., 24 €.

24. Zwei Einladungen

ROUGH POETRY PERFORMANCE
mit Elke Erb, Christian Filips, Ulf Stolterfoht u.a.

„Radikale Querköpfe! Halsbrecherische Improvisationskunst!“ (Neue Zürcher Zeitung)

Donnerstag, 17.3.2011, ab 20.30 Uhr
Open End. Ab 22.30 Uhr: Open Stage

Waldfrieden-Connewitz, Bornaische Straße 56, Leipzig

Die roughbooks (Urs Engelers Erben) präsentieren sich jenseits der Buchmesse:
rough! rough! rough! bellen die Hunde im Waldfrieden.

Ein Abend für alle, die gern mit Dichtern trinken.

Eine Abend für alle, die nach einem Tag auf der Messe „der Zweckrationalität ihrer Lebenswelt“ entkommen wollen.

Ein Abend für alle, die wissen müssen, wer am nächsten Tag einen der größten Preise des Literaturbetriebs erhalten wird.

/ roughblog

LEG DAS AB. Lesekonzert von kookbooks

5.4. mit neuen Büchern von Alexander Gumz, Daniela Seel und Mathias Traxler und Musik von Jan Böttcher und Kat Frankie

LESUNG 20.30 Uhr im DOCK 11

  • Alexander Gumz. ausrücken mit modellen
  • Daniela Seel. ich kann diese stelle nicht wiederfinden
  • Mathias Traxler. You’re welcome
  • Kat Frankie: The Dance of a Stranger Heart
  • Jan Böttcher: Vom anderen Ende des Flures
  • Special Guest: Rick Reuther

kookbooks feiert den Frühling. Mit Chor und Kanon und Tralala oder auch klassisch als Solo. Mit neuen Büchern von Alexander Gumz, Daniela Seel und Mathias Traxler, Musik von Jan Böttcher und Kat Frankie und dazu dem jungen Dichter Rick Reuther. Eine Band für eine Nacht. Für euch.

Alexander Gumz. ausrücken mit modellen

Noch kommt einem die Gegend vertraut vor, aber »was ist das für ein geruch?« Kam das Licht eben auch schon aus diesem Winkel, oder warum sind die Gesichter in so seltsame Farben getaucht?
Leichtfüßig inszeniert Alexander Gumz in seinen Gedichten Momente der Beunruhigung, des rätselhaft Schönen aus der Kunst eines verschobenen Blicks, erzählt von unserer durchlässigen Gegenwart, entzieht dem Bekannten den Boden. Um gleich darauf vorzuführen, wie man sich auch frei schwebend orientieren, »in der mitte des zimmers in der luft halten« kann.

Daniela Seel. ich kann diese stelle nicht wiederfinden
Daniela Seels hellhörige, präzis gesetzte Gedichte loten die Bedingungen unseres Sprechens dort aus, wo es beginnt – in den Körpern, ihren Verordnungen und Verortungen im Raum. »ich habe mir ihren körper dann einfach / umgebunden wie eine schürze.« In dem Versuch zu begreifen, was es heißt, »biene zu sein spinne fledermaus« oder soziales Wesen, gelangen sie immer wieder an Grenzen – und erzeugen gerade da eine Präsenz, der man sich schwer entziehen kann.

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