76. Zeit lobt Lyrik

Schwer, keine Satire zu schreiben. Und ungerecht, es zu tun. Was kann Daniela Danz dafür, wenn Die Zeit ausruft: „Die deutsche Lyrik hat eine neue Stimme“ (ihrem Rezensenten Florian Illies verschlägt es selbige keineswegs, im Gegenteil, es beflügelt ihn zum Selberdichten: „Wie Daniela Danz in ihrem Band »Pontus« den Atem der Geschichte* in Poesie übersetzt“, Die Zeit 13/ 2009). Und ist Ann Cotten schuld, wenn dieselbe Zeit knapp anderthalb Jahr später sie zur Jeanne d’Arc ausruft, die die deutsche Lyrik aus dem Würgegriff der Experimentellen befreit? Neinnein, meine Anmerkungen betreffen keine der genannten Autoren (die ich selber durchaus unterscheiden und jedenfalls keiner Gruppe, auch keiner Spitzen-Gruppe zuschlagen möchte), auch keinen der anderen von ihm ehrend genannten Autoren. Es geht mir ausschließlich um die Art, wie im Hochfeuilleton über Lyrik geschrieben wird. Keine Satire; aber ein bißchen Polemik.

Jochen Jung schreibt in der jüngsten Zeit über ein neues Buch von Ann Cotten. Er lobt es sehr, und auch ich glaube, es verdient Lob. Soweit stimmen wir überein. Es bereitet Mühe, aber die wird belohnt, sagt Jung. Glaub ich auch.

Dann hebt er zu einer Einordnung an, stante pede und hohen Flugs:

Gerade geht ja das Jahrzehnt zu Ende, in dem ein Dutzend in den Siebzigern Geborene die Eckensteherin Lyrik wieder ans Licht holten, dass es eine helle Freude war. Bei Gedichten dachten dazumal die meisten ja nur noch an Robert Gernhardt, den Wilhelm Busch jener Jahre, von dessen Auflagenzahlen wie von den Zahlen der ihm zufliegenden Herzen selbst Rilke oder Benn nicht einmal hätten träumen können. Gewiss, Witz sells, erst recht, wenn er so lebensklug gekonnt ist wie bei Gernhardt, aber Lyrik kann und will doch entschieden mehr.

Das zeigten damals so ungleiche Flugtiere wie Nico Bleutge, Daniela Danz, Marion Poschmann oder Ron Winkler, um ungerechterweise nur ein paar zu nennen. Sie wussten und wissen unserer Alltagswelt bilderreich und formbewusst  einen Glanz zu geben, den ihr die Prosaschreiber streng und neunmalklug verwehrten. So ist es denn auch ganz richtig, dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.

Ich könnte weiter zitieren, werde es auch, aber ein paar Anfragen sind fällig. Jung fliegt über zwei Jahrzehnte, in denen, auch in der Lyrik, viel los war. Aber was genau? Sein „ja“ heischt Konsens – vielleicht zu schnell. Ja und ja: viele neue Namen tauchten auf, und auch die helle Freude sei konzediert. Ungleiche Flugtiere: aber hallo, klar doch! Und wie war das noch vorher, dazumal? Die meisten hätten damals nur an Gernhardt gedacht? War das so?

Ich hab Gernhardt gelesen und über seinen Witz geschmunzelt, ja: wenn ich an Gernhardt dachte. Wenn ich an Lyrik dachte, in den 90er Jahren: o, es gab die Älteren, unsortiert und willkürlich: Mickel Jandl Pastior lebten da noch! Kling! war noch jung und lebte, Hilbig! Mayröcker Hein Endler Erb Lorenc Meckel Klünner waren da, Papenfuß Fels Kolbe Rosenlöcher Häfner, etliche aus Rumänien Gekommene waren noch oder wieder da; Jüngere tauchten auf, Stolterfoht Falkner Beyer Lentz Kunst Egger Waterhouse Czernin …, manche Ältere lernte ich jetzt erst kennen, Richard Anders zum Beispiel; mancher Name, der gar nie ins Feuilleton gelangte…  lange müßte ich aufzählen, bevor ich zu Gernhardt komme. Nicht meine Freunde und ich: die Zeit wars, die nur an den einen dachte, die ihm seitenlange Kolumnen bot, was gut gewesen wär, wenn nicht das einzige. Sind wir die wenigsten? Sind die die meisten? Ach was! Lyrik konnte und wollte und tat entschieden mehr als das Feuilleton fressen wollte.

Aber war es so nicht überhaupt? Kannte ich das nicht aus der verblichenen Republik? Eine dürre Gouvernante, die einen blühenden Garten beschimpft, sagte Endler, da war ich Student. Wenn ich schimpfen durch ignorieren ersetze: eine perfekte Definition des Feuilletons.

Und heute? In der Mitte jenes von Jung genannten Jahrzehnts „tauchten“ nicht nur neue Namen auf. Wenn sie „auftauchen“, waren sie längst schon dagewesen. 1992 erschien die erste Nummer von Urs Engelers „Zwischen den Zeilen“. Von Anfang an vermischt Alte und Junge, Ost- und Westler, „Experimentelle“ und eher „Traditionelle“, Bilderreiche, Glänzende und Schrille. In Nummer 1 Grünbein Kerstin Hensel Schertenleib Söllner Norbert Weiss, Nummer 6 Donhauser Duden Igel Kempker Steiger Stolterfoht…; ich springe zu 29: Aebli Camenisch Stefan Döring Enzinger Norbert Lange Lars Reyer Schlenker Tom Schulz, noch mal zurück, 24: Bleutge Bossong Ann Cotten Falb Jackson Rinck Scho…: das war die Lyrik, die wir lasen. Andere Zeitschriften und Verlage wären zu nennen, meist kleine. Das meiste nicht feuilletonabel: na und?

Und dann passiert die wunderbare Verwandlung. Eine Handvoll Großkritiker in den Großen Zeitungen sattelt um und setzt auf neue Pferde. Was setzt: sie erfinden sie. Sie glauben, daß sie sie entdeckt haben. Kookbooks wird das neue Paradigma. (Und dieser großartige Verlag kann nichts dafür: ich spreche vom Feuilleton). Kein Kookbooks-, ein Feuilletonhype!

Nicht daß sie diese Autoren loben, verdient Kritik; daß sie sie loben, um andere herab- (und sich hinauf-) zusetzen. Gleich im nächsten Satz bei Jung geht’s richtig los:

… dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.

Jan Wagner, ja, aber nicht Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht oder Raphael Urweider,

(schöne Reihe das!)

… nicht eine oder einen jener also,

(also!)

…die unter Lyrik weniger Wirklichkeitszauber verstehen und dafür mehr mit Ideen arbeiten, …

(meint der jetzt Egger oder eher Urweider???)

vor allem aber mit und an der Sprache selbst.

(Urweider oder eher Stolterfoht?????)

Das geht so weiter, jetzt kommt der ganze Schmarrn mit den „Experimentellen“, die in der „Bastelecke“ sitzen, „von der Leserschaft kaum wahrgenommen“, aha, also anders als Ann Cotten, Ron Winkler, Nico Bleutge? Vielleicht sollte man erst mal Verkaufszahlen erforschen. Suhrkamp (Ann Cottens Verlag) wird höhere Auflagen haben als Kookbooks: aber werden auch mehr verkauft? Mehr gelesen? Nehmen wir mal drei Suhrkampautoren, von denen dieses Jahr Gedichtbände erschienen: Ann Cotten, Nelly Sachs und Oswald Egger. Wer von denen wird mehr verkauft? Mehr besprochen? Mehr gelesen? Nur für die mittlere dieser Fragen würde ich eine Vermutung wagen. Wobei es Unterschiede zwischen, sagen wir Zeit und FAZ geben wird. (Während die Schweizer Neue Zürcher, wie mir scheint, ohnehin weniger von solchen Frontstellungen betroffen ist.)

Von allen großen Zeitungen die geringste Lyrikkompetenz aber hat gewiß die Tante Zeit. Daran wird das Cottenlob wenig ändern. Wiewohl es zu begrüßen ist. Noch begrüßenswerter, wär es nicht mit jener Frontstellung gekoppelt, auf die ich noch etwas eingehen möchte.

Jungs hämische „Experimentellen“-Schelte soll genauer betrachtet werden. Er scheint sich um sie zu sorgen, und dabei braucht er keine Anführungszeichen:

Ihnen, die man mit einem unerfreulichen Anklang an den Physikunterricht die Experimentellen nennt…

Man? Er also gerade, Jung, nennt sie so, und es erinnert ihn unangenehm an den Physikunterricht. Vielleicht hatte er keinen guten, mag sein. (Für mich waren die Experimente in Physik und Chemie überhaupt nicht unerfreulich). Andererseits vergesse ich bei dem Wort nie die Anführungszeichen. Er braucht sie aber für seine Metaphorik und für seine Bewertung. Ehrlicher wäre aber doch, er sagte „ich“ statt „man“.

ihnen, vor denen keine Syntax sicher ist

ja, das scheint schlimm zu sein, heilige Syntax! Sollte mal Klopstock lesen: den Dichter und den Grammatiker!

… schien die Sprengkraft abhandenzukommen.

Na immerhin kann nur das abhandenkommen, was zuvor da war.

Dabei macht er eine kleine feine Ausnahme. Die Experimentellen ohne „“, die von der Leserschaft „kaum wahrgenommen in einer Art Bastelecke“ saßen, wären, meint er, nicht nur kaum, sondern gar nicht wahrgenommen worden, hätte nicht eine,

… die Älteste unter ihnen, Friederike Mayröcker, sich als mirakulöses Blumenkind entpuppt

Sieh mal an, an die traut er sich nicht heran! Auch das erinnert mich an DDR-Zeiten. In den 70er Jahren hatte ich als Student in Ostberlin Gelegenheit zu Gesprächen mit dem kanadischen Schriftsteller Jack Winter, der eine großartige Paraphrase auf Mark Twains bitterböse Satire gegen den belgischen König Leopold geschrieben hatte, jenen Leopold, dem das riesige Kongoland als Privatbesitz gehörte, King Leopold’s Soliloquy. Winter sprach mit mir über die kulturpolitischen Verhältnisse in der DDR und sagte: Sie wollen (er meinte nicht mich, sondern die Verwalter) von allem nur einen Vertreter. „And I know why“, so begann meine Antwort. Diese Kritiker ähneln jenen, auch hier: Sie loben die eine neue Stimme, and I know why! Auch hier geht es um Herrschaft, um Kontrolle. Sie verabscheuen jene, die sie Experimentelle nennen, aber verehren oder respektieren den einen Jandl, die eine Mayröcker. Spät in beiden Fällen, aber dann doch. Warum, das sagen sie freilich nicht. Verdienen die etwa solche Verteidiger? Es geht um Kontrolle, und es offenbart den Spießer, der die Abartigen verabscheut, aber den einen Großen oder die eine Große auch mal ausnimmt.

Ich sagte, er sorgt sich um die Experimentellen. (Was auch immer es sagt, wenn man etwa Friederike Mayröcker mit dem Wort belegt). Ihnen komme die Leserschaft abhanden und die Sprengkraft. Es kommt noch schlimmer.

Noch schlimmer:

Sagt Jung,

Dass da überhaupt gelegentlich gesprengt werden muss in der Literatur, die vor lauter Inhalt ganz formvergessen ist,

was auch immer das heißt, und über wen,

das schien eine Jeanne d’Arc zu brauchen.

So kriegt er den Bogen zurück zu Ann Cotten. „Ab sofort“, dekretiert die Zeit, gehören ihre Gedichte

zum Besten, was die deutschsprachige Lyrik dieser Tage kann…

Jawoll doch, ja, kann sogar sehr gut sein. Aber brauche ich dafür die Zeit? Ich halte es lieber mit Urs Engeler und den anderen, denen es um die vielgestaltige Lyrik geht und nicht um Zensuren und Marschordnungen.

Ich aber ende mit einem letzten Zeit-Zitat:

Die Jungfrau wirft den Fehdehandschuh.

Jeanne de Cotten, voilà:

Dass ihr nicht alles gefällt, was die Kollegenschaft so schreibt, war bei einer so extremen Position, wie sie sie anpeilt, zu erwarten…

So extrem: das lasse ich mal da stehen, wo es steht, in der Zeit Nummer 38, Seite 53.

*) Als Jüngling schrieb ich auch mal Gedichte. In einem quasi ähnlich: „der Atem der Geschichte / aus ihren Mündern o wie süß! / ruf ich im Chor“. (Pardon, ich meinte das aber ironisch)

5 Comments on “76. Zeit lobt Lyrik

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  3. DANKE MICHAEL!!! GROSSARTIG!!! EINE WONNE JEDES DEINER WORTE ZU LESEN JA ZU KAUEN !!! und welch groooooßartige werbung für die zeit, ich werd mir nach zig jahren abstinenz nun auch mal wieder eine kaufen, um „auf dem laufenden“ zu bleiben 🙂 🙂 😉

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