53. Gedicht

LEGENDE VOM ABHOLEN, DEN GESTRIGEN ABEND ALLEIN
Mit einer Suchmaschine zugebracht, vor
Lauter Einerlei diese Begriffe eingegeben, Studentin,
Leipzig und eine frappierende Ähnlichkeit
Mit Ornella Muti, sinnlos, nichts zu finden, aber
Das kann doch bisher nicht nur mir
Aufgefallen sein, in was für einer
Aussichtslosen Welt leben wir denn, ich hätte
Sie so gern nach Schichtschluß
Aus einer Gurkenfabrik abgeholt, sie
Hätte den ganzen Tag am Band gestanden,
Hochstehende Gurken runtergedrückt und
Die Gläser zugeschraubt, zwei Toilettengänge
Pro Schicht, ich gab die Begriffe noch einmal
Neu ein, Studentin, Sachsen, verblüffende
Ähnlichkeit mit Ornella Muti, als sie noch
Jünger war, Fließband, Gurkenfabrik,
Toilettengänge, Seife, Spind,
Pflastersteine, Sirene und Frauen, Frauen, kurz
Vor ihrem Wechsel aus einer hohlen Umgebung
In eine demonstrative Liebe, Erwartungen,
Enttäuschungen, Umarmungen, oben und
In der Mitte, oben, nasse Zugänge, je nachdem, ob
Sie ganz unter der Dusche waren oder ob sie
Es vorzogen, ihre Körper nur vergeblich
Über ihre zögerlich ausgestreckten Hände
Anzukündigen, Frauen ohne Abendfahrzeuge, Frauen
Ohne Zuordnung, Frauen, Frauen, bis
Auf diese eine.

Thomas Kunst ist an diesen Veranstaltungen der Buchmesse beteiligt:

19. März 2011
16:00 – 16:30 Uhr

Es gibt eine andere Welt
Neue Gedichte aus Sachsen

Mitwirkende Katrin Marie Merten ( http://katrin-marie-merten.de ), Thomas Kunst (http://www.thomaskunst.de), Andreas Altmann (http://www.poetenladen-der-verlag.de/autoren-andreas-altmann.php)

Moderation Axel Helbig
Veranstalter poetenladen

Ort Leipzig liest Forum Halle 4, Stand E101
Reihe Literatur unabhängiger Verlage

19. März 2011
20:00 Uhr

Thomas Kunst
Die Edition Rugerup in der KUB

Thomas Kunst stellt seinen neuen Band „Legende vom Abholen“ vor, Live-Musik rundet den Abend ab.

Moderation Margitt Lehbert

Veranstalter Edition Rugerup / Nimrod Förlag AB

Ort Galerie KUB, Kantstraße 18, 04275 Leipzig (Südvorstadt)
ÖPNV Straßenbahn: 10, 11 Bus: 89

Reihe Literatur unabhängiger Verlage


52. Poesieraum Balkan

„Opas freund /najden hat aus dem brunnen / einen römischen soldaten /gezogen“ heißt es in einem Gedicht der jungen Serbin Dragana Mladenovic. „ einen legionär /und hat ihn in der kirche getauft / auf den namen simeon … aber für mich ist das /langweilig deshalb / stelle ich mir vor / ich sei / ein mädchen / aus der nachbarschaft“. Der ganze Balkan ist ein gewaltiger Poesieraum, was Serbien als Gastland der nächste Woche beginnenden Leipziger Buchmesse ganz besonders unter Beweis stellen wird: Welcher Reichtum findet sich etwa in der Anthologie „Eintrittskarte“, die ein Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts entwirft.

Doch es ist unmöglich, all das, was einem an junger serbischer Lyrik begegnet, losgelöst vom Poesiediskurs in ganz Ex-Jugoslawien zu betrachten, so eng verwandt sind die slawischen Sprachen Südosteuropas, als dass keiner den anderen nicht nicht verstünde, zu eng sind die Kulturlandschaften dies- und jenseits von Donau, Save, Morawa und Drina verflochten.

Ein Beispiel für die Verschmelzung vieler Orte in einer Person ist Lidija Dimkovska, 1971 im makedonischen Skopje geboren, in Bukarest promoviert, der Liebe wegen (wenn man ihren Gedichten glaubt) in Ljubljana ansässig. Ihre Verse sind wilde Jumpcuts, die ungebändigt die Widersprüchlichkeit des postkommunistischen Lebensgefühls einfangen. / Jan Röhnert, Tagesspiegel

Dragana Mladenovic: Nachbarschaft. Gedichte. Aus dem Serbischen von Jelena Dabic. 160 Seiten, 16 €.

Lidija Dimkovska: Anständiges Mädchen. Gedichte. Aus dem Makedonischen von Alexander Sitzmann. 164 Seiten, 16 €. Beide bei Edition Korrespondenzen, Wien 2011.

Dragoslav Dedovic (Hg.): Eintrittskarte. Serbien: Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts. Zweisprachige Ausgabe. Drava Verlag, Klagenfurt 2011. 359 Seiten, 29,80 €.

51. Rubik’s Cube

karawa.net

# 002 / RUBIK’S CUBE

»Rubik’s Cube habe ich eigentlich seit Ewigkeiten nicht mehr
wahrgenommen. Als wär’s weg aus der Handhabung. Nun war ich aber
neulich im Zug unterwegs, der Zug hielt an und genau vor meinem
Fenster befand sich da eine Bank, auf der ein sehr alter und ein sehr
junger Mann saßen. Und in dem Moment, in dem der Zug einfuhr, gab der
alte Mann dem jungen Mann einen total verdrehten Rubik-Würfel. Und da
passierte etwas, das mich extrem fasziniert hat: ein sehr schnelles,
schönes Drehen an diesem Würfel, fast ohne hinzuschauen. Und in dem
Moment, in dem der Zug abfuhr, wurde der Würfel wieder zurückgegeben.
Was mich faszinierte, war die Anmut der Szene, als Geste begriffen –
einerseits dieses Hin- und Herreichen, andererseits, dieses Drehen,
das eine enorme Leichtigkeit hatte.« (Barbara Köhler im Interview)

Mit Beiträgen von: Diana Albornoz / Konstantin Ames / Tobias Amslinger / Daniel Durand /
Michael Fiedler / Zsuzsanna Gahse / Mara Genschel / Stefan George /
Heike Hamann / Barbara Köhler / Simone Kornappel / Dagmara Kraus /
Stan Lafleur / Martin Lechner / Léonce W. Lupette / Stéphane Mallarmé
/ Philip Maroldt / Milo Pablo Momm / Jason Nelson / Aurélie Noury /
Michalis Pichler / Bertram Reinecke / Johann Reißer / Manuel
Stallbaumer / Holger Steinmann / Katharina Stooß / Martin Tanšek /
Hans Thill / Mathias Traxler / Sören Wuttke

http://karawa.net

Herausgegeben von Tobias Amslinger / Norbert Lange / Léonce W. Lupette
Unter der Schirmherrschaft der Lyrikknappschaft Schöneberg

50. Selig sind die Lyrikerinnen

Im ZDF ein Interview mit Monika Rinck zu ihrem Gedicht-Beitrag in der ZEIT, worin sie es vorliest und kommentiert.

49. „Politische Lyrik muß sofort sitzen und ziehen“

Politische Gedichte will die Zeit drucken, nein sogar veranlassen. Gestern begann die Serie. DLF befragte Dirk von Petersdorff, der nicht so angetan ist, denn:

Und heute? – Ja, das ist dann teilweise etwas verklausuliert, man muss lange überlegen, versteht es nicht. Ich glaube, politische Lyrik muss auch eingängig sein, das muss sofort sitzen und ziehen.

Über Monika Rinck:

Es ist vielleicht kein im ganz engen Sinne politisches Gedicht, aber ein schönes Gedicht, was, finde ich, eine ganz anders gestaltete Welt vorstellt.

Zu Marion Poschmann:

Ich muss dann zugeben, ich habe das Gedicht nicht so genau verstanden, was diese zwei Körper eigentlich sind. Ich würde sagen, schlicht zu kompliziert für politische Lyrik.

Jan Wagner:

Der macht es ja eigentlich so, dass er sagt, ja, ich erfülle eure Erwartungen nicht, ich schreibe ein Naturgedicht, was man dann indirekt auf Politik beziehen kann, aber es ist kein in direkter Weise politisches Gedicht.

(Verständlich waren gewiß die Stalinhymnen Bechers und tausend anderer, die Führergedichte Agnes Miegels. – Zum Thema Verstehen siehe Volker Brauns Aufsatz „Rose Paal und der Aufstieg der Lyrik“! Kernaussage: Wenn heute wieder etwas gewußt werden soll über uns, muß es nicht „verständlich“ wie bei Brecht, sondern so geschehen wie in zeitgenössischer Lyrik: auch wenn es die Landarbeiterin Rose Paal dann erst mal nicht versteht.)

– Und Braun zitiert (meint) da nicht Braun, Enzensberger oder Rühmkorf, wir es Germanisten tun würden. Er hätte Elke Erb nennen können, nennt aber Hölderlin:

Der Winkel von Hahrdt.

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig
Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte.

Ist das politisch? Braun scheint zu meinen: politischer als Brecht, wenn man ihn heute imitierte.

48. Geburtstagsfeier für Eichendorff

“Das ist die fröhliche Saale, das ist der Giebichenstein” schallte es am Donnerstagnachmittag von den Klausbergen ins Saaletal hinab. Einst saß hier der Dichter Joseph von Eichendorff und schrieb sein heute jedem Hallenser bekannte Gedicht “Da steht eine Burg überm Tale”, damals noch ohne Musik (die kam erst später dazu) und unter dem Titel “Bei Halle”. / halleforum.de

Bei Halle

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Durchs Grün da Gesänge schallten,
Von Rossen, zu Lust und Streit,
Schauten viel schlanke Gestalten,
Gleich wie in der Ritterzeit.

Wir waren die fahrenden Ritter,
Eine Burg war noch jedes Haus,
Es schaute durchs Blumengitter
Manch schönes Fräulein heraus.

Das Fräulein ist alt geworden,
Und unter Philistern umher
Zerstreut ist der Ritterorden,
Kennt keiner den andern mehr.

Auf dem verfallenen Schlosse,
Wie der Burggeist, halb im Traum,
Steh ich jetzt ohne Genossen
Und kenne die Gegend kaum.

Und Lieder und Lust und Schmerzen,
Wie liegen sie nun so weit –
O Jugend, wie tut im Herzen
Mir deine Schönheit so leid.

 

47. Dorfsäufer

Fragt man die Leute in seinem walisischen Heimatort nach dem weltberühmten Sohn, tun ihn immer noch viele als „Dorfsäufer“ ab. Dylan Thomas hat sich sehr um diesen Ruf bemüht. Angeblich waren seine letzten Worte: „Ich hatte gerade 18 Whisky. Ich denke, das ist Rekord.“ / Elke Heidenreich schrieb ein Buch über den Dichter

46. Lyrik im Schlößchen

 

Das Gohliser Schlößchen war im 18. Jahrhundert als „Musenhof am Rosental“ bekannt. Georg Joachim Göschen, Christian Gottfried Körner und Friedrich Schiller verkehrten hier. 1998 wurde es nach Sanierung wiedereröffnet. Seit Jahren findet hier während der Buchmesse die Veranstaltungsreihe Lyrik im Schlößchen statt.

Gohliser Schlößchen,
Menckestraße 23, 04155 Leipzig (Gohlis-Süd)
ÖPNV
Tram 4 bis Menckestr. oder Tram 12 bis Fr.-Seger-Str.

Aus dem Programm 2011:

Do 17.3.

17:30 Tatort Poesiealbum. Helmut Braun, Wulf Kirsten, Reiner Kunze, Richard Pietraß.
Märkischer Verlag – Poesiealbum

18:30 Wilhelm Bartsch: Mitteldeutsche Gedichte

19:30 Uhr Kurt Drawert: Idylle, rückwärts

Fr 18.3.

18:00 Lutz Steinbrück „Blickdicht“ / Crauss „Lakritzvergiftung“

19:00 Arnold Leifert, Ullrich Marzahn, Sabina Lorenz, Katrin Marie Merten, Eberhard Häfner

20:30 APHAIA-Lyrikabend mit drei deutsch schreibenden Autoren aus Serbien, Indien und Berlin: Rajvinder Singh, Achim Wannicke, Boško Tomašević

Sa 19.3.

16:00 Bettina Ziegler: Warum mich keiner anfasst . Bissig-satirische und provokante Gedichte

17:00 Alban Nikolai Herbst, Bamberger Elegien

19:00 Judith Zander: oder tau

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45. Ernst-Jandl-Preis für Peter Waterhouse

Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik des Jahres 2011 geht an Peter Waterhouse:

Der 54-jährige Waterhouse wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung bei den Ernst-Jandl-Lyriktagen am 18. Juni in Neuberg an der Mürz erhalten. …

„Das literarische Schaffen von Peter Waterhouse ist vielseitig und vielgestaltig: Er schreibt Gedichte und Erzählungen, er hat mit ‚(Krieg und Welt)‘ eine umfangreiche und vielbeachtete Prosa vorgelegt, Essays verfasst und Texte für die Bühne geschrieben, und er ist erfolgreich als Übersetzer aus dem Englischen und Italienischen tätig“, so Schmied. „Kern all dieser Arbeiten ist aber die Dichtung und die poetische Weltsicht von Peter Waterhouse, die er Text um Text aufs Neue entwickelt.“ / Der Standard

44. Dichter im öffentlichen Raum

Der öffentliche Raum heißt so, weil er in Grenzen öffentlich genutzt werden darf. Die Grenzen sind gegeben durch Gesetze und Gewohnheitsrechte, sonst aber durch die Verwaltung. Die bestimmt im Zweifel die Toleranzgrenzen. Shit happens, sagen die Amerikaner, es geschieht auch in Europa. Hundeshit gehört zum öffentlichen Raum, zu Kinderspielplätzen zum Beispiel, da ist die Verwaltung meist machtlos. Wer privat baut, beschert Nachbarn und Passanten Staub, Lärm und dreckige Bauzäune, das gehört dazu, muß also meist hingenommen werden. Werbung, auch dem und jenen bis zum Ekel widerwärtige, gehört zum Geschäftsleben und muß hingenommen werden wie die Gesichter und Parolen der Politiker jeder Couleur. Helmut Seethaler gehört nicht dazu, nicht in Wien. Der als „Zettelpoet“ bekannte Wiener wird seit vielen Jahren von den Wiener Verkehrsbetrieben und der Verwaltung verfolgt. Seine Gedichtzettel und mit Kreide geschriebenen Zeilen überschreiten die Toleranzgrenzen. Der mehrfach Vorbestrafte und noch viel mehr von Strafanzeigen Verfolgte kündigt zum wiederholten Mal Renitenz an. Eben mit einer per Twitter und Facebook verbreiteten SELBSTANZEIGE:

Oeffentliche SELBSTANZEIGE: ich entscheide mich, die verbreitung meiner gedichte trotz vorstrafen weiterzufuehren: ich beschreibe wieder schmutzige gehsteige+desolate bauwaende mit entfernbaren stiften: hseethaler@gmx.at

Alle Freunde der Poesie und überhaupt des freien Wortes und (vielleicht ist das ein Synonym) alle, denen das Konzept des öffentlichen Raums etwas bedeutet, sollten ihm Solidarität erzeigen, seis durch öffentliche Bekundung, durch materielle Zuwendung oder durch ein Lächeln.

(Ein Literaturwissenschaftler sagte mir neulich: aber es sind doch schlechte Gedichte. Mit Verlaub, das ist mir zuviel Zartsinn. Nicht nur weil die Maßstäbe immer strittig und, wo als unstrittig behandelt, immer autoritär sind. Vor allem aber: seit wann ist es Aufgabe des Lesers, die Verwaltung zu unterstützen? Gilt in Wien wie in Preußen, an Isar, Neckar, Pleiße und überall. WIR SIND DIE ÖFFENTLICHKEIT!)

In L&Poe: https://lyrikzeitung.com/tag/helmut-seethaler/

43. Ein Sack Gedichte

Das Gedicht ist ein seit langem verkanntes Medium. Kaum einer wagt sich ran, und wenn, kommt oft diffuses Gestammel dabei heraus, das meistens nur der Dichter selbst zu deuten weiß. Doch nun ist alles anders, der große Ahne ist vom Berge Ararat gestiegen und hat beim Hinabsteigen einen Sack Gedichte gedichtet! / Frank Willmann, Weltexpress

Ahne: Gedichte, die ich mal aufgeschrieben habe, 94 Seiten, Voland & Quist Verlag, 2011, 14,90 Euro

42. Programm des Lyrikertreffens Münster

Donnerstag (31. März)

20 Uhr: „Als ob im Singen die Wörter / das natürliche Denken fänden“ – Lyrik vertont, Clemenskirche.

Freitag (1. April)

16.30 Uhr: Übersetzungsprojekt mit Ben Lerner und Steffen Popp, Theatertreff.

20 Uhr: Ernest Wichner, Nadja Küchenmeister, Dirk von Petersdorff, Kathrin Schmidt, Günter Herburger, Kleines Haus der Städtischen Bühnen.

Samstag (2. April)

11 Uhr: Oskar-Pastior-Projekt, Ernest Wichner und Urs Allemann, Theatertreff.

14 Uhr: Maleen Brinkmann – Frühe Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, Picasso-Museum.

16.30 Uhr: Gehirn und Gedicht, Theatertreff. 20 Uhr: Ron Winkler, Angela Krauß, Raoul Schrott, Christoph Meckel, Patrizia Cavalli, Kleines Haus.

Sonntag (3. April)

11 Uhr: Verleihung des Preises für Poesie an Ben Lerner und Steffen Popp, Erbdrostenhof.

Presse: Münstersche Zeitung / Westfälische Nachrichten /

41. Wilde, sperrige Gedichte

Der Luxemburger Jean Krier ist der erste „reine“ Lyriker seit zehn Jahren, der den Chamisso-Preis erhält, vor allem für seinen jüngsten Gedichtband „Herzens Lust Spiele“ (2010) – Gedichte, die die deutsche Sprache bereichert haben, so die Jury. Es sind wilde, sperrige Gedichte, meist in Langversen, in schroffen Sprüngen montiert, rücksichtslos manchmal auch gegen die Grammatik. Motivisch sind sie einer starken Naturbildlichkeit verpflichtet, oft bestimmt vom Meer, von französischen Inseln und den menschlichen Relikten dort; kleine Apokalypsen aus Müll und Tod, mit einem düsteren Blick auf die menschlichen Befindlichkeiten, der trotz allem eine gallige Komik, eine verquere Lebenslust behält. …

Warum schreibt er seine Gedichte in Deutsch, mit französischen Einschlüssen? Krier erklärt, auf Luxemburgisch könnte er solche Gedichte nicht schreiben, „weil gewisse Substantive einfach nicht existieren, die müssten umschrieben werden, das würde dann sehr schwerfällig werden“. …

Die deutsche Lyrik – er nennt den späten Günter Eich – ist ihm wichtiger als die französische, die ihm zu preziös erscheint, zu sehr in der Tradition von Mallarmé; allerdings sind Beckett und Proust wahrscheinlich seine meistzitierten Autoren, auf die er unentwegt anspielt, und er sagt, er müsse täglich ein paar Seiten Proust lesen. Kriers Literatur ist schon „authentisch“ hybrid, zwischen dem Französischen und dem Deutschen, das er auch nicht ungerupft lässt: seine Abschlussarbeit hat er über Hans-Henny Jahnn geschrieben, ergreifend, aber völlig humorlos; heute unlesbar für ihn.

/ Sven Hanuschek, FR 9.3.

40. „Emily Dickinson hilft immer“

Die strahlenden Beispiele gegenwärtiger Dichterinnen und Dichter; von denen es weiß Gott einige gibt unter den vielen Ruderern der Armada; ihre Leuchtkraft beschränkt sich fast ausnahmslos auf ihr Profil und die Seitenansicht. Auch sie haben zumeist den Faden der Ariadne verloren oder ihn nicht aufgenommen; sie sind Einzelunternehmen mit keiner Haftung für irgendetwas.

Ihre Kunstübungen sind von stupender Art, doch meistens ohne Ausrichtung, ohne die Idee einer wahrhaft humanen Kondition. Empfinden äußert sich vornehmlich in Ironie und Kühle; eine ethische, moralische oder politische Haltung gilt als verpönt. Anstelle einer rettenden Schönheit hat sich eine Form von coolem Ästhe­tizismus entwickelt wie ein Wurmfortsatz.

Zum Glück ist dies wenig beklagenswert, und wenn ich es doch tue, dann eingedenk der Epochen deutschsprachiger Dichtung, die mir aus der Ferne erstrebenswert und ernst, um das Leben ringend und nicht dieses verhöhnend, vorkommen. Ich möchte mich von der Gegenwart abwenden, würde ich sie nicht selbst bevölkern; so bleibt mir kein Ausweg, als mit den Staren zu singen, ein Gesang, der zu nichts nutz ist und mir gefällt, betend zum Hanf und zu den Laternen, verbittert womöglich am Ende mit dem Gedanken an den verlorenen Stolz eines Volkes auf seine Dichterinnen und Dichter.

Vielleicht nützt es, sich Gedichte unter das Kopfkissen zu legen. In Nächten, in denen einzig der Mond einen anschaut. Gedichte von Gertrud Kolmar und Karoline von Günderrode, von Marianne Moore oder Elizabeth Bishop. Man sollte Bettine von Arnim nicht vergessen, Else Lasker, Anna Achmatowa. Oder die Droste, wenn der Mond feindselig werden sollte. Verse der Englischen Romantik könnten hilfreich sein, sogar Klopstock oder Brentano. Tröstlich sind die Verwandlungen von Ovid. Emily Dickinson hilft immer, wenn der Mond bereits im Zimmer ist, voll wie das kenternde Boot.

Wenn der Mond anfangen sollte, die letzten Zigaretten, die man besitzt, aufzu­rauchen, greife man zum Barock. Der Mond hat ein Loch in den Boden geraucht. Sind dies bereits erste Halluzinationen?

Einer der beiden Schlegel könnte Abhilfe schaffen, Freund Heine oder doch Oswald von Wolkenstein? Ich ziehe Mechthild von Magdeburg vor, höre ich den Mond sagen. Der Mond rollt durchs Zimmer, reißt die Schrankwand mit den Blüm­chentassen mit sich. Dylan Thomas, zur Rettung. Bitte. Ganze Jahrhunderte reißt der Mond mit sich aus den Regalen. Animus hilf. Heiliger Mandelstam zu Hardenberg von Lohenstein!

Letztendlich geht es auch um einen Restfunken Subversion und zwar nicht allein aus ethischen und moralischen, sondern aus ästhetischen Gründen.

Um Dichtung, voll verrücktem Pathos und einer Unbedingtheit, Wildheit und Zärt­lichkeit, mit bunten Fischen, Korallen und Muschelbänken, mit lang gestreckten Dünen und Regenpfeifern.

/ Tom Schulz, Poetenladen

39. DES TEUFELS DICHTERIN

Agnes Miegel und „politische Lyrik“

Von Axel Kutsch

Die Agnes-Miegel-Gesellschaft veranstaltet am 11. und 12. März 2011 im niedersächsischen Bad Nenndorf wieder ihre Agnes-Miegel-Tage. Ein zentraler Programmpunkt wird dabei ein Vortrag über jüngere Diskussionen um die Dichterin sein. (agnesmiegel.wordpress.com)

Die aus Ostpreußen stammende und vor allem durch Balladen bekannt gewordene Autorin steht wegen ihrer Nähe zum Nationalsozialismus und Verehrung Adolf Hitlers immer wieder im Kreuzfeuer der Kritik. So wurden inzwischen mehrere Schulen, die ihren Namen trugen, umbenannt.

Agnes Miegel (1879 – 1964) gehört zumindest mit ihren Balladen, die abseits der Moderne entstanden sind, zum Kanon der deutschsprachigen Poesie. Aber es gibt auch eine andere literarische Seite der Dichterin, die gerade in jüngerer Zeit für heftige Debatten gesorgt hat – ihre hymnische Hitler-Lyrik, die einen nicht auszulöschenden Schatten auf das Gesamtwerk wirft. So widmete sie dem Schlächter in ihrem Lobgesang „An den Führer“ aus dem Jahr 1940 unter anderem folgende Zeilen: „Übermächtig/Füllt mich demütiger Dank, daß ich dieses erlebe,/Dir noch dienen kann, dienend den Deutschen/Mit der Gabe, die Gott mir verlieh!“

Die beschwichtigenden Worte der Agnes-Miegel-Gesellschaft, daß man den „grenzdeutschen Patriotismus“ der Dichterin auch heute nicht mit einem Bekenntnis zur nationalsozialistischen Ideologie verwechseln dürfe, wirken wenig stichhaltig, wenn man sich einige Fakten aus finsterer Zeit vor Augen führt: 1933 Mitglied der NS-Frauenschaft und Unterzeichnung des Gelöbnisses treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler, 1939 Entgegennahme des HJ-Ehrenzeichens, 1940 Mitglied der NSDAP. Trotzdem kein Bekenntnis zur NS-Ideologie? Da ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens.

Ob es jedoch angesichts der in mehreren Gedichten bekundeten Verehrung für den Diktator und der wohl kaum zu leugnenden Verstrickung in den Nationalsozialismus angebracht ist, mancherorts posthum zur Jagd auf Agnes Miegel zu blasen, scheint mir fragwürdig. Gewiß – ihre Hitler-Hymnen sind widerwärtig. Aber müßten wir dann nicht auch den Stab über Gottfried Benn brechen, der sich den Nazis im April 1933 mit seiner ominösen Rundfunkrede „Der neue Staat und die Intellektuellen“ regelrecht an den Hals geworfen  hat?

Benn hat sich allerdings wenig später ins Schneckenhaus der inneren Emigration zurückgezogen, während des Teufels Dichterin eifrig an ihrer Schriftstellerkarriere bastelte. Da sie jedoch keinem direkt geschadet hat und weder rassistische noch judenfeindliche Äußerungen von ihr bekannt sind, sollte man sie nicht in die Hölle moralischer Verdammnis katapultieren. Sie war eine Mitläuferin wie viele Deutsche, von denen ein nicht geringer Teil nach dem Ende des 2. Weltkriegs in Justiz, Kultur, Politik oder Wirtschaft Karriere gemacht hat – eine Mitläuferin mit dem Schatten ihrer literarischen Hitlerverehrung. Der bleibt.