55. Im Jahrbuch – und nicht im Jahrbuch

Im Poetenladen zeichnet Theo Breuer die Geschichte der neueren deutschen Lyrik u.a. anhand des ersten und des bislang letzten Gedichts in den nun 28 Folgen des Jahrbuchs der Lyrik:

Die rasante Entwicklung der Lyrik im deutschen Sprachraum, die gegen Ende der 1980er Jahre gleichsam mit quietschenden Reifen durchstartet, zu neuen Ufern – ins Offene – aufbricht (Kling, Grünbein, Papenfuß, Waterhouse preschen voran) läßt sich beim Vergleich der 28 Jahrbücher auf fabelhafte Art und Weise ablesen. Das erste Gedicht in der Geschichte des Jahrbuchs der Lyrik – Jahrbuch der Lyrik 1 · 1979 – ist von Hajo Antpöhler:

ENDE MÄRZ,
flach die Gegend,
schön so,
auf ner Wiese
steht noch ne
Kabelrolle.

Das Gedicht zitiere ich immer mal bei Telefonaten mit Schreibkollegen. Die Reaktion ist stets die gleiche: Am anderen Ende wartet der Gesprächspartner darauf, daß ich fortfahre, und ich sehe mich gezwungen, jedesmal zu versichern: Nein, hier fehlt nichts. Das vorläufig letzte Gedicht – aus dem Jahrbuch der Lyrik 2011 – klingt so:

Geschäftsbericht

Dieses Jahr wieder ein, zwei Wahrheiten in den
Onlineschlagzeilen, die wie immer
schon wussten, wie damals bei der Erfindung des Gleitschirms.
Der Paarmensch von heute erwähnt im Schlafzimmer
nur das Positive, Betriebe überleben, wenn sie wachsen,
lebende Organismen oft noch ein Stück danach. Sind

die Grauwerte ausgelagert, werden Berichte zu einer notorisch
verspäteten Gattung. Worüber sollen wir noch reden?
Lacher wirken verdächtig. Das 21. Jahrhundert ist eben
gelandet, so früh hat es niemand erwartet. Jetzt stehen wir, rührselig,
uns nur noch selbst im Weg. Der Rest ist Arithmetik.
Die Pessimismen von früher dürfen belächelt werden. Ein Tor ist,

wer seine Träume nicht umbenennt. Der Ton ist härter geworden zwischen
den Geschlechtern. Für Nostalgien habe er
keine Zeit mehr, meinte kürzlich ein Bekannter.
Gestern das Telefonat mit den Eltern: Sie mischen
noch mit. Eine Generation weit weg, und so viel Misstrauen schon.
Gesenkt werden konnten die Kosten für Kommunikation.

Andreas Münzner

Außerdem in einem Alphabet, das Eichelhäher · Exemplarisch, fragiles fragment, Lyrikleselust, Neugier und Quälgeister einschließt sowie in diversen Texten und nützlichen Listen, darunter auch diese ziemlich be-denkliche*:

Michael Arenz · Rose Ausländer · Hans Bender · Wolf Biermann · Beat Brechbühl · Werner Bucher · Joseph Buhl · Erika Burkart · Hanns Cibulka · Zehra Çirak · Klaus Peter Dencker · Hilde Domin · Hans Eichhorn · Erwin Einzinger · Peter Engstler · Peter Ettl · Jan Faktor · Jörg Fauser · Günter Grass · Helmut Heißenbüttel · Dieter Hoffmann · Sabine Imhof · Peter Jokostra · Heinz Kahlau · Reiner Kunze · Richard Leising · Christoph Leisten · Peter Maiwald · Dieter P. Meier-Lenz · Frank Milautzcki · Heiner Müller · Peter Horst Neumann · Andreas Noga · René Oberholzer · José F. A. Oliver · Johannes Poethen · Reinhard Priessnitz · Christa Reinig · Francisca Ricinski · Doris Runge · Robert Schindel · Gerd Sonntag · Peter Turrini · Günter Ullmann · Olaf Velte · Jürgen Völkert-Marten · A. J. Weigoni · Wolf Wondratschek · Peter-Paul Zahl · Maximilian Zander gehör(t)en zu den in der Lyrikwelt behei­mateten Lyrikerinnen und Lyrikern, von denen (bislang) kein Gedicht im Jahrbuch der Lyrik publiziert wurde.

Fürwahr eine interessante Liste. Sehr unterschiedliche Verfasser, die man nicht in zwei sondern drei vier viele Parteien einordnen mag. Es würde kaum schwer fallen, aus diesen zusammengenommen ein lesenswertes „Jahrbuch“ zusammenzustellen, das kaum weniger repräsentativ sein müßte als nur eins.

*) be-denklich ist ja nicht synonym zu bedenkentragend. („Bedenklichen Inhalt melden“ heißt es überall in den Kommunikatonsdiensten des Internets, eine Menschheit von Denunzianten).

Adelungs Wörterbuch unterscheidet:

Bedenklich, -er, -ste, adj. et adv. 1) Im Bedenken, d. i. Nachdenken begriffen. Dieser einzige Umstand macht mich unruhig, macht mich bedenklich, Weiße. Man kann nicht zu bedenken wegen eines Standes seyn, der das Glück oder Unglück unsers Lebens bestimmen soll. Noch häufiger aber, 2) was Bedenken, Nachdenken oder Überlegung erfordert. Eine bedenkliche Sache. Ingleichen verdächtig, gefährlich. Dieser Antrag kömmt mir sehr bedenklich vor.

Das „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ von Klappenbach / Steinitz hat sogar 3 Bedeutungen:

    1. zweifelhaft, nicht ganz einwandfrei
    2. besorgniserregend
    3. zweifelnd, voll Sorge, Vorbehalt

Das ist vielleicht alles noch zu einseitig-negativ: seit wann ist Zweifel etwas Negatives? Ich zweifle an der Weisheit der Regierung (sie sollte froh sein, ist sie aber nicht). Ich stelle den Antrag, eine vierte, positive Bedeutung anzuerkennen: be-denklich, wert, bedacht zu werden. Bedenken 1) über etw. nachdenken, etw. überlegen; 2. jmdn. mit etw. beschenken. Liebe Leute, beschenkt die Liste, bedenkt das Jahrbuch: es hat es verdient!

(Wer den Link nicht bis zu Ende gelesen hat, sei versichert, daß die Formulierung über die „Bedenklichkeit“ der Liste nicht Breuers, sondern meine ist. Breuer erklärt vielmehr verschiedene Ursachen des Fehlens. Ich benutze seine Liste zum Selber-Bedenken!)

54. In deutschen (und türkischen) Koordinaten

Fixpoetry-Gastgeberin Julietta Fix hatte den Abend auf bedachte Weise in zwei Hälften unterteilt. In der ersten Hälfte kamen drei Autoren zu Wort, die auf facettenreiche Weise das weite Spektrum der zeitgenössischen Lyrik repräsentieren und mit ihrer Dichtung zugleich die poetischen Koordinaten sichtbar machten, in denen Gerrit Wustmanns Lyrik verortet ist.  …

Dass „die Poesie (…) geschieht, während das Ich geschieht“, ließ der Vortrag Milautzckis bis in die Tiefe erkennen. In Milautzckis behutsamem, feinsinnigem Vortrag wurden die Nuancen seiner Poesie auf eindringliche Weise lebendig. Eine andere Facette der Poesie zeigte sich im Anschluss daran durch Andrea Karimè, deren sprachspielerische Kompositionen keineswegs einem Selbstzweck dienen, sondern gleichermaßen leichtfüßig wie überraschend zwischen Sprachen und Kulturen flanieren – und damit vermitteln. …

Tief greifen Wustmanns Verse in das Blau zwischen Himmel und Meer, oszillieren zwischen Sinnlichkeit und Sehnsucht und sparen dabei auch das Dunkle nicht aus. Im Bewusstsein der Tradition – Wustmann flechtet in seine Verse Reminiszenzen an Autoren wie Sait Faik, Nazim Hikmet, Orhan Veli und Jörg Fauser ein – wird der Zyklus zu einem komplexen, farbenreichen Kaleidoskop, in dem das Vorfindliche synästhetisch ineinanderfließt. / Christoph Leisten, cineastentreff

53. Gedicht

LEGENDE VOM ABHOLEN, DEN GESTRIGEN ABEND ALLEIN
Mit einer Suchmaschine zugebracht, vor
Lauter Einerlei diese Begriffe eingegeben, Studentin,
Leipzig und eine frappierende Ähnlichkeit
Mit Ornella Muti, sinnlos, nichts zu finden, aber
Das kann doch bisher nicht nur mir
Aufgefallen sein, in was für einer
Aussichtslosen Welt leben wir denn, ich hätte
Sie so gern nach Schichtschluß
Aus einer Gurkenfabrik abgeholt, sie
Hätte den ganzen Tag am Band gestanden,
Hochstehende Gurken runtergedrückt und
Die Gläser zugeschraubt, zwei Toilettengänge
Pro Schicht, ich gab die Begriffe noch einmal
Neu ein, Studentin, Sachsen, verblüffende
Ähnlichkeit mit Ornella Muti, als sie noch
Jünger war, Fließband, Gurkenfabrik,
Toilettengänge, Seife, Spind,
Pflastersteine, Sirene und Frauen, Frauen, kurz
Vor ihrem Wechsel aus einer hohlen Umgebung
In eine demonstrative Liebe, Erwartungen,
Enttäuschungen, Umarmungen, oben und
In der Mitte, oben, nasse Zugänge, je nachdem, ob
Sie ganz unter der Dusche waren oder ob sie
Es vorzogen, ihre Körper nur vergeblich
Über ihre zögerlich ausgestreckten Hände
Anzukündigen, Frauen ohne Abendfahrzeuge, Frauen
Ohne Zuordnung, Frauen, Frauen, bis
Auf diese eine.

Thomas Kunst ist an diesen Veranstaltungen der Buchmesse beteiligt:

19. März 2011
16:00 – 16:30 Uhr

Es gibt eine andere Welt
Neue Gedichte aus Sachsen

Mitwirkende Katrin Marie Merten ( http://katrin-marie-merten.de ), Thomas Kunst (http://www.thomaskunst.de), Andreas Altmann (http://www.poetenladen-der-verlag.de/autoren-andreas-altmann.php)

Moderation Axel Helbig
Veranstalter poetenladen

Ort Leipzig liest Forum Halle 4, Stand E101
Reihe Literatur unabhängiger Verlage

19. März 2011
20:00 Uhr

Thomas Kunst
Die Edition Rugerup in der KUB

Thomas Kunst stellt seinen neuen Band „Legende vom Abholen“ vor, Live-Musik rundet den Abend ab.

Moderation Margitt Lehbert

Veranstalter Edition Rugerup / Nimrod Förlag AB

Ort Galerie KUB, Kantstraße 18, 04275 Leipzig (Südvorstadt)
ÖPNV Straßenbahn: 10, 11 Bus: 89

Reihe Literatur unabhängiger Verlage


52. Poesieraum Balkan

„Opas freund /najden hat aus dem brunnen / einen römischen soldaten /gezogen“ heißt es in einem Gedicht der jungen Serbin Dragana Mladenovic. „ einen legionär /und hat ihn in der kirche getauft / auf den namen simeon … aber für mich ist das /langweilig deshalb / stelle ich mir vor / ich sei / ein mädchen / aus der nachbarschaft“. Der ganze Balkan ist ein gewaltiger Poesieraum, was Serbien als Gastland der nächste Woche beginnenden Leipziger Buchmesse ganz besonders unter Beweis stellen wird: Welcher Reichtum findet sich etwa in der Anthologie „Eintrittskarte“, die ein Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts entwirft.

Doch es ist unmöglich, all das, was einem an junger serbischer Lyrik begegnet, losgelöst vom Poesiediskurs in ganz Ex-Jugoslawien zu betrachten, so eng verwandt sind die slawischen Sprachen Südosteuropas, als dass keiner den anderen nicht nicht verstünde, zu eng sind die Kulturlandschaften dies- und jenseits von Donau, Save, Morawa und Drina verflochten.

Ein Beispiel für die Verschmelzung vieler Orte in einer Person ist Lidija Dimkovska, 1971 im makedonischen Skopje geboren, in Bukarest promoviert, der Liebe wegen (wenn man ihren Gedichten glaubt) in Ljubljana ansässig. Ihre Verse sind wilde Jumpcuts, die ungebändigt die Widersprüchlichkeit des postkommunistischen Lebensgefühls einfangen. / Jan Röhnert, Tagesspiegel

Dragana Mladenovic: Nachbarschaft. Gedichte. Aus dem Serbischen von Jelena Dabic. 160 Seiten, 16 €.

Lidija Dimkovska: Anständiges Mädchen. Gedichte. Aus dem Makedonischen von Alexander Sitzmann. 164 Seiten, 16 €. Beide bei Edition Korrespondenzen, Wien 2011.

Dragoslav Dedovic (Hg.): Eintrittskarte. Serbien: Panorama der Lyrik des 21. Jahrhunderts. Zweisprachige Ausgabe. Drava Verlag, Klagenfurt 2011. 359 Seiten, 29,80 €.

51. Rubik’s Cube

karawa.net

# 002 / RUBIK’S CUBE

»Rubik’s Cube habe ich eigentlich seit Ewigkeiten nicht mehr
wahrgenommen. Als wär’s weg aus der Handhabung. Nun war ich aber
neulich im Zug unterwegs, der Zug hielt an und genau vor meinem
Fenster befand sich da eine Bank, auf der ein sehr alter und ein sehr
junger Mann saßen. Und in dem Moment, in dem der Zug einfuhr, gab der
alte Mann dem jungen Mann einen total verdrehten Rubik-Würfel. Und da
passierte etwas, das mich extrem fasziniert hat: ein sehr schnelles,
schönes Drehen an diesem Würfel, fast ohne hinzuschauen. Und in dem
Moment, in dem der Zug abfuhr, wurde der Würfel wieder zurückgegeben.
Was mich faszinierte, war die Anmut der Szene, als Geste begriffen –
einerseits dieses Hin- und Herreichen, andererseits, dieses Drehen,
das eine enorme Leichtigkeit hatte.« (Barbara Köhler im Interview)

Mit Beiträgen von: Diana Albornoz / Konstantin Ames / Tobias Amslinger / Daniel Durand /
Michael Fiedler / Zsuzsanna Gahse / Mara Genschel / Stefan George /
Heike Hamann / Barbara Köhler / Simone Kornappel / Dagmara Kraus /
Stan Lafleur / Martin Lechner / Léonce W. Lupette / Stéphane Mallarmé
/ Philip Maroldt / Milo Pablo Momm / Jason Nelson / Aurélie Noury /
Michalis Pichler / Bertram Reinecke / Johann Reißer / Manuel
Stallbaumer / Holger Steinmann / Katharina Stooß / Martin Tanšek /
Hans Thill / Mathias Traxler / Sören Wuttke

http://karawa.net

Herausgegeben von Tobias Amslinger / Norbert Lange / Léonce W. Lupette
Unter der Schirmherrschaft der Lyrikknappschaft Schöneberg

50. Selig sind die Lyrikerinnen

Im ZDF ein Interview mit Monika Rinck zu ihrem Gedicht-Beitrag in der ZEIT, worin sie es vorliest und kommentiert.

49. „Politische Lyrik muß sofort sitzen und ziehen“

Politische Gedichte will die Zeit drucken, nein sogar veranlassen. Gestern begann die Serie. DLF befragte Dirk von Petersdorff, der nicht so angetan ist, denn:

Und heute? – Ja, das ist dann teilweise etwas verklausuliert, man muss lange überlegen, versteht es nicht. Ich glaube, politische Lyrik muss auch eingängig sein, das muss sofort sitzen und ziehen.

Über Monika Rinck:

Es ist vielleicht kein im ganz engen Sinne politisches Gedicht, aber ein schönes Gedicht, was, finde ich, eine ganz anders gestaltete Welt vorstellt.

Zu Marion Poschmann:

Ich muss dann zugeben, ich habe das Gedicht nicht so genau verstanden, was diese zwei Körper eigentlich sind. Ich würde sagen, schlicht zu kompliziert für politische Lyrik.

Jan Wagner:

Der macht es ja eigentlich so, dass er sagt, ja, ich erfülle eure Erwartungen nicht, ich schreibe ein Naturgedicht, was man dann indirekt auf Politik beziehen kann, aber es ist kein in direkter Weise politisches Gedicht.

(Verständlich waren gewiß die Stalinhymnen Bechers und tausend anderer, die Führergedichte Agnes Miegels. – Zum Thema Verstehen siehe Volker Brauns Aufsatz „Rose Paal und der Aufstieg der Lyrik“! Kernaussage: Wenn heute wieder etwas gewußt werden soll über uns, muß es nicht „verständlich“ wie bei Brecht, sondern so geschehen wie in zeitgenössischer Lyrik: auch wenn es die Landarbeiterin Rose Paal dann erst mal nicht versteht.)

– Und Braun zitiert (meint) da nicht Braun, Enzensberger oder Rühmkorf, wir es Germanisten tun würden. Er hätte Elke Erb nennen können, nennt aber Hölderlin:

Der Winkel von Hahrdt.

Hinunter sinket der Wald,
Und Knospen ähnlich, hängen
Einwärts die Blätter, denen
Blüht unten auf ein Grund,
Nicht gar unmündig
Da nämlich ist Ulrich
Gegangen; oft sinnt, über den Fußtritt,
Ein groß Schicksal
Bereit, an übrigem Orte.

Ist das politisch? Braun scheint zu meinen: politischer als Brecht, wenn man ihn heute imitierte.

48. Geburtstagsfeier für Eichendorff

“Das ist die fröhliche Saale, das ist der Giebichenstein” schallte es am Donnerstagnachmittag von den Klausbergen ins Saaletal hinab. Einst saß hier der Dichter Joseph von Eichendorff und schrieb sein heute jedem Hallenser bekannte Gedicht “Da steht eine Burg überm Tale”, damals noch ohne Musik (die kam erst später dazu) und unter dem Titel “Bei Halle”. / halleforum.de

Bei Halle

Da steht eine Burg überm Tale
Und schaut in den Strom hinein,
Das ist die fröhliche Saale,
Das ist der Giebichenstein.

Da hab ich so oft gestanden,
Es blühten Täler und Höhn,
Und seitdem in allen Landen
Sah ich nimmer die Welt so schön!

Durchs Grün da Gesänge schallten,
Von Rossen, zu Lust und Streit,
Schauten viel schlanke Gestalten,
Gleich wie in der Ritterzeit.

Wir waren die fahrenden Ritter,
Eine Burg war noch jedes Haus,
Es schaute durchs Blumengitter
Manch schönes Fräulein heraus.

Das Fräulein ist alt geworden,
Und unter Philistern umher
Zerstreut ist der Ritterorden,
Kennt keiner den andern mehr.

Auf dem verfallenen Schlosse,
Wie der Burggeist, halb im Traum,
Steh ich jetzt ohne Genossen
Und kenne die Gegend kaum.

Und Lieder und Lust und Schmerzen,
Wie liegen sie nun so weit –
O Jugend, wie tut im Herzen
Mir deine Schönheit so leid.

 

47. Dorfsäufer

Fragt man die Leute in seinem walisischen Heimatort nach dem weltberühmten Sohn, tun ihn immer noch viele als „Dorfsäufer“ ab. Dylan Thomas hat sich sehr um diesen Ruf bemüht. Angeblich waren seine letzten Worte: „Ich hatte gerade 18 Whisky. Ich denke, das ist Rekord.“ / Elke Heidenreich schrieb ein Buch über den Dichter

46. Lyrik im Schlößchen

 

Das Gohliser Schlößchen war im 18. Jahrhundert als „Musenhof am Rosental“ bekannt. Georg Joachim Göschen, Christian Gottfried Körner und Friedrich Schiller verkehrten hier. 1998 wurde es nach Sanierung wiedereröffnet. Seit Jahren findet hier während der Buchmesse die Veranstaltungsreihe Lyrik im Schlößchen statt.

Gohliser Schlößchen,
Menckestraße 23, 04155 Leipzig (Gohlis-Süd)
ÖPNV
Tram 4 bis Menckestr. oder Tram 12 bis Fr.-Seger-Str.

Aus dem Programm 2011:

Do 17.3.

17:30 Tatort Poesiealbum. Helmut Braun, Wulf Kirsten, Reiner Kunze, Richard Pietraß.
Märkischer Verlag – Poesiealbum

18:30 Wilhelm Bartsch: Mitteldeutsche Gedichte

19:30 Uhr Kurt Drawert: Idylle, rückwärts

Fr 18.3.

18:00 Lutz Steinbrück „Blickdicht“ / Crauss „Lakritzvergiftung“

19:00 Arnold Leifert, Ullrich Marzahn, Sabina Lorenz, Katrin Marie Merten, Eberhard Häfner

20:30 APHAIA-Lyrikabend mit drei deutsch schreibenden Autoren aus Serbien, Indien und Berlin: Rajvinder Singh, Achim Wannicke, Boško Tomašević

Sa 19.3.

16:00 Bettina Ziegler: Warum mich keiner anfasst . Bissig-satirische und provokante Gedichte

17:00 Alban Nikolai Herbst, Bamberger Elegien

19:00 Judith Zander: oder tau

Mehr hier

 

45. Ernst-Jandl-Preis für Peter Waterhouse

Der Ernst-Jandl-Preis für Lyrik des Jahres 2011 geht an Peter Waterhouse:

Der 54-jährige Waterhouse wird die mit 15.000 Euro dotierte Auszeichnung bei den Ernst-Jandl-Lyriktagen am 18. Juni in Neuberg an der Mürz erhalten. …

„Das literarische Schaffen von Peter Waterhouse ist vielseitig und vielgestaltig: Er schreibt Gedichte und Erzählungen, er hat mit ‚(Krieg und Welt)‘ eine umfangreiche und vielbeachtete Prosa vorgelegt, Essays verfasst und Texte für die Bühne geschrieben, und er ist erfolgreich als Übersetzer aus dem Englischen und Italienischen tätig“, so Schmied. „Kern all dieser Arbeiten ist aber die Dichtung und die poetische Weltsicht von Peter Waterhouse, die er Text um Text aufs Neue entwickelt.“ / Der Standard

44. Dichter im öffentlichen Raum

Der öffentliche Raum heißt so, weil er in Grenzen öffentlich genutzt werden darf. Die Grenzen sind gegeben durch Gesetze und Gewohnheitsrechte, sonst aber durch die Verwaltung. Die bestimmt im Zweifel die Toleranzgrenzen. Shit happens, sagen die Amerikaner, es geschieht auch in Europa. Hundeshit gehört zum öffentlichen Raum, zu Kinderspielplätzen zum Beispiel, da ist die Verwaltung meist machtlos. Wer privat baut, beschert Nachbarn und Passanten Staub, Lärm und dreckige Bauzäune, das gehört dazu, muß also meist hingenommen werden. Werbung, auch dem und jenen bis zum Ekel widerwärtige, gehört zum Geschäftsleben und muß hingenommen werden wie die Gesichter und Parolen der Politiker jeder Couleur. Helmut Seethaler gehört nicht dazu, nicht in Wien. Der als „Zettelpoet“ bekannte Wiener wird seit vielen Jahren von den Wiener Verkehrsbetrieben und der Verwaltung verfolgt. Seine Gedichtzettel und mit Kreide geschriebenen Zeilen überschreiten die Toleranzgrenzen. Der mehrfach Vorbestrafte und noch viel mehr von Strafanzeigen Verfolgte kündigt zum wiederholten Mal Renitenz an. Eben mit einer per Twitter und Facebook verbreiteten SELBSTANZEIGE:

Oeffentliche SELBSTANZEIGE: ich entscheide mich, die verbreitung meiner gedichte trotz vorstrafen weiterzufuehren: ich beschreibe wieder schmutzige gehsteige+desolate bauwaende mit entfernbaren stiften: hseethaler@gmx.at

Alle Freunde der Poesie und überhaupt des freien Wortes und (vielleicht ist das ein Synonym) alle, denen das Konzept des öffentlichen Raums etwas bedeutet, sollten ihm Solidarität erzeigen, seis durch öffentliche Bekundung, durch materielle Zuwendung oder durch ein Lächeln.

(Ein Literaturwissenschaftler sagte mir neulich: aber es sind doch schlechte Gedichte. Mit Verlaub, das ist mir zuviel Zartsinn. Nicht nur weil die Maßstäbe immer strittig und, wo als unstrittig behandelt, immer autoritär sind. Vor allem aber: seit wann ist es Aufgabe des Lesers, die Verwaltung zu unterstützen? Gilt in Wien wie in Preußen, an Isar, Neckar, Pleiße und überall. WIR SIND DIE ÖFFENTLICHKEIT!)

In L&Poe: https://lyrikzeitung.com/tag/helmut-seethaler/

43. Ein Sack Gedichte

Das Gedicht ist ein seit langem verkanntes Medium. Kaum einer wagt sich ran, und wenn, kommt oft diffuses Gestammel dabei heraus, das meistens nur der Dichter selbst zu deuten weiß. Doch nun ist alles anders, der große Ahne ist vom Berge Ararat gestiegen und hat beim Hinabsteigen einen Sack Gedichte gedichtet! / Frank Willmann, Weltexpress

Ahne: Gedichte, die ich mal aufgeschrieben habe, 94 Seiten, Voland & Quist Verlag, 2011, 14,90 Euro

42. Programm des Lyrikertreffens Münster

Donnerstag (31. März)

20 Uhr: „Als ob im Singen die Wörter / das natürliche Denken fänden“ – Lyrik vertont, Clemenskirche.

Freitag (1. April)

16.30 Uhr: Übersetzungsprojekt mit Ben Lerner und Steffen Popp, Theatertreff.

20 Uhr: Ernest Wichner, Nadja Küchenmeister, Dirk von Petersdorff, Kathrin Schmidt, Günter Herburger, Kleines Haus der Städtischen Bühnen.

Samstag (2. April)

11 Uhr: Oskar-Pastior-Projekt, Ernest Wichner und Urs Allemann, Theatertreff.

14 Uhr: Maleen Brinkmann – Frühe Gedichte von Rolf Dieter Brinkmann, Picasso-Museum.

16.30 Uhr: Gehirn und Gedicht, Theatertreff. 20 Uhr: Ron Winkler, Angela Krauß, Raoul Schrott, Christoph Meckel, Patrizia Cavalli, Kleines Haus.

Sonntag (3. April)

11 Uhr: Verleihung des Preises für Poesie an Ben Lerner und Steffen Popp, Erbdrostenhof.

Presse: Münstersche Zeitung / Westfälische Nachrichten /

41. Wilde, sperrige Gedichte

Der Luxemburger Jean Krier ist der erste „reine“ Lyriker seit zehn Jahren, der den Chamisso-Preis erhält, vor allem für seinen jüngsten Gedichtband „Herzens Lust Spiele“ (2010) – Gedichte, die die deutsche Sprache bereichert haben, so die Jury. Es sind wilde, sperrige Gedichte, meist in Langversen, in schroffen Sprüngen montiert, rücksichtslos manchmal auch gegen die Grammatik. Motivisch sind sie einer starken Naturbildlichkeit verpflichtet, oft bestimmt vom Meer, von französischen Inseln und den menschlichen Relikten dort; kleine Apokalypsen aus Müll und Tod, mit einem düsteren Blick auf die menschlichen Befindlichkeiten, der trotz allem eine gallige Komik, eine verquere Lebenslust behält. …

Warum schreibt er seine Gedichte in Deutsch, mit französischen Einschlüssen? Krier erklärt, auf Luxemburgisch könnte er solche Gedichte nicht schreiben, „weil gewisse Substantive einfach nicht existieren, die müssten umschrieben werden, das würde dann sehr schwerfällig werden“. …

Die deutsche Lyrik – er nennt den späten Günter Eich – ist ihm wichtiger als die französische, die ihm zu preziös erscheint, zu sehr in der Tradition von Mallarmé; allerdings sind Beckett und Proust wahrscheinlich seine meistzitierten Autoren, auf die er unentwegt anspielt, und er sagt, er müsse täglich ein paar Seiten Proust lesen. Kriers Literatur ist schon „authentisch“ hybrid, zwischen dem Französischen und dem Deutschen, das er auch nicht ungerupft lässt: seine Abschlussarbeit hat er über Hans-Henny Jahnn geschrieben, ergreifend, aber völlig humorlos; heute unlesbar für ihn.

/ Sven Hanuschek, FR 9.3.