94. Langes Kunstkammer

Am Anfang des Gedichtbandes überrascht uns Lange mit einem «Taglied», das in zarten, tastenden Fügungen vom Erwachen der Sinne am Morgen handelt, von einer poetischen Osmose zwischen dem lyrischen Ich und einer Welt, die immer mehr in den Bann der Digitalisierung gezogen wird. Solche liedhaften Verse setzt Lange immer wieder in scharfem Kontrast zu seinen hart gefügten Standfotos und Collagen deutscher Unheilsgeschichte. Im Gedicht «Ein Foxtrott nicht» werden etwa die Vokabulare und Bildwelten des Flugzeugbaus, der Waffentechnologie, der Vogelwelt und der Ölbild-Komposition eng miteinander verknüpft. Bilder aus der militärischen Sphäre stehen direkt neben Metaphern des Sentiments: «aus der Waffenkammer / hüpft der Kummer». In ihren harten Schnitten, Montagen und Übermalungen erinnern die Gedichte bisweilen an die «Schädelmagie» des 2005 verstorbenen Thomas Kling, mit dem Norbert Lange befreundet war. Dann wieder bezaubert der Autor mit «blitzend fein geschliffnen Wortbeilchen» und ganz leichthändigen Alltagsbildern. In dieser «Kunstkammer» gibt es viel zu entdecken: kryptische Geschichtscollagen, zarte Lieder und magische Dinggedichte. / Michael Braun, NZZ

Norbert Lange: Das Schiefe, das Harte und das Gemalene. Kunstkammer. Verlag Luxbooks, Wiesbaden 2012. 122 S., Fr. 31.40.

93. Pergamon

WF SCHMID: Ich find ja das Rezeptions­potential des Buches zwischen Gedicht­band und Aus­stel­lungs­katalog spannend. Wenn wir mal nur vom Text ohne seine Funk­tion inner­halb der Aus­stel­lung ausgehen: Siehst Du, in Hin­blick auf Deine Dich­tung, das Buch wider­spruchs­frei als Gedichtband?

GERHARD FALKNER: Ich höre es bei Dir zwischen den Zeilen immer ein bisschen knistern und knirschen.
Wir haben in Deiner Frage weder die Priorität, das Sujet oder Genre, noch die Reihenfolge erfasst. Ausstellungskatalog passt wirklich gar nicht. Zwar gibt oder gab es gerade diese „Ausstellungen“ zu diesem Thema, das Panorama von Asisi und die Zusatzausstellung „Pergamon“ im Nord­flügel, die sind aber nicht Gegen­stand der Texte. Der Fries ist nicht (oder nur über um­ständ­liche Begriff­lich­keiten) eine Aus­stellung, sondern er erscheint als ein zen­trales Kunst­werk der Kunst­geschichte, wie etwa der Kodex des Hammurabi, das baby­lonische Ischtartor oder das Markttor von Milet.
Die Texte sind nicht ausstellungs­bezogen, sondern penetrant und immanent auf die Gigantomachie.
Sie sind ent­standen, ich wiederhole das, als Texte zu Video-Clips, die das Museum für Werbe­zwecke bei Bboxx-Filme in Auf­trag gab. Sie mussten eine gewisse Verständlichkeit aufweisen, ohne vor den Weich­spül­verfahren der Werbe­branche in die Knie zu gehen.
Dass wir das erreicht haben, zeigt der Erfolg, zu dem wesent­lich die beiden Filme­macher beigetragen haben. Die Aufrufe, wenn man Youtube und die Platt­formen des Per­gamon Museums zusammen­nimmt, gehen bereits in die Zehn­tausende.
Wann hat Lyrik zuletzt so etwas erreicht?
Der wunderbare Artikel von Gustav Seibt in der SZ war ja nur der Startschuss. Die Filme werden demnächst auf der Agora in Athen gezeigt, sind prominent am Er­öff­nungs­abend des ILB nach der Rede von Liao Yiwu platziert und stehen im nächsten Semester in Harvard auf dem Vor­lesungs­plan. Das Pergamon Museum hat auf Grund des Erfolgs sogar den Kino Trailer in den Ber­liner Kinos ein zweites Mal auf­genommen. Wir haben damit den Beweis geliefert, dass auch kom­plexe und poetische Texte als Werbung (die das permanent leugnet), funktionieren können.
Erst wenn diese Gedanken alle bedacht und abge­handelt sind, dann kommt der Gedicht­band.
Ich hatte zuerst auch die Bedenken, O Gott, ent­täusche ich mit dieser etwas leichteren Zugäng­lich­keit das kleine Häuflein Einge­schwo­rener, das jede Bühne stürmt, die sich da­rauf einlässt, als leeres Haus zu enden.
Und dann, ja natürlich sehe ich das Buch schluss­endlich, nachdem ich es auf einen ent­sprechenden Umfang erwei­tern konnte, als Gedicht­band. Als was sonst.
Nachdem ich es geschafft habe, dass praktisch jeder meiner Gedicht­bände sehr unter­schiedlich ist, gibt es somit einen neuen, der dieses Kriterium ebenfalls erfüllt. Und auch der nächste, der in Arbeit ist, wird dies wieder in einer sehr anderen Weise und dann auch wieder formal komple­xeren Weise sein.
Ob widerspruchs­frei, das würde ich auch da mit Vergnügen nicht garan­tieren.

(…)

WF SCHMID: Da gibst du aber (unbewusst?) auch gut Verweise zu den Gedichten selbst. Also jetzt hier die Oper, die keinen geringen Platz einnimmt, und weiter oben natürlich das Kino des Frieses, der in den Gedichten immer in Bewegung ist. Wie wichtig ist Dir eigentlich das jetzt­zeitliche surrounding der Texte wie etwa auch der Klingeltondownload oder die Frage nach den Gigabyte des Frieses?
Das trägt ja auch nicht wenig zu den Brüchen bei. Da fällt mir aber grad noch auf, dass das ja auch für die Mar­kierung des Rezeptio­nisten-Blick­winkels der Texte sorgt. Was war deine primäre Absicht mit dem „surrounding“?

GERHARD FALKNER: Mir ist das sehr wichtig, denn nur dadurch lässt sich erhalten, was Dich­tung durch alle Zeiten hindurch bestands­fähig gemacht hat.
Den Löwen von gestern füttern mit den Ga­zellen von heute. Ottos Mops kotzt hat uns zwar alle amü­siert, aber wir möchten es ja nach allem, was sich bis dahin in der und durch die Dichtung bewegt hat, auch nicht dabei be­wenden lassen. Schließ­lich hatten die Deutsch­lehrer 30 Jahre lang ihren Spaß damit.
Ich jedenfalls ziele eher auf die Einge­weide, das Gehirn jetzt mal dazu­gezählt. Mir sind sublime und aura­tische Zugänge zur Sprache wichtig, die müssen aber durch zeit­gemäße Verfahren und Voka­bularien immer neu er­schlossen werden. Es muss aus der Hüfte kommen und ins Schwar­ze treffen.
Alles Basteln in der Literatur ist mir ein Gräuel.
Zur Zeit arbeite ich an einem Gedicht­band, der „Schorf­heide“ heißen wird. Im Unter­titel: „Verland­schaft­lichung von Libellen, neuro­logi­schem Gras und Denk­mo­del­len.“
Da komme ich dann noch mal aus einer ganz anderen Ecke, indem ich ver­suchen werde, Natur­gedichte auf ihre Diskurs­belast­bar­keit zu prüfen, und sie trotzdem so aussehen zu lassen, wie Kirchen­lieder.

/ Poetenladen

92. Zwei Frühvollendete

Buchebners zweite Inspirationsquelle ist, wie man in dem wunderbaren Sammelband ich die eule von wien nachlesen kann, weitaus verblüffender. Der Dichter, lose verankert in dem Literatenzirkel um den Wien-Heimkehrer Hermann Hakel, verehrt den US-Beat-Poeten Allen Ginsberg. Ihm denkt er die Rolle des Erlösers zu: „ginsberg wo bleibst du? nimm auf dein joch und komm über die hellblaue kette der appalachen …“, fleht dieser Orpheus aus der Obersteiermark sein Idol im fernen New Jersey an. Ginsberg soll nach Europa herüberkommen und die Ketten der Wohlstandsgesellschaft zerbrechen helfen.

Das gleichnamige Gedicht (ginsberg wo bleibst du?) gehört zu den bewegendsten Zeugnissen von Buchebners Rast- und Ruhelosigkeit. Der Autor gibt poetisch zu Protokoll, „an der atlantischen küste“ zu stehen („wo mag dein u-boot auftauchen aus der flut?“). Zugleich beneidet er den homosexuellen Priester der US-amerikanischen Gegenkultur um dessen Erfahrungsschätze, die Ginsberg scheinbar wie von selbst in den Schoß gefallen sind. „du hast apollinaire besucht eisenhower gesehen den jazz im birdland gehört“, zählt Buchebner atemlos begierig auf.

(…)

Kling gehörte zu den raren Sängerdichtern, in deren zu Performances erweiterten Lesungen das Ungezügelte, Schamanische scharf aufblitzte. Dieser Autor definierte die „dichterische Sprache als Wahrnehmungsinstrument“. Das nachgelassene Brevier-Buch Das brennende Archiv (Suhrkamp) mit Gedichten, Bildern und Interview-Zeugnissen ist eine Einladung, Kling nachzulesen.   / Ronald Pohl, DER STANDARD 11.8.

91. Schagadam Magadam

Freiburg: Das Festival „Schagadam Magadam“ bot experimenteller Poesie einen ganzen Tag lang ein Forum.

Mit dem Festival »Schagadam Magadam« erfüllte sich die russische Gastdozentin Dr. Juliana Kaminskaja, wie sie sagte, einen Traum: Sie wollte den Gästen die Faszination an der Verschmelzung von Wort und Bild, von Verständlichem und Transrationalem näher bringen – und dies unter aktiver Beteiligung einiger eigens aus ihrer Heimatstadt St. Petersburg angereister Künstler. (…)

Die Sprache war in diesen acht Stunden nicht Informationsträger, sondern vielmehr ein geometrischer Körper, mit dem die Künstler spielten. Ob es langgezogene, melodische Buchstaben beim russisch-deutschen Dichter Andrej Birjukow waren, oder drehbare Satzteile in den visuellen Gedichten des Moskauer Dichters Dimitri Avaliani – das Spiel mit der Sprache war überall.

„Überall“ – ein wichtiges Stichwort für die aufgeführte Kunst auf dem Festival. Viel Inspiration zieht diese aus der Zeit der historischen Avantgarden. Eine wichtige Maxime dieser Zeit war, dass die Kunst international anwendbar sein solle. Die Künstler des Festivals nahmen sich das zu Herzen: Einige Performances wären überall auf der Welt gleich (un)verständlich gewesen: Die Grenzen der Kommunikation, die durch verschiedene Sprachen entstehen, wurden auf dem Festival teilweise aufgebrochen.

Diese Leistung kulminierte im Theaterstück „Götter“ von Welimir Chlebnikow. Die Schauspieler redeten in der sogenannten Zaum-Sprache: Eine Kunstsprache, die universell anwendbar ist, weil sie ohnehin keiner versteht. Nicht weiter schlimm, da der Akt der Rezeption keiner sein sollte, den die Ratio zu vollziehen hatte. / Philipp Kunze, Rußland aktuell

90. Virtual Library Packages

In response to customer requests, I’m now focusing on building Virtual Library Packages (VLPs) for our Quench Editions download store.  We now have nine of them:

American Literature — 3,640 books for $49.99
Australian Literature – 66 books for $9.99
British Literature Before 1800 — 831 books for $34.99
British Literature After 1800 — 3,321 books for $49.99
Canadian Literature – 167 books for $19.99
Vintage Science Fiction, Alternate History, and Utopia — 106 books for $9.99
Books of the Western Canon: Theocratic Age — 95 books for $9.99
Books of the Western Canon: Aristocratic Age — 258 books for $19.99
Books of the Western Canon: Democratic Age — 409 books for $29.99

The Quench Editions store http://www.samizdat.com/quencheditions/has two kinds of products:

* You can buy a single file, which in some cases consists of a single book, but is often a collection of related books, with links from the table of contents to every chapter of every book. Then you get that file in three formats zipped together (.prc, .epub, and .pdf), so you can read the book(s) on any e-reader.

or

* You can buy a „virtual package“ of books in plain text format (.txt), intended for reading on a PC or Mac or with a device used by the blind to convert text to voice or Braille.  Such a package typically includes hundreds of books or even thousands of books, and comes with an index document, showing all the books, such that you can click on a link to open a book. These packages are based on our Book Collections CDs, which you can find at our Yahoo store http://samizdat.stores.yahoo.net/You won’t find anything of this kind a the mega ebook stores like Kindle and Nook.

By definition, a .txt file does not have internal links, hence there is no linked table of contents.  The .txt files are „blind-friendly“ — they work well with software and devices that convert text to voice or Braille.

If you convert one of those files to pdf (which you can do by simply opening the file in Word and electing to save it as pdf), that will not add links, and will reduce the usefulness of the file, making it more difficult to search, edit, excerpt, etc.

What these huge „packages“ of books have that single files do not is organization by folders and links from the table of contents to every book.

If you want to read a book from cover to cover, a pdf or epub or prc file with internal links is much better.  That’s what you get with our single file „classic“ books offerings.

If you want to do research and check selected passages of selected books, a package of .txt files is much better.  You can quickly find and open the books that you want using the linked index document.  And you can use the search capability built into your PC or Mac to search across all the books.  You also can easily edit and highlight/annotate books in .txt, using any word processor, and save your edited version.

Since I both read and research, I like having my books available both ways.

Suggestions are welcome.  We have about 200 book-collection CDs and converting them to downloadable packages is a time-consuming process.  Please check our CD/DVD store http://samizdat.stores.yahoo.net/and let us know which ones matter most to you, so we can set our priorities accordingly.

Please spread the word.

Best wishes.

Richard

Richard Seltzer, B&R Samizdat Express, seltzer@samizdat.com, 617-469-2269 http://www.samizdat.com,http://www.samizdat.com/bloghttp://twitter.com/richardseltzer

Ebooks by download — Quench Editions http://www.samizdat.com/quencheditions/

Book collections on CD and DVD http://samizdat.stores.yahoo.net/ As featured in the New York Timeshttp://www.nytimes.com/2007/04/09/arts/09conn.html

Latest book =“Saint Smith and other Stories“ http://samizdat.stores.yahoo.net/sasmandotstb.html

89. Polish your protest!

Wenn man gehört werden will, muß man sich ein bißchen auf sein Publikum einstellen – das meinen jetzt viele. Wenn man so unfein spricht – kein Wunder wenn man nicht gehört wird.

Ich habe das Punkgebet der Pussy Riot in der DPA-Fassung mit dem Programm After the deadline poliert, indem ich immer den ersten Verbesserungsvorschlag (Rechtschreib- und grammatische Fehler) akzeptiert habe. Geht doch!

«Mutter bottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin! Schwarz Priesterrock, golden Schulterklappen – Alle Pfarrkinderkitchen zu Verbeugung Das Gospels der Freenet im Hummel Homosexuelle warden in Keen nach Siberian geschickt. Der KGB-Chef ist Euler overseerHilfiger, Er steak die demonstrate ins Genghis. Um den enlighten nicht zu between Meissen Frauen genre undo listen. Göttlicher Deck, Deck, Deck!Göttlicher Deck, Deck, Deck! Mutter bottes, Du Jungfrau, were Feinstein, Warde Feinstein, were Feinstein! Kirchlicher Lobgesang for die defaulterFührer – Kreuzzug as schwarz limousine. In die Schule kmet der Parker, Geh’ zum interdict – bring him Geld. Der Patriarch gaunt a Putin. Besselsolute er, der Hund, a Gott gluten. Der Garter der Selig Jungfrau ersatz kine demonstrations – Die Jungfrau Maria ist ber den Protestant mit uns! Mutter Gottes, Du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin, vertreibe Putin!»

88. Getarnt

In der FAZ erklärt Liao Yiwu, wie er im Gefängnis schreiben konnte (mit einem Faksimile):

Durch den Küchendienst war mir täglich eine gewisse Auszeit vergönnt. Ich lernte, Flöte zu spielen, und hockte ansonsten für gewöhnlich mit Papier auf dem Schoß auf dem Bettrand und schrieb, Tag für Tag. Mein Bett war ringsherum vollgestopft mit irgendwelchen Zeitschriften, unter denen ich meine Manuskripte verbergen konnte. Um meinem Schreiben den Anschein von Harmlosigkeit zu geben, verfasste ich eigens nebenbei ein paar triviale Erzählungen, die ich den anderen bei Gelegenheit zu lesen gab.

Ich benutzte dafür das minderwertige, fast schon zerfallende Gefängnispapier, etwas anderes gab es nicht. Die Furcht vor Entdeckung ließ mich so tief vornüber gebeugt schreiben, dass meine Nasenspitze beinah das Papier berührte. Ich schrieb in winzigen, ameisengleichen Schriftzeichen und kritzelte auf diese Weise jedes Blatt randvoll; das sparte Papier und erleichterte das Verstecken. Leider nahm dadurch meine Kurzsichtigkeit rapide zu.

87. Pflicht zum Protest

Elfriede Jelinek hat einen klugen Text der Solidarität geschrieben:

Ich habe lange überlegt, wie ich mich mit den Pussy Riot solidarisch erklären könnte. Ich habe sogar einen kleinen Text geschrieben, den ich in meine Homepage stellen wollte, ein Foto von mir selbst dazu, mit verklebtem Mund oder einer Papiertüte über dem Kopf. Ich habe das nicht getan, einerseits, weil mir Aktionismus überhaupt nicht (mehr) liegt, andrerseits weil mir bewußt ist, daß ich alles dürfte, um diese Frauen zu unterstützen, die das nicht dürfen sollen, was sie, als ihr ureigenstes Recht, getan haben: öffentlich aufzutreten, in einer Kirche (o Gott! Und auch du, gute Heilige Jungfrau! Wir kennen uns schon so lang, schon aus der Klosterschule, sag ehrlich:  Fühlst du dich jetzt geschändet? Wie kann dich das erreichen, lieber Gott, da du doch immer warst, immer sein wirst und immer im Kommen sein wirst, während Popstars entweder im Kommen sind oder auf dem absteigenden Ast, wenn niemand mehr nach ihnen fragt. Aber nach Gott und seiner Mutter kann man fragen oder nicht, er bleibt immer gleich, Er, er kann nicht beleidigt werden, er ist das Sein selbst, dessen die Menschen bedürfen, die das Sein nicht sind, sondern ihm gehören. Was nicht bedeutet, daß sie auch Ihm, Gott, gehören würden. Sie bestimmen selbst, wem sie gehören wollen. Sie sind da hergestellt, nicht: hergestellt worden, sagen, was sie zu sagen haben, denn am Anfang war das Wort, und das Wort gehört jedem, der es sich nimmt, und dem ist es dann auch gegeben. Ein Gott schaufelt sich im Kommen den Platz frei, der er selber ist, in seiner eigenen Stille, aber seine Menschen dürfen, müssen auch laut sein dürfen, wenn und wann immer sie wollen). Die Menschen stehen mit sich selbst dafür ein, (ohne daß sie dabei geschlagen und verletzt werden dürften), daß sie dem Nichts, aus dem sie kommen (oder der Schöpfung, je nachdem) das Wort entreißen und sagen, was sie zu sagen haben.

Diese drei jungen Frauen, die Pussy Riot, haben in einer Kirche gesungen, das gehört sich dort so, und sie haben wild getanzt, eine Art Veitstanz, eben wie es sich gehört, wenn in einem Staat, der auf dem Weg in die Totalität ist, Menschen sich etwas herausnehmen müssen, um gehört zu werden, was schwierig ist, denn alle Schubladen sind schon zugesperrt, die Tür ist verrammelt, da muß man fest dagegentreten, damit man sich seinen Raum, dieses Offene, in dem man sprechen, singen, tanzen darf, nein: muß, freischaufeln kann, damit man vernommen (und nicht: einvernommen) werden kann; und sie haben sich gegen ihren Präsidenten Putin geäußert, in einer Kirche, man stelle sich vor!, sie haben die Gottesmutter gegen ihn zu mobilisieren versucht, wen haben sie da gelästert? Gott oder Putin? Oder sind die beiden gleichzusetzen? Wer Putin beleidigt, beleidigt Gott? Seine  Mutter? Die Kirche? Man kann ja noch nicht einmal sagen, daß das ein legitimer Protest war und das Recht auf Protest ein Menschenrecht, denn der Protest, jeder Protest, der sich gegen die Gefährdung von Grundrechten richtet, ist Pflicht, nicht Recht. Die jungen Frauen mußten tanzen, singen, schreien, es blieb ihnen gar keine andre Wahl.

Mehr

86. Geehrt

Der Lyrikpreis des 14. Internationalen Salons des Buches in Ouessant (Finistère, Frankreich) geht an den großen haitianischen Dichter Anthony Phelps für sein Buch “Nomade je fus de très vieille mémoire”. Der 84jährige opponierte gegen die Diktatur der Duvaliers und ging 1964 ins Exil nach Kanada. Sein Buch “Mon pays que voici” ist ein Kultbuch in Haiti.

Im Juni hatte Phelps eine Ehrung durch den Präsidenten Michel Martelly abgelehnt,weil der Exdiktator straffrei davonkam. / AlterPresse.org

85. Gute Übung

Tausend Berge, die Vögel außer Sicht
Pfade zahllos, von Menschen Spuren nicht
Flaches Bötchen, mit Mantel, Schirm ein Greis
Eine Angel, am Fluss wo Schnee fällt dicht

Trotz einfacher Struktur birgt die Übertragung dieses Gedicht aus der Tangzeit von Liu Zongyuan (773-819) Schwierigkeiten. Überhaupt ist „Übersetzen verraten“. Oder wie es in einem Blog heißt: „Man kann falsch übersetzen. Richtig übersetzen kann man im Grunde nicht.“

Aber es ist eine gute Übung, vor allem weil die Dinge richtig benennen zu können eine hohe Tugend ist. Und es ist gut zu merken, was man opfert, weil etwas reimen soll, oder weil der Satz eine gewisse Silbenzahl haben muss. / Jan Kellendonk, Lokalkompass

84. Scott McKenzie (1939-2012)

Er hatte nur einen Hit, aber was für einen! Alle werden ihren Text so oder ähnlich beginnen lassen, alle, die heute vermelden müssen, dass Scott McKenzie gestorben ist, der Mann, der einen der bekanntesten Songs der Popgeschichte veröffentlichte: „San Francisco“. Wer kann diese Zeilen nicht mitsummen: „If you’re going to San Francisco, be sure to wear some flowers in your hair“ ? (…)

In dieser widersprüchlichen Gefühlsspannung wird ein Glücksversprechen nach dem anderen aneinander gereiht: Du wirst herrliche, freundliche Leute treffen („you’re gonna meet some gentle people there“), eine ganze Generation in Bewegung mit einer eigenen Art sich auszudrücken − („There’s a whole generation with a new explanation“). Und der Sommer wird deine Liebe sein − („summertime will be a love-in there“). Die Welt wird eure sein. / Harald Jähner, FR

Für mich wars eigentlich ein fürchterlicher Abstieg gegenüber „meiner“ Musik zwischen 63 und 67. Vielleicht merkte ich zum ersten Mal mein Älterwerden. Aber Melodie und Text („There’s a whole generation with a new explanation. People in motion. People in motion.“) hakten sich doch fest.

If you’re going to San Francisco
Be sure to wear some flowers in your hair
If you’re going to San Francisco
You’re gonna meet some gentle people there
For those who come to San Francisco
Summertime will be a love-in there.
In the streets of San Francisco
Gentle people with flowers in their hair.
All across the nation such a strange vibration.
People in motion.
There’s a whole generation with a new explanation.
People in motion. People in motion.
For those who come to San Francisco
Be sure to wear some flowers in your hair.
If you come to San Francisco
Summertime will be a love-in there.
If you come to San Francisco
Summertime will be a love-in there.

83. Longlist

Ein paar interessante Akzente und sprachliche Rätsel birgt ein Gespräch, das Michael Köhler mit Hubert Winkels über die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2012 führte. Einige Zitate:

1

Na ja, die Liste hat so einige direkt auffallende Eigenheiten. Es sind fünf Suhrkamp-Titel dabei, das ist enorm, einige, die schon eine Vorausschau auf den Herbst gemacht haben, sagen auch, es ist ein Suhrkamp-Literaturherbst. „Anakin“, der Hauptband bei Suhrkamp, ist noch nicht mal mit dabei, also ist sehr stark. Die anderen Großverlage kommen kaum oder gar nicht vor, auffallend Bertelsmann, S. Fischer, KiWi gar nicht, Rowohlt mit einem alten Buch – auch ein bisschen seltsam -, dann viele kleine Verlage, Picus zum Beispiel oder Diaphanes oder Wallstein – ist [wer jetzt?] nicht wirklich klein, aber für Literatur nicht gerühmt, hat immerhin zwei Bände drauf.

2

Ursula Krechel, eine Autorin hauptsächliche für Lyrikerin, Hörspielautorin, kommt zu späten Ehren.

3

einige der namhaften Großverlage, von denen man eigentlich immer einen sicheren Autor dabei hätte, ist nicht dabei

4

Einen anderen Autor, den ich persönlich vermisse, ist Norbert Scheuer, „Peehs Liebe“, neues Buch bei C.H. Beck.

5

in zwei Sätzen erklärt: Der Feuilletonchef der „Süddeutschen Zeitung“ soll angeblich unter Pseudonym diesen Roman geschrieben haben, in dem Autor, ein Herausgeber einer Zeitung, zum Mordopfer gemacht wird.

6

Da haben Sie, glaube ich, die richtige Frage gestellt.

Hier die Longlist

82. Lyriker(in)

Als Lyriker(in) bezeichnet man eine bestimmte Art der poetischen Stimme. LyrikerInnen haben eine schwerere Stimme als Soubretten, aber eine leichtere als dramatische und hochdramatische SchriftstellerInnen. Die Begriffe leicht und schwer beschreiben mehrere Aspekte der Redephysiologie wie Umfang und Klangfarbe, Beweglichkeit, Volumen und Tragfähigkeit.

LyrikerIn ist außerdem eine Bezeichnung für ein Stimmfach, in dem die betreffenden poetischen und prosaischeren Partien zusammengefasst sind. Der englische Begriff Lyric bezeichnet ein Stimmfach, das in Deutschland üblicherweise weiter unterteilt wird. Man unterscheidet:

  • Jugendlich-dramatische LyrikerIn (auch: lirico spintospinto heißt gedrängt)
  • LyrikerIn 

Im englischen Bereich dominiert die Einteilung in leichte (light) und volle (full) lyrische Stimme. Wieder ganz anders im Italienischen: „Il lirico possiede una voce dolce e graziosa, morbida e luminosa, ricca e piena; spazia in una tessitura medio-acuta, distinguendosi per la linea di canto elegante e castigata, legata e cantabile.“  Übersetzen

Die Abgrenzung ist aber, wie immer bei derartigen Klassifizierungen, keinesfalls eindeutig und allgemeingültig. Die subjektiven Vorstellungen davon, wer einE LyrikerIn ist bzw. welche Texte in dieses Fach gehören, differieren zum Teil erheblich und es gibt oft Überschneidungen mit den angrenzenden Fächern (z. B. AutorIn, SchriftstellerIn, PoetIn).

Quelle deutsch / englisch / italienisch

81. American Life in Poetry: Column 387

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
One of my favorite poems is by Ruth Stone, about eating at a McDonald’s, and I have myself written a poem about a lunch at Arby’s. To these fast-food poems I now propose we add this fine one about IHOP, by Christine Stewart-Nuñez, who teaches at South Dakota State University.

Breakfast for Supper 

At IHOP, after the skinny brunette
with a band-aid covering her hickey
comes to whisk away burnt toast,
Mom mentions Theresa, face
brightening. She had a dream
about her—80s flip hair, smooth
complexion. I’ve been living
in Tulsa for eighteen years,
Theresa said. I understand.
Even as I watched men lower
her casket, I fantasized the witness
protection program had resettled her.

 

How funny we look, mother
and daughter laughing over
scrambled eggs, tears dripping
onto bacon, hands hugging
coffee mugs. For a moment Mom felt
Theresa there. Such faith. Freshen
your cup? the waitress asks me, poised
to pour. Cloudy in the cold coffee,
my reflection. I offer the mug.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Christine Stewart-Nuñez from her most recent book of poems, Keeping Them Alive, WordTech Editions, 2011. Reprinted by permission of Christine Stewart- Nuñez and the publisher. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

80. Das Fräulein und der Rowdy

In I, Coleoptile schlägt Cotten eine wieder andere Richtung ein. In diesem Projekt rücken ihr ironisches Spiel mit der Autorschaft und ihr Experimentieren mit der Form in den Hintergrund und machen Platz für einen intimistischeren Ansatz. Auf Wunsch des Verlegers John Holten schrieb Cotten zum ersten Mal einen Gedichtband vollständig auf englisch und arbeitete mit einer Künstlerin, der Österreicherin Kerstin Cmelka, zusammen. Das Resultat ist ein wunderschön gestaltetes Büchlein, in dem sich Gedichte rund um das Thema „Aufblühen“ mit s/w-Fotos abwechseln, die den populären sowjetischen Film Baryšnja i Chuligan (Das Fräulein und der Rowdy) aus dem Jahr 1918 zitieren. Der Dichter Wladimir Majakowskij schrieb dazu das Drehbuch, führte Regie und spielte selbst die Hauptrolle. In Cmelkas Fotoserie mimt Cotten die Männerfigur – den Rowdy/Hooligan (Figur) und Majakowskij (Schauspieler) –, die am Ende zusammengeschlagen wird. Damit scheint sie sich mit dem russischen Dichter, Rebell und Kommunisten zu identifizieren. In den Gedichten verweist Cotten nur ein Mal explizit auf Majakowskij; sein Name erscheint im letzten Gedicht, „Take away Kasbek“. „If this / mountainous / holy heap / is in the way, / then tear it down“ [Wenn dieser / gebirgige / heilige Haufen / im Weg ist, / dann reiß ihn nieder], sagt sie resolut über den dritthöchsten Berg des Kaukasus in Georgien, Heimat Majakowskijs. Kasbek steht hier als Symbol für alles das, was uns die Sicht nimmt und ausgeräumt werden muss, denn: „our way is mistier than mist“ [unser Weg ist nebliger als Nebel]. Aus den Schlussversen dieses Gedichts spricht ein starkes Verlangen nach klareren (spirtuellen) Perspektiven, in denen der grüne Nebel, der über dem ganzen Buch hängt, endgültig aufgelöst ist. / Jan Pollet, Textem

Ann Cotten/Kerstin Cmelka, I, Coleoptile. Gedichte und Fotos. 86 Seiten, Englische Broschur. Broken Dimanche Press, Berlin 2010. 12,00 Euro