41. Tomas Venclova 75

Es muss für ihn ein besonderer Schock gewesen sein. Tomas Venclova, Amerikaner nicht ganz aus eigener Wahl – die Sowjetunion hatte ihn ausgebürgert -, dieser Wanderer aus der Alten Welt feierte an jenem 11. September wie jedes Jahr Geburtstag. (…)

Einige Zeit später, zu Silvester, saß der Dichter, wie er erzählt, bei Freunden in New York im Restaurant „Russian Samovar“. Seine Gedanken wanderten zurück zum Zweiten Weltkrieg – auch er ein Septemberkind. Audens Gedicht „1. September 1939“ kam ihm in den Sinn. Auch Auden hatte damals hier gesessen, in der Fifty-second Street. Venclova griff zur Feder und schrieb das Gedicht „Anno Domini 2002“. Eine fatalistische, wohl auch kulturkritische Reflexion über den Beginn einer neuen Zeitrechnung, über die Freiheitsstatue, „die Dame aus einer längst verlorenen Partie“, über die Rückkehr der Menschheit in einen Zustand des Krieges, der ja „ursprünglicher“ sei als der Friede. Auch über den jungen Mann, der irgendwo in Armut in seinem Zelt schläft und von einem großen Fliegerangriff träumt. „Wir haben ihn dazu gemacht“, heißt es weiter, „jetzt beginnen wir dafür zu zahlen“. Wir, unsere Zivilisation des Hochmuts. / Gerhard Gnauck, Die Welt

40. Taliban-Poesie

„Ein Gewehr und einen Dolch in der Hand, so ziehe ich in die Schlacht, ich bin ein afghanischer Mujahedin … „

So heißt es in einem Taliban-Gedicht, veröffentlicht in einem Buch, das in diesem Jahr in London erschienen ist. Das Gedicht eines Taliban-Kämpfers – er sagt da:

„Vielleicht werde ich hundert Mal für meine Heimat sterben
Ich habe meine Religion, ich habe meinen Glauben, und das Recht des heiligen Koran,
Jeder, der mich falsch anschaut, wird für immer verloren sein.
Ich bin ein afghanischer Mudschaheddin.

Afghanistan-Wissenschaftler Felix Kühn hat dieses Gedicht zusammen mit etwa 200 anderen in dem Buch „Poetry of the Taliban“ veröffentlicht, er hat in lange Zeit in Kandahar im Süden Afghanistans gelebt.

/ DLR

39. Jeffrey Yangs Bestiarium

Im Mittelalter verstand man unter einem „Bestiarium“ eine Dichtung, die typisch menschlichen Eigenschaften und Schwächen im Bild der Tiere einen Spiegel vorhält. Diese Form barg ein derart vielsagendes Potential, daß sie in der Neuzeit von Guillaume Apollinaire, Franz Blei, Jorge Luis Borges und anderen aufgegriffen und weiterentwickelt wurde. Der erste Gedichtband des Amerikaners Jeffrey Yang ist ein solches Bestiarium für das noch junge 21. Jahrhundert. Und was für eines! (…)

In einem seiner berühmtesten Gedichte hatte D.H. Lawrence ausgerufen: „Man sagt, das Meer ist kalt, aber das Meer beherbergt das heißeste und wildeste und dringlichste Blut von allen.“ Wen treffen wir also? Dinoflagellaten, Foraminiferen, Mormyriden und Glassalmler. Doch das Aquarium ist eine Metapher für den Planeten, der durch den Raum schwimmt, darum begegnen wir nicht zuletzt dem italienischen Guerillakämpfer Giuseppe Garibaldi und dem Dichter Kenneth Rexroth. Oder den USA, „ein Fisch mit einem Kreislaufsystem aus schwarzem Gold“. Oder „Google, ein Bewusstseinsmeer. / Das Meer wird kleiner, dehnt es sich aus. / Wie Oz: das klügste Wesen, / das nichts weiß.“ So steht alles zueinander in Verbindung, ein Ökosystem menschlichen Wissens, das letztlich nur zu der Erkenntnis führt, daß die Dinge auch ohne uns d— und vielleicht besser — existieren, jedenfalls dem abschließenden Zitat von Sir Thomas Browne zufolge: Alles also in Verbindung, verknüpft, verkettet, von Horizont zu Horizont: Philosophie (östliche und westliche), Naturwissenschaft, Religion, Geschichte, Kunst, Literatur, Politik.

Zuweilen fühlt man sich ein wenig an Ezra Pounds „Cantos“ erinnert, nur kondensierter und im Kleinformat. Nichts ist jedoch epigonal, im Gegenteil, der Band ist erfrischend in der Abwesenheit emotionalen Geplänkels und leblos wirkender Artistik, ein dynamisches Debut, wie es auch in den Vereinigten Staaten selten geschieht. / Jürgen Brôcan, fixpoetry

Jeffrey Yang: Ein Aquarium. Aus dem Englischen übersetzt von Beatrice Faßbender. Gedichte. Englische Broschur, 96 Seiten, 19.00 Euro, ISBN: 978-3-937834-57-3. Berenberg Verlag, Berlin 2012.

38. Reappropriation der Antike

Die griechischen Götter und Giganten waren die Superhelden der Antike. Wie ein monumentaler 3D-Comic erzählt der berühmte Pergamonfries ihre Geschichten. In Marmor gebannte Energie. Diese nimmt Gerhard Falkner mit Verve auf und bringt Bewegung ins Gedicht. Defragmentierung der alten Platten. Pulsierende Reappropriation statt Antikenkitsch. Superhelden revisited. »Alles ist Impuls.«

Hier eine Leseprobe (übrigens auch von wohl allen früheren Kookbooks-Bänden)

37. Angriff der schwierigen Gedichte

Dienstag, 11. September 2012, 19:30 Uhr, Eintritt 5 Euro/ Erm. 4 Euro
Lettrétage, Berlin-Kreuzberg
Angriff der schwierigen Gedichte
Lesung mit Charles Bernstein, Norbert Lange, Tobias Amslinger, Dennis Büscher-Ulbrich und Mathias Traxler

Nach einem ersten Einblick in die Übersetzerwerkstatt im Februar setzt das Team Bernstein (bestehend aus Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler) seine Erkundung der Gedichte des amerikanischen Lyrikers und Poetologen Charles Bernstein im September fort. Verstärkung erhält das Team diesmal von Dennis Büscher-Ulbrich, der einige poetologische Texte von Bernstein übersetzt hat. Zusammen mit den Gedichten werden wir sie am lebenden Subjekt testen können, denn Charles Bernstein ist diesmal mit Fragen und Antworten persönlich mit von der Partie.

Charles Bernstein, geboren 1950 in New York, wird der literarischen Avantgardebewegung, der sogenannten Language Poetry, zugeordnet. Bernsteins Arbeiten werden häufig durch ihre innovative Sprache als postmodern bezeichnet. Er selbst beschreibt seine Dichtung als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen. Bis dato veröffentlichte er mehr als 16 eigenständige Gedichtbände und drei Bücher mit Aufsätzen und Reden. Bernstein lehrte an verschiedenen Universitäten, wie der Columbia, der Brown University und in Princeton. Heute lehrt er an der University of Pennsylvania.

36. Traklpark

Danach muss man sich den kleinen Innsbrucker Traklpark, den der Autor – angezogen durch den Namen des verehrten Dichters – mit 21 Jahren für sich „entdeckte“ und dann wiederholt aufsuchte, als eine besonders dürftige Grünanlage vorstellen, ausgestattet mit einer Marmorplatte und einem eingraviertem Zweizeiler eben von Trakl, mit einem verwaisten Spielplatz und leeren Bänken, dazu umbraust von brandendem Verkehr. Alles andere also als eine Idylle, sondern ein geradezu himmelschreiender Kontrast zwischen den beiden Namensbestandteilen.

Dem Autor ist das natürlich bewusst, und der Widerspruch zwischen Trakls „radikalem Lebendigkeitsanspruch“ und dem mehr als dürftigen Park, der seinen Namen trägt, hat er immer wieder als besondere Herausforderung empfunden, denn ihm war dort stets  „gleichzeitig zum Lachen und Weinen“ zumute. „Manchmal glaube ich, in gewisser Weise sind auch Gedichte parkähnliche Inseln inmitten der Sprachen des Alltags und der auf sie einstürzenden Diskurse“, resümiert Bonné seine Erfahrungen mit dem eigentümlichen Park, von dem aus Spuren in seine eigenen Texte hineinführen, wenngleich er an Ort und Stelle nie ein Gedicht geschrieben hat, wie er angibt. / Peter Engel, fixpoetry

Mirko Bonné: Traklpark. Gedichte, 105 Seiten, 18,95 €, ISBN 978-3-89561-405-7, Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2012

35. Nicht für feine Leute

Kramer hinterließ einige der eindringlichsten Gedichte, die sich mit Faschismus, Flucht und Heimatlosigkeit befassten. Allein sein „Andre, die das Land so sehr nicht liebten“ ist ein Dokument sondergleichen.

In diesem Buch aber finden sich seine Liebesgedichte versammelt. Es wurde für diese Ausgabe um einige Texte, die neu entdeckt wurden, und um ein sehr gutes Nachwort von Daniela Strigl Rucksack und rosige Betten ergänzt.

Theodor Kramer ist kein Dichter für feine Leute, er ist ein Straßensänger, ein Musikant der Peripherie … so Strigl. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry

Theodor Kramer: Laß still bei dir mich liegen Liebesgedichte.
ISBN 978-3-552-05358-8 € 15,90 Zsolnay Verlag Wien 2005
2. Auflage 2012

34. Poetry Parnassus

Poetry Parnassus war ein Mammuttreffen von 204 Dichtern aus allen olympischen Nationen. Von Nikaragua bis zur Mongolei, von Samoa bis Sengal, Makedonien bis Malediven – nenne ein Land und der Dichter taucht auf. Es war als hätte Prosperos Zauberstab eine Insel der Poesie herbeigezaubert. (…)

Nur Großbritannien konnte solch eine Eroberung vollziehen. Es schien, als hätten die Briten einen imperialen Feldzug unternommen, um die Welt noch einmal zu erobern. Aber diesmal mit Demut, Mitgefühl und Poesie. / von YUYUTSU RD SHARMA, der Nepal vertrat, Himalayan Times

33. Keine Krise?

Am Tag der Poesie auf dem Theaterplatz in Basel hauchen Schriftsteller, Rapper, Slam-Poeten, Lyriker und Dozenten der schwindenden Kunst der Poesie neues Leben ein, meint Cédric Russo, Tages Woche. Na, werden sie das schaffen? Die Veranstaltung ist höchst löblich, aber wenn es an einer Veranstaltung läge, über Wohl und Wehe der Lyrik zu entscheiden, wär es sowieso zu spät.

Aber in Wirklichkeit wird das meiste nur gesagt, weil man einen Aufhänger braucht oder eine Brücke zwischen zwei Teilen eines Artikels. Gäbe es kein Feuilleton, gäbe es alles das nicht – kein Schwinden der Lyrik, keine Krise des Romans, keinen Berlin- oder Wende-Roman, keine Fräuleinwunder, Götterlieblinge und keine hermetischen Gedichte. Oder jedenfalls 98 Prozent davon nicht. Ach wär das schön.

32. Wer weiß bis wann

„Ich könnte ja auch ein anerkannter deutscher Lyriker jetzt werden, mit meiner Naturlyrik und meiner uralten schlesischen Bauernahnenreihe, aber ich brächte es nicht über mich, auch nur stillschweigend mich fördern zu lassen von einem System, das für mich das wahrhaft teuflischste ist“, schrieb der Dichter Max Herrmann im August 1933 aus Scheveningen an einen Freund in Deutschland. Herrmann, der am 23. Mai 1886 als Sohn eines Gastwirtes geboren wurde und sich aus Verbundenheit mit seiner Heimatstadt gern Herrmann-Neiße nannte, bezahlte diese Entschlossenheit zunächst mit weher Beklommenheit, dann mit nagender Einsamkeit, schließlich mit dem frühen Tod und der nahezu umfassenden Auslöschung seines Werkes im Gedächtnis der Deutschen – West wie Ost. (…) Als Max Herrmann-Neiße am 8. April 1941 in London mit nur 54 Jahren starb, da glaubten viele Vertriebene, seine Verse würden noch lange gelesen werden, denn mit ihm – so Heinrich Mann – habe ein Dichter „dermaßen zauberisch gesungen, dass es nachklingen wird, wer weiß bis wann“. / Jacques Schuster, Die Welt

Max Herrmann-Neiße/Leni Herrmann: Liebesgemeinschaft in der Fremde. Gedichte/Aufzeichnungen. Hg. von Christoph Haacke. Arco, Wuppertal. 142 S., 16 €.

Max Herrmann-Neiße: Briefe. Hg. von Klaus Völker und Michael Prinz.Verbrecher Verlag, Berlin, 2 Bde. 1100 S., je 42 €.

31. Was macht Musik mit einem Gedicht?

Herr Eckels, was macht Musik mit einem Gedicht?

Prof. Heiner Eckels: Ich versuche es mal mit einem Vergleich: Nehmen Sie ein Lied der Suleika nach dem Gedicht aus Goethes „West-östlichem Divan“. Das Gedicht wurde sowohl von Mendelssohn-Bartholdy als auch von Franz Schubert vertont. Beide Lieder fallen bei gleicher Textgrundlage ganz unterschiedlich aus. Die Zeile „Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben…“ ist bei Mendelssohn pure Leidenschaft im Allegro assai und im Forte, während Schubert ihre seelische Dimension heraushebt, indem er die Zeile dreimal in einem ruhigen Pianissimo wiederholen und verklingen lässt.

Welches Lied trifft das Gedicht besser?

Eckels: Das ist letztendlich Geschmacksache. Ich finde, beide Lieder haben ihre absolute Berechtigung. Es sind zwei Interpretationen, die deutlich wiedergeben, was beide Komponisten gefühlt haben mögen, als sie sich mit dem Gedicht beschäftigten.

/ Lippische Landes-Zeitung

30. „Die Wörter sind da!“

Im anschließenden Gespräch mit der Radiojournalistin Silke Behl wird deutlich, wie befreiend die Produktion dieser Gedichte für Herta Müller sein muss. Sie setzt das Gesicht einer schnurrenden Katze auf, als sie erzählt, wie sehr sie das Ausschneiden und die Mechanik des Hin- und Herschiebens auf dem Tisch genießt. Schneiderin wollte sie einmal werden, sagt sie. „Die Wörter sind da!“, ruft sie. Und dann: „Es läuft wie von selbst!“ Und wieder muss man lachen.

Und doch. Viele dieser Gedichte von Herta Müller sind nicht nur komisch. Immer wieder sind sie auch Vorläufer oder Nachläufer, wie sie sagt, ihrer großen Themen. Dann handeln sie manchmal eben auch von ihrer Verfolgung durch das Regime Ceauescus, bevor sie von Rumänien nach Deutschland kam – oder vom Suff des Vaters, der bei der Waffen-SS gewesen war.

Der Unterschied zu ihrer Prosa: Im Normalfall pflegt Herta Müller Misstrauen gegenüber der Sprache, die so leicht vor den Karren der Macht zu spannen ist. Sie müht sich, die faden Worte in andere Kontexte zu stellen, ihnen neues Leben einzuhauchen. In ihren Gedichtcollagen gelingt all das vergleichsweise unangestrengt. In Herta Müllers eigenen Worten: „Nicht selten kroch im Gebrauch aus dem dunklen Rock der kleinen Wörter eine blöde abgedrehte Laus mit einer Flöte heraus.“ / Susanne Messmer, taz

29. Blonk & Schwitters in Karlsruhe

Donnerstag, 20.09.2012 | 19.30 Uhr
Staatstheater Karlsruhe
Kleines Haus

Im Rahmen der 29. Baden-Württembergischen Literaturtage 2012  zwischen dem 20. und 30. September 2012 in Karlsruhe:

Jaap Blonk: die „Ursonate“ von Kurt Schwitters

Jaap Blonk, Komponist, Performer und Dichter, entwickelte spezielle dadaistische Lautpoesie-Performances. Bekannt wurde er u. a. durch die Rezitation der „Ursonate“ (1922-32) von Kurt Schwitters. Blonks Interpretation der „Ursonate“ gilt als eine der besten.

Kurt Schwitters entwarf die grafische Gestaltung für die Karlsruher Dammerstock-Siedlung.

Das Programm

28. Montagsdemonstration & Bad Bank

Montag, 10. September, 20:30 Uhr

Reihe „Montagsdemonstrationen“ der „perspektive literatur berlin e.V.“, Körtestraße 19-21 (Kreuzberg, U7 Südstern)
–> Präsentation „perspektive“ Heft 71 mit René Hamann, D. Holland-Moritz, Kai Pohl

Donnerstag, 20. September, 21 Uhr:

„Die Bad Bank der deutschsprachigen Lyrik“ in der Rumbalotte, Metzer Straße 9 (Prenzlauer Berg, U2 Senefelderplatz)

–> Eine Textmontage aus 2000 Gedichten, ausgelobt und vorgetragen von Kai Pohl, im Jahr des Weltaufgangs. Kommt und hört, denn die Zeit ist reif.

diese propellermaschine gestern nacht als kranich die unbedarftheit der kapitalströme landschaftskrüppel auf mückenflügeln ein echo fault im mutterleib dein unruhiges kleid bis in die poren individuell gestaltete beliebigkeit

–> Ein Tritt frei!

27. Edith Sitwell

Edith Sitwell, die heute vor 125 Jahren geboren wurde, war eine der originellsten Gestalten der britischen Avantgarde. In ihrer Lyrik beeinflusst von den französischen Symbolisten, begann sie in den 20er-Jahren gemeinsam mit ihren Brüdern zu experimentieren und verblüffte das Publikum mit ausgefallenen Auftritten. Nicht weniger aufsehenerregend war die exzentrische Erscheinung der adligen Dame, und gefürchtet war ihre spitze Zunge, mit der sie unerbittlich gegen ihre Feinde zu Felde zog.

„Façade“, „By the Lake“

„Dead, the leaves that like asses’ears hung on the trees
When last we wandered and squandered joy here“

Übersetzung:
„Tote Blätter hingen wie Eselsohren an den Bäumen
Als zuletzt wir hier uns in Freude versäumten“

(…)

Façade: Jodelling Song

„We bear velvet cream,
Green and babyish
Small leaves seem; each stream
Horses‘ tails that swish“

Übersetzung
„Rahm ist hier wie Samt
Grün und kinderweich
Das Blätterdach; der Bach
Wie ein Pferdeschweif“

Walzer, Polka, Kinderreim, aus 21 solcher Nummern besteht das Werk Façade, das 1922 in London uraufgeführt wurde. Die Dichterin stand dabei hinter einem Vorhang und rezitierte ihre Verse durch ein Megafon. Das Publikum buhte, aber der Auftritt machte Edith Sitwell bekannt.

/ Eva Pfister, DLR

Robert K. Martin summed up Sitwell’s literary career in Dictionary of Literary Biography: „Sitwell’s reputation has suffered from the exceptional success of Facade,which was often treated as if it were the only work she had ever written. Inadequate attention has been paid to her development as a social poet, as a religious poet, and as a visionary. Her career traces the development of English poetry from the immediate post-World War I period of brightness and jazzy rhythms through the political involvements of the 1930s and the return to spiritual values after World War II. Her technique evolved, and, although she always remained a poet committed to the exploration of sound, she came to use sound patterns as an element in the construction of deep philosophic poems that reflect on her time and on man’s condition. Edith Sitwell needs to be remembered not only as the bright young parodist of Facade, but as the angry chronicler of social injustice, as a poet who has found forms adequate to the atomic age and its horrors, and as a foremost poet of love. Her work displays enormous range of subject and of form. With her contemporary [T. S.] Eliot she remains one of the most important voices of twentieth-century English poetry.“ / poetryfoundation

“Tournez, Tournez, Bon Chevaux De Bois”

BY EDITH SITWELL

Turn, turn again,
Ape’s blood in each vein!
The people that pass
Seem castles of glass,
The old and the good
Giraffes of the blue wood,
The soldier, the nurse,
Wooden-face and a curse,
Are shadowed with plumage
Like birds, by the gloomage.
Blond hair like a clown’s
The music floats—drowns
The creaking of ropes,
The breaking of hopes,
The wheezing, the old,
Like harmoniums scold;
Go to Babylon, Rome,
The brain-cells called home,
The grave, new Jerusalem—
Wrinkled Methusalem!
From our floating hair
Derived the first fair
And queer inspiration
Of music, the nation
Of bright-plumed trees
And harpy-shrill breeze . . .

*  *  *  *

Turn, turn again,
Ape’s blood in each vein!

 

from Coterie, 1919