93. Reason to write a poem

This is the grandest reason to write a poem: to impress a woman with your passion for her. It’s why I started writing poems back when I was 14. I couldn’t go out for football because I had a heart-valve defect, and I wasn’t a brilliant student, so poetry was my trump card. If you write a poem for Christine or Margaret or Corinne, she will notice this, and she will remember it for the rest of her life. / Garrison Keillor, USA today

92. Mekas als Lyriker

Linz – Mit „Friends! My Friends! It’s exciting!“ begrüßt Jonas Mekas – Schlüsselfigur des New American Cinema und Pionier des US-Autorenfilms – Besucher seiner Website. „Exciting!“ ist in erster Linie der fast 91-Jährige selbst, der sich per Video an Interessierte wendet und am Ende des Intros zur Trompete greift. Für seine Filme ist Mekas weltberühmt, seine Gedichte waren bislang in erster Linie in Litauen bekannt. / Wiltrud Hackl, Der Standard

91. Richard Zach

Zach ist am 27. Jänner 1943, zwei Monate vor seinem 24. Geburtstag, in Brandenburg hingerichtet worden. Eine Woche später wurde die Leiche eingeäschert, die Herausgabe der Urne an seine Familie verweigert.

Während der anderthalbjährigen Haft hatte Zach in den Zuchthäusern Karlau bei Graz und Berlin-Moabit, ja sogar auf den Transporten zwischen Berlin, Graz und wieder Berlin ein umfangreiches lyrisches Werk geschaffen – an die 600 Gedichte, die er mit offizieller Schreiberlaubnis verfasst hatte, dazu noch 200 heimlich entstandene, die in 80 Kassibern, im Gummizug der Schmutzwäsche versteckt, seinem Rechtsanwalt in die Hand gedrückt oder durch die Zellenwand gemorst und von einem Mitgefangenen aufgeschrieben, nach draußen geschmuggelt werden konnten. Es ist vor allem seinem Bruder Alfred zu verdanken, dass sie gesammelt und über die Zeit der Naziherrschaft gerettet werden konnten.

(…)

Wer sich heute zu Richard Zach bekennt, macht sich doppelt verdächtig. Zum einen politisch, als Kommunistin oder Kommunistensympathisant, die oder den weiterhin das geballte Ressentiment der veröffentlichten Meinung trifft, zum andern kulturell, weil sie oder er sich dem herrschenden Dünkel entzieht, demzufolge politische Kunst muffig, spießerhaft, höchstens gut gemeint sei. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang, was Zachs näherer Landsmann Günter Brus, der als der begabteste und wenigdümmste Vertreter des Wiener Aktionismus angesehen werden darf, in seinem autobiografisch durchwirkten Romanessay „Das gute alte Wien“ (2007) geschrieben hat: „Die Aufarbeitung der politischen Vergangenheit Österreichs fiel bei mir weitgehendst durchs Sieb, jedenfalls was die Aktionen betrifft. Ich wie auch meine Kollegen wollten unsere Arbeit politisch wertfrei halten. Unter der ,Aufschreigebärde‘ der Aktionen wäre die Kritik an Österreich in der gesamten Bandbreite subsumiert, meinte ich.“

Und weiter: „Der schlimmste Fall auf dem Erdball ist der Einfall. Entweder fallen Horden ein, oder einer hat eine Idee, wie die Welt zu verbessern wäre. Es ist nun einmal klarzustellen, dass die ,engagierte Ästhetik‘ in Österreich immer von zweit- oder drittrangigen Künstlern in Betrieb gesetzt wurde. Selbst von sozialistisch engagierten Künstlern blieben nur Gemeindebaumosaike übrig, so sie nicht später zertrümmert wurden. Und sie wurden ob ihrer lächerlichen Hässlichkeit fast alle zertrümmert. Ich vermute, in Wien wären Grass oder Koeppen arm an Diskussionspartnern gewesen. Auch für Theodor Kramer und Jura Soyfer wurde keine Tribüne errichtet. Sie waren bestenfalls ein ,Brechmittel‘. (Ausdruck vermutlich von Conrad Bering).“ (…)

Mehr noch als Kramer und Soyfer ausgesperrt aus dem Kanon der österreichischen Literatur, einerseits weil seine Gedichte als zeitgebunden angesehen wurden, durch Pathos und Appell verstörten, wegen des Festhaltens am Reim (der ihm nicht Konvention, sondern Lebenshalt war) für altertümlich galten; andererseits weil er – vom Lyriker Alois Hergouth abgesehen, der aber außerhalb der Steiermark selbst ein Geheimtipp war und geblieben ist – prominenter Fürsprecher ermangelte. Der nach der Befreiung von der Naziherrschaft als Erster auf Zachs Gedichte aufmerksam gemacht hatte, sein Freund Presterl, fiel in Jugoslawien einem politisch motivierten Justizmord zum Opfer. (…)

Durch Zachs schönste Gedichte strömen, wie zwei unterirdische Flüsse, diese gegensätzlichen Empfindungen, um sich, Strophe für Strophe, in den Schlusszeilen in ein offenes Herz zu ergießen. Man muss ihn in eine Reihe anderer Schriftsteller stellen, die sich durch die Einheit von Talent und Charakter ausgezeichnet haben und, um noch einmal Kaiser zu zitieren, durch ihr praktisches Engagement von einer bevorstehenden Umkehr, einer Wende zu einem humaneren Verhalten der Menschen zeugen. „Ihre Tat ist der Lichtpunkt im allgemeinen Dunkel.“ / Erich Hackl, Die Presse 25.10.

90. Künftige Märtyrer

Wenn du deinem Tod entgegen gehst, ohne dass es dich kümmert, 
bist du ein Palästinenser; 
Wenn dein Lied das Lied des Märtyrertums ist, und der Tod für dich die Geburt ist – 
dann bist du ein Palästinenser! 
Wenn du den Tod liebst … 
dann bist du Palästinenser.
Wenn du den Baum deines Heimatlandes mit deinem freien Blut, 
deiner Liebe durchtränkt hast, 
und die Überreste deiner Körperteile als eine Brücke für jene, 
die noch kommen werden, angeboten hast – 
dann bist du ein Palästinenser!”

Bisher habe ich versucht, die Hasstiraden der Palästinenser gegen uns ebenso wenig zu zitieren, wie ich ihre manipulativen Texte gegen ihre eigene Bevölkerung zitiert habe.

Aber jetzt ist für mich eine klare Grenze überschritten. Unbemerkt von der nicht Arabisch sprechenden Öffentlichkeit wurde im Laufe dieses Jahres dreimal dieses Gedicht veröffentlicht. Ein und dasselbe Gedicht trug bei jeder Veröffentlichung einen anderen Titel:

Im Januar 2012: Wie weißt du, dass du ein Palästinenser bist?
Im Juni 2013: Heimatland
Im September 2013: Palästinenser

Was glaubt ihr, welche Zielgruppe angesprochen wurde? Erwachsene Jihadisten? Islamophile Neurotiker? Verzweifelt Liebende wie der junge Werther?

Falsch!

Die Zielgruppe sind Jugendliche, fast noch Kinder. Veröffentlicht wurde das Gedicht in einer von der PA finanzierten Jugendzeitschrift mit angeblich erzieherischem Wert, der Zayzafuna.

Esther Scheiner, 02elf.net

89. Slam-Universität

Poetry Slam ist Wortsport, es ist Kultur mit viel Charakter. Und in Koblenz wollen die Experten ihren Champion küren.

Das Format der dreitägigen Landesmeisterschaft, vom ZKW ins Leben gerufen, ist in seiner Art in Deutschland einzigartig. «Wir können stolz sein, uns die einzige Slam-Universität Deutschlands nennen zu können,» sagt Ohmer. Nach der Umstellung auf die Bachelorstudiengänge und die damit einsetzende Verschulung des Universitätsalltages habe sie feststellen müssen, dass die Freude an der Literatur ein wenig untergegangen sei. Mit einem jungen und spritzigen Format wie dem Poetry Slam sei es gelungen die Studenten wieder für Lyrik und Poesie zu begeistern. Die Universität Koblenz-Landau bietet mittlerweile ein eigenes Seminar dazu an. / Rhein-Zeitung

88. Karl-Sczuka-Preis

Der Schriftsteller Oswald Egger (50) und die Regisseurin Iris Drögekamp (46) sind mit dem diesjährigen Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst ausgezeichnet worden. Das Duo erhielt den mit 12.500 Euro dotierten Preis für sein gemeinsames Radiostück „Linz und Lunz“. (…) In diesem Jahr waren den Angaben zufolge 68 Beiträge von Bewerbern aus 18 Ländern eingereicht worden. Egger und Drögekamp setzten sich bereits zum zweiten Mal durch. Vor drei Jahren hatten sie erstmals den Karl-Sczuka-Preis für ein gemeinsames Radiostück erhalten. / Der Standard

87. Holderlin

München, Deutschkurs in der Oberstufe eines staatlichen neusprachlichen Gymnasiums. Besprochen wird die Zeit der Weimarer Klassik.

Lehrerin: Mit wem stand Schiller u.a. in Kontakt?

Schülerin: Friedrich Hölderlin, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schlegel …

L: Können Sie diese Persönlichkeiten einordnen?

S: Hölderlin war einer der wichtigsten Dichter —

L: H-O-lderlin.

S: Ich bin sicher, im Buch steht Hölderlin mit Ö, auch auf dem Titel des Gedichtbands zu Hause.

L: Da haben Sie sich wohl verlesen. Und ob er wirklich so wichtig war, sei mal dahingestellt.

86. Heinrich Kämpchen

Er war einer der frühen Arbeiterdichter und hatte eine große Leserschaft. Von 1890 bis 1912 war Heinrich Kämpchen (1847-1912) in nahezu jeder Ausgabe der „Bergarbeiter-Zeitung“ mit einem Gedicht vertreten. Auf Drängen seines Freundes Otto Hue stellte er seine Verse in Einzelausgaben zusammen („Aus Schacht und Hütte“,1899; „Neue Lieder“, 1904/05; „Wie die Ruhr mir sang“, 1909). Eine Einführung in das Werk Kämpchens legt nun der Bochumer Literaturwissenschaftler Joachim Wittkowski in Form eines „Kämpchen-Lesebuchs“ vor. (…)

Er wurde, wie es hieß, „unter einer hier noch nie dagewesenen großen Beteiligung zu Grabe getragen; der Leichenzug zählte wohl an die 4000 Teilnehmer.“  / Ernst-Ulrich Roth, lokalkompass

Lesebuch Heinrich Kämpchen.
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Joachim Wittkowski.
Bielefeld: Aisthesis Verlag 2013. 166 Seiten. 
8,50 Euro. ISBN 978-3-89528-911-8.

85. Wieland-Jagd

Bereits vor 200 Jahren ist Biberachs großer Dichter Christoph Martin Wieland in Weimar gestorben, doch noch immer sollen sich irgendwo in Biberach unbekannte Gedichte des Poeten befinden. Diese zu finden ist die große Herausforderung für alle Spürnasen, die sich mit dem neuen Wieland-Geocache auf Spurensuche in der Stadt begeben. / Gerd Mägerle, schwäbische.de

84. American Life in Poetry: Column 440

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

On a perfect Labor Day, nobody would have to work, and even the “associates” in the big box stores could quit stocking shelves. Well, it doesn’t happen that way, does it? But here’s a poem about a Labor Day that’s really at rest, by Joseph Millar, from North Carolina.

Labor Day

Even the bosses are sleeping late
in the dusty light of September.

The parking lot’s empty and no one cares.
No one unloads a ladder, steps on the gas

or starts up the big machines in the shop,
sanding and grinding, cutting and binding.

No one lays a flat bead of flux over a metal seam
or lowers the steel forks from a tailgate.

Shadows gather inside the sleeve
of the empty thermos beside the sink,

the bells go still by the channel buoy,
the wind lies down in the west,

the tuna boats rest on their tie-up lines
turning a little, this way and that.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Joseph Millar from his most recent book of poems, Blue Rust, Carnegie Mellon University Press, 2012. Poem reprinted by permission of Joseph Millar and the publisher. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

83. Tattoo

Ich verstehs zwar nicht, aber es wird schon stimmen – und vielleicht kann jemand was damit anfangen:

Der älteste bekannte Bericht über eine erfolgreiche Identifizierung durch eine Tätowierung stammt just aus Cooks Heimat. Im 11. Jahrhundert soll dort der Leichnam König Haralds II. anhand der Inschrift ‚Edith and England‘ über seinem Herzen erkannt worden sein. Lyrik war offenbar noch nie eine Stärke von Tattoos. / Süddeutsche Zeitung 15.10., S. 13

82. Geld für junge Autoren

10 junge Autoren erhielten am Montag bei einer Feier in Manhattan die mit je $50,000 ausgestatteten Whiting Writers’ Awards für “außergewöhnliches und vielversprechendes Talent“. Darunter sind zwei Lyriker, Ishion Hutchinson und Rowan Ricardo Phillips. Die Preise werden seit 1985 verliehen.

81. Heute

ist Weltstottertag, International Stuttering Awareness Day (ISAD), eingeführt 1998.

Kurt Schwitters

Kleines Gedicht für große Stotterer

Ein Fischge, Fisch, ein Fefefefefischgerippe
Lag auf der auf, lag auf der Klippe.
Wie kam es, kam, wie kam, wie kam es
Dahin, dahin, dahin?

Das Meer hat Meer, das Meer, das hat es
Dahin, dahin, dahingespület,
Da llllliegt es, liegt, da llllliegt, llliegt es
Sehr gut, sogar sehr gut!

Da kam ein Fisch, ein Fefefefefisch, ein Fefefefefefe-Fefefefefefe-
(schriller Pfiff) feFe feFe feFe feFefischer,
Der frischte, fischte frische Fische.
Der nahm es, nahm, der nahm, der nahm es
Hinweg, der nahm es weg.

Nun llllliegt die, liegt, nun llliegt die Klippe
Ganz o o o ohne Fischge Fischgerippe
Im weiten, weit, im We Weltenmeere
So nackt, so fufu furchtbar nackt.

80. Gestern

… vor 67 Jahren wurde Elfriede Jelinek in Mürzzuschlag / Steiermark geboren. Aufgewachsen ist sie in Wien, wo sie schon während der Schultzeit am Wiener Konservatorium Orgel, Klavier und Blockflöte studierte. Nebenbei spielte sie auch Geige, Gitarre und Bratsche. Von der Mutter war sie schon früh zu außerordentlichen Leistungen gedrängt worden.

1971 schloss sie ihr Orgelstudium mit „sehr gut“ bei Leopold Markstein ab. Einer der ersten, dem sie ihre Gedichte zeigte, war dieser Orgellehrer. Schon seit 1966 ist sie als freie Schriftstellerin tätig. Die 18. Österreichische Jugendkulturwoche im Jahre 1967 bringt ihr erste wichtige Kontakte. In einer kleinen Edition in München erschien 1967 ihr erster Gedichtband Lisas Schatten (Relief-Verlag-Eilers). Ernst Jandl wurde auf sie aufmerksam und setzte sich bei Alfred Kolleritsch für sie ein. In der Zeitschrift protokolle erschienen ihre Gedichte 1968 über mehrere Seiten (mourez parmi la voix terrible de l’amour, sweet sweet amaryllis, des herbstnachts…, spiel mit großvater, wettlauf). Für das Gedicht DIE NACHT LISA aus ihrem ersten Gedichtband wurde sie neben weiteren Gedicht auf der 20. Österreichische Jugendkulturwoche 1969 mit dem Preis für Lyrik ausgezeichnet.

DIE NACHT LISA

lisas
schatten macht einen
wehrlosen fleck
lisa wirft
wehrlos
bettlern in den
rattenschoß
lisas schatten wo
ist er
ist er dort oder ist
er nahe dort
lisas schatten ist ein kind
dunkle sohlen hat der wind

lisa erbricht sich und steht strauchvoll
himbeer lisas schatten wirft das flußbett
es schweigen die ratten in schoßes schat
ten es springt der stern im himbeersaft
der nacht der stern blüht am strauch lisas
lisa ist rot aber lisa ist auch orangen
fleischgelb

an der mauer steht RAUS mit weisender hand
an der mauer auch ein himbeerstrauch ein
hahn zerrinnt an lisa dem kind der schrei
eines hahns zerfließt zu eigelb mitten
in ein schwarzer hahn zerrinnt zu stern
lisas stern biegt sich kreis zu gelbgeschrei
im himbeerstrauch
der rote strauch reißt sein sternmaul auf

ein gelbes ei kräht zitternd
ein herbstspaziergang stolpert
in den schoß voll der ratten
lisas schatten
wo
dort oder nahe hier
schatten ist ein kind
dunkle sohlen hat der wind

79. Bloopers

blooper: Versprecher {m}
blooper [coll.]: Schnitzer {m} [ugs.] [grober Fehler]
blooper [esp. Am.]: Outtake {n} [herausgeschnittene (komische) Szene]film
blooper [esp. Am.] [coll.]: Panne {f} [Missgeschick]
Missgeschick {n}: Patzer {m} [ugs.] Ausrutscher {m} [ugs.]
blooper [Am.]: Stilblüte {f}
blooper [Am.] [coll.]: peinlicher Fehler {m}

In einem taz-Artikel über die Dichterin Sarah Kirsch lese ich:

Von 1973 bis 1976 war sie Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands, bis sie die Petition gegen die Ausbürgerung Biermanns unterzeichnete, was zum Ausschluss aus der SED und aus dem Verband führte.

Paperlapapp! Davon abgesehen daß der DDR-Schriftstellerverband keinen Vorsitzenden hatte, sondern einen Präsidenten (Hermann Kant) bzw. eine Präsidentin (Anna Seghers) und dazu einen Ersten Sekretär – die Vorstellung, daß jemand wie Sarah Kirsch Vorsitzende oder Präsidentin eines solchen Verbandes hätte sein können ist absurd. Außer dem Dichter Kuba (Erster Sekretär 1952-54) hatte niemals ein Lyriker eine Funktion im Verband – die wußten, daß selbst die staatsfrömmsten Lyriker eher unzuverlässig waren! Ein Experiment mit Becher als Kulturminister reichte! Erst 1990, in einer Notsituation, wurde Rainer Kirsch, ebenfalls Lyriker und ein paar Jahre mit Sarah Kirsch verheiratet, der letzte Präsident des sich bald darauf selbst auflösenden Verbandes.

Nein, Sarah Kirsch war lediglich von 1973 bis 1976 Mitglied im rund 100 Kopf starken Vorstand, wahrlich kein Entscheidungsgremium. Daß sie 1973 überhaupt dahinein gewählt wurde, war Ergebnis und Zeichen eines Tauwetters, in den Jahren zuvor war sie Ziel von Hämeattacken durch Verbandskollegen und Kritiker. Nachdem Sarah Kirsch aus dem Vorstand entfernt wurde, trat ihre Schriftstellerkollegin Christa Wolf aus Protest ihrerseits aus diesem Riesenvorstand aus.

Auf dem kleinen Tisch steht eine Taube aus finnischem Glas, die Trophäe des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung, ein Preis, den Sarah Kirsch mit einigem Zögern nur entgegennahm. In ihren Texten drängt sich das Politische nicht auf, sie war keine politische Dichterin, aber eine politische Person war sie. So lehnte sie zum Beispiel das Bundesverdienstkreuz ab, weil es ihr vom damaligen Bundestagspräsidenten Karl Carstensens verliehen werden sollte, der als ehemaliger NS-Offizier hinlänglich bekannt war. Daraus machte sie keine Geschichte, keine Meldung, sie lehnte nur still ab.

Karl Carstensens war vielleicht doch nicht hinlänglich bekannt, sonst hätte sich sein  wahrer Name herumgesprochen. Der Mann hieß Carstens.