Der Dichter Klamer Eberhard Schmidt (1746-1824) ist längst vergessen, aber eins seiner Gedichte wird bis heute vielleicht nicht im Schulunterricht oder in Literatursalons, aber in Konzertsälen vorgetragen – in der Vertonung durch Mozart. Der Dichter über sein Gedicht.
Klamer Eberhard Karl Schmidt
(Geboren am 29. Dezember 1746 in Halberstadt; gestorben laut Wikipedia am 8. Januar 1824, nach Meyers Konversationslexikon von 1909 aber am 12. November, heute vor 200 Jahren, ebenda)
„Das Lied von der Trennung hat bei seiner ersten Erscheinung mehr Leser gefunden, als es, incorrect, überladen mit Tändeleien der Liebe, wie’s damals war, wirklich verdiente. Herr Kosegarten sang ein schönes Gegenlied darauf… Mehrere Tonkünstler, Mozart darunter, würdigten, es in Musik zu setzen. Briefe voll unverdienten Beifalls empfing ich darüber; und, was ich zuerst hätte sagen sollen, es erwarb und bestätigte mir Elisas [Elisa von der Recke (1754-1833)] und Bodes [Johann Joachim Christoph Bode (1731-1793)] unvergessliche Freundschaft. Alles das zusammengenommen befeuerte mich für diese kleine Dichtung mit einer Art von Vorliebe. Ich legte noch einmal die Feile daran, und versuchte durch drei kleine Schlussstrophen dem Ganzen jenen Geist der Versöhnung und des Friedens mitzuteilen, der bei der ersten Bekanntwerdung von einigen Kennern vermisst wurde.“
Göttinger Musenalmanach 1798
Hier die ersten drei Strophen zum Mitlesen:
Trennungslied
Die Engel Gottes weinen,
wo Liebende sich trennen,
wie werd ich leben können,
o Mädchen, ohne dich?
Ein Fremdling allen Freuden,
leb ich fortan dem Leiden!
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!
Im Wachen und im Traume,
werd ich Luisa nennen;
den Namen zu bekennen,
sei Gottesdienst für mich;
ihn nennen und ihn loben
werd ich vor Gott noch droben.
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!
Ich kann sie nicht vergessen,
an allen, allen Enden
verfolgt von ihren Händen
ein Druck der Liebe mich.
Ich zittre, sie zu fassen,
und finde mich verlassen!
Und du? und du?
Vielleicht auf ewig vergißt Luisa mich!
Vielleicht auf ewig vergißt sie mich!
Noch ein vielleicht aufschlussreiches Zitat aus der Allgemeinen Deutschen Biographie / Deutsche Biographie. Aufschlussreich in mehr als einer Beziehung: früher Ruhm bei den Zeitgenossen, anscheinend erfüllte er aber die hohen Erwartungen nicht, vielleicht auch nur, weil er in Halberstadt blieb? Dann kommen noch die Verwandten ins Spiel, die nach seinem Tod festschreiben, es habe ihm an „Willenskraft“ gefehlt – mit einer interessanten Begründung.
Man glaubte in S. bald nach einander einen Petrarka, einen Catull und zuletzt noch einen Horaz zu erhalten. Im ganzen aber entsprachen die späteren Leistungen nicht den anfänglich erregten Erwartungen. Sein Verbleiben in Halberstadt trug vielleicht dazu bei. Seine Verwandten sprechen ihm in der von ihnen seinen Werken beigegebenen Biographie eine bedeutende Willenskraft ab und geben als Grund hierfür seine poetischen Anlagen an.
https://www.deutsche-biographie.de/pnd10026705X.html#adbcontent
Übrigens auch Beethoven hat eins seiner Gedichte vertont. – Hier mehr über Gedicht und Lied: https://www.zhub.de/pdf/6503.pdf
Der Schriftsteller Jürgen Becker ist am 7. November im Alter von 92 Jahren in Köln gestorben. Ich lernte ihn zuerst im Studium in den 1970ern als Prosaautor schätzen. Die „Gesammelten Gedichte“ von 1971-2022 umfassen 1120 Seiten. Hier ein Gedicht daraus als kleines Gedenkblatt.
Unterwegs ins nächste Leben
wir müssen bald gehen
draußen die Äste lassen keinen Zweifel
die Wärme in den Mauern trügt
es war ein schönes Hin und Her im Sommer
das Haus stand offen
wir atmeten sorglos
ich hörte dich kommen und dachte an nichts
vorläufig heißt es
unwiderruflich
und niemand will es so wie es kommt
die Hoffnung lassen wir hier
den Eimer lassen wir stehen
Aus: Jürgen Becker, Gesammelte Gedichte 1971-2022. Mit einem Nachwort von Marion Poschmann. Berlin: Suhrkamp, 2022, S. 359
Ein Gedicht von Rosa von Praunheim, das er bei seiner Poetikvorlesung in Leipzig vortrug und kommentierte.
Immer gehe ich zu derselben Frau
Sage guten Tag
Und spucke sie an
Sie spuckt zurück
Und wir gehen froh auseinander
Was sagt uns das?
Das Anspucken ist ja zum ersten eine Beleidigung, eine Missachtung, eine Erniedrigung, die sich hier umwandelt zu einer positiven Handlung. Steckt dahinter eine sexuelle Befriedigung oder ist es ganz einfach ein Trick, den beschwerlichen Alltag besser zu bewältigen.
Aus: Neue Rundschau 2022/1, S. 154
Filmemachen, Gedichteschreiben, Malen und Zeichnen ist für mich wie Eierlegen. Es sprudelt nur so aus mir raus, und heute kann jeder mit dem Handy selbst Filme drehen und auch schneiden, ohne Geld.
Was Mann oder Frau braucht, sind Phantasie und der Wille zur Kunst.
Ebd. S. 160
Heute vor 80 Jahren, oder ein paar Tage früher, wurde der ungarische Dichter Miklós Radnóti auf einem Todesmarsch von deutschen Bewachern erschossen. Er hatte die Szene Tage vorher beiläufig beschrieben. Du fällst auf dem Marsch vor Entkräftung um und wirst erschossen. Die letzten Gedichte fand man blutverschmiert bei der Leiche. Drei Gedichte aus dem letzten Zyklus „Ansichtskarten“. Wie klingt die deutsche Sprache für Häftlinge auf dem Todesmarsch? Im Gedicht 4 steht zwischen den ungarischen Versen ein deutscher Satz, gebrüllt von einem SS-Aufseher, bevor er den Häftling erschießt: „DER SPRINGT NOCH AUF!“
Miklós Radnóti
(geboren am 5. Mai 1909 in Budapest; gestorben am 4. November oder 9. November 1944 bei Abda nahe Győr)
RAZGLEDNICÁK
2
Kilenc kilométerre innen égnek
a kazlak és a házak,
s a rétek szélein megülve némán
riadt pórok pipáznak.
Itt még vizet fodroz a tóra lépő
apró pásztorleány
s felhőt iszik a vízre ráhajolva
a fodros birkanyáj.
Cservenka,1944. október 6.
3
Az ökrök száján véres nyál csorog,
az emberek mind véreset vizelnek,
a század bűzös, vad csomókban áll.
Fölöttünk fú a förtelmes halál.
Mohács,1944. október 24.
4
Mellézuhantam, átfordult a teste
s feszes volt már, mint húr, ha pattan.
Tarkólövés. – Így végzed hát te is, –
súgtam magamnak, – csak feküdj nyugodtan.
Halált virágzik most a türelem. –
Der springt noch auf,* – hangzott fölöttem.
Sárral kevert vér száradt fülemen.
Szentkirályszabadja,1944. október 31.
*) Még felugrik (német).
2
Neun Kilometer von hier flammt von Häusern und Schobern
ein roter Schein.
Verstörte Bauern rauchen stumm ihre Pfeife
am Wiesenrain.
Hier wird noch gekräuselt der Weiher vom Fuße der Hirtin
die in sein Glitzern tritt
und mit dem Wasser trinkt ihre lockige Herde
ein Lämmerwölkchen mit.
Cservenka, 6. Oktober 1944
3
Vom Maul des Ochsen tropfen Blut und Speichel,
die Menschen urinieren alle Blut.
In Knäueln stinkend steht die Kompanie
und über uns der Tod heult wie ein Vieh.
Mohács, 24. Oktober 1944
4
Er stürzte neben mir. Sein Leib, gekrümmt, ward straff
wie eine Saite straff wird vorm Zerspringen.
Genickschuß. Bleib nur ruhig liegen, dacht ich,
die Kugel wird ein gleiches Los dir bringen.
Geduld bringt Rosen – ja des Tods, du Tor!
DER SPRINGT NOCH AUF! schrie gellend eine Stimme
Schlamm, blutvermischt, trocknet an meinem Ohr.
Szentkirályszabadja, 31. Oktober 1944
Anm. „Der springt noch auf" in der vorletzten Zeile im Original deutsch.
Deutsch von Franz Fühmann, aus: Miklós Radnóti: Ansichtskarten. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 90f.
John Milton
(* 9. Dezember 1608 in London; † 8. November 1674, heute vor 350 Jahren, in Bunhill bei London)
Auf seine abgeschiedene Gemahlin
Mir war, als säh mein seliges Gemahl
Ich heimkehrn, wie Alkestis aus dem Grab,
Die Jovis Sohn dem frohen Gatten gab,
Dem Tod mit Macht entrafft, doch schwach und fahl.
Wie eine, der des Kindbetts Fleckenmal
Alten Gesetzes Reinigung getilgt,
Und wie sie einstmals mein erstandener Blick
Gänzlich zu sehen hofft im Himmelssaal,
So kam sie, ganz in Weiß, rein wie ihr Sinn.
Verhüllt die Züge; doch der Traumsicht zeigte
Sie soviel Lieb und Güte – niemals schien
Ein Antlitz heller. Dann, als sie sich neigte,
Um mich zu küssen, ach! bin ich erwacht,
Sie schwand, und Tag schlug wieder mich in Nacht.
Deutsch von Hans Feist, bearbeitet von den Herausgebern der Anthologie „Englische und amerikanische Dichtung 1. Von Chaucer bis Milton. Hrsg. Friedhelm Kemp und Werner von Koppenfels. München: C.H. Beck. 2000, S. 437
Sonnet XXIII. On His Deceased Wife
Methought I saw my late espousèd Saint
Brought to me like Alcestus from the grave,
Who Jove's great Son to her glad Husband gave,
Rescu'd from death by force though pale and faint.
Mine as whom washt from spot of child-bed taint
Purification in the old Law did save,
And such as yet once more I trust to have
Full sight of her in Heav'n without restraint,
Came vested all in white, pure as her mind:
Her face was veil'd, yet to my fancied sight
Love, sweetness, goodness in her person shin'd
So clear, as in no face with more delight.
But O as to embrace me she enclin'd
I wak'd, she fled, and day brought back my night.
Heute vor 80 Jahren wurde die jüdische Widerstandskämpferin Hannah Senesch (חנה סנש) in Budapest hingerichtet. Sie wurde als Anikó Szenes am 17. Juli 1921 in Budapest geboren. Nach dem Schulabschluss wanderte sie nach dem britischen Mandatsgebiet Palästina aus. Sie ließ sich von den Briten zu einer Fallschirmmission in ihre Heimat schicken, um britische Gefangene zu befreien und Juden zur Flucht zu verhelfen. Sie wurde gefangen, gefoltert und hingerichtet. In ihrem Nachlass fand man hebräische und ungarische Gedichte. Der Nachlass liegt heute in der israelischen Nationalbibliothek. Sie gilt als Nationalheldin, ihre sterblichen Überreste wurden nach Israel gebracht und in Jerusalem bestattet. In dem Kibbuz, in dem sie eine Zeit lebte, gibt es eine Gedenkstätte. Ihr Lied „Zu Fuß nach Cäsarea“, bekannt nach den Anfangsworten „Eli, eli“ (Mein Gott, mein Gott) ist sehr populär. Hier der Originaltext und verschiedene Versionen.
Hannah Senesch (Senesh, Szenes)
eli, schelo jigamer leolam
hachol vehajam
rischrusch schel hamajim
berak haschamajim
tefilat ha-adam.
אלי, שלא יגמר לעולם
החול והים
רשרוש של המים
ברק השמים
תפילת האדם
Quelle siehe erstes Bild. Die Auswahl von Gedichten und Tagebuchnotizen hat den Anfang des Gedichts als Titel.
Meine Übersetzung (ohne den Reim des Originals: aabba):
Ich gehe nach Cäsarea
Mein Gott, dass niemals ende
der Sand und das Meer
das Rauschen des Wassers,
das Licht des Himmels,
das Gebet des Menschen.
24.11.1942, Cäsarea
Google-Übersetzung:
Eli*,
das wird niemals enden
Der Sand und das Meer
Rauschen des Wassers
das Licht des Himmels
Das Gebet des Menschen
*) In der postumen Vertonung wird der Anruf Eli (mein Gott) wiederholt. – Andere Googleübersetzung:
Für mich wird die Welt
des Sandes und des Meeres,
das Rauschen des Wassers,
die Blitze des Himmels,
das Gebet der Menschen
niemals enden.

Englische Version von der Seite der Hannah-Senesh-Stiftung:
Walk to Caesarea
(Caesarea 1942)
God – may there be no end
To sea, to sand,
Water's splash,
Lightning's flash,
The prayer of man


Cia Rinne ist eine Autorin und Künstlerin, die in Göteborg geboren wurde, in Deutschland aufwuchs und lebt und finnlandschwedische Wurzeln hat, lese ich. Warum nicht zum heutigen „Tag des finnlandschwedischen Erbes“ ein Gedicht einer lebenden Dichterin? Bei Lyrikline kann man Gedichte von ihr auf Englisch und Französisch hören und lesen und dazu dies auf Deutsch.

Georg Leß
gegen die Öffentlichkeit
auf Marktplätzen wurden ihre Gedichte
bearbeitet mit glühenden Gedichten, mit geschmolzenen Gedichten
gehängt in massiven Gedichten
an hoch aufragende Gedichte, schreckte einige von etwas ab
sind echte Gedichte da drin? fragt blinzelnd ein Kind sich am Markttag
Die Jury des Dresdner Lyrikpreises ließ sich nicht abschrecken. Gestern wurde bekannt, dass der Preis von € 15.000 zu gleichen Teilen an den deutschen Dichter Georg Leß und den tschechischen Dichter Petr Borkovec geht. Wir gratulieren!
Über Leß heißt es, er
… betreibt eine poetische Strategie der verblüffenden Zusammenhänge. Mit großer Kühnheit versetzt er die Wörter und Bedeutungen in das beinahe grausame Märchen der unzuverlässigen Wahrnehmung. Er ist großer Liebhaber von Horrorfilmen. Motive überlagern sich; nie ist es das, was es auf den ersten Blick zu sein scheint. In seinen Texten sorgen kalkulierte Bildbrüche immer wieder für produktive Unruhe und für einen ganz eigenen Humor. Mit jedem seiner Bücher – darunter die Gedichtbände Schlachtgewicht (2013), Hohlhandmusikalität (2019) und die Nacht der Hungerputten (2023) überrascht er in neuer Weise. „Mit jeder Silbe/ein anderer werden“ heißt es einmal und das gelingt ihm wie keinem zweiten. Georg Leß gilt als einer der eigenwilligsten Dichter seiner Generation.
https://www.dresden.de/de/rathaus/aktuelles/pressemitteilungen/2024/11/pm_006.php
Unser Gedicht des Tages ist aus: Georg Leß, Die Hohlhandmusikalität. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2019, S. 43
Ilse Kilic
(Geboren 1958 in Wien)
leben in der beschädigten welt
jetzt versagt mir die sprache die hilfe,
die worte sind grau wie die tauben,
die ihr nest vergeblich behüten.
ich gurre, ich schnurre,
ich knurre und murre:
ich senke den blick.
hinter meinen ohren stehen ratschläge,
vermutlich selbst geschrieben.
ich kann sie nicht lesen.
ich tippe und wippe,
ich spitze die lippe:
das pfeifen will nicht gelingen.
was auf der hand liegt will nicht aufs papier.
was auf der zunge liegt, brennt.
kann ich den füßen vertrauen? ich gehe.
ich stehe, ich drehe,
ich flehe, verstehe:
leben in der beschädigten welt.
Aus: Versnetze_zwölf. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2019, S. 321
Stefan Brecht
(* 3. November 1924, heute vor 100 Jahren, in Berlin; † 13. April 2009 in New York)
AN DIESEM 25. AUGUST
in meinem 30. Lebensjahr,
über die Göttlichkeit der Natur
im Sinne Hegels schreibend,
habe ich nicht ganz 2 Dollar.
Mein Essen stehle ich,
die Miete schulde ich,
und für unabwendbare Ausgaben
pumpe ich meine Freunde an.
Vor allem möchte ich sauber bleiben.
Ich habe noch ein Flugzeugbillett nach Europa.
Ich werde es vermutlich einkassieren.
Aus: Stefan Brecht, Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1981, S. 9
Willi van Hengel

Der Autor wurde 1963 in Heinsberg-Oberbruch geboren und lebt in Berlin. Seine Gedichte nennt er Wunderblöcke (Lyrische Miniaturprosa mit Zeichnungen, ISBN: 978-3-940756-96-1, Schweinfurt 2010). Dieses Gedicht ist zurzeit im „Wunderblock-Projekt“ Die schöne Abneigung in der Brotfabrik-Galerie zu Berlin-Weißensee zu sehen.
Francis Jammes
(* 2. Dezember 1868 in Tournay, Département Hautes-Pyrénées, Frankreich; † 1. November 1938 in Hasparren, Département Pyrénées-Atlantiques)
GEBET, DASS EIN KIND NICHT STERBE
Mein Gott, erhalte seinen Eltern dieses zarte Kind,
Wie du wohl auch ein Kraut erhältst im bösen Wind.
Was macht es dir denn aus – da doch die Mutter weint und fleht —,
Wenn es sogleich noch nicht zu dir hinübergeht
Als wie nach einem Spruch, der nicht zu ändern war?
Schenkst du ihm jetzt das Leben, wird es nächstes Jahr
Dir Rosen streun am sonnigen Fronleichnamstag!
Doch bist du ja allgütig. Und du bist es nicht,
Der Todesbläue ausgießt auf ein rosiges Gesicht,
Es wäre denn, du wolltest Heimatlosen eine Wohnstatt geben,
Wo bei den Müttern immerfort die Söhne leben.
Doch warum hier? Ach, da die Stunde schlägt,
Gedenke, Herr, vor diesem Kind, das sich zum Sterben legt,
Daß um die Mutter immer dir zu weilen ward gegeben.
Aus dem Französischen von Ernst Stadler, aus: Francis Jammes: Die Gebete der Demut. Leipzig: Kurt Wolff, 1913, S. 11.
PRIÈRE POUR QU’UN ENFANT NE MEURE PAS
Mon Dieu, conservez-leur ce tout petit enfant,
comme vous conservez une herbe dans le vent.
Qu’est-ce que ça vous fait, puisque la mère pleure,
de ne pas le faire mourir là, tout à l’heure,
comme une chose que l’on ne peut éviter ?
Si vous le laissez vivre, il s’en ira jeter
des roses, l’an prochain, dans la Fête-Dieu claire ?
Mais vous êtes trop bon. Ce n’est pas vous, mon Dieu,
qui, sur les joues en roses, posez la mort bleue,
à moins que vous n’ayez de beaux endroits où mettre
auprès de leurs mamans leurs fils à la fenêtre ?
Mais pourquoi pas ici ? Ah ! Puisque l’heure sonne,
rappelez-vous, mon Dieu, devant l’enfant qui meurt,
que vous vivez toujours auprès de votre Mère.
Sigune Schnabel
Es war der sechste Tag der Zerstörung
Am ersten Tag schuf Gott die Gräber,
hob sie aus und ließ sie trocknen
unter der Sonne.
Kinder spielten Weitsprung.
Sie flogen über Bergkämme und Flüsse.
Die Gräber lachten unter ihren Füßen.
Am zweiten Tag schufen die Menschen ein Mahnmal
für die Toten.
Gott schaute ihnen zu.
In der Nacht ist einer gestorben,
aber er ließ sich kaum
von den Lebenden unterscheiden.
Kurz nach Mitternacht kam er
als Speer.
Es war der sechste Tag,
und ein Vater zerteilte den Himmel.
Ein Junge rollte die Straße entlang.
Es wurde Abend und Morgen:
der siebte Tag.
Niemand wollte ruhn.
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2023/24. Herausgegeben von Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt am Main: Schöffling, 2024, S. 179.
In diesem Jahrbuch stehen die Texte ohne Verfasserinnennamen. Ich lese darin, obwohl ich manche Texte schon kenne, und wenn einer gefällt (oder, wer weiß, missfällt), sehe ich im Inhaltsverzeichnis nach, von wem es ist. – Das erste Buch dieser Art, das ich las, war die Anthologie Transit, die Walter Höllerer 1956 herausgab. Professor Hans Jürgen Geerdts schenkte sie mir in den 80er Jahren, als ich ein junger Assistent war. Ich freute mich sehr, aber damals hatte ich eine andere Lesehaltung. Ich kannte viele der Autoren gar nicht und wollte mir einen Überblick verschaffen. Also schrieb ich mir erst mal mit Bleistift alle Namen in den Text hinein. Die Namen halfen mir damals, Schneisen in unbekanntes Terrain zu schneiden. So manchen Namen habe ich damals überhaupt zum ersten Mal gelesen und konnte mir manche einprägen. Beim Jahrbuch der Lyrik werde ich das nicht tun. Ich habe auch im Moment nicht vor, es von Anfang bis Ende zu lesen. Vielmehr erhoffe ich mir immer mal wieder eine interessante Begegnung beim Darinlesen.
Monika Vasik
an niederlagen herrscht kein mangel
wenn körper sich ihrer seele bis in die letzte pore
gewiss sind als treibgut leib und sinne eins
trotz allem die vielfarbigkeit von dreck aushalten
im ansprung der fremde wo sekunden wie stunden
vergehen die lärmende enge der muße
benenn sie jetzt dichter nenn sie beim namen
sag zwang zur untätigkeit lausch dem poetischen
klang sag verdammnis zum stobenden wogen
dimme nicht den gestank mit deinen 26 buchstaben
die urgewalt eines lebendigen menschenmeers
sieh das geht lautlos des nachts eine frau unerkannt
aus dem gedächtnis der dinge flieht versehrt bis hoch
unters dunkle haupthaar aus dem offenen bild
vielleicht hebt nun endlich dein vers an schickt
morgens in alle richtungen sein kleinstes licht
Aus: Versnetze_12. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2019, S. 318
Zbigniew Herbert
(* 29. Oktober 1924, heute vor 100 Jahren, in Lwów, damals Polen; † 28. Juli 1998 in Warschau)
Brevier
Herr,
ich weiß meine tage sind gezählt
es bleiben nicht mehr viele
gerade so viele daß ich es schaffe
den sand zu raffen
mit dem bedeckt wird mein gesicht
ich schaffe es nicht
denen genugtuung zu geben
denen ich unrecht getan
noch mich bei denen zu entschuldigen
die ich gekränkt habe
darum traurig ist meine seele
mein leben
hätte einen kreis bilden sollen
sich schließen wie eine wohlkomponierte sonate
doch jetzt sehe ich deutlich
kurz vor dem schlußteil
abgerissene akkorde
falsch gewählte farben und worte
schrille dissonanzen
sprache des chaos
warum
war mein leben nicht
wie die kreise im wasser
der in unergründlichen tiefen
erwachende anfang der wächst
sich fügt zu trichtern stufen falten
um sanft zu sterben
an deinen unerforschlichen gestaden
Deutsch von Henryk Bereska, aus: Zbigniew Herbert, Gewitter Epilog. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2000, S. 12f.
Brewiarz
Panie,
wiem że dni moje są policzone
zostało ich niewiele
tyle żebym jeszcze zdążył zebrać piasek
którym przykryją mi twarz
nie zdążę już
zadośćuczynić skrzywdzonym
ani przeprosić tych wszystkich
którym wyrządziłem zło
dlatego smutna jest moja dusza
życie moje
powinno zatoczyć koło
zamknąć się jak dobrze skomponowana sonata
a teraz widzę dokładnie
na moment przed kodą
porwane akordy
źle zestawione kolory i słowa
jazgot dysonanse
języki chaosu
dlaczego
życie moje
nie było jak kręgi na wodzie
obudzonym w nieskończonych głębiach
początkiem który rośnie
uktada sie w stoje stopnie fatdy
by skonac spokojnie
u twoich nieodgadnionych kolan
Aus: Zbigniew Herbert, Wiersze Wybrane. Wydanie nowe, zmienione. Wybór i opracowanie Ryszard Krynicki. Wydawnictwo a5, S. 327f. Ursprünglich in dem Band Epilog burzy (1998)

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