Der Titel des 2015 erschienenen Gedichtbandes »Ignatien – Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs« deutet an, dass nach 35 Jahren der lyrische Kraftakt vom Grat der sprachlichen Beherrschung zu stürzen droht. Jedes der 20 Gedichte, die den Ausbruch eines unkontrollierbaren Kollers mit Hilfe eines hochverdünnten Giftes, der Ignazbohne, sprich einer Ignatie, verhindern sollen, endet mit einem hochpoetischen Amalgam, einem Málagma: man wird weich, schmilzt dahin, obschon die Gedichte mitunter schroff beginnen und der Textrumpf zerrissen wird. Vermutlich Absicht. Auf die finale Vollkommenheit ist meist Verlass: »Unser glücklichster Sommer wird / wenn das so weitergeht auf Stelzen an uns vorbeitanzen / wie eine verstaubte Zirkusnummer«.
Eine beklemmende Videoprojektion von Reynold Reynolds, »der letzte Tag der Republik«, die die Demontage des Palastes der Republik in Berlin im Zeitraffer zeigte, verstärkte Falkner durch ein filmbegleitendes Gedicht. »Kleine Sprengkapseln«, wie er schreibt, um »die deutsche Neigung, immer das Kind mit dem Bade auszuschütten«, bloßzustellen.* / Su Tiqqun, junge Welt
Gerhard Falkner: Ignatien. Elegien am Rande des Nervenzusammenbruchs. Ins Englische übertragen von Ann Cotten. Mit Filmstills von Yves Netzhammer. Starfruit Publications, Nürnberg 2014, 130 Seiten, 19,90 Euro
*) Überschrift der Zeitung:“Zu“ kleine Sprengkaspeln
„Prinz der jiddischen Ballade“ nannte man ihn, und Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen „jiddischen Baudelaire“. Itzik Manger war einer der größten Dichter jiddischer Sprache. In der weltweit ersten Biografie Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter (Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016) widmet sich die Literaturwissenschafterin Efrat Gal-Ed diesem außergewöhnlichen und zugleich tragischen Lebensschicksal. – Auszüge aus einem Interview, das sie dem Standard gab:
Er schaffte es, aus der Vermischung diverser Modelle der europäischen Literatur mit dem Jiddischen eine eigene Stimme zu entwickeln. In seiner Lyrik setzte er stilistische Elemente, wie man sie seit der Romantik kannte, ebenso ein wie Elemente aus dem Symbolismus und Expressionismus. Er leistete, was auch andere bedeutende Lyriker vollbrachten. Nur hatte er das Unglück, dies in einer Sprache zu tun, die heute nur noch wenige Menschen kennen. (…)
1925 war Manger gerade 24 Jahre alt, und er wollte seine Gedichte veröffentlichen. Aber es mangelte an Verlegern, an literarischen Bühnen und vor allem an Geld. Angesichts dieser Schwierigkeiten griff Manger zu dem emphatischen Ausdruck „hefker“, was „herrenlos“, „vogelfrei“ oder „gesetzlos“ bedeutet. „Jidisch is hefker“ nannte er 1925 seinen Selbstverlag. (…)
Jiddisch war das identitätsstiftende Medium der Minderheitskultur und die Voraussetzung der Zugehörigkeit zu Europa. Es entstand „Jiddischland“, eine „Wortrepublik“. Gerade heute, da wir in der Kulturwissenschaft von Transkulturalität und Transnationalität sprechen, erscheint dieses kosmopolitische „Jiddischland“, wie es damals gelebt wurde, als ein großartiges europäisches Konzept.
Wondratschek wurde mit Texten wie „Früher begann der Tag mit einer Schusswunde“ oder „Mara“ berühmt, nun sind seine unbekannten Werke in einer kleinen Hinterhofwohnung im Berliner Stadtteil Schöneberg zu sehen: Die Ausstellung „Bin in einer Stunde zurück“ zeigt Lyrik, Collagen und typographische Arbeiten. Zitieren darf man die Gedichte nicht: Sie sollen ganz und gar ihrem neuen Eigentümer gehören – für 9800 Euro das Stück. Ein stolzer Preis, eine Summe, die kaum ein Verlag für einen ganzen Gedichtband zu zahlen bereit wäre, sei der Autor auch noch so berühmt.
„Wir haben in sehr sanfter Weise über den Preis nachgedacht“, sagte Wondratschek während der Vernissage am Samstagabend mit ebenfalls sehr sanfter Stimme, „und wir sind zu der Ansicht gelangt, dass die Gedichte so viel wert sind.“ / Tobias Lehmkuhl, Der Spiegel
nervös flackert der Blick des Vortragenden an den Gesichtern seiner schweigenden Zuhörer entlang
Hansjürgen Bulkowski
Das chinesische „Buch der Lieder“ (Shijing) ist die älteste Lyrik-Anthologie Ostasiens und zählt zu den frühesten und bedeutendsten literarischen Zeugnissen der Menschheit. Die Sammlung von 305 Volksliedern und Texten ritueller Gesänge aus der Zeit zwischen dem 11. und 7. Jh. v. Chr. wurde der Legende nach von Konfuzius persönlich zusammengestellt und später in den konfuzianischen Kanon der „Fünf Klassiker“ aufgenommen. Ihr Stellenwert in der chinesischen Literaturgeschichte ist vergleichbar mit jenem der homerischen Epen für das Abendland. Da die bisher einzige deutsche Gesamtübersetzung durch Victor von Strauß (Schi-king, das kanonische Liederbuch der Chinesen) aus dem Jahr 1880 stammt, ist es sehr zu begrüßen, dass der Reclam Verlag nun eine neue Übertragung durch den Sinologen Rainald Simon vorlegt, die sich zudem zweisprachig samt phonetischer Umschrift präsentiert und mit detaillierten Anmerkungen, bibliographischen Angaben, einer Zeittafel und einem thematischen Register versehen ist. (…)
Wer des Chinesischen mächtig ist, muss feststellen, dass Simon nicht nur mit der deutschen sondern auch mit der chinesischen Sprache hadert und mancherorts schlicht falsch übersetzt, weil er offenbar selbst mit gängigsten Satzkonstruktionen und Bedeutungsnuancen des Altchinesischen nicht vertraut ist. Dadurch entstehen dann kryptische Zeilen wie jene in Lied Nr. 65, die bestenfalls noch zur Charakterisierung des eigenen Unvermögens taugt: „Was ich weiß, nenne ich meines Geistes Kummer, was ich nicht weiß, nenne ich mein Verlangen.“ Richtig übersetzt, hieße diese Stelle: „Die mich kennen, sagen, ich sei traurig. Die mich nicht kennen, fragen, was ich suche.“ Auch Victor von Strauß hat in diesem Sinn übersetzt, und man wundert sich, weshalb Simon nach jedem Gedicht buchhalterisch die bisherigen Übersetzungen in westliche Sprachen auflistet, wenn er die Arbeiten seiner Vorgänger gar nicht zur Kenntnis nimmt. Der betreffende Vers steht im Kontext eines Liedes, das wohl als Klage einer von ihrem Geliebten verlassenen Frau zu lesen ist. Bei Simon beginnt dieses Lied wie folgt: „Rispenhirse, üppig, so üppig / Hirsesprossen / Gehen, schreiten, gemach, gemach / innerlich unruhig, so unruhig“. Da es gerade im diffizilen Geschäft der Lyrik-Übersetzung billig ist, bloß Kritik zu üben, sei hier mit einem alternativen Übersetzungsvorschlag versucht, den Gehalt dieses Liedes deutlich zu machen:
Hängende Hirse, in die Ferne gereiht,
sieh die knospenden Ähren!
Schweren Schrittes geh ich dahin,
mein Herz kommt nicht zur Ruhe.
Die mich kennen,
sagen, ich sei traurig.
Die mich nicht kennen,
fragen, was ich suche?
O großer Himmel, so blau und so weit,
was für ein Mensch ist das nur?
(…) Zur Entlastung des Übersetzers muss immerhin gesagt werden, dass eine Übersetzung des Shijing, die diesen Namen verdienen würde, einen Spielraum an Zeit und Geduld (vom Lohn gar nicht zu reden) erforderte, wie ihn der heutige, mehr denn je vom Wettbewerb um Marktanteile bestimmte Literaturbetrieb wohl kaum mehr zu bieten vermag. Wer das Shijing auf Deutsch lesen möchte, bleibt darum auch nach 135 Jahren mit Victor von Strauß’ gereimter Fassung am besten bedient. / Raffael Keller, Fixpoetry
Rainald Simon (Hg.)
Shijing / Das altchinesische Buch der Lieder
Reclam
2015 · 856 Seiten · 49,95 Euro
ISBN:
978-3-15-010865-9
Die Übersetzung von Victor von Strauß und Torney bei zeno.org
Die Stiftung Lyrik Kabinett widmet dem auf der „Erde bei Meißen“ geborenen Dichter Wulf Kirsten einen Band in der Reihe ihrer blauen Bücher: Er enthält neue Gedichte von Kirsten, ein ausführliches Interview und elf Lektüren dieses „Klassikers der Gegenwart“. Die Beiträge öffnen unvorhergesehene Perspektiven auf ein facettenreiches, in über 50 Jahren Autorschaft gewachsenes lyrisches Œuvre, das gleichwohl wie eine lange Erzählung einem roten Faden folgt – dem der Landschaft. Eine Lyrik von elementaren Dimensionen, die gleichwohl mitten in der Gegenwart ihren Standort behauptet, sei es in Jean Gionos Provence, sei es unter den Botanikern, den Ornithologen, in Luthers Bibel, der Bibliothek oder in der Verwandtschaft Hölderlins und Annette von Droste-Hülshoffs. Jenseits der Moden des Literaturbetriebs gehört Kirstens „Sprache, in der man sich verproviantieren kann gegen Geschwindigkeit, Anpassung, Verlust“ (Martin Walser) zum wahrhaft Bleibenden, was die deutschsprachige Poesie der letzten Jahrzehnte hervorgebracht hat.
Wulf Kirsten, geboren 1934 in Klipphausen bei Meißen über dem linken Ufer der Elbe. Abitur 1960 an der Leipziger Arbeiter- und Bauernfakultät, 1960-1964 Studium an der Leipziger Universität und in der Deutschen Bücherei. 1965-1987 Lektor des Aufbau-Verlages in Weimar, 1968 erschien der Debütband satzanfang, 1977 der bleibaum, 1986 die erde bei Meißen, 1993 stimmenschotter, 1998 wettersturz – alle Gedichte gesammelt 2004 im Ammann-Verlag: erdlebenbilder. Autobiographische Prosa: Die Prinzessinnen im Krautgarten (Ammann 2001). Umfangreichste Lyrik-Anthologie der Epoche zwischen Nietzsche und Celan: Beständig ist das leicht Verletzliche (Ammann 2010). Zahlreiche Preise und Ehrungen, unter anderem Peter-Huchel-Preis (1987), Heinrich-Mann-Preis (1989), Weimar-Preis (1994), Ehrendoktorwürde der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität (2003), Joseph-Breitbach-Preis (2006), Thüringer Literaturpreis (2015). Mitglied der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung, der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur sowie der Bayerischen Akademie der Schönen Künste.
Der Herausgeber Jan Röhnert, geboren 1976 in Gera, Professor für Germanistik an der TU Braunschweig. Forschungen zum Film in der Lyrik des 20. Jahrhunderts, zum autobiographischen Schreiben vom Krieg und zur Lyrik der vergangenen Jahrzehnte. 2008-2010 DAAD-Lektor in Sofia. Debüt als Lyriker 2003; in der ‚Edition Lyrik Kabinett bei Hanser‘ erschien 2007 sein Band Metropolen. Insgesamt sieben literarische bzw. poetische Veröffentlichungen, zuletzt Wolkenformeln. Gedichte (editionfaust 2014) und Film. Flirts in den Central-Lichtspielen. Ein Essay (Verlagshaus Berlin 2014).
Am Mittwoch, den 2.3., stellt Wulf Kirsten diesen neuen Band im Lyrik Kabinett vor. Es wird eine rare Gelegenheit sein, diesen Doyen der Landschaftslyrik, den unnachahmlich präzisen Porträtisten seiner Heimatlandschaft, aus der er sich allerdings kaum noch weg-bewegt – in Bayern zu erleben.

Ankündigung Wulf Kirsten (2.3.) (pdf)
Neuerscheinung_der_Stiftung_Lyrik_Kabinett_ein_Band_für_Wulf_Kirsten
U.a. für
Der Spezialpreis Übersetzung 2016 geht an Hartmut Fähndrich für seine Übersetzungen aus dem Arabischen
Schweizer Grand Prix Literatur 2016 an Alberto Nessi
Gedichte, Erzählungen, Romane, Reportagen: Den Stoff liefert die Wirklichkeit; Alberto Nessi verwandelt sie in Poesie. Der Tessiner erhält dafür den mit 40’000 Franken dotierten Grand Prix Literatur.
Noch eine Fundsache:
Es ist eine außergewöhnliche Liebesgeschichte in Vechta: Der noch junge Autor Rolf Dieter Brinkmann sucht per geheimen Briefen Kontakt zu einer von ihm auserkorenen „Muse“ im Mädcheninternat Liebfrauenschule in Vechta. Der 16-Jährige verliebt sich in Gisela Reinholz aus Berlin, die nur sechs Wochen im Internat bleibt. Im Februar und März 1957 schickt Brinkmann 41 Gedichte in doppelt verpackten Briefen ohne Absender über eine Botin ins streng kontrollierte Lyzeum, sagte Prof. Dr. Markus Fauser, Leiter der Brinkmann-Arbeitsstelle an der Uni Vechta. Gemeinsam mit Bürgermeister Helmut Gels und Uwe Bartels von der Universitätsgesellschaft Vechta stellte er das Bändchen, das eine Art Poesiealbum ist, am Freitag vor. Nach über 60 Jahren ist es nun wieder aufgetaucht. / NWZ
Der ELIF VERLAG teilt auf seiner Facebookseite mit:
Gestern Abend hat sich der Lyriker Michael Starcke mit 66 Jahren von der Welt verabschiedet. Letzte Woche erschien im ELIF VERLAG sein letzter Gedichtband „das meer ist ein alter bekannter, der warten kann“
Mit Michael verlieren wir einen Freund, einen Gefährten. Seine emotionale Intelligenz, seine Freundschaft und vor allem seine neuen,starcken Wortbilder werden uns fehlen.
Danke für all das Schöne lieber Michael…
ELIF VERLAG
Walter Höllerer notierte 1952: „Britting gehört zu den wenigen Dichtern, die von den Zwanziger Jahren über die Dreißiger Jahre hin bis in unsere Zeit nach der Niederlage sich, äußeren Bedingungen zuliebe, niemals änderten“. Große Zäsuren in seinem Werk gibt es tatsächlich nicht. Ob Gedicht oder Prosa – für ihn spiegelt die Natur die Menschengesellschaft wieder. Er kommentiert und bewertet das nicht, beschreibt die Natur nur ungeheuer präzis, farbig und vielgestaltig. / Sabine Reithmaier, Süddeutsche Zeitung
Lyrik gehört demzufolge zum Genre der Spam-Mail, selbst wenn sie flarfig sind. Das Urheberrecht, das in der autor- und publikumslosen Poesie der Spam-Blogs de facto keine Rolle spielen kann – weil sie sich zwar kapitalistischer Logik unterordnet, zugleich aber jenseits der kapitalistischen Aufmerksamkeitsökonomie stattfindet – ist zentrales Problem von Flarf-Lyrik.
(…)
Gumz hingegen »hatte die Erfahrung, um die ästhetischen Zustand« allein und poetisiert das auf eine nahezu absolute Weise. Im Grunde nämlich steuern seine treffend betiteltenVerschwörungscartoons heimlich auf die Abschaffung ihres Autors wie auch ihrer Leserschaft ab. Was überbleibt, ist New York, so widersinnig das auch ist. / Kristoffer Cornils, Fixpoetry
2015 · 14 Seiten · 6,00 Euro
Es bedeutet in jedem Fall, dass das Schwarzbuch nicht nur aus abgelehnten Texten besteht.
Das deckt sich mit Kai Pohls Aussage, das Schwarzbuch stelle kein Gegenbuch zum Jahrbuch dar, sondern eher einen „Ergänzungsband“. Ergänzt werden soll vor allem der Bereich der politischen Lyrik. Was aber heißt hier politisch? Hält man den Definitionsrahmen weit, dann wäre das Schreiben von Gedichten überhaupt schon politisch. Einmal in Hinblick auf den geringen Vermarktungswert eines Gedichtes, und dann auch in Bezug auf Bildungspolitik. Gedichte schreiben hieße dann, im weitesten Sinne Spracherziehung betreiben. Hieße, mittels einer zweiten, dritten, x-ten Alphabetisierung (des Autors, des Lesers) durch je verschiedene Texte Sprachkompetenz herzustellen, zu verbessern. Allerdings ergäbe sich mit diesem Blick ein Etikettierungsproblem. Der hypothetische Käufer einer „Anthologie politischer Lyrik“ wäre vermutlich erbost, fände er sich bei der Lektüre zwischen Naturgedichten und Liebeslyrik wieder. Und wenn man den Definitionssattel enger schnallt? Wäre ein Gedicht, das beispielsweise Angela Merkel im Titel trägt, allein deshalb schon ein politisches, weil es eine Politikerin herbei zitiert? Solche „inhaltlichen“ Zuordnungskriterien bergen die Gefahr für reine Schlagwortlyrik, andererseits muss gerade im politischen Bereich manches deutlich benannt werden.
Behält man die Frage im Kopf (wie sehen politische Gedichte aus?), fällt beim Lesen des Schwarzbuchs auf, dass besonders häufig listenartige Texte vorkommen. (…)
Das Schwarzbuch der Lyrik 2016 zeigt sich deutlich politisch – sowohl in der Gestaltung als auch in den Gedichten. / Christiane Kiesow, Signaturen
(Katja Horn, Kai Pohl, Clemens Schittko, Kristin Schulz:) Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016. Berlin (Distillery) 2016. 132 Seiten. 16,00 Euro.
Der Lyriker Adonis steht wegen seiner unklaren Haltung zum syrischen Regime in der Kritik.
Sagt die „Welt“. Sie hätte besser sagen sollen, WEM unklar: manchen seiner Kritiker unklaren Haltung. Er selber sagt dazu: „Das ist eine Lüge und der Beweis dafür, dass meine Kritiker meine jüngsten Bücher nicht gelesen haben.“ Und explizit:
Die Welt: Was würden Sie Sadik Al Azm, Najem Wali und Navid Kermani sagen, wenn Sie Ihnen hier gegenüber säßen?
Adonis: Dass es eines Kermani nicht würdig ist, sich zum Sprachrohr der Lügner zu machen. Er versteht nichts, weil er mich nicht gelesen hat.
Am Freitag erhält er den Remarque-Preis. Ein Gespräch über Gott, Todesangst und die Waffen einer Blume. Martina Meister befragte ihn für die Welt. Auszug:
Die Welt: Sie sagen, die arabische Gesellschaft sei krank. Was ist ihre Diagnose?
Adonis: Sie baut auf einem totalitären System auf. Die Religion diktiert alles: Wie man läuft, wie man auf die Toilette geht, wie man sich zu lieben hat….
Die Welt: Ein moderner Islam ist also nicht möglich?
Adonis: Man kann eine Religion nicht reformieren. Wenn man sie reformiert, trennt man sich von ihr. Deswegen ist ein moderner Islam nicht möglich, moderne Muslime schon. Wenn es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt, wird es keine Demokratie geben, keine Gleichstellung für die Frau. Dann behalten wir ein theokratisches System. So wird es enden. Gemeinsam mit dem Westen werden Theokratien im Mittleren Osten aufgebaut.
(…)
Die Welt: Sie gehen mit der arabischen Welt hart ins Gericht, Sie sind darüber hinaus ein vehementer Kritiker des Islam. Ist es vielleicht das, was man Ihnen übel nimmt?
Adonis: Ich bin eine Art Sündenbock. Ich kritisiere die arabische Kultur und die arabischen Politiker seit 1975 und ich kann nur sagen: Die Araber sind am Ende.
Die Welt: Was heißt das?
Adonis: Ich meine damit, dass die Araber keine kreative Kraft mehr sind. Der Islam trägt nicht zum intellektuellen Leben bei, er regt keine Diskussion an. Er gibt keine Anstöße mehr. Er bringt kein Denken, keine Kunst, keine Wissenschaft, keinerlei Vision hervor, die die Welt verändern könnten. Diese Wiederholung ist das Zeichen seines Endes. Die Araber als Quantität werden weiter existieren, aber sie werden die Welt nicht qualitativ besser oder menschlicher machen.
Die Welt: Ein trauriges Fazit aus dem Munde eines Mannes, der als berühmtester Dichter der arabischen Sprache gilt….
Adonis: Es braucht einen Bruch, einen Neuanfang. Ich hatte gehofft, der Arabische Frühling wäre so einer, aber ich habe mich getäuscht. Er hat zur Regression geführt, weil sie nicht die Gesellschaft, sondern nur das herrschende Regime ändern und ersetzen wollten.
Die Welt: Es war eine Bewegung, die die Freiheit gefordert hat…
Adonis: Welche Freiheit? Die Befreiung der Frau und ihre Gleichbehandlung etwa?
Die Welt: Ist die Meinungsfreiheit nicht ein guter Anfang?
Adonis: Die Befreiung des Menschen ist das Wesentliche. Die Frau von der Scharia zu befreien, den Menschen ihre Menschenrechte zu geben, darum geht es. Die Gesellschaft zu ändern, hätte verlangt, die kulturellen und religiösen Fundamente zu verändern.
Interview von Renate Schmidgall mit dem polnischen Dichter Adam Zagajewski, Neue Zürcher Zeitung:
R.S.: Sie haben im Januar in der «Gazeta Wyborcza» ein satirisches Gedicht auf die neue Regierung veröffentlicht, das einen scharfen Ton anschlägt. Darin heisst es etwa: «Sie [die Regierung] müsste des Nachts einige Regisseure erschiessen» oder «Wir brauchen Isolierungslager, aber dezente, um die Uno nicht zu reizen». Das ist seit vielen Jahrzehnten das erste politische Gedicht, und es spricht aus ihm ein grosser Zorn. Woher kommt dieser Zorn?
A.Z.: Zorn und Verzweiflung. Ich habe, wie auch viele meiner Freunde, das Gefühl, man habe uns unser Land gestohlen – einen Raum der Freiheit, in dem verschiedene Stimmen zu Wort kamen, verschiedene Temperamente. Die vorhergehende Regierung war nicht vollkommen, aber sie versuchte nicht, einen ideologischen Schleier über die Wirklichkeit zu werfen. Sie versuchte, mit unterschiedlichem Erfolg, konkrete Probleme zu lösen. Die Luft, in der wir lebten, war rein, durchsichtig (es sei denn, es gab Smog).Die neue Regierung erinnert in gewisser Weise an das kommunistische Regime, denn sie gibt sich nicht mit technischen, operativen, ökonomischen Lösungen zufrieden, sondern versucht, einen riesigen ideologischen Schleier auszubreiten: Nation, Kirche, Familie, Patriotismus, Tradition. Das französische Vichy-Regime unterstützte Arbeit, Familie, Vaterland. So ähnlich soll es jetzt bei uns werden. Unsere Regierung sagt: Wir werden nur patriotische Filme finanzieren, nur patriotische Theaterstücke. Kurzum: Es lebe der Kitsch. Wir sind nicht mehr an Ideologie gewöhnt, aber leider ist sie zurück.
Die Zeitungen melden 2 Sensationsfunde:
1
Bei der Auflösung einer privaten Bibliothek des Wiener Antiquars Erhard Löcker ist ein bisher nicht bekanntes Gedicht von Georg Trakl (1887-1914) entdeckt worden. Auf dem ersten Blatt einer „Hölderlin“-Ausgabe von 1905 ist das Gedicht „Hölderlin“ von Trakl in gut lesbarer Handschrift geschrieben. Das berichtete am Montag die Salzburger Kulturvereinigung, die das Exemplar erworben hat. / Der Standard
Mehr: ORF / DrehPunktKultur
2
Zwei Gedichte von JRR Tolkien, dem Autor von „Der Herr der Ringe“ (The Lord of the Rings), in denen der Autor u.a. vom „Lord des Schnees“ schreibt, wurden in einem Schuljahrbuch in Abingdon, Oxfordshire entdeckt. / The Guardian
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