Peter Wawerzinek wird Dresdner Stadtschreiber 2016

Der Autor Peter Wawerzinek wird Dresdner Stadtschreiber 2016. Zum 21. Mal vergibt die Dresdner Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden dieses Literaturstipendium, das jährlich in Kooperation mit der Landeshauptstadt Dresden ausgelobt wird. Unter den Bewerbern hat sich die unabhängige Jury für die Nominierung des Berliner Autors entschieden. „Peter Wawerzineks Bewerbung überzeugte die Jury bereits mit ihrem ungewöhnlichen Anschreiben von literarischer Qualität, in dem er Dresden als einen für seine Biografie und sein literarisches Schaffen wesentlichen Erinnerungs- und Aktionsort definiert. Daneben stellte er inhaltlich wie formal originelle, auf Tiefenwirkung zielende kurze Prosa-texte einer „Sentimentalen Reise allein nur im Hirn“. Sie lässt den Leser fantasievoll und bizarr Deutschland und die Welt abseits touristischer Straßen und Pfade in Gedanken durchqueren.“

Seine Motivation nach Dresden zu kommen formuliert Peter Wawerzinek wie folgt: „Ich weiß nicht, ob ich das schaffen werde, oder ob es mich schaffen wird. Ich fühle den Übermüdungsbruch meiner verletzten Seele. Aber im Arm, das Kind, es lebt“ und weiter: „Mich in der aktuellen Phase in Dresden bewerben, ist für mich auch eine Sache des Anstandes im Sinne von tun, was längst anstand und ansteht.“

Peter Wawerzinek wurde 1954 in Rostock geboren. Kurz nach seiner Geburt floh seine alleinerziehende Mutter in den Westen und ließ ihn und seine Schwester in der DDR zurück. Seine Kindheit in Heimen und bei Pflegeeltern verarbeitete er erst Jahrzehnte später in dem, wie viele seiner Werke stark autobiografisch geprägten, Roman „Rabenliebe“. Er wurde 2010 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Peter Wawerzinek war bereits in den 1980er Jahren unter dem Pseudonym „Sc.Happy“ in der Ostberliner Literatenszene als Performance-Künstler und Stegreifpoet aktiv. Nach der Wende veröffentlichte er eine Sammlung von Parodien zur DDR-Literatur sowie experimentelle Prosatexte. Daneben entstanden Songs, journalistische Texte, Hörpiele, Kurz- und Experimentalfilme. Zuletzt erschienen 2014 sein Roman „Schluckspecht“ sowie 2015 „Ich – Dylan – Ich“ über Dylan Thomas.

Das Stadtschreiberstipendium der Dresdner Stiftung Kunst & Kultur der Ostsächsischen Sparkasse Dresden bietet deutschsprachigen Autoren die Möglichkeit, für sechs Monate in Dresden zu leben und zu arbeiten. Dabei wird dem Stadtschreiber neben einer monatlichen finanziellen Unterstützung auch eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Die Autoren sind in das kulturelle Geschehen eingebunden und tragen beispielsweise durch Lesungen zu dessen weiteren Vielfalt und Wahrnehmung in der Öffentlichkeit bei. / dresden.de

Ausgebufft romantisch*

Ann Cotten ist die klügste und schwierigste Dichterin in deutscher Sprache. Ein poetisches Gespräch über ihr neues Versepos „Verbannt!“, den Psychoterror des Internets und die Konterrevolution japanischer Zedern.

(…) Während sie gerade zwischen Berlin, Wien und London pendelt, spielt ihr neues, die Sinne taumelnd machendes Werk auf einer einsamen Insel. „Verbannt!“ heißt die Mischung aus Pop und Mythos, aus Hoffnung und Vergeblichkeit. Und mit ihm schreibt die 1982 im amerikanischen Iowa geboreneSchriftstellerin ein Projekt fort, das anders ist, als alles, was es in der deutschsprachigen Literatur sonst gibt. Ann Cotten geht zurück in die Geschichte des Dichtens, um ganz im Heute anzukommen. In der bei Byron, Shelley und Keats beliebten Spenserstrophe ist ihr jüngstes Versepos erzählt. Ein Drahtseilakt zwischen seelenvoller Romantik und ausgebufftem Witz, über dessen Gefahren die Dichterin bei ein paar Bieren im Berliner Lokal „Keyser Soze“ erzählt.

(Das Gespräch, das Paul Jandl für die „Literarische Welt“ mit Ann Cotten führte, ist sogar noch besser als die Anmoderation.)

*) Nicht so widersprüchlich wie es klingen mag. Vielleicht nicht alle, aber viele Romantiker waren ausgebuffter als ihr Ruf.

Gefährliches Wortspiel

Der türkische Autor Ahmet Altan wurde 1995 entlassen, weil er in einem Anagramm aus Atatürk (Vater der Türken) Atakürt (Vater der Kurden) gemacht hatte. Das Wortspiel war dem Gericht 18 Monate wert.

Jetzt schreibt die Welt:

Der Journalist Baris Ince versteckte in Anfangsbuchstaben eines Textes eine Botschaft an Präsident Erdogan. Dafür wurde er nun zu 21 Monaten Haft verurteilt – wegen Beleidigung durch ein Akrostichon.

(…)

Baris Ince: Ich war nach einem Artikel über Korruptionsvorwürfe gegen die AKP-Regierung wegen Beleidigung des Staatspräsidenten verklagt worden. In meiner Verteidigungsrede habe ich ein Akrostichon unterbracht. Die Anfangsbuchstaben der Absätze ergaben die Wörter „Dieb Tayyip“.

Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg 2016 geht an Thilo Krause

Der mit 10.000 Euro dotierte Clemens Brentano Förderpreis für Literatur der Stadt Heidelberg geht an Thilo Krause. Er erhält den Preis für seinen Gedichtband „Um die Dinge ganz zu lassen“ (poetenladen, 2015).

Thilo Krause wurde 1977 in Dresden geboren, wo er nach dem Abitur als Pfleger arbeitete. Anschließend studierte er Wirtschaftsingenieurwesen, promovierte in Zürich und arbeitet heute an der Zürcher Hochschule der Angewandten Wissenschaften. Nach seinem Debüt „Und das ist alles genug“ (poetenladen 2012) erschien 2015 sein zweiter Gedichtband „Um die Dinge ganz zu lassen“. Thilo Krause wurde unter anderem 2012 mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet.

In der Jury-Begründung heißt es: „In das mediale Rauschen hinein setzen Thilo Krauses ruhig gehende Verse einen Kontrapunkt: Mit wenigen Worten und unprätentiöser Sprache fängt dieser genaue Beobachter Stimmungen und Lebenssituationen ein und verwandelt sie in Sprach- und Klangbilder von großer Tiefenschärfe. Das Gedicht wird hier zum Ort, ‚um die Dinge ganz zu lassen‘.“

Der Clemens Brentano Preis der Stadt Heidelberg wird seit 1993 jährlich im Wechsel in den Sparten Lyrik, Erzählung, Essay und Roman an deutschsprachige Autorinnen und Autoren vergeben, die mit ihren Erstlingswerken bereits die Aufmerksamkeit der Kritiker und des Lesepublikums auf sich gelenkt haben. Der Preis ist deutschlandweit einmalig, denn die Jury ist nicht nur mit professionellen Literaturkritikerinnen und -kritikern, sondern auch mit Studierenden des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg besetzt.

Der Brentano-Preis-Jury gehören an: die Literaturkritikerin und Kulturjournalistin Claudia Kramatschek, die SWR-Redakteurin Annette Lennartz, der Heidelberger Literaturwissenschaftler und Editionsphilologe Prof. Dr. Roland Reuß, Dr. Thomas Wohlfahrt, Direktor der Literaturwerkstatt Berlin, sowie die Germanistik-Studierenden der Universität Heidelberg Katharina Grünke, Markus Schork und Marcus Weiss.

Die bisherigen Preisträger sind Saskia Hennig von Lange, Maximilian Probst, Philipp Schönthaler, Alexander Gumz, Wolfgang Herrndorf, Sven Hillenkamp, Andreas Stichmann, Felicia Zeller, Ann Cotten, Clemens Meyer, Stefan Weidner, Anna Katharina Hahn, Raphael Urweider, Andreas Maier, Doron Rabinovici, Sabine Peters, Hendrik Rost, Oswald Egger, Norbert Niemann, Benjamin Korn, Daniel Zahno, Jörg Schieke, Barbara Köhler, Gabriele Kögl und Günter Coufal.

Der Preis wird am 28. Juni 2016 durch Bürgermeister Dr. Joachim Gerner in Heidelberg an Thilo Krause überreicht. Eine öffentliche Lesung des Preisträgers findet am 29. Juni 2016 in der Stadtbücherei Heidelberg statt.

Nominiert waren außerdem:

  • Carolin Callies mit „fünf sinne & nur ein besteckkasten“ (Schöffling & Co., 2015)
  • Christian Filips mit „Der Scheiße-Engel“ (Verlag Peter Engstler, 2015)
  • Nadja Küchenmeister mit „Unter dem Wacholder“ (Schöffling & Co., 2015)

weitere Informationen zum Clemens Brentano Preis

Formierter Geist (2)

Soweit ist Europa noch nicht. In Europa (Gayropa sagt man auf Russisch) haben die „keine Eier“, wie man sich heute ausdrückt. Erst kürzlich auf Versammlungen sogenannter Rußlanddeutscher, die ihr Deutschtum mit überwiegend russischen Reden hochhielten, um es vor andren Einwanderern zu beschützen.

Hier und da finden schon Proben statt, im Westen. Schlagzeile aus Österreich:

Werte: Welser FPÖ will Kinder zu Gedichten verpflichten

Zu Gedichten verpflichten, das klingt für manche von uns nicht schlecht. Aber man muß schon weiterlesen.

Welche Lernziele soll ein Kindergarten erfüllen? Für den FPÖ-Bürgermeister von Wels, Andreas Rabl, sind einige offenbar sehr klar. In seinem Auftrag erstellte die Welser Dienststelle „Kindergärten und Horte“ deshalb einen Wertekodex, in dem neben allgemeinen Verhaltensregeln auch konkrete Bildungsangebote definiert werden.

Inhalte des Kodex sind etwa die kulturellen Grundwerte, betont werden mehrmals die christlichen Feste. Erntedank und Nikolaus sollen den Kindern „Brauchtum, Tradition, Werte und Gemeinschaft“ näher bringen. Ein Punkt, der für städtische Kindergärten wohl ungewöhnlich ist: Zu den jeweiligen christlichen Festen müssen Besuche einer Kirche angeboten werden.

Doch ein Punkt erregt besondere Aufmerksamkeit: „Die Kinder sind fähig, mindestens 5 deutschsprachige Lieder und mindestens 5 deutschsprachige Gedichte zu singen bzw. vorzutragen (eine konkrete Festlegung der Lieder und Gedichte erfolgt)“, heißt es in dem Schreiben an die Kindergärten.

Wohlgemerkt, Gedichte über Brauchtum, Tradition, Werte und Gemeinschaft. Schluß mit dem Nihilismus, nieder mit der individualistischen, unverantwortlichen, unverständlichen Lyrik! Seine Heiligkeit und die FPÖ arbeiten daran.

Doch auch in Deutschland laufen schon Proben.

Die sächsische AfD-Chefin Frauke Petry lehnt englische Gesänge auf deutschen Kindergeburtstagen ab. Der „Bild am Sonntag“ sagte die frisch gewählte AfD-Fraktionschefin im Dresdner Landtag, es störe sie, wenn bei Kindergeburtstagen „nur Happy Birthday gesungen wird und nicht auch deutsche Lieder“.  (ntv)

Museen, Orchester und Theater sind in der Pflicht, einen positiven Bezug zur eigenen Heimat zu fördern. Die Bühnen des Landes Sachsen-Anhalt sollen neben den großen klassischen internationalen Werken stets auch klassische deutsche Stücke spielen und sie so inszenieren, dass sie zur Identifikation mit unserem Land anregen. (rhode.theaterblogs)

Formierter Geist (1)

slowestnost

Was von weitem wie eine Versammlung kirchlicher Oberhirten aussieht, ist die Gründung einer „Gesellschaft der russischen Literatur“.

Am 9. März 2016 fand unter dem Vorsitz Seiner Heiligkeit Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kirill, eine erweiterte Sitzung des patriarchalischen Rates für Kultur statt, auf der die Gründung der „Gesellschaft für russische Literatur“ beschlossen wurde. (Das benutzte Wort für Literatur, slowestnostj, ist veraltet und bedeutet auch Philologie, sagt mein Wörterbuch).

Im Präsidium der Versammlung waren u.a.

  • Seine Heiligkeit Patriarch von Moskau und ganz Rußland Kirill (Vorsitzender)
  • Metropolit Juvenalij (Stellvertretender Vorsitzender)
  • Metropolit Ilarion
  • Bischof Tichon

sowie der Rektor des Literaturinstituts „Maxim Gorki“, der Chef von Mosfilm, der Dichter  und Staatspreisträger der UdSSR Nikolai N. Dobronrawow und weitere Vorsitzende, Akademiker sowie „Volkskünstler der UdSSR“ (sic).

Seine Heiligkeit teilte mit, daß ihm vor einigen Monaten der Präsident Rußlands, Wladimir Wladimirowitsch Putin, vorgeschlagen habe, eine „Gesellschaft für russische Literatur“ zu gründen. „Ich nahm den Vorschlag an, weil es um die menschliche Dimension unseres Lebens, der Persönlichkeit, der Gesellschaft und des Staats geht, und die menschliche Dimension gehört zum geistigen Verantwortungsbereich der Kirche“, sagte Seine Heiligkeit. „Namentlich als Hirte, der  gemeinsam mit anderen Verantwortung trägt für den geistigen Zustand des Volkes, beschloß ich, diese Gesellschaft zu leiten.“ Zwar habe er als Patriarch mehr als genug zu tun, aber bei einem für das Volk und die Gesellschaft so wichtigen Thema sei der Patriarch in der Pflicht.

In der Debatte schlug Kirill eine einheitliche Leseliste für das Studium an russischen Schulen vor. Es gebe den englischen Terminus guide lines. „Warum sollen wir solche guide lines nicht aufstellen? Fehlt es uns etwa an Verstand, fehlt es uns an Kompetenz?“ Es gehe nicht darum, alles bis ins Kleinste zu regeln. Aber bestimmte klare Kriterien müsse man aufstellen, sagte Kirill. Es sei sehr riskant, nicht an Empfehlungen für die Schullektüre mitzuwirken, wenn es darum gehe, „einen einheitlichen geistigen Raum des Landes zu formieren“.

Bei znak.com heißt die Überschrift: „Guide lines. Patriarch Kirill beschloß die Schaffung eines einheitlichen Literaturkanons für Schulen“. Die Volksdenker und -künstler dürfen reden, der Chef handelt.

Auf der Facebookseite der Russischen Philologischen Gesellschaft wird kontrovers diskutiert. Was wolle die neue Gesellschaft machen, Märchen umschreiben? wird gefragt. Wir werden sehen, wir werdens überstehen. Eiferer verweisen auf die Rolle der Kirche bei der Entstehung der slawischen Sprachen und Schrift. Das ist lange her, sagt jemand. Wir sind eine säkulare Gesellschaft. Hat der Patriarch überhaupt Zeit zu lesen? Die Diskussion schwankt. Auf wen wird Putin hören?

znakcom-701038-600x448

Prawoslawie.ru / znak.com / EB

Lyrik im Ausland

„Lyrik im ausland“ – am kommenden Mittwoch startet der Programmschwerpunkt 2016: Lesungen von Autorinnen und Autoren aus dem weitläufigen osteuropäischen Sprachraum.

*

Mi, 16. März 2016 – geöffnet ab 20:00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr – Eintritt 5 EUR

Ein Abend mit Lyriklesungen von

Simone Kornappel,

Márió Z. Nemes

(zweisprachig Ungarisch/Deutsch – zusammen mit Orsolya Kalász)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/allat-alaku-szivek-11167#

und

Jelena Saslawskaja

(zweisprachig Russisch/Dt. – zusammen mit Matthias Kniep)

http://www.lyrikline.org/de/gedichte/sochinene-stihov-chem-ne-priznak-shizofrenii-5863#.VuKjdebYzI

Weitere Informationen (auf Russisch) finden sich auf ihrer Webseite:

http://zaslavskaja.com/

Details zur Veranstaltung, biographische Informationen zu den

AutorInnen und Weiterführendes unter:

http://ausland-berlin.de/lyriklesung-kornappel-nemes-saslawskaja

https://www.facebook.com/events/754446921323306/

Mit freundlicher Unterstützung der Berliner Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten.

*

Vorschau:

Am 6. April lesen Rainer René Mueller aus Heidelberg und Katariina Vuorinen aus Finnland bei uns:

http://ausland-berlin.de/lyrik-rainer-rene-mueller-katariina-vuorinen

https://www.facebook.com/events/754446921323306/

—-

All dies wie immer im:

ausland – Territory for experimental music, performance and art

Lychener Str. 60, 10437 Berlin-Prenzlauer Berg

Weiterentwicklung des Lyrikpreises München

Der Lyrikpreis München, der 2016 zum siebten Mal ausgeschrieben wird, entwickelt sich organisatorisch und inhaltlich weiter.

Neuer Trägerverein

Veranstalter des Preises ist nun der im Herbst 2015 gegründete Lyrikpreis München e.V. Ziel ist es, den bislang weitgehend durch Zuwendungen von Privatpersonen ermöglichten Wettbewerb auf eine stabilere finanzielle Basis zu stellen. Dies umfasst Förderungen der öffentlichen Hand, Unterstützung durch Sponsoren und, solange dies rechnerisch notwendig ist, weiterhin das Erheben von Teilnahmegebühren (unverändert 10 Euro pro Einreichung). Der Verein ist als gemeinnützig anerkannt.

Bewährter Ablauf, poetologischer Schwerpunkt

Strukturell bleibt das bisherige Drei-Stufen-Verfahren (Vorjurierung der Einreichungen, Zwischenrunde, Finale) unverändert. Programmatisch werden wir künftig einen besonderen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit der Poetik der einzelnen Autorinnen und Autoren legen. Ziel ist es, dass die Teilnehmer/innen mit den Juror/innen ins Gespräch über die Gedichte kommen: Statt feuilletonistischer Exkurse der Jurierenden konkrete Fragen zum Text, statt schweigend leidender Dichter/innen Einblicke in ihre poetologischen Überlegungen.

Ein paar Neuerungen für mehr Transparenz

Darüber hinaus ist es uns ein Anliegen, für größtmögliche Transparenz in allen Bereichen (Prozesse, Entscheidungen, Finanzierung) zu sorgen. Dazu gehören von nun an anonymisierte Einreichungen, eine wechselnde, vorab bekanntgegebene Besetzung der Vorjury und die öffentliche Austragung der Diskussion und Abstimmung durch die Zwischenrunden- und Finaljurys. Darüber hinaus werden wir einen Tätigkeitsbericht mit den finanziellen Eckdaten auf unserer Website veröffentlichen.

Mitglieder des Lyrikpreis München e.V. sind derzeitig: Michael Braun, Richard Dove, Markus Hallinger, Andrea Heuser, Florian Kessler, Kristian Kühn, Tristan Marquardt, Àxel Sanjosé, Ulrich Schäfer-Newiger, Johanna Schumm und Christel Steigenberger. In den Vorstand wurden À. Sanjosé, K. Kühn und U. Schäfer-Newiger gewählt (jeweils als 1., 2. und 3. Vorsitzender).

Lyrikpreis München e.V.
http://www.lyrikpreis-muenchen.de
info@lyrikpreis-muenchen.de

Münchner Reden zur Poesie

Uljana Wolf sagte 2009 in ihrer Rede über ein Prosagedicht von Lydia Davis: „Der Text mündet in einer nur durch Kommata und Semikola leicht getakteten Endlosschleife, statt plots und dots“ – statt Handlungen und Punkten – „eine Serie von knots„, Knoten.

Ein Satz, der problemlos auch in die Rede von Ilma Rakusa gepasst hätte. Listen, so ihre These, verknoten das Widerspenstige, was eigentlich nicht zusammengehört, dann aber doch eine rätselhafte Synthese bildet, wenn, in der berühmten Losung der Surrealisten, „ein Regenschirm und eine Nähmaschine auf einem Seziertisch“ zur alchemistischen Reaktion gebracht werden – oder eben in einer Liste.

Rakusa liest ein Gedicht von Danilo Kiš, eines in Deutschland wenig bekannten jugoslawischen Autors des 20. Jahrhunderts. Auch andere eher abseitige Stimmen finden bei ihr Platz, zum Beispiel der Amerikaner Robert Lax oder der futuristische russische Dichter Welimir Chlebnikow. Auch diese Funktion haben Listen: Sie sind Inventare, rein formale Erinnerungsspeicher, ohne die dazugehörige Geschichte, nur durch Satzzeichen verbunden, „eine Vielfalt von Nichts“, wie Rakusa sich ausdrückt, die „antipathetische Rekonstruktion“ einer sich auflösenden Welt. / Philipp Bovermann, Süddeutsche Zeitung

Die nächste Lesung: „Zwiesprachen VII: Jan Wagner über Ted Hughes“, Mittwoch, 16. März, 20 Uhr, Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83/ Rückgebäude

Halbsatz

Dirk Uwe Hansens schöne Rezension (Signaturen) auf das Wesentliche reduziert:

… Schultens’ poetologische Betrachtungen machen neugierig auf ihre Poesie.

Katharina Schultens: Geld. Eine Abrechnung mit privaten Ressourcen. Berlin (Edition Poeticon im Verlagshaus Berlin) Berlin 2015. 48 Seiten. 7,90 Euro.

Sätze

  • Wir müssen uns den modernen Lyrik-Theoretiker als nervösen Leser vorstellen, angetrieben von einem permanenten Unruhezustand.
  • Die alten Hierarchien in der Lyrik-Diskussion sind ins Wackeln geraten – und das ist gut so.
  • Die neue Infrastruktur der Lyrik wächst und wächst weiter – ein Erfolgsmodell mit Schwächen, die bei einzelnen Akteuren sich zum Schiffbruch auswachsen können.
  • Vor einigen Jahren versuchte die sehr schwerfällig gewordene Wochenzeitung »Die Zeit« das politische Gedicht wiederzubeleben. Ein sehr amüsanter Vorgang …
  • Walter Höllerers ›Transit‹ war nicht nur 1956 eine geniale Lyrik-Anthologie, in ihrer Risikobereitschaft und ihrer Art der Präsentation der Gedichte ist diese Bestandsaufnahme der lyrischen »Jahrhundertmitte« bis heute unerreicht.
  • Immer neue Verwandlungen und kleine Verschiebungen – auch die Lyrik des 21. Jahrhunderts arbeitet daran.
  • Gedichte sind immer auch in Reibungshitze versetzte Wörterbücher.
  • »Ich bleibe am Rand. Nichts von der Strömung, die soll mich verschonen«
  • »Ich will, dass alles, was gesagt wird, ins Wackeln kommt, immer wieder neu.«

Lesen Sie die Sätze im Zusammenhang bei Michael Braun, hundertvierzehn.de

Ossip Mandelstam. A Performance

Am ADC in Genf würdigt „Ossip Mandelstam. A Performance“ den großen russischen Dichter.

Vier Menschen sitzen auf behelfsmäßigen Stühlen um einen Holztisch. Drei Tänzer, die gleich der Stimme von Ossip Mandelstam (1891-1938) Körper verleihen werden. Es spricht der Schauspieler Bruce Myers, dessen Karriere untrennbar mit dem Dramatiker Peter Brook verbunden ist.

Ossip Mandelstam. A performance ist eine Idee des Tänzers und Choreographen Ioannis Mandafounis. Eine physische Verlängerung jener Verse von 1909: «Que faire de ce corps qui m’a été donné/Si mien, si intime […]» «Man gab mir einen Körper, und was nun? / Mit ihm, dem meinen, einzigen – was tun?» « Дано мнe тeлочто мнe дeлать съ нимъ,/ Такимъ единымъ и такимъ моимъ?»

Die choreographische Antwort der drei Tänzer beweist, daß die dichterische Sprache zu berühren vermag, noch bevor sie eine Botschaft überbringt. / Maxime Maillard, Le Courrier http://www.lecourrier.ch/137185/la_poesie_avec_le_corps

Jusqu’au dimanche 13 mars, 20h30, sa 19h, di 18h, Salle des Eaux-Vives, 82-84 rue des Eaux-Vives, Genève. Loc: 022 320 06 06, www.adc-geneve.ch

Akkadisch

Hier kann man Gilgamesch und andere altbabylonische Dichtungen in Transkription und englischer Übersetzung lesen und – in rekonstruiertem Akkadisch gesprochen anhören.

Daniel Falb erhält Kurt Sigel-Lyrikpreis des deutschen PEN

Veröffentlicht am 08.03.2016 von

Pressemitteilung, Darmstadt, 8. März 2016

Der Lyriker Daniel Falb (*1977) erhält den erstmals vom deutschen PEN-Zentrum ausgeschriebenen Kurt Sigel-Preis für Lyrik. Unter mehr als 1100 Einsendungen ragt die seine heraus, weil sie Maßstäbe für die Qualität politisch und gesellschaftlich relevanter Poesie heute setzt, so die Einschätzung der Jury, der Dorothea von Törne, Hans Thill und Herbert Wiesner angehörten.

Stifter des mit 4.000 € dotierten Preises ist der Frankfurter Schriftsteller Kurt Sigel (Jg. 1931 und seit 1974 Mitglied des PEN), der sich als Autor von Romanen, Erzählungen, Gedichtbänden und von Büchern in hessischer Mundart, die er teilweise mit eigenen Zeichnungen und Cartoons illustrierte, einen Namen gemacht hat. Der Preis, der künftig alle zwei Jahre verliehen werden soll, wird am 21. April 2016 auf der PEN-Jahrestagung in Bamberg verliehen; die Laudatio hält Dorothea von Törne.

In der Begründung der Jury heißt es weiterhin:

„Die eigene, unverwechselbare Stimme ist hier Teil eines ‚Wir‘, das in unpathetischen und spannenden Diskursen und mit überraschenden Sprachbildern Erd- und Menschheitsgeschichte neu bedenkt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Falbs Gedichtzyklus sprengt alle traditionellen Erwartungen an Lyrik. Statt Metrum, Reim und Strophe regiert das mehrbezügliche assoziative Verknüpfen von prägnanten Bildern und Redeteilen. Das Gedicht als ein Ort reiner Möglichkeiten. In strömenden, tauchenden und steigenden Sprachbewegungen treibt Falb seinen Text Richtung Erkenntnisgewinn voran.“

PEN-Zentrum Deutschland

express!

Eine demokratische Debatte über Literatur
Launch ~ 15. März 2016

Wir experimentieren mit neuen Ansätzen in der digitalen Literaturkritik und nutzen eine einfache Struktur. Dabei richten wir uns an Leserinnen, die den Prozess des Schreibens einer Kritik begleiten möchten, die neugierig sind auf die Reaktion der Buchautorin, und die mitdebattieren wollen.

Was bedeutet das?

Stellen Sie sich drei gleich große Kreise vor, die eine Schnittmenge suchen, wie groß auch immer diese werden mag …

Was bedeutet das ein wenig konkreter?

Zwei Literaturkritikerinnen aus unserem Netzwerk schreiben an einer gemeinsamen Kritik, wechseln sich Absatz für Absatz ab, gehen aufeinander ein und formulieren Denkansätze. Nach jeweils zwei Statements meldet sich als Dritte die Autorin der besprochenen Buches zu Wort, formuliert ihrerseits ein Statement, auf das die Kritikerinnen wiederum reagieren usw. Alle Statements sind in jeder Phase der Kritik offen für Kommentare von Ihnen, den Leserinnen. Diese Leserinnenkommentare laufen übersichtlich neben den Statements mit. So kann die Rezension unter Berücksichtigung aller Freiheitsgrade wachsen.

 

(…)In der ersten Folge express! erforschen wir A.H.A.S.V.E.R von Max Czollek, ein E-Book aus der neuen Reihe Binaer, die exakt am 15.03.2016 im Verlagshaus Berlin erscheint. Mit dabei sind die Literaturkritiker Kristoffer Cornils, Martin A. Hainz und der Buchautor Max Czollek.

Auch die 2. Folge der Reihe steht bereits fest und ist Ende März 2016 geplant. Elke Engelhardt und Stefan Schmitzer und der Autor Yevgeniy Breyger werden eine Rezension zum Gedichtband flüchtige monde von Yevgeniy Breyger, der im März bei Kookbooks erscheint, entwickeln.

 

/ Julietta Fix, Fixpoetry