Arthur Lourié Newsletter

Arthur Lourié Newsletter #4 März / March 2016

Liebe Freunde von Arthur Lourié

Wir gedenken heute der russischen Dichterin Anna Achmatowa, die vor 50 Jahren, am 5. März 1966, gestorben ist.

Achmatowa, die „Königin der russischen Literatur“, war eine enge Freundin (und auch lebenslang die Muse) des Komponisten Arthur Lourié.

Wir verfolgen zurzeit mit wachsender Besorgnis die politischen Entwicklungen zwischen Europa und Russland. Die verheerenden Versäumnisse und Fehler der westlichen Politik beunruhigen uns gleichermassen wie das Gebaren des wieder erwachten Autokratismus der russischen Führung.

Wir fragen uns: wie würde es einer sensiblen Dichterin wie Anna Achmatowa heute ergehen? Und welche Musik würde ein Arthur Lourié in der jetzigen Situation komponieren? Könnte er noch in Russland bleiben?

Auch wenn Musikalisches ganz eindeutig im Zentrum der Aktivitäten unserer Gesellschaft steht, weisen wir gerne darauf hin, dass unser Engagement immer auch vom Gedanken der Völkerverständigung getragen wird.

Mit friedlichen Grüssen

Ohne Titel 4

Arthur Lourié (1892 – 1966) war ein russischer Komponist der in St. Petersburg, Paris und New York lebte. Nach 1917 spielte er eine zentrale Rolle in der Neuorganisa­tion des sowjetischen Musiklebens, musste aber schon 1922 ins Exil. In Lourié’s Werk­ka­talog finden sich Symphonien, Opern, Vokal­werke, Kammermusik und Klavierstücke. In seiner Musik  wider­spiegeln sich seine Freundschaften zu berühmten Dichtern und futuri­sti­schen Künstlern des russischen Silbernen Zeitalters (unter ihnen Anna Achmatowa und Alexander Block), sowie der enge Kontakt zu Igor Stravinsky in Paris.

Der schwarze Gartenweg am Meer
Glänzt unterm Licht der gelben Laternen.
Ich bin ganz ruhig. Nur soll man nicht
Von ihm mir sprechen.
Du bist mein Freund, bist sanft und treu,
Wir werden gehn, uns küssen, altern…
Und leichte Monde überfliegen uns
Wie Schneekristalle.

  1. März 1914

Deutsch von Sarah Kirsch

Чернеет дорога приморского сада,
Желты и свежи фонари.
Я очень спокойная. Только не надо
Со мною о нем говорить.
Ты милый и верный, мы будем друзьями…
Гулять, целоваться, стареть…
И легкие месяцы будут над нами,
Как снежные звезды, лететь.

Mütze

Es geht also um Mütze #11, die aktuelle Ausgabe jener Literaturzeitschrift, auf die ich nicht mehr verzichten kann, weil sie mein Bewusstsein jedes Mal derart ablenkt, dass ich meine Gedanken neu zusammenfügen muss. Ähnlich geht es mir bei der Lektüre des Schreibheftes. Und merkwürdigerweise zurrt ein Name die beiden aktuellen Lektüren zusammen. Denn Stefan Ripplinger ist in beiden aktuellen Heften als Übersetzer und Kommentator vertreten. Im Schreibheft als Übersetzer aus dem Französischen, es handelt sich um einen Text von Jaques Decour, einem Autoren, der 1942 während der deutschen Besatzung in Paris hingerichtet wurde. Decour wurde 32 Jahre alt. Die hier abgedruckte Erzählung war Decours letzte und klingt in einer Reihe aphoristischer Fragmente aus:

„Ich habe den Rhythmus verloren. An der sich wölbenden Decke meines nächtlichen Kerkers gibt es weder Einschnitt noch Stern. Weniger und weniger existiert die Zeit.“

/ Jan Kuhlbrodt, Signaturen

Mütze #11. Hrsg. von Urs Engeler. Schupfart 2016. 52 Seiten. Einzelheft 6,00 Euro.

Poetopie

textile Taschentücher sterben aus – lieber schnauben wir in geweißte Laub- und Nadelwälder

Hansjürgen Bulkowski

säge

Aus der Diskussion bei Hundertvierzehn

MIRKO BONNÉ
Eine der vornehmsten Tischleraufgaben ist es in meinen Augen, ein Ding vor mich wiederhinzustellen, zu sagen „Ihr Tisch, bitte!“ und mir dann das Wiedererkennen zu schenken – des Tischs, der Mühe, des Begriffs, des Worts. Und ich setze mich dann. Und stelle mir manchmal vor, wie es gewesen sein mag für diesen tatkräftigen Menschen, das Sägen, Einpassen, Zusammenleimen und Probesitzen, Probeabstellen und -verschütten.
Das Sonett von der Säge hat es vermocht, mich in den letzten Tagen immer wieder über das Sägen, die Säge, das Säg- und Sagbare nachdenken zu lassen. Ein schönes Glück, herausgesägt aus dem Irrsinn der Zeit. Eine der vornehmsten Widerstandshandlungen des Dichters ist es in meinen Augen, die Dinge in ihrer Unwirklichkeitsneigung aufzuhalten. Dem Sonett „säge“ gelingt das durchweg, am eindringlichsten aber in seinem Couplet, wo es wohl nicht zufällig neben das Metrum sticht.“

DIETER M. GRÄF
Der Kommentar von Mirko Bonné schiebt sich mir gerade vor das verhandelte Gedicht. Ich stimme überein, dass es wertvoll ist, die Gegenstände, mit denen wir umgehen, zu beachten, zu würdigen, zu untersuchen. Die meisten bekommen ihren Tisch ja nicht maßgefertigt vom Tischler, sie kaufen ihn irgendwo. Seine Bestandteile, wie die unserer Kleidung oder unseres Essens, weisen womöglich in die ganze Welt. Fremde Menschen sind beteiligt, in der Regel gehen sie ihrer Arbeit nicht nach, um ihre Vornehmheit auszuleben, sondern um sich zu ernähren, zu Arbeitsbedingungen, die unterschiedlich sein mögen, so wie die Erdteile und Gegenden, in denen sie sind. Gegenstände so zu sehen, führt freilich nicht zum „schöne(n) Glück, herausgesägt aus dem Irrsinn der Zeit“, eher zum Gegenteil. Aber ist das nicht Manufactum-Biedermeier, was Bonné da ausruft? Mit Tischleraufgaben, die verschiedene Abstufungen des Vornehmseins kennen und Widerstandshandlungen, denen ebendies auch gegeben ist? Geht es darum in den Künsten des 21. Jahrhunderts? Edles Handwerk mit guter Tradition, Veredelung, schönes Glück? „Ihr Tisch, bitte“?

ANLÄSSLICH DES GEDICHTS „SÄGE“ AUF HUNDERTVIERZEHN.DE

(Weitere Kommentare dort von Ilma Rakusa, Alban Nicolai Herbst, Hubert Spiegel u.a.)

„Wir sind das Volk“

Der Musiker Kai Niemann schrieb 2009 den Song „Wir sind das Volk“, der mittlerweile oft bei Veranstaltungen von NPD und Pegida gespielt wird. Niemann behagt das gar nicht, er sagt, er sei aber dagegen relativ machtlos. Grund genug, einen Fachmann zu fragen, welche Rechte man als Musiker in solchen Fällen hat: “ ist ein auf Medienrecht spezialisierter Anwalt aus München. (…)

Die Band Springtoifel hat 1992 einen Prozess gegen ein Label geführt, das zwei ihrer Songs ohne ihr Wissen für einen Sampler benutzt hatte, auf dem auch neonazistische Bands vertreten waren. Das Oberlandesgericht Frankfurt urteilte, das sei ein indirekter Eingriff in das Werk der Band. Das wurde zur Musterentscheidung für entsprechende Fälle.“ / Süddeutsche Zeitung 24.2.

Franz Xaver Kroetz

Seit 2004 schreibe er nicht mehr, behauptet Kroetz. Jedenfalls keine Stücke mehr. Nur noch Tagebücher und Gedichte. Ein Drehbuch für einen Münchner „Tatort“ hat er verfasst, aber der BR will es nicht verfilmen. Hin und wieder ist Kroetz noch als Schauspieler zu sehen, gibt im Fernsehen den kauzigen Grantler. Es ist jedesmal eine Freude. Er war auch ein grandioser Brandner Kaspar in der Joseph-Vilsmaier-Verfilmung von 2008. / Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung 25.2.

Renaissance? Über Gelaber und Lyrik

Junge deutsche Dichter werden auf einmal gefeiert und geehrt. Das bereitet ihnen nicht nur Freude. Über die Renaissance der Lyrik in Zeiten des Gelabers.

schreibt Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung. Renaissance, naja. In diesem Hype feiert vor allem der Literaturbetrieb sich selbst als das einzig Wahre. Die Lyrik, meine Herrn und Damen, war immer da, Kook und Engeler & Co. präsentierten seit über 20 Jahren neue Texte neuer Autoren. Wiedergeburt? Nicht die Lyrik und nicht das Gelaber, das ist auch immer da.

Bis dahin standen Gedichtbände im kleinsten Regal der Buchläden,

Ah, und das ist jetzt anders? Gibt es Untersuchungen über das Anwachsen der Lyrikregale? Der Lyrikkäufe? Oder schreiben das alle ab, seit eine Jury vor einem Jahr einen geplanten Überraschungscoup landete?

und man traute ihnen eigentlich schon lange nicht mehr zu,

man? Mann, Mann!

dass sie uns etwas Neues zu erzählen vermöchten über unsere sich so irre schnell verändernde Welt …

Auch Klutes Text ist nicht frei von Ressentiment und Gelaber. Unkommentierte Zitate:

Es sieht auf einmal so aus, als hätten Gedichte in diesem Land wieder einen Kurswert bekommen; mit einem Mal rücken Namen, von denen bis dahin nur ein Kreis von Kennern wusste, ins Licht der Öffentlichkeit: Monika Rinck, Nora Bossong, Lutz Seiler. Die Publikumsverlage bauen ihre Lyriksparten aus, manche, wie der Frankfurter Schöffling-Verlag, riskieren sogar Debüts bis dahin komplett unbekannter Lyriker; der kleine Berliner Verlag Kookbooks wird im Handumdrehen zum Synonym für verkaufbare Lyrik sehr junger Dichter, und der jüngste Ingeborg-Bachmann-Preis für Prosa ging an Nora Gomringer, eine Autorin, die vor allem wegen ihrer Gedichte gefeiert wird.

Was ist da passiert? Wollen die Deutschen statt der täglichen Twitter-Banalitäten etwas, das Thomas Kunst als „den naiven Reichtum an Beziehungstrost und Wut“ bezeichnet? Also echte Worte und echte Gefühle?

(…)

„Wenn meine Generation ihre Sicherheit und ihren Besitz vernachlässigen und nur noch ihre Musik bei sich behalten würde, wäre sie auf Anhieb eine politische Klasse.“

Wegen solcher Sätze wird Thomas Kunst ziemlich gefeiert. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu schrieb in der FAZ, Kunst sei „einer der größten Dichter, die wir haben“, auch weil er gegen die Mickrigkeit anschreibe und in seinem gerechten oder ungerechten Zorn immer noch würdiger dastehe als die „blassen Quallen der Poesie“ – das sind die anderen, die immer die Preise kriegen. Poesie hin, Kurswert her, es ist hier wie überall: Auf jeden Pfau kommt ein Gegenpfau und versucht ihm ein Auge auszuhacken.

(…)

Der wuchtige Erfolg von Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ hat die bis dahin ein wenig selbstgefällige Gemeinschaft der Lyriker kräftig geschüttelt. Plötzlich schert einer aus dem Nischendasein aus und wird zur Referenzgröße für alle anderen, die sich auf der faulen Wahrheit ausgeruht haben, dass man mit Lyrik eben nicht viel Geld verdient.

(…)

Ist es nicht unglaublich, wie alle sich an diesem Dichter abarbeiten? Als Jan Wagner den Leipziger Preis bekam, gab es Dresche auch außerhalb der Kollegenwelt. Der SponKritiker, der den deutschen Autoren regelmäßig mit dem Ochsenziemer den Hintern versohlt (…) usw. usf.

Kosmopolitische Literatur

In einer Zeit, in der gewisse Politiker wieder von vaterlandslosen Kosmopoliten reden und manche anfangen, Deutschpflicht in Konzerten einzufordern und Heinrich Heines Hoffnung:

Ich bin der inkarnierte Kosmopolitismus, ich weiß, daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und ich bin daher überzeugt, daß ich mehr Zukunft habe, als unsere deutschen Volkstümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören.

wieder einmal vertagt wird, gefällt mir diese Begründung:

Das besondere Gespür von Uljana Wolf im Umgang mit gleich mehreren Sprachen macht ihren Ruf als Lyrikerin aus. Wolfs „Annäherungen an das Fremde durch spielerische Reflexion sprachlich vermittelter Realität“, so heißt es in der Begründung für den Chamisso-Preis, seien „gelungene Beispiele für eine zukunftsweisende kosmopolitische Literatur“. / Mehr

Lyrikedition 2000

Aus unterschiedlichen Gründen:

Die Lyrikedition 2000 wurde begründet von Heinz Ludwig Arnold und Wolfram Göbel und wurde bis 2016 von Florian Voß herausgegeben. Sie war eine Lyrikreihe des Münchner Allitera Verlags und über einen Zeitraum von 2000 bis 2016 mit ca. 130 Titeln eine der größten lieferbaren deutschlandweit.

Dennoch entschloss sich die Verlagsleitung aus unterschiedlichen Gründen, die Reihe zum Sommer 2016 zu beenden. Das Programm bis dahin steht bereits. Wir bitten Sie daher, von weiteren Manuskripteinsendungen abzusehen.

Das Programm der Lyrikedition 2000 bleibt auch in Zukunft lieferbar, alle Titel können Sie über den Verlag oder (Internet)Buchhandel jederzeit bestellen. / Allitera Verlag

Neuerscheinungen

Datenkünstler

US-Künstler Nicholas Rougeux hat erst jüngst in seinem Kunstprojekt „Between the Words“  gezeigt, wie große Literaturklassiker aussehen, wenn man die Wörter weglässt und nur die Leer- und Satzzeichen visualisiert.

Seine neueste Arbeit heißt „Sonnet Signatures“. Darin beschäftigt sich Rougeux mit dem Gedichtband„Shakespeares Sonette“  aus dem Jahr 1609. Der Daten-Designer zeigt die 154 Sonette des englischen Dichters als verschnörkelte, abstrakte Zeichnungen, die aussehen, als hätte jemand gerade unter Zeitnot seine Unterschrift gekritzelt. / Benedikt Plass-Flessenkämper, Wired

Nur einzel repressalie

Gut ein Jahr nach der Gefangennahme der ukrainischen Kampfpilotin Nadja Sawtschenko hat die Anklage in Russland, wohin sie verschleppt wurde, 23 Jahre Haft verlangt. Der russischsprachige Dichter, Blogger und Psychiater Boris Chersonski (Борис Херсонский) aus Odessa kommentiert, heute brauche man keine Massenrepressalien mehr, punktuelle genügten. So sei es „menschlicher“. Und ökonomischer.

Der deutschsorbische Dichter Kito Lorenc schrieb in den späten 80er Jahren, nach dem Verbot des sowjetischen Digest Sputnik in der DDR, deren Propagandasprüche zitierend:

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

Aus: Kito Lorenc: Gegen den großen Popanz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1990, unpaginierte Beilage

Gestorbene Hoffnung

In der Neuen Zürcher Zeitung ein Gespräch mit der in Deutschland lebenden syrischen Autorin Rosa Yassin Hassan. Auszug:

Als das Regime von Hafez al-Asad in den 1970er Jahren zunehmend diktatorische Züge annahm, begannen die Autoren auf historische Stoffe zurückzugreifen, da sie die gegenwärtige Situation nicht thematisieren konnten. Sie suchten Wege, wie sie ihre Botschaft zwischen den Zeilen, in Mehrdeutigkeiten und Anspielungen verbergen konnten, und das Publikum musste lernen, diese verborgenen Botschaften zu entschlüsseln. Als dann Bashar al-Asad an die Macht kam, glaubten wir, Veränderung sei möglich; er schien eine offenere Gesellschaft zu wollen, doch das war letztlich alles nur Theater. Aber diese kurze Spanne der Hoffnung reichte, um die Schriftsteller neue Wege einschlagen zu lassen. Besonders die Gefängnisliteratur trat in den Vordergrund; damals erschienen viele solche Bücher.

Tatsächlich – in Syrien?

Ja. Denn diese Bücher bezogen sich auf die Vergangenheit, auf die Repression unter Asad senior, und nicht auf die Gegenwart. Aber das dauerte nur kurz, dann starb alles wieder ab.

Wer ist der Beste?

Auf einer russischen Blogseite eine Umfrage nach dem Besten zeitgenössischen Dichter. Das Ergebnis ist noch nicht repräsentativ, die bislang 237 Teilnehmer stimmten für

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил)
60(7.3%)
Timur Kibirow (Кибиров Тимур)
37(4.5%)
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий)
34(4.1%)
Sergej Gandlewski (Гандлевский Сергей)
29(3.5%)
Igor Guberman (Губерман Игорь)
27(3.3%)
Bachyt Kenshejew (Кенжеев Бахыт)
26(3.2%)

Bisher abgeschlagen bekannte ältere Dichter wie

Alexander Kuschner (Кушнер Александр,79)
23(2.8%)
Jewgeni Jewtuschenko (Евтушенко Евгений, 84)
14(1.7%)
Fasil Iskander (Искандер Фазиль, 87)
11(1.3%)
Novella Matwejewa (Матвеева Новелла, 81)
10(1.2%)
Olshas Sulejmenow (Сулейменов Олжас, 79)
4(0.5%)

Neuer Zwischenstand bei 293 Teilnehmern:

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил) Wiki
65 ( 6.6 % )
Timur Kibirow (Кибиров Тимур) Wiki (nur russ. / ital.)
59 ( 6.0 % )
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий) Wiki (viele Sprachen, nur nicht deutsch)
47 ( 4.8 % )

Ich beobachte es weiter. (Die Plazierung ist nicht so wichtig, aber es ist immer gut, zu wissen, welche Dichter anderer Länder bei uns noch nicht einmal bekannt sind.)

Ketzerfrage

Gleich zu Beginn müssen wir die Ketzerfrage stellen: Würden diese Gedichte heute noch Aufmerksamkeit beanspruchen, hieße ihr Autor nicht Thomas Bernhard und erschienen sie nicht im Rahmen einer großangelegten Werkausgabe? Wohl kaum. Sie sollten es aber! Nicht alle Stücke darin sind gelungen, wenn man die höchste Meßlatte anlegt — das gewiß nicht, es ist viel jugendlicher Quark dabei, einer von der Sorte, der nicht von allein fest wurde und sich darum allerhand Töne von anderen Stimmen leihen mußte; — und wäre dies der gesamte Befund, wäre das Buch vielleicht weniger Rede wert und nur aus biographischen Gründen interessant, doch folgen auf die Versuche des jungen Thomas Bernhard eine Reihe bemerkenswerter Gedichte, die unabhängig von ihrer nicht zu übersehenden motivischen Hindeutung auf das spätere Prosawerk bestehen können —: ihnen wird man freilich nur gerecht, wenn man sie aus dem biographischen Interesse herauslöst und in einen literarhistorischen Kontext stellt, weniger hochtrabend gesagt: wenn man sie mit den Produkten seiner Zeitgenossen vergleicht. / Jürgen Brôcan, Fixpoetry

Thomas Bernhard · Raimund Fellinger (Hg.)
Thomas Bernhard, Band 21: Gedichte
(Werke in 22 Bänden)
Suhrkamp 2015 · 601 Seiten · 39,90 Euro
ISBN: 978-3-518-41521-4

Das Gedicht ist…

Herr Conrady, Sie haben sich ein Berufsleben lang immer wieder mit Lyrik befasst. Was bedeutet Ihnen Lyrik?

Conrady: Ich sträube mich gegen eine allgemeine Bestimmung, was Lyrik sein soll. Solche Bestimmungen sind sehr beliebt, etwa der Vers ist die Heimat des Gefühls. Ich halte dagegen die erste Zeile eines Gedichts von Christoph Meckel: „Das Gedicht ist nicht der Ort wo die Schönheit gepflegt wird…“ Was mich interessiert an der Lyrik, ist der Versuch des genauen Sprechens. Also bitte nicht heute noch Gedichte schreiben im Stil von Eichendorff und Brentano. Die haben wir ja. Und wer meint, nur in solchen gereimten oder auch ungereimten Versen sei echte Lyrik vorhanden, der verstellt Zugänge zu modernen Ausdrucksweisen. / Westfälischer Anzeiger