Zorn und Verzweiflung

Interview von Renate Schmidgall mit dem polnischen Dichter Adam Zagajewski, Neue Zürcher Zeitung:

R.S.: Sie haben im Januar in der «Gazeta Wyborcza» ein satirisches Gedicht auf die neue Regierung veröffentlicht, das einen scharfen Ton anschlägt. Darin heisst es etwa: «Sie [die Regierung] müsste des Nachts einige Regisseure erschiessen» oder «Wir brauchen Isolierungslager, aber dezente, um die Uno nicht zu reizen». Das ist seit vielen Jahrzehnten das erste politische Gedicht, und es spricht aus ihm ein grosser Zorn. Woher kommt dieser Zorn?

A.Z.: Zorn und Verzweiflung. Ich habe, wie auch viele meiner Freunde, das Gefühl, man habe uns unser Land gestohlen – einen Raum der Freiheit, in dem verschiedene Stimmen zu Wort kamen, verschiedene Temperamente. Die vorhergehende Regierung war nicht vollkommen, aber sie versuchte nicht, einen ideologischen Schleier über die Wirklichkeit zu werfen. Sie versuchte, mit unterschiedlichem Erfolg, konkrete Probleme zu lösen. Die Luft, in der wir lebten, war rein, durchsichtig (es sei denn, es gab Smog).Die neue Regierung erinnert in gewisser Weise an das kommunistische Regime, denn sie gibt sich nicht mit technischen, operativen, ökonomischen Lösungen zufrieden, sondern versucht, einen riesigen ideologischen Schleier auszubreiten: Nation, Kirche, Familie, Patriotismus, Tradition. Das französische Vichy-Regime unterstützte Arbeit, Familie, Vaterland. So ähnlich soll es jetzt bei uns werden. Unsere Regierung sagt: Wir werden nur patriotische Filme finanzieren, nur patriotische Theaterstücke. Kurzum: Es lebe der Kitsch. Wir sind nicht mehr an Ideologie gewöhnt, aber leider ist sie zurück.

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