„Ein moderner Islam ist nicht möglich“

Der Lyriker Adonis steht wegen seiner unklaren Haltung zum syrischen Regime in der Kritik.

Sagt die „Welt“. Sie hätte besser sagen sollen, WEM unklar: manchen seiner Kritiker unklaren Haltung. Er selber sagt dazu: „Das ist eine Lüge und der Beweis dafür, dass meine Kritiker meine jüngsten Bücher nicht gelesen haben.“ Und explizit:

Die Welt: Was würden Sie Sadik Al Azm, Najem Wali und Navid Kermani sagen, wenn Sie Ihnen hier gegenüber säßen?
Adonis: Dass es eines Kermani nicht würdig ist, sich zum Sprachrohr der Lügner zu machen. Er versteht nichts, weil er mich nicht gelesen hat.

Am Freitag erhält er den Remarque-Preis. Ein Gespräch über Gott, Todesangst und die Waffen einer Blume. Martina Meister befragte ihn für die Welt. Auszug:

Die Welt: Sie sagen, die arabische Gesellschaft sei krank. Was ist ihre Diagnose?
Adonis: Sie baut auf einem totalitären System auf. Die Religion diktiert alles: Wie man läuft, wie man auf die Toilette geht, wie man sich zu lieben hat….
Die Welt: Ein moderner Islam ist also nicht möglich?
Adonis: Man kann eine Religion nicht reformieren. Wenn man sie reformiert, trennt man sich von ihr. Deswegen ist ein moderner Islam nicht möglich, moderne Muslime schon. Wenn es keine Trennung zwischen Religion und Staat gibt, wird es keine Demokratie geben, keine Gleichstellung für die Frau. Dann behalten wir ein theokratisches System. So wird es enden. Gemeinsam mit dem Westen werden Theokratien im Mittleren Osten aufgebaut.
(…)
Die Welt: Sie gehen mit der arabischen Welt hart ins Gericht, Sie sind darüber hinaus ein vehementer Kritiker des Islam. Ist es vielleicht das, was man Ihnen übel nimmt?
Adonis: Ich bin eine Art Sündenbock. Ich kritisiere die arabische Kultur und die arabischen Politiker seit 1975 und ich kann nur sagen: Die Araber sind am Ende.
Die Welt: Was heißt das?
Adonis: Ich meine damit, dass die Araber keine kreative Kraft mehr sind. Der Islam trägt nicht zum intellektuellen Leben bei, er regt keine Diskussion an. Er gibt keine Anstöße mehr. Er bringt kein Denken, keine Kunst, keine Wissenschaft, keinerlei Vision hervor, die die Welt verändern könnten. Diese Wiederholung ist das Zeichen seines Endes. Die Araber als Quantität werden weiter existieren, aber sie werden die Welt nicht qualitativ besser oder menschlicher machen.
Die Welt: Ein trauriges Fazit aus dem Munde eines Mannes, der als berühmtester Dichter der arabischen Sprache gilt….
Adonis: Es braucht einen Bruch, einen Neuanfang. Ich hatte gehofft, der Arabische Frühling wäre so einer, aber ich habe mich getäuscht. Er hat zur Regression geführt, weil sie nicht die Gesellschaft, sondern nur das herrschende Regime ändern und ersetzen wollten.
Die Welt: Es war eine Bewegung, die die Freiheit gefordert hat…
Adonis: Welche Freiheit? Die Befreiung der Frau und ihre Gleichbehandlung etwa?
Die Welt: Ist die Meinungsfreiheit nicht ein guter Anfang?
Adonis: Die Befreiung des Menschen ist das Wesentliche. Die Frau von der Scharia zu befreien, den Menschen ihre Menschenrechte zu geben, darum geht es. Die Gesellschaft zu ändern, hätte verlangt, die kulturellen und religiösen Fundamente zu verändern.

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