Endlich eine Rezension, die ihre – starken – Wertungen nicht aus den gängigen Klischee- und Ressentimentkisten holt. Über die man also streiten könnte, ohne sich auf die festen Standpunkte irgendwelcher binär aufgestellter Lager zu begeben. Beiträge zur Vermessung der Anthologien-, der Lyrikszene. Hier ein paar der griffigsten (streitbarsten) Aussagen in Konstantin Ames‘ Besprechung von
Lyrik von Jetzt 3 – Babelsprech. Hrsg. von Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser. Göttingen (Wallstein Verlag) 2015. 360 Seiten. 19,90 Euro.
(bei Signaturen)
Wer als Beitragender zu einer derart flamboyant beworbenen Sammlung auf Cleverness bewusst verzichtet und stattdessen den eigenen Zirkus rauslässt und nicht nur zynisch versifiziert, was er vorhat, der wagt nicht wenig. Diese Chance haben aber nur Niklas L. Niskate und Linus Westheuser voll ausgereizt. Ihr weiteres Schaffen dürfte nicht nur deshalb von Interesse sein. Das Gros des Teilnehmerfeldes ergeht sich hingegen entweder in kosmischer Schau (Himmel, Berge, Meer, Heimat und Gliedmaßen von Großmüttern), zeilenumbrochenen Reiseimpressionen (wäre ein Gedankenbuch nicht ästhetisch redlicher und ergiebiger gewesen?), Datumsspäßchen und poetischen Fingerübungen, die sich selbst als politisch zu verstehen geben und nicht lange fragen. Ich habe mich noch nie so sehr nach Diskurspop gesehnt wie nach beinah jedem Reinblättern ins Klassenzielbuch von „Babelsprech“ und dem damit verbundenen Unbehagen. All dieser Beschwur von Alleinstellungsmerkmalen, verhauchter Innerlichkeit! Tiraden und Stänkereien, die ich so läppisch noch nie gelesen hab!
(…) Ein elaborierter performativer Zugang zu diesem Teil Kunst, Sprachkunst, ist also unerlässlich. Wo Mündlichkeit auf dem Papier eine lebendige Konkretion sucht, muss nicht nur Skepsis walten, es braucht auch sprachphilosophische Expertise („Akademismus! – Ach, Stammtisch …“), sonst wird jeder Motivballast (Himmel, Ich, Nebel, Wir, Tiere, Meer, Ficken) unerträglich; Germanistikstudium hin, Germanistikstudium her. Nicht von ungefähr sind es die Beiträge von Richard Duraj, Jan Skudlarek, Sonja vom Brocke, Sascha Kokot, Sophie Reyer, Georg Leß und Léonce Lupette, die (obwohl anscheinend auch gehörig Autobiographisches mitnotiert wird) nicht aufs Niveau naiver Bekenntnislyrik oder aufgesagter Gedankenlyrik herabsinken.
Es könnte auch passieren, dass die boshaften Meisterwerke von Jenny-Mai Nuyen, Charlotte Warsen, Maren Kames und Irmgard Fuchs ebenfalls als Bekenntnislyrik passieren oder eine vampiristische Art der Verballhornung davon. Die vier Dichterinnen machen aber etwas ganz anderes, wodurch ihre Texte dem Sich-Verheddern in hubernd kleingeschriebenem Parlando entgehen. (…)
Der poetische Nihilismus von Irmgard Fuchs, Maren Kames, Jenny-Mai Nuyen und Charlotte Warsen hält das Niveau dieses Buchs hoch, ich traue ihrer Poesie, vielleicht gerade weil es sich um Kommunikationsharakiri handelt. Ihre Texte bilden den Kern desjenigen Bereichs der Sammlung, der nicht Schlafsaal ist, sondern wohl eher die Abflughalle. (…)
Hervorzuheben sind außerdem die visuellen Arbeiten von Andreas Bülhoff und die Collagen von Dagmara Kraus. Als „maßgeblich“ würden die geschätzte Kollegin und der geschätzte Kollege ihre Beiträge aber vielleicht selbst nicht einschätzen. Ihre Arbeiten überragen auch keineswegs die Arbeiten auf dem Grenzbereich von Grafik und Poesie von Simone Kornappel, die in der Anthologie nicht vertreten ist. Überhaupt: Es fehlen viel zu viele entwickelte poetische Positionen (nicht Beitragende), um den Ruf, den die Anthologie gern genösse in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Es ist viel zu viel desselben drin, um von einem „Verzeichnis maßgeblicher deutscher Dichtung“ oder auch nur von „größtmöglicher Aufmerksamkeit für das weite Spektrum poetologischer Zugänge innerhalb der Gegenwartsdichtung“ seriös die Rede führen zu können.
(…) Eine maßgebliche Anthologie macht das aus dem vorliegenden (sehr abgeschlossenen) Buch nicht. Und doch steht es in einer Reihe wichtiger Maßnahmen, der Poesie per Buch etwas mehr Aufmerksamkeit über die Szeneränder hinweg zu verschaffen; etwa die beiden Bände der Anthologie Der gelbe Akrobat (poetenladen, ³2011 und 2016), die von Christian Lux edierte Anthologie freie radikale lyrik (luxbooks, 2010) oder das von Ron Winkler herausgegebeneNeubuch (yedermann, 2008). Das bleibende Verdienst des mit Lyrik von Jetzt 3 verbundenen und sicherlich nicht abgeschlossenen Projekts ist es, eine beachtliche Anzahl verschiedener Akteur_innen lokaler Szenen unübersehbar miteinander ins Gespräch gebracht zu haben. Das versuchen diverse Literaturhäuser, Verlagsblogs, Festivals selbstverständlich auch – „Babelsprech“ ist es gelungen. Das ist ein nachhaltigeres Verdienst als so ein blassgrünes Buch.
Am 10. März wäre Karl Bröger 130 Jahre alt geworden. Um den Nürnberger Arbeiterdichter zu ehren, wird eine neu gestiftete Auszeichnung verliehen: die Karl-Bröger-Medaille. Erster Preisträger ist der Dichter [die fränkische Meldung sagt: fränkische Mundartdichter] Fitzgerald Kusz. Mit der Medaille erinnert die Karl-Bröger-Gesellschaft künftig an „einen der bedeutendsten deutschen Arbeiterdichter“, so Horst Schmidbauer, der Gründer der Karl-Bröger-Gesellschaft und langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete. Offiziell überreicht wird die Medaille am 10. März. (…)
Karl Bröger aus Nürnberg war ein deutscher Arbeiterdichter. Er wurde mit anderen SPD-Funktionären 1933 verhaftet und für mehrere Monate ins KZ Dachau verschleppt. Dennoch wurden einige seiner Gedichte von der NS-Propaganda ausgeschlachtet. Karl Bröger starb 1944 mit 48 Jahren an Krebs. / BR
Mehr Fitzgerald Kusz / Mehr Karl Bröger
Bettina Boeck schreibt:
Ich baue NINE TO FIVE eine bewegliche Collage. Ich schreibe Lyrik und einen Mikrotextroman.
Auf dieser Seite können Sie meine Vita und Fotos einsehen. (Links unten)NINE TO FIVE ist mein privates Webblog, auf dem ich bemerkenswerte Fotofundstücke, deren gemeinsames Merkmal Fibonacci-Zahlen sind und eigene Texte zu einer beweglichen Collage zusammensetze.
Regelmäßige Leser*innen meiner Facebook Seite https:wissen# ich habe ein großes Faible für Muster. Schon deshalb habe ich mit Interesse aufgemerkt als ich vor ein paar Wochen #Norbert Lossaus Artikel http://www.welt.de/wissenschaft/article150863747/Haben-wir-die-Mathematik-erfunden-oder-nur-entdeckt.html las, der die Themen #Erfindung #Entdeckung #Denkmuster #Natur und #Zahlen behandelt.
Grund genug, mir selber einen Fragebogen zu schicken. Hier stehen meine Antworten.NINE TO FIVE. Es ist eine bewegliche Collage aus Mikrotexten. Für diese Collage habe ich einen Rahmen entworfen, der den Leser teilhaben lässt an meinem Arbeitstag: Beobachtungen, Eindrücke von Bildern, Mikrotexte, Formen, erzählerischen Energieaustauschs und tiefer im Blogg die Fibonacci-Zahlen und Formate / Seitenarme. Das Blogg ist wie ein digitales Gehirn– jeder kann seine eigene Schnittstelle finden.
Warum mache ich es (so)?
Die Motivation für das Blog kommt durch meine angeborene Körperbehinderung (Spastik), die Reisen, oft selbstständige Kaffeehausbesuche nicht mehr möglich macht. Zwar werde ich mit immer aktuellerer Technik versorgt, aber Schmerzen und Verschlechterung kann ich damit nur schwer aufhalten. Da muss ich kreativ werden – das heißt Bilder finden und Hörfetzen und schreiben. Die Ausgangsfrage für das Projekt war daher: welche Erzählstruktur und welche Formate optimal geeignet sind, um meine manuelle Ungeschicklichkeit und meine körperliche Langsamkeit auszugleichen. #Fotofundstück#Hörfetzen#Videoschnipsel und #Textfragment,
Mein Ansatz fußt auf zwei Elementen: zum einen habe ich lange, intensiv Facebook gelesen und „bespielt“ und gesehen, dass mir ein Thema immer wichtiger wird: „Die Stadt im Fluss“, die sich zu Formaten verdichtet und Handlungsstränge entwickelt und daher vieles miteinander in Beziehung setzt.
Diese vernetzende Struktur habe ich als Ausgangspunkt genommen. Und zum zweiten war ich von Anfang an auf Facebook mit bemerkenswerten Künstlern verbunden und habe NINE TO FIVE mit ihrer Unterstützung entwickelt, viel kommuniziert getestet, kuratiert, Feedback geholt und gespielt. „I love to do the same thing over and over again“ #AndyWarhol #DonaldDuck #EricaFuchs #“Foto?“ #Banane http://www.bild.de/regional/stuttgart/banane/fuer-ihn-ist-die-ganze-welt-eine-banane-23988738.bild.htmlBanane
Wer soll sich dafür interessieren?
Ich spreche Leser von digitalen Geschichten an. Meinen Leserkreis konnten ich schon sehr weit einschränken, indem ich mit einem Facebook-Account getestet habe, wer sich überhaupt für digitale Traum-Stätten interessiert und hier ein Defizit an Bewegungs- und Spielräumen spürt. In erster Linie sind das eher junge Menschen, die einen Hochschulhintergrund haben, die selber einer kreativen Arbeit nachgehen und sich mehr Konzentration auf Sprache an sich sowie digitale Stadtträume mit starken Bildern wünschen.
Wie geht der Arbeitsprozess vor sich?
Zunächst suche ich die Fotos aus. Anschließend lege ich mit der Textproduktion los und poste das erste Mikrotextelement. Wegen der Spastik diktiere ich alles mit einem Spracherkennungsprogramm, ein eifrig stockendes Einzelunternehmen. Eigennamen müssten – einfach nicht machbar – Buchstabe für Buchstabe eingegeben werden. Außerdem können Fotografen später ihr in die Mikroskulptur eingegangenes Facebook- oder Twitter-Foto bei mir als „gestohlen“ melden und bekommen dafür noch mal ein „Gefällt mir“, falls das Projekt anfangs nicht genug Zuspruch findet.Was sollen Fotografen und bildende Künstler davon haben?
Komplexe Bilder sind oft sperrig und schwer zu begreifen – es kann aber unglaublich spannend sein, sich mit ihnen zu beschäftigen. Deshalb stelle ich sie in einen neuen Zusammenhang, woraus sich unterschiedlichste fiktive Zugänge und damit Verwendungszwecke ergeben. Vom Zeitungsbild bis hin zu Bildern in Räumen und auf Schulterblättern. Dadurch soll es Spaß machen, sich ausführlich über Künstler und Fotografen zu informieren. Urheber bzw. Herkunftsort eines Bildes sind für jeden über mein Facebook- oder Twitter-Aktivitätsprotokoll nachzuvollziehen.
die verschiedenen sozialen Netzwerke bisher:
https://www.facebook.com/bettina.boeck.7
https://twitter.com/Kunstbrei
https://twitter.com/poetischeswoert
Lyrik im ausland
ausland, 10. März 2016 20:00
(RUSSISCH SIEHE UNTEN)
Mit Anna Glazova (Russland/Deutschland) und Yevgeniy Breyger (Ukraine/Deutschland).
Moderiert von Hendrik Jackson.
(Die Veranstaltung wird simultan übersetzt.)
EINE KOOPERATIONSVERANSTALTUNG MIT DER REIHE „LYRIK IM AUSLAND“.
Geöffnet ab 20.00 Uhr, Beginn 20:30 Uhr.
Die zweisprachigen Lesungsabende mit dem gemeinsamen Arbeitstitel Berlins literarische Diasporas – der Blick von außen, die ab März 2016 im ausland stattfinden, haben zum Ziel, Autor/-innen aus den nicht deutschsprachigen literarischen Szenen der Stadt und darüber hinaus vorzustellen und mit ihren lokalen deutschsprachigen Kolleg/-innen in Lesung und Gespräch zusammenzubringen. Autor/-innen mit einem starken Berlinbezug, die aber gleichzeitig in anderen und anderssprachigen literarischen Szenen verkehren, haben dabei die Möglichkeit ihren Blick von außen auf die lokale Literaturszene zu werfen und ihre Eindrücke dazu zu teilen. Diesmal liegt der Fokus auf den Autor/-innen mit einem osteuropäischen Hintergrund.
Eigens für die Veranstaltung werden die aktuellen Werke der Autor/-innen ins Deutsche übersetzt und teils zweisprachig gelesen. Im Gespräch mit dem Lyriker, Literaturübersetzer und Mitbetreiber des Internetportals Lyrikkritik.de, Hendrik Jackson, diskutieren am 10. März die aus Russland stammende Lyrikerin Anna Glazova zusammen mit Yevgeniy Breyger, der in der Ukraine geboren und in Deutschland aufgewachsen ist, über ihre poetischen Ansätze, die literarische Gegenwart Berlins und den Platz der nichtdeutschsprachigen Lyrik in der Stadt und in Deutschland. Außerdem werfen die Teilnehmer ihren persönlichen Blick auf die zeitgenössische osteuropäische Lyrik.
Der selbstorganisierte Veranstaltungsort ausland beheimatet Reihe Lyrik im ausland, die für ihre hochkonzentrierten Lesungen in einer akustisch nahezu perfekten Atmosphäre bekannt ist.
Anna Glazova (Russland/Deutschland) ist Dichterin, Übersetzerin und Literaturkritikerin. Sie ist Autorin von vier Lyrikbänden und übersetzt aus dem Deutschen und Englischen. Zu den von ihr übersetzten Autoren zählen Franz Kafka, Robert Walser, Unica Zürn und Paul Celan. Sie studierte 1995-1998 an der TU-Berlin. Sie promovierte mit dem Thema «Counter-Quotation: The Defiance of Poetic Tradition in Paul Celan and Osip Mandelstam» an der Northwestern University (USA). Sie lehrte an der Goethe-Universität (Frankfurt a.M.), Cornell University, Johns Hopkins University und Rutgers University (USA). Sie arbeitet außerdem im Bereich vergleichende Literaturwissenschaft. Anna Glazova veröffentlichte Werke über die Poetik von O. Mandelstam, P. Celan, F. Kafka, R. Walser, H. von Kleist und W. Benjamin sowie Artikel über zeitgenössische deutsch- und russischsprachige Autor/-innen. Sie erhielt u.a. folgende Auszeichnungen: Literaturpreis Русская премия („Russischer Preis“) in der Kategorie „Lyrik“ (2013); Andrei Bely-Lyrikpreis (2013); Sonderpreis „Московский счёт“ / „Moskauer Zählung“ (2014). Zu ihren Lyrikbänden zählen: Пусть и вода / Pust‘ i woda – Moskau, OGI, 2003, (Lyrikreihe des Clubs „Projekt OGI“); Петля. Невполовину./ Vorwort А. Magun – Moskau: Nowoje literaturnoje obozrenije, 2008. – (Lyrik der russischen Diaspora); Для землеройки (Für Spitzmäuse) / Nachwort E. Suslova. – Moskau: Nowoje literaturnoje obozrenije, 2013 (Neue Lyrik); Опыт сна (Schlaferfahrung) – New York: Ailuros Publishing, 2014.
Yevgeniy Breyger (Ukraine/Deutschland) wurde 1989 in Charkow, in der Ukraine, geboren. Seit 1999 lebt er in Deutschland. Er studierte Kreatives Schreiben/Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er erhielt diverse Werkstattstipendien und Literaturpreise, u.a. Arbeitsstipendium Stiftung Niedersachsen 2010, Selma Meerbaum-Eisinger Literaturpreis 2011, das Studienstipendium der ELES-Stiftung. Yevgeniy Breyger ist Bundespreisträger beim Treffen Junger Autoren 2010 und hat in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht. Auch war er Teilnehmer des Open Mike 2012. Im März 2016 erscheint im Verlag Kookbooks in Berlin sein erster Gedichtband mit dem Titel flüchtige monde.
Moderation:
Берлинские Литературные Диаспоры – взгляд со стороны, 10 марта 2016
Анна Глазова (Россия / Германия) и Евгений Брейгер (Украина / Германия).
Ведущий: Хендрик Джексон.
Weiterlesen
Thomas Kunst ist nicht so gut darin, Romane zu schreiben. Denn eigentlich schreibt er lediglich lange Prosagedichte, die hin und wieder von gebundener Sprache aufgebrochen werden und notdürftig als Roman deklariert werden. Was bleibt einem Verlag denn auch anderes übrig? Freie Folge ist schließlich selbst mit dem beruhigenden Zuspruch, es handle sich um ein leicht kategorisierbares Stück Literatur, schwer zu verdauen.
Der Clou allerdings ist, dass nichts an Freie Folge überhaupt verdaut werden muss. Es ist ein verschiedene auf rätselhafte Weise überlappende Erzählstränge collagierendes poème en prose, das sich mit aller Interesselosigkeit am undurchsichtigen oder so gar nicht existenten Plot schlicht genießen lässt. / Kristoffer Cornils, Fixpoetry
Thomas Kunst
Freie Folge
Jung und Jung
2015 · 256 Seiten · 24,00 Euro
ISBN: 978-3-99027-075-2
„Nach dem Rauchen ist das Sitzen das Zweitgefährlichste“, sagt Peter Wawerzinek. „Hab ich neulich im Internet gelesen. Und ich sitz nun schon seit dreißig Jahren am Schreibtisch.“ Der Schreibtisch steht in seiner Wohnung in Berlin, Prenzlauer Berg. Die hat er schon seit DDR-Zeiten, als der Kiez um den Kollwitzplatz noch nicht dem Bionade-Bürgertum gehörte, sondern der Künstler-Bohème. Damals trieb sich Wawerzinek als Performer von Stegreif-Gedichten in den Kneipen rum. Seinen Durchbruch als Autor hatte er viel später, mit seinem Roman „Rabenliebe“, in dem er sich mit seiner Heimkindheit und der Suche nach seiner Mutter auseinandersetzt. Autobiographisch ist auch sein nächster Roman „Schluckspecht“ über den Weg in den Alkohol und wieder heraus. Von all dem und mehr erzählt er Christian Möller bei einem Spaziergang durch seine Nachbarschaft. Oder, wie er früher gesagt hätte: den Torkelbereich. / viertausendhertz
Die stockende, stotternde Sprache, die sich mit einem Heer von Satzzeichen gegen die Laufrichtung der geläufigen Sprache stemmt, ist sein Markenzeichen. Hier agiert wie in der Dichtung Celans ein „unter dem besonderen Neigungswinkel seiner Existenz sprechendes Ich“, das gegen den verführerischen „Wohlklang“ der Poesie die Härte kristalliner Sprachpartikel setzt, zersprengte Verse, die immer wieder das einzelne Wort fühlbar machen, seine Fragwürdigkeit, seine bedrohte Wahrheitsfähigkeit ins Bild rücken. Rainer René Mueller, 1949 in Würzburg geboren, erschien 1981 auf den Bühnen des Literaturbetriebs, sein Debüt „Lieddeutsch“ wurde als Geheimtipp herumgereicht. 1983 erhielt er einen Förderpreis beim Leonce-und-Lena-Preis, kurz darauf verschwand er wieder aus der kleinen Lyrik-Öffentlichkeit. Seine Erscheinung sorgte für größere Irritationen in einem auf Kumpanei und Lässigkeit bedachten Betrieb. / Michael Braun, Poetenladen
Rainer René Mueller: POÈMES – POÉTRA. Hrsg. Dieter M. Gräf, roughbook 34 (CH-4325 Schupfart, 2015)
Arthur Lourié Newsletter #4 März / March 2016
Liebe Freunde von Arthur Lourié
Wir gedenken heute der russischen Dichterin Anna Achmatowa, die vor 50 Jahren, am 5. März 1966, gestorben ist.
Achmatowa, die „Königin der russischen Literatur“, war eine enge Freundin (und auch lebenslang die Muse) des Komponisten Arthur Lourié.
Wir verfolgen zurzeit mit wachsender Besorgnis die politischen Entwicklungen zwischen Europa und Russland. Die verheerenden Versäumnisse und Fehler der westlichen Politik beunruhigen uns gleichermassen wie das Gebaren des wieder erwachten Autokratismus der russischen Führung.
Wir fragen uns: wie würde es einer sensiblen Dichterin wie Anna Achmatowa heute ergehen? Und welche Musik würde ein Arthur Lourié in der jetzigen Situation komponieren? Könnte er noch in Russland bleiben?
Auch wenn Musikalisches ganz eindeutig im Zentrum der Aktivitäten unserer Gesellschaft steht, weisen wir gerne darauf hin, dass unser Engagement immer auch vom Gedanken der Völkerverständigung getragen wird.
Mit friedlichen Grüssen
Arthur Lourié (1892 – 1966) war ein russischer Komponist der in St. Petersburg, Paris und New York lebte. Nach 1917 spielte er eine zentrale Rolle in der Neuorganisation des sowjetischen Musiklebens, musste aber schon 1922 ins Exil. In Lourié’s Werkkatalog finden sich Symphonien, Opern, Vokalwerke, Kammermusik und Klavierstücke. In seiner Musik widerspiegeln sich seine Freundschaften zu berühmten Dichtern und futuristischen Künstlern des russischen Silbernen Zeitalters (unter ihnen Anna Achmatowa und Alexander Block), sowie der enge Kontakt zu Igor Stravinsky in Paris.
Der schwarze Gartenweg am Meer
Glänzt unterm Licht der gelben Laternen.
Ich bin ganz ruhig. Nur soll man nicht
Von ihm mir sprechen.
Du bist mein Freund, bist sanft und treu,
Wir werden gehn, uns küssen, altern…
Und leichte Monde überfliegen uns
Wie Schneekristalle.
Deutsch von Sarah Kirsch
Чернеет дорога приморского сада,
Желты и свежи фонари.
Я очень спокойная. Только не надо
Со мною о нем говорить.
Ты милый и верный, мы будем друзьями…
Гулять, целоваться, стареть…
И легкие месяцы будут над нами,
Как снежные звезды, лететь.
Es geht also um Mütze #11, die aktuelle Ausgabe jener Literaturzeitschrift, auf die ich nicht mehr verzichten kann, weil sie mein Bewusstsein jedes Mal derart ablenkt, dass ich meine Gedanken neu zusammenfügen muss. Ähnlich geht es mir bei der Lektüre des Schreibheftes. Und merkwürdigerweise zurrt ein Name die beiden aktuellen Lektüren zusammen. Denn Stefan Ripplinger ist in beiden aktuellen Heften als Übersetzer und Kommentator vertreten. Im Schreibheft als Übersetzer aus dem Französischen, es handelt sich um einen Text von Jaques Decour, einem Autoren, der 1942 während der deutschen Besatzung in Paris hingerichtet wurde. Decour wurde 32 Jahre alt. Die hier abgedruckte Erzählung war Decours letzte und klingt in einer Reihe aphoristischer Fragmente aus:
„Ich habe den Rhythmus verloren. An der sich wölbenden Decke meines nächtlichen Kerkers gibt es weder Einschnitt noch Stern. Weniger und weniger existiert die Zeit.“
/ Jan Kuhlbrodt, Signaturen
Mütze #11. Hrsg. von Urs Engeler. Schupfart 2016. 52 Seiten. Einzelheft 6,00 Euro.
textile Taschentücher sterben aus – lieber schnauben wir in geweißte Laub- und Nadelwälder
Hansjürgen Bulkowski
Aus der Diskussion bei Hundertvierzehn
MIRKO BONNÉ
Eine der vornehmsten Tischleraufgaben ist es in meinen Augen, ein Ding vor mich wiederhinzustellen, zu sagen „Ihr Tisch, bitte!“ und mir dann das Wiedererkennen zu schenken – des Tischs, der Mühe, des Begriffs, des Worts. Und ich setze mich dann. Und stelle mir manchmal vor, wie es gewesen sein mag für diesen tatkräftigen Menschen, das Sägen, Einpassen, Zusammenleimen und Probesitzen, Probeabstellen und -verschütten.
Das Sonett von der Säge hat es vermocht, mich in den letzten Tagen immer wieder über das Sägen, die Säge, das Säg- und Sagbare nachdenken zu lassen. Ein schönes Glück, herausgesägt aus dem Irrsinn der Zeit. Eine der vornehmsten Widerstandshandlungen des Dichters ist es in meinen Augen, die Dinge in ihrer Unwirklichkeitsneigung aufzuhalten. Dem Sonett „säge“ gelingt das durchweg, am eindringlichsten aber in seinem Couplet, wo es wohl nicht zufällig neben das Metrum sticht.“
DIETER M. GRÄF
Der Kommentar von Mirko Bonné schiebt sich mir gerade vor das verhandelte Gedicht. Ich stimme überein, dass es wertvoll ist, die Gegenstände, mit denen wir umgehen, zu beachten, zu würdigen, zu untersuchen. Die meisten bekommen ihren Tisch ja nicht maßgefertigt vom Tischler, sie kaufen ihn irgendwo. Seine Bestandteile, wie die unserer Kleidung oder unseres Essens, weisen womöglich in die ganze Welt. Fremde Menschen sind beteiligt, in der Regel gehen sie ihrer Arbeit nicht nach, um ihre Vornehmheit auszuleben, sondern um sich zu ernähren, zu Arbeitsbedingungen, die unterschiedlich sein mögen, so wie die Erdteile und Gegenden, in denen sie sind. Gegenstände so zu sehen, führt freilich nicht zum „schöne(n) Glück, herausgesägt aus dem Irrsinn der Zeit“, eher zum Gegenteil. Aber ist das nicht Manufactum-Biedermeier, was Bonné da ausruft? Mit Tischleraufgaben, die verschiedene Abstufungen des Vornehmseins kennen und Widerstandshandlungen, denen ebendies auch gegeben ist? Geht es darum in den Künsten des 21. Jahrhunderts? Edles Handwerk mit guter Tradition, Veredelung, schönes Glück? „Ihr Tisch, bitte“?
ANLÄSSLICH DES GEDICHTS „SÄGE“ AUF HUNDERTVIERZEHN.DE
(Weitere Kommentare dort von Ilma Rakusa, Alban Nicolai Herbst, Hubert Spiegel u.a.)
Der Musiker Kai Niemann schrieb 2009 den Song „Wir sind das Volk“, der mittlerweile oft bei Veranstaltungen von NPD und Pegida gespielt wird. Niemann behagt das gar nicht, er sagt, er sei aber dagegen relativ machtlos. Grund genug, einen Fachmann zu fragen, welche Rechte man als Musiker in solchen Fällen hat: “ ist ein auf Medienrecht spezialisierter Anwalt aus München. (…)
Die Band Springtoifel hat 1992 einen Prozess gegen ein Label geführt, das zwei ihrer Songs ohne ihr Wissen für einen Sampler benutzt hatte, auf dem auch neonazistische Bands vertreten waren. Das Oberlandesgericht Frankfurt urteilte, das sei ein indirekter Eingriff in das Werk der Band. Das wurde zur Musterentscheidung für entsprechende Fälle.“ / Süddeutsche Zeitung 24.2.
Seit 2004 schreibe er nicht mehr, behauptet Kroetz. Jedenfalls keine Stücke mehr. Nur noch Tagebücher und Gedichte. Ein Drehbuch für einen Münchner „Tatort“ hat er verfasst, aber der BR will es nicht verfilmen. Hin und wieder ist Kroetz noch als Schauspieler zu sehen, gibt im Fernsehen den kauzigen Grantler. Es ist jedesmal eine Freude. Er war auch ein grandioser Brandner Kaspar in der Joseph-Vilsmaier-Verfilmung von 2008. / Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung 25.2.
Junge deutsche Dichter werden auf einmal gefeiert und geehrt. Das bereitet ihnen nicht nur Freude. Über die Renaissance der Lyrik in Zeiten des Gelabers.
schreibt Hilmar Klute in der Süddeutschen Zeitung. Renaissance, naja. In diesem Hype feiert vor allem der Literaturbetrieb sich selbst als das einzig Wahre. Die Lyrik, meine Herrn und Damen, war immer da, Kook und Engeler & Co. präsentierten seit über 20 Jahren neue Texte neuer Autoren. Wiedergeburt? Nicht die Lyrik und nicht das Gelaber, das ist auch immer da.
Bis dahin standen Gedichtbände im kleinsten Regal der Buchläden,
Ah, und das ist jetzt anders? Gibt es Untersuchungen über das Anwachsen der Lyrikregale? Der Lyrikkäufe? Oder schreiben das alle ab, seit eine Jury vor einem Jahr einen geplanten Überraschungscoup landete?
und man traute ihnen eigentlich schon lange nicht mehr zu,
man? Mann, Mann!
dass sie uns etwas Neues zu erzählen vermöchten über unsere sich so irre schnell verändernde Welt …
Auch Klutes Text ist nicht frei von Ressentiment und Gelaber. Unkommentierte Zitate:
Es sieht auf einmal so aus, als hätten Gedichte in diesem Land wieder einen Kurswert bekommen; mit einem Mal rücken Namen, von denen bis dahin nur ein Kreis von Kennern wusste, ins Licht der Öffentlichkeit: Monika Rinck, Nora Bossong, Lutz Seiler. Die Publikumsverlage bauen ihre Lyriksparten aus, manche, wie der Frankfurter Schöffling-Verlag, riskieren sogar Debüts bis dahin komplett unbekannter Lyriker; der kleine Berliner Verlag Kookbooks wird im Handumdrehen zum Synonym für verkaufbare Lyrik sehr junger Dichter, und der jüngste Ingeborg-Bachmann-Preis für Prosa ging an Nora Gomringer, eine Autorin, die vor allem wegen ihrer Gedichte gefeiert wird.
Was ist da passiert? Wollen die Deutschen statt der täglichen Twitter-Banalitäten etwas, das Thomas Kunst als „den naiven Reichtum an Beziehungstrost und Wut“ bezeichnet? Also echte Worte und echte Gefühle?
(…)
„Wenn meine Generation ihre Sicherheit und ihren Besitz vernachlässigen und nur noch ihre Musik bei sich behalten würde, wäre sie auf Anhieb eine politische Klasse.“
Wegen solcher Sätze wird Thomas Kunst ziemlich gefeiert. Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu schrieb in der FAZ, Kunst sei „einer der größten Dichter, die wir haben“, auch weil er gegen die Mickrigkeit anschreibe und in seinem gerechten oder ungerechten Zorn immer noch würdiger dastehe als die „blassen Quallen der Poesie“ – das sind die anderen, die immer die Preise kriegen. Poesie hin, Kurswert her, es ist hier wie überall: Auf jeden Pfau kommt ein Gegenpfau und versucht ihm ein Auge auszuhacken.
(…)
Der wuchtige Erfolg von Jan Wagners „Regentonnenvariationen“ hat die bis dahin ein wenig selbstgefällige Gemeinschaft der Lyriker kräftig geschüttelt. Plötzlich schert einer aus dem Nischendasein aus und wird zur Referenzgröße für alle anderen, die sich auf der faulen Wahrheit ausgeruht haben, dass man mit Lyrik eben nicht viel Geld verdient.
(…)
Ist es nicht unglaublich, wie alle sich an diesem Dichter abarbeiten? Als Jan Wagner den Leipziger Preis bekam, gab es Dresche auch außerhalb der Kollegenwelt. Der Spon–Kritiker, der den deutschen Autoren regelmäßig mit dem Ochsenziemer den Hintern versohlt (…) usw. usf.
In einer Zeit, in der gewisse Politiker wieder von vaterlandslosen Kosmopoliten reden und manche anfangen, Deutschpflicht in Konzerten einzufordern und Heinrich Heines Hoffnung:
Ich bin der inkarnierte Kosmopolitismus, ich weiß, daß dieses am Ende die allgemeine Gesinnung wird in Europa, und ich bin daher überzeugt, daß ich mehr Zukunft habe, als unsere deutschen Volkstümler, diese sterblichen Menschen, die nur der Vergangenheit angehören.
wieder einmal vertagt wird, gefällt mir diese Begründung:
Das besondere Gespür von Uljana Wolf im Umgang mit gleich mehreren Sprachen macht ihren Ruf als Lyrikerin aus. Wolfs „Annäherungen an das Fremde durch spielerische Reflexion sprachlich vermittelter Realität“, so heißt es in der Begründung für den Chamisso-Preis, seien „gelungene Beispiele für eine zukunftsweisende kosmopolitische Literatur“. / Mehr
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