Niemandssprache

Mit der Vernichtung der Juden Osteuropas verschwand auch die rund tausend Jahre alte Sprach- und Lebenswelt des Jiddischen fast vollständig. Aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangen, wurde sie in der aschkenasischen Diaspora um hebräisch-aramäische und slawische Elemente angereichert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte sie die Alltagskultur von mehr als zehn Millionen Menschen. Neben Czernowitz, Warschau oder Wilna war auch New York ein Zentrum des transnationalen „Jiddischlandes“.

Die Anfänge der jiddischen Literatur lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurückverfolgen. Ihre Repräsentanten im 19. und 20. Jahrhundert heißen Mendele Mojcher Sforim, Jizchak Lejb Perez, Scholem Alejchem, Itzik Manger oder Isaac Bashevis Singer (Literaturnobelpreisträger von 1978). Wie vital die Sprache aber noch immer ist, zeigt sich an der Aktualität von Lehnwörtern im Deutschen: Mischpoke, Schickse, meschugge, Tacheles, Reibach, Kaff, Schlamassel oder Chuzpe. Auch Neuschöpfungen wie „blizbrif“ (für E-Mail) könnten Karriere machen. (…)

Doch während viele jüdische Dichter aus der Bukowina – unter ihnen Paul Antschel (Celan) und die ebenfalls 1901 in Czernowitz geborene Rose Ausländer – ein deutschsprachiges Werk hinterließen, blieb Itzik Manger bis zuletzt ein jiddischer „Märchenprinz“.

Allein in seinem Warschauer Jahrzehnt von 1928 bis 1938 entstanden in dieser herrenlosen und vogelfreien „Hefker-Sprache“ sechs Gedichtbände, Prosatexte, Essays, ein Theaterstück, Filmlieder und wenige Wochen vor dem deutschen Überfall der Romanwelterfolg „buch fun gan-ejden“ (Das Buch vom Paradies). In den folgenden Jahren, als der Holocaust Mangers Familie, seine Heimat und die meisten seiner Leser vernichtete, wurden auch seine Bindungen an die deutsche Kultur zerstört.

Seine Erkenntnis aus dem Jahr 1940: „In meinen Träumen sehe ich Goethe mit einem Gummiknüppel in der Hand, Kant in einer SS-Uniform, sehe Faust mit einer Hakenkreuzbinde auf dem rechten Arm – und Blut, Blut, Blut, jüdisches Blut.“ / Willi Jasper, Tagesspiegel

Efrat Gal-Ed: Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 784 Seiten, 44 €.

Staubschwinge

«‹Route dégradée› ist ein viel / schöneres Wort als / Strassenschäden», so beginnt eines von Jürgen Brôcans Gedichten. Die sprachliche Differenz, die bei einer Fahrt durch Belgien registriert wird, scheint eher beiläufiger Natur zu sein, entpuppt sich aber als wichtig. Sie wird im Folgenden fruchtbar gemacht und leitet über zu dem Bild einer Landschaft, die historische Spuren trägt und geprägt ist von Veränderungen. Jürgen Brôcan ist leidenschaftlich gerne zwischen Sprachen unterwegs, als Leser, als Übersetzer und auch als Lyriker. Als Skeptiker zudem gegenüber den Worten: «Schuppenflügler / ist ein allzu rauhes Wort, / schöner wäre Staubschwinge», heisst es im Gedicht «Sommervogel». / Martin Zingg, NZZ

Jürgen Brôcan: Holzäpfel. Gedichte. Edition Rugerup, Berlin 2015. 155 S., Fr. 31.90.

Dadaismus treiben

Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch erinnert sich:

Ich hingegen hatte bis in die zweite Hälfte der 1980er Jahre hinein erst ein einziges Mal von den Dadaisten gehört – als Student. Eine Dozentin hatte dem Dekan der Fakultät aufgebracht berichtet, der «Student Andruchowytsch, Juri» führe ein Bohème-Leben und gehöre im Wohnheim zu einer Gruppe gleichermassen verderbter Typen, die «Dadaismus treiben». Ich wusste nicht, was das bedeutet, fühlte mich aber geehrt.

1985 wurden wir drei – der erwähnte Wiktor Neborak, Oleksandr Irwanetz und ich – zu Bubabisten. Die Literaturkritiker irrten sich oft und nannten uns mal Bombisten, mal Babujinen. In einem Bericht über jüngste Literaturentwicklungen dechiffrierte der Autor Bu-Ba-Bu als Bummelei – Bacchanal – Butaforie. Schwer zu sagen, ob er das positiv meinte.

Ungefähr zur selben Zeit, also in den 1980ern, entstand in Lwiw noch eine andere poetische Gruppe aus drei Dichtern – LuHoSad. Dieser Name war nicht so anspruchsvoll wie unserer. Es waren einfach nur die ersten Silben der Nachnamen Lutschuk, Hontschar, Sadlowsky. Aber es passte gut, dass man aufgrund dieser Abkürzung mit «luh», also Wiese, und «sad», Garten, spielen konnte. Eine Schule der Wiesen- und Gartenpoesie.

Das dritte der bekannten Dichtertrios war die Kiewer «Verschwundene Urkunde». Die kamen ohne Abkürzungen aus: Der Name ist einer der frühen Erzählungen Gogols entlehnt, aus der Sammlung «Abende auf dem Weiler bei Dikanka». Sonst gab es allerdings nichts Gogoleskes an der Kunst der «Verschwundenen Urkunde». Einmal abgesehen von der Kultur des Lachens an sich. Hingegen verwendeten die drei Kiewer Dichter, die das Trio gegründet hatten, im Unterschied zu uns und zu LuHoSad immer Pseudonyme. Einem von ihnen hilft das, heute das Gesicht zu wahren, wenn er in der würdevollen Rolle des bedeutenden ukrainischen Diplomaten auftritt. 

/ NZZ 6.2.

Eine der vielen

… Geschichten um Dada hat 1921 Hans Arp aufgezeichnet: «Ich erkläre, dass Tristan Tzara das Wort DADA am 8. Februar 1916 um 6 Uhr abends eingefallen ist; ich war mit meinen 12 Kindern dabei, als Tzara zum ersten Mal dieses Wort aussprach, das in uns eine berechtigte Begeisterung auslöste. Dies ereignete sich im Café Terrasse zu Zürich, und ich trug gerade eine Brioche im linken Nasenloch.» / Mehr

Versflug

Axel Kutsch erweist sich als Meister der Twitteratur. Aus dem Band Versflug präsentiert KUNO in 2016 ausgewählte Kurz-Gedichte aus den Jahren 1974 bis 2015, keines länger als 140 Zeichen! (KUNO)

Wie kürzt man ein kurzes Gedicht?

Im Osten gehen
die Verse auf,
(…)
Mein Fräulein!
Sei’n Sie munter.

Grün ohne Adjektiv

Hier wie versprochen drei Texte von Carles Hac Mor (s. hier):

 

EL GENOLL QUE FUMA

si voluntat equival a desig
et faré mal m’imagino
aquesta aranya
que s’enfila per la paret
un concert de guitarra
in memoriam
o potser n’eren dues
de sobte però les gotes
i les passes comptades
l’ametller i la guia d’Itàlia
ai tot creix en un verd
sense adjectiu

 

das rauchende knie

wenn der wille dem begehren entspricht
werde ich dir weh tun, nehme ich an
diese spinne
die die wand emporsteigt
ein konzert mit gitarre
in memoriam
oder vielleicht waren’s zwei
plötzlich aber die tropfen
und die schritte abgezählt
der mandelbaum und der italienführer
ach alles wächst in einem grün
ohne adjektiv


ENTROPIA

Hola noi! Com va tot?
Bé, bé. Ah! I tu què?
Ves, no res. Home! Uf!
Sí, quina calor! Ep!
Quina hora és? Alabat
sigui Déu! Ca barret!
Malament rai. Què fas?
Ecs! Fuig! Deixa’m! Quin fàstic!
Reina Santa! Pollós!
Alça! Correu-hi tots! Au!
Vinga! No comencem!
Si no dic res, però!
Més val! Desagraït!
Ai! Para compte, eh?
Ara sí que m’has mort!
Que et fas el ruc o què?
Que parlo amb la paret?
Que més val que callis!
Què tens ara, bandarra?
Totxo! De què te’n fums?
Què t’has pensat? Prou, pou!
Faltat! Què t’empatolles?
Qui ho havia de dir?
Pots comptar! Quines penques!
Vés, vés! Malaguanyat!
Vols dir? Bah! Se me’n fot!
Avall, que fa baixada!
Tu mateix. Quina angúnia!
Barrut! Pallús! Vagarro!
Vergonya me’n daria!

 

Entropie

Hallo mein Lieber, wie geht’s so?
Gut gut. Ach ja, und bei dir?
Na ja, nichts Besondres. Mensch! Puh!
Ja, was für eine Hitze! Hey!
Wie spät ist es? Gott
sei gelobt! Kommt nicht in die Tüte!
Dann wirds zappenduster. Was machst du da?
Igitt! Geh weg! Lass mich! Ekelhaft!
Heilige Muttergottes! Schmutzfink!
Meine Güte! Das ist ja soooo schlimm!
Na, na, na! Komm mir nicht so!
Ich sag doch gar nichts!
Ist auch besser! So was von undankbar!
Ach nee! Pass auf, du!
Das ist ja wohl nicht dein Ernst!
Stellst du dich dumm oder was?
Rede ich denn gegen eine Wand?
Ich sag doch, dass du besser den Mund hälst !
Was hast du jetzt, du miese Ratte?
Du Vollpfosten! Worüber machst du dich lustig?
Was bildest du dir ein? Hör auf!
Völlig daneben! Was faselst du da?
Wer hätte das gedacht!
Wer’s glaubt. Unverschämtheit!
Geh weiter! Versager!
Meinst du? Pah, geht mir am Arsch vorbei!
Du wirst schon wissen. Das macht einen krank!
Assi! Trottel! Penner!
Schämen würde ich mich!


ARA SÍ QUE M’HE PERDUT

l’infant que s’acosta
també s’allunya
i es perd en arribar
és a dir
l’infant que s’allunya
s’acosta per perdre’s
amb el benentès
que no sabem
qui és aquest infant
i de tota manera
antany la música
era més blanca
i com pot ser però
que fos blanca
i què hi té a veure
la música
amb acostar-se
i allunyar-se

 

jetzt habe ich mich aber wirklich verlaufen

das kind das sich nähert
entfernt sich zugleich
und geht beim ankommen verloren
das heißt
das kind das sich entfernt
nähert sich um verloren zu gehen
stets davon ausgehend
dass wir nicht wissen
wer dieses kind ist
und jedenfalls
war die musik früher
weißer
und wie kann es aber sein
dass sie weiß war
und was hat
die musik zu tun
mit sich entfernen
und sich nähern

[aus dem Kat.: à.s.]

The discussants should consider the work of a young Russian poet, Galina Rymbu

There is a lot of talk now, in the United States at least, about political poetry and even revolutionary poetry, and what these are, and how to write them. The discussants should consider the work of a young Russian poet, Galina Rymbu.

I first came across a poem of hers shortly after she posted it on LiveJournal, a social network popular in Russia, on February 27, 2014. It was the day that Russian troops started operating in Crimea, and several days after the victory of the Maidan Revolution in Kyiv and the tawdry close of the Sochi Olympics. Russian media fanned the flames of patriotic hysteria and the Kremlin was clearly going to exploit Maidan to crack down on domestic dissent.

It felt strange that a work of this artistic sophistication and power could be composed and posted on the Web simultaneously with the events it responded to. Its viewpoint was that of the minuscule and very young Russian Left—roughly the same political alignment as those of the poet-activist Kirill Medvedev and of Pussy Riot, to cite figures known to some Western readers. But the poetry was different. It was Big Poetry, very much grounded in tradition but also propelling it forward, into the terra incognita of the now. It’s been a while since I read a poem that felt so real.

That poem has since appeared in English translation by Jonathan Platt. It can be read here, the middle one, starting with “the dream is over, Lesbia, now it’s time for sorrow…” I want to talk about the Russian original a little, and then say a few things about the present publication of Rymbu’s work in Platt’s translation in Music & Literature. / Eugene Ostashevsky, Music & Literature

Galina Rymbu was born in 1990 in the city of Omsk (Siberia, Russia) and currently lives in St. Petersburg. She has published poems in the Russian Journals The New Literary Observer, Air, Sho, and in the Translit series. Her essays on cinema, literature, and sexuality have appeared on the internet portals Séance, Colta, and Milk and Honey. She is the author of the recently published collection Moving Space of the Revolution.

Eugene Ostashevsky is a poet and translator of Russian avant-garde and contemporary poetry. His edition of Alexander Vvedensky’s An Invitation for Me to Think won the 2014 National Translation Award from the American Literary Translators Association.

Poetopie

schau aufmerksam auf die Uhr – die Zeiger umkreisen zeitlos die Achse der Gegenwart

Hansjürgen Bulkowski

Vor 100 Jahren starb der nikaraguanische Dichter Rubén Darío

„Lieb deinen Rhythmus lass rhythmisch werden dein Handeln
folg seinem Gesetz wie auch deinem Dichten.
Ein Universum von Universen trägst du in dir
und deine Seele ist ein Quell des Gesangs.“

Mit solchen Versen machte ein junger nicaraguanischer Dichter 1888 auf sich aufmerksam: Rubén Darío. Er war rund zwanzig Jahre zuvor als Félix Rubén García Sarmiento in der Kleinstadt Metapa geboren, die heute seinen Namen trägt: Ciudad Darío. Schon früh galt er als dichterisches Wunderkind und hat später mit seiner Poesie die spanisch-sprachige Literatur verändert: ihr den Anstoß zu der überfälligen Modernisierung gegeben, die sie von den Fesseln akademischer Normen und den Stereotypen schlichter Milieuschilderungen befreite. In dem schmalen Band „Azul“ (Blau) von 1888 kümmerte er sich schon nicht mehr um die vorherrschenden Ideale des Wahren, Guten und Schönen und der damit verbundenen Pflicht der Belehrung. Juan Valera, ein zeitgenössischer spanischer Schriftsteller, formulierte den neuen literarischen Anspruch in einer Rezension des Bandes so:

„Wenn man mich fragen sollte, was Ihr Buch lehrt und wovon es handelt, würde ich ohne zu zögern antworten: Es lehrt nichts und handelt von nichts und von allem.“

Zwei Jahre später prägte Rubén Darío in einer erweiterten Neuauflage von „Azul“ den Begriff des „Modernismo“ für die literarische Strömung, die rasch um sich greifen sollte. Die Presse bejubelte „… den neuen Geist, der heute eine kleine, aber triumphierende und großartige Gruppe von Schriftstellern und Dichtern des spanischen Amerikas beseelt.“ / Peter B. Schumann, DLF

Aus der Da-Da-Er

Dada ist nicht nur Kunst und Lyrik, Dada steckt auch im Lied und in der Clownerie. Der beste Beweis: Hans-Eckhardt Wenzel, der als Liedermacher und Clown den DDR-Alltag dadaistisch aufs Korn nahm. Mit Dadaismus würden Künstler in politisch schwierigen Zeiten „die Karten neu mischen“, sagt Wenzel.

Am Anfang war er einer von vielen. Aber ein Mitmacher war Hans-Eckardt Wenzel nie. Zu DDR-Zeiten steuert der Liedermacher, Komponist und Autor beim Liedtheater „Karls Enkel“ die künstlerischen Prozesse. Später, bis 1999, war  er einer von zweien im Clown-Duo Wenzel & Mensching. Seither ist er solo als Liedermacher unterwegs.

„Wenzel & Mensching“ hat  – ganz zeitgemäß – die alltägliche Absurdität (= Dadaismus) der DDR in den Mittelpunkt gerückt: eine Art Possenspiel mit der Zeit. / DLR

Preis der Leipziger Buchmesse

Und nachdem im Vorjahr mit Jan Wagner erstmals ein Lyriker gewann, ist auch 2016 wieder ein Gedichtband dabei: »Geliehene Landschaften« von Marion Poschmann. Die Autorin ist die einzige Frau unter den Top fünf.
»Wir hatten tatsächlich Schwierigkeiten, eine Autorin für die Liste zu finden, da wir unabhängig vom Quotendenken urteilen wollten«, sagte Maidt-Zinke. Poschmanns Lyrikband sei von außerordentlicher Qualität – »diesmal die einzige literarische Leistung aus weiblicher Feder, die der gesamten Jury preiswürdig erschien.«
Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, ist von der Vorlage der Leipziger Jury angetan. »Sehr überraschend« sei die Liste, sagte er. »Und es ist ein Favoritensterben. Karen Duve, Juli Zeh, Peter Stamm – all jene, die man hätte erwarten können, fehlen komplett. Die Jury hat sich nicht beeindrucken lassen von irgendwelchen Erwartungen und Marketing-Geklimper.« Es sei positiv, dass mit den Werken von Vesper und Stockmann Bücher dabei sind, die nicht jedem sofort zugänglich seien. / Main-Echo

Zur Liste

Gestorben

Am 27. Januar starb der katalanische Dichter Carles Hac Mor. Als »Infrapoet« (mit dieser Bezeichnung beugte er der zunehmenden Trivialisierung des Begriffs »Antipoet« vor) und Anarchist verweigerte er sich konsequent allen Konventionen und akademisch-bürgerlichen Vorstellungen. In über vierzig Bänden setze er auf das politisch subversive Potential der Sprache und unterwanderte zugleich die Sprachmechanismen als Abbild verfestigter Herrschaftsstrukturen.

Nonsense, Experiment, Verwendung von Umgangssprache und Jargons, von dialektalen und aus dem Gebrauch gekommenen Vokabeln und Redewendungen sowie zahlreiche Neologismen sind Charakteristika seiner Texte, die sich den gängigen Klassifizierungen weitgehend entziehen. Berühmt wurden die von ihm erfundenen Genres wie etwa das Eskalaborn, die Paraparemie und das Hyposeptimin.

Der 1940 in Lleida als Carles Hernández i Mor (seinen ersten Nachnamen ersetzte er durch »Hac«, die katalanische Bezeichnung für den Buchstaben »H«) geborene Dichter, Performance- und Konzeptkünstler hatte großen Einfluss auf die »parapoetische« Strömung der jüngeren katalanischen Literatur.

Er trug immer rote Socken.

Hier je ein Artikel der Tageszeitungen Ara und der digitalen Zeitschrift Núvol.

Textbeispiel folgt.

/ à.s.

Sammlung Dada (1)

Ich las irgendwo, daß Original-Dada-Werke rar sind. Das Zubehör der Dada-Performances galt lange als nicht aufbewahrungswert (und wäre ja schwerer zu lagern als Bücher oder Bilder). Ich hab, als ich mein Arbeitszimmer im Institut räumte, einen Hirtenstab entsorgt, der vor etwa 25 Jahren bei einer Aufführung des bruitistischen Krippenspiels von Hugo Ball mit Studenten in der Greifswalder Jakobikirche verwendet wurde (der Hirt war ein Student aus Litauen, glaube ich). Danke an den damaligen Pfarrer, der es uns erlaubte!

Ich hab mal in meiner Bibliothek gekramt. Zuerst 2 Greifswald-Funde – eine alte Folie mit Teilen eines Simultangedichts, und die DVD einer Dada-Performance in Greifswald (90er). Damals veranstalteten wir Performance/Aktion zu Jubiläen von zwei mit Greifswald verbundenen Dadaisten. Richard Huelsenbeck studierte, bevor er Dadaist wurde, ein Semester in Greifswald (ich glaube, der Zusammenhang ist noch nicht erforscht). Der andere, Walter Serner, promovierte in Greifswald (wie zu hören war, mit einer plagiierten Arbeit). Falladada war geboren (es gibt noch Falladada-Hefte aus der Zeit). „Letzte Lockerung“ war eine wunderbare Performance mit Jan Holten im Falladahaus.

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100 Jahre Dada (4)

DADA ist ein Schatz, der immer neu und nicht so leicht zu heben ist. Eines seiner Freude- und Sinn-Potentiale wurzelt in der Kindlichkeit, die für den DADA-Erfinder Hugo Ball Quelle und Versprechen ist:

„Alle Träume der Kindheit sind selbstlos und gelten der Wohlfahrt und Befreiung der Menschheit. Geboren werden die Menschen allesamt als Erlöser und Könige. Aber die wenigsten vermögen sich zu behaupten, oder, wenn sie sich schon verlieren, sich wiederzufinden. Wer das Leben befreien will, muß die Träume befreien.

In der Kindheit erträumen die Menschen sich ein so selbstverständliches Ideal ihrer selbst und der Welt, daß die Erfahrung sie nachher immer enttäuschen muß. Die Berichtigung tritt unversehens ein und der Schock davon ist meistens derart, daß eine gewisse Empfindlichkeit in diesem Punkte niemals erlischt. Wer den Traumschatz der Menschen zu heben vermag, der kann ein Erlöser werden.
Zwischen Traum und Erfahrung liegen die Wunden, an denen die Menschen sterben. Hier liegen die Gräber, aus denen sie auferweckt werden.“

Da DADA diesen Traumschatz anzapfen kann, verliert DADA nie seine Zauberkraft.

Hugo Ball hat sie am eigenen Leib erfahren: In seiner berühmten Rolle als magischer Bischof verkleidet, erlebt er beim Vortrag seiner Lautgedichte die Wiederkehr seiner Kindheit: „Einen Moment lang schien mir, als tauche in meiner kubistischen Maske ein bleiches, verstörtes Jungensgesicht auf, jenes halb erschrockene, halb neugierige Gesicht eines zehnjährigen Knaben…“

Auch wenn die Auftritte der Dadaisten im Cabaret Voltaire in Bild und Ton so gut wie nicht dokumentiert sind, hat sich von diesem Auftritt Hugo Balls als magischer Bischof auf seltsame Weise das unvergessliche Foto erhalten, das heute als Ikone des Dadaismus gehandelt wird.

Hinter diesem Bild, der Ikone, verschwand allerdings für die Öffentlichkeit auch derDADA-Erfinder und die Person Hugo Balls.

Bis heute ist er einer der großen unbekannten Größen der Geistesgeschichte. Zwar liegen inzwischen sieben Bände einer beim Wallstein Verlag erscheinende Ausgabe „Sämtlicher Werke und Briefe Hugo Balls in 10 Bänden“ vor, aber bis heute gibt es keine umfassende Biografie von Hugo Ball, vergleichbar der von Bärbel Reetz vorgelegten Biografie seiner Frau „Emmy Hennings – Leben im Vielleicht.“

Erst mit der Doppelbiografie „Das Paradies war für uns. Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings.“, die  vor kurzem vorgelegt hat, ist dieses Manko ein wenig behoben. Ihre detailierte Darstellung vor allem der Geschichte der Paarbeziehung lässt deutlich werden, dass DADA nur eine Episode im Leben der Beiden war, aber eben auch mehr als „nichts“.

Zur DADA-Faszination zählt auch, dass DADA scheinbar mehr als andere Kunstfiguren zum Phantasieren, Spinntisieren, Erfinden und Verfälschen einlädt und auch seriöse Wissenschaftler dabei gerne mitspielen…

Ohne Zweifel trägt dieses Gebrummel, Gesumme und Gemurmel um DADA zu seiner Mystifikation bei – so wird es auch bleiben und auch nach den vergangenen 100 Jahren weitergehen…

Aber wer sich mehr als DADA-Klischees servieren lassen will, sollte selber lesen.

/ Karl Piberhofer, aus 100 JAHRE DADA. Ein faszinierender Schatz. Faustkultur