Lyrikedition 2000

Aus unterschiedlichen Gründen:

Die Lyrikedition 2000 wurde begründet von Heinz Ludwig Arnold und Wolfram Göbel und wurde bis 2016 von Florian Voß herausgegeben. Sie war eine Lyrikreihe des Münchner Allitera Verlags und über einen Zeitraum von 2000 bis 2016 mit ca. 130 Titeln eine der größten lieferbaren deutschlandweit.

Dennoch entschloss sich die Verlagsleitung aus unterschiedlichen Gründen, die Reihe zum Sommer 2016 zu beenden. Das Programm bis dahin steht bereits. Wir bitten Sie daher, von weiteren Manuskripteinsendungen abzusehen.

Das Programm der Lyrikedition 2000 bleibt auch in Zukunft lieferbar, alle Titel können Sie über den Verlag oder (Internet)Buchhandel jederzeit bestellen. / Allitera Verlag

Neuerscheinungen

Datenkünstler

US-Künstler Nicholas Rougeux hat erst jüngst in seinem Kunstprojekt „Between the Words“  gezeigt, wie große Literaturklassiker aussehen, wenn man die Wörter weglässt und nur die Leer- und Satzzeichen visualisiert.

Seine neueste Arbeit heißt „Sonnet Signatures“. Darin beschäftigt sich Rougeux mit dem Gedichtband„Shakespeares Sonette“  aus dem Jahr 1609. Der Daten-Designer zeigt die 154 Sonette des englischen Dichters als verschnörkelte, abstrakte Zeichnungen, die aussehen, als hätte jemand gerade unter Zeitnot seine Unterschrift gekritzelt. / Benedikt Plass-Flessenkämper, Wired

Nur einzel repressalie

Gut ein Jahr nach der Gefangennahme der ukrainischen Kampfpilotin Nadja Sawtschenko hat die Anklage in Russland, wohin sie verschleppt wurde, 23 Jahre Haft verlangt. Der russischsprachige Dichter, Blogger und Psychiater Boris Chersonski (Борис Херсонский) aus Odessa kommentiert, heute brauche man keine Massenrepressalien mehr, punktuelle genügten. So sei es „menschlicher“. Und ökonomischer.

Der deutschsorbische Dichter Kito Lorenc schrieb in den späten 80er Jahren, nach dem Verbot des sowjetischen Digest Sputnik in der DDR, deren Propagandasprüche zitierend:

bei uns nix personen kult
nix massen repressalien
nur ein person kult
nur einzel repressalie
immer nur ein per son ein zel

Aus: Kito Lorenc: Gegen den großen Popanz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1990, unpaginierte Beilage

Gestorbene Hoffnung

In der Neuen Zürcher Zeitung ein Gespräch mit der in Deutschland lebenden syrischen Autorin Rosa Yassin Hassan. Auszug:

Als das Regime von Hafez al-Asad in den 1970er Jahren zunehmend diktatorische Züge annahm, begannen die Autoren auf historische Stoffe zurückzugreifen, da sie die gegenwärtige Situation nicht thematisieren konnten. Sie suchten Wege, wie sie ihre Botschaft zwischen den Zeilen, in Mehrdeutigkeiten und Anspielungen verbergen konnten, und das Publikum musste lernen, diese verborgenen Botschaften zu entschlüsseln. Als dann Bashar al-Asad an die Macht kam, glaubten wir, Veränderung sei möglich; er schien eine offenere Gesellschaft zu wollen, doch das war letztlich alles nur Theater. Aber diese kurze Spanne der Hoffnung reichte, um die Schriftsteller neue Wege einschlagen zu lassen. Besonders die Gefängnisliteratur trat in den Vordergrund; damals erschienen viele solche Bücher.

Tatsächlich – in Syrien?

Ja. Denn diese Bücher bezogen sich auf die Vergangenheit, auf die Repression unter Asad senior, und nicht auf die Gegenwart. Aber das dauerte nur kurz, dann starb alles wieder ab.

Wer ist der Beste?

Auf einer russischen Blogseite eine Umfrage nach dem Besten zeitgenössischen Dichter. Das Ergebnis ist noch nicht repräsentativ, die bislang 237 Teilnehmer stimmten für

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил)
60(7.3%)
Timur Kibirow (Кибиров Тимур)
37(4.5%)
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий)
34(4.1%)
Sergej Gandlewski (Гандлевский Сергей)
29(3.5%)
Igor Guberman (Губерман Игорь)
27(3.3%)
Bachyt Kenshejew (Кенжеев Бахыт)
26(3.2%)

Bisher abgeschlagen bekannte ältere Dichter wie

Alexander Kuschner (Кушнер Александр,79)
23(2.8%)
Jewgeni Jewtuschenko (Евтушенко Евгений, 84)
14(1.7%)
Fasil Iskander (Искандер Фазиль, 87)
11(1.3%)
Novella Matwejewa (Матвеева Новелла, 81)
10(1.2%)
Olshas Sulejmenow (Сулейменов Олжас, 79)
4(0.5%)

Neuer Zwischenstand bei 293 Teilnehmern:

Michail Schtscherbakow (Щербаков Михаил) Wiki
65 ( 6.6 % )
Timur Kibirow (Кибиров Тимур) Wiki (nur russ. / ital.)
59 ( 6.0 % )
Dmitri Bykow (Быков Дмитрий) Wiki (viele Sprachen, nur nicht deutsch)
47 ( 4.8 % )

Ich beobachte es weiter. (Die Plazierung ist nicht so wichtig, aber es ist immer gut, zu wissen, welche Dichter anderer Länder bei uns noch nicht einmal bekannt sind.)

Ketzerfrage

Gleich zu Beginn müssen wir die Ketzerfrage stellen: Würden diese Gedichte heute noch Aufmerksamkeit beanspruchen, hieße ihr Autor nicht Thomas Bernhard und erschienen sie nicht im Rahmen einer großangelegten Werkausgabe? Wohl kaum. Sie sollten es aber! Nicht alle Stücke darin sind gelungen, wenn man die höchste Meßlatte anlegt — das gewiß nicht, es ist viel jugendlicher Quark dabei, einer von der Sorte, der nicht von allein fest wurde und sich darum allerhand Töne von anderen Stimmen leihen mußte; — und wäre dies der gesamte Befund, wäre das Buch vielleicht weniger Rede wert und nur aus biographischen Gründen interessant, doch folgen auf die Versuche des jungen Thomas Bernhard eine Reihe bemerkenswerter Gedichte, die unabhängig von ihrer nicht zu übersehenden motivischen Hindeutung auf das spätere Prosawerk bestehen können —: ihnen wird man freilich nur gerecht, wenn man sie aus dem biographischen Interesse herauslöst und in einen literarhistorischen Kontext stellt, weniger hochtrabend gesagt: wenn man sie mit den Produkten seiner Zeitgenossen vergleicht. / Jürgen Brôcan, Fixpoetry

Thomas Bernhard · Raimund Fellinger (Hg.)
Thomas Bernhard, Band 21: Gedichte
(Werke in 22 Bänden)
Suhrkamp 2015 · 601 Seiten · 39,90 Euro
ISBN: 978-3-518-41521-4

Das Gedicht ist…

Herr Conrady, Sie haben sich ein Berufsleben lang immer wieder mit Lyrik befasst. Was bedeutet Ihnen Lyrik?

Conrady: Ich sträube mich gegen eine allgemeine Bestimmung, was Lyrik sein soll. Solche Bestimmungen sind sehr beliebt, etwa der Vers ist die Heimat des Gefühls. Ich halte dagegen die erste Zeile eines Gedichts von Christoph Meckel: „Das Gedicht ist nicht der Ort wo die Schönheit gepflegt wird…“ Was mich interessiert an der Lyrik, ist der Versuch des genauen Sprechens. Also bitte nicht heute noch Gedichte schreiben im Stil von Eichendorff und Brentano. Die haben wir ja. Und wer meint, nur in solchen gereimten oder auch ungereimten Versen sei echte Lyrik vorhanden, der verstellt Zugänge zu modernen Ausdrucksweisen. / Westfälischer Anzeiger

Produktive Doppeldeutigkeit

In seinem berühmten Vortrag „Probleme der Lyrik“ erklärte Gottfried Benn einmal, ein Gedicht entstehe nicht dadurch, dass ein melancholischer Jüngling eine blühende Heidelandschaft betrachte. Bei Dorn nimmt man dagegen an, dass zu viel blühende Heide betrachtet wurde, wie auch der auf dem Einband abgedruckte Fliederbusch nahelegt, der im abschließenden Gedicht angeführt wird. Bei Benn heißt es dann weiter, ein Gedicht müsse entweder „exorbitant sein oder gar nicht“. Gelungene Gedichte gebe es sehr selten. Ein solch wirklich sehr gutes Gedicht ist das bereits erwähnte „Trost“ von Anne Dorn. Während einige Gedichte der Autorin kaum Vages enthalten oder gar mit Erläuterungen versehen werden, so ist es bei „Trost“ dagegen die produktive Doppeldeutigkeit und die assoziative Andeutung, die den Reiz ausmachen; Altern und Tod ermöglichen die Reflexion über letzte Fragen. / Nils Bernstein, literaturkritik.de

Anne Dorn: Jakobsleiter. Gedichte.
Poetenladen, Leipzig 2015.
88 Seiten, 17,80 EUR.
ISBN-13: 9783940691682

Poetopie

die Kunst, sich ganz vernünftig aufzuregen

Hansjürgen Bulkowski

Gestorben

lauter niemand – Berliner Zeitschrift für Lyrik+ Prosa, Literaturlabor teilt mit, daß die Autorin Isabella Vogel gestorben ist:

Sie war uns eine liebe und aufrechte Freundin und eine langjährige Mitstreiterin von Lauter Niemand. Sie fand gestern ihre letzte Ruhe auf dem Heidefriedhof in Berlin Mariendorf.

Einige Texte beim Poetenladen und bei lauter niemand.

Brechtpreis für Silke Scheuermann

Die Schriftstellerin und Lyrikerin Silke Scheuermann hat am Freitag in Augsburg den mit 15.000 Euro dotierten Bert-Brecht-Preis erhalten. Die 42-Jährige deute und kommentiere in ihren Gedichten „Zeitgeschehen in ebenso filigraner wie kraftvoller Metaphorik und erreiche damit eine eigenständige Ästhetik von hoher Qualität“, urteilte die Jury in ihrer Begründung. / Neue Presse Coburg

Naturlyrik als Spiegel der Gegenwart (BR)

Karl Dedecius ist tot

Einer der letzten Vertreter der Kriegs- und Versöhnungsgeneration ist am 26. Februar 2016 im Alter von fast 95 Jahren in Frankfurt am Main verstorben. Prof. Dr. h. c. mult. Karl Dedecius, der unermüdliche Kulturvermittler zwischen Deutschen und Polen, arbeitete bis zuletzt an einem Bildband, der ein Resümee seines bewegten Lebens und Kulturschaffens ziehen sollte.

Von 1980 bis 1997 war Dedecius Direktor des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt, das sich als Kultureinrichtung innerhalb kurzer Zeit ein hohes Renommee in Deutschland und Polen erwarb. Dedecius übersetzte mehr als 3.000 Gedichte, veröffentlichte regelmäßig polnische Lyrik in deutschen Verlagen, schrieb Essays zur polnischen Literatur und Geistesgeschichte, pflegte Freundschaften mit polnischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern. Von Darmstadt aus gab er die 50-bändige „Polnische Bibliothek“ heraus, ebenso wie das siebenbändige „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“. Er beschaffte Stipendien für polnische Intellektuelle und organisierte Studienreisen für Journalisten, Übersetzer und Verleger aus dem Nachbarland. Nach dem politischen Umbruch in Polen 1989/90 zeigte er sich offen für eine Erweiterung des Profils des Instituts.

Das Deutsche Polen-Institut trauert um seinen Gründer und Mentor. In seinen Werken und in unseren Herzen lebt er weiter. / Deutsches Polen-Institut

Frauen wie Angela Merkel

Angela Merkel zeigt der Welt, wie leistungsfähig Frauen sind – phänomenal. Deutschland ist das politisch und wirtschaftlich stärkste Land Europas. Es ist auch das Land, das in den vergangenen Monaten am meisten Flüchtlinge aufgenommen hat. Es hat seine Nazi-Vergangenheit hinter sich gelassen und klärt die Kinder in der Schule früher als überall sonst über die Entstehung und die Gefahren des Faschismus auf. Deutschland verdankt seinen Erfolg seinem Bildungssystem und der Tatsache, dass Frauen wie Angela Merkel Führungsrollen spielen. / Erica Jong im Interview mit der FR

Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland

An einem Winterabend betreten eine kleine alte Dame und ein alter Herr am Stock eine Bühne in Frankfurt. Sie reden über ihr Leben, dann brandet Applaus auf. Rund 300 Menschen erheben sich von ihren Sitzen zu standing ovations für Marie Nejar und Theodor Wonja Michael: geboren 1930 und 1925, deutsch – und schwarz. Zeitzeugen und Überlebende einer Epoche, in der Menschen wie sie nicht erwünscht waren. Für jene, die sie nun so sichtlich ergriffen beklatschen, sind sie daher ganz besondere Vorbilder dafür, wie schwarze Menschen sich gegen den strukturellen Rassismus einer mehrheitlich weißen Gesellschaft behaupten können – und würdige Schirmherren der an diesem Abend begangenen 30-Jahr-Feier der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD).

Jene 30 Jahre, auf die die Bewegung Schwarzer Menschen in Deutschland zurückblicken kann, lässt die ISD nun auch in einem beim Orlanda Verlag erschienenen Sammelband Revue passieren. „Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland“ heißt der von mehr als 50 Autorinnen und Autoren gefüllte Band, in dem auch Nejar und Michael porträtiert werden, genauso wie Menschen, die ihre Enkel und Urenkel sein könnten.

Die durch das fast 300 Seiten starke Werk gestreuten Kurzporträts schwarzer Menschen stehen neben stilistisch sehr vielfältigen Beiträgen, die von Gedichten über Erfahrungsberichte und Interviews bis hin zu Sach-Analysen reichen. Sie sind ein Verweis auf jenes ebenfalls bei Orlanda verlegte und für die Bewegung so wichtige Buch, das der neue Band vielfach zitiert: das von May Ayim und Katharina Oguntoye herausgegebene „Farbe bekennen. Afrodeutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte“ aus dem Jahr 1986, in dem schwarze Deutsche erstmals in dieser Form für und über sich selbst sprachen.

(…) „Spiegelblicke“ ist so ein inhaltlich wie stilistisch vielfältiges und sachkundiges Kompendium Schwarzer deutscher Geschichte und Gegenwart geworden. Es stellt sich der ISD-internen Diversität, etwa durch Beiträge ostdeutscher, gehörloser, queerfeministischer, transgeschlechtlicher oder muslimischer Menschen. Und es thematisiert so unterschiedliche Aspekte wie die Stärkung von Kindern gegen Diskriminierungserfahrung, die Aufarbeitung deutscher Kolonialvergangenheit oder Debatten aus Medien und Kulturlandschaft. / Marie-Sophie Adeoso, FR

Diverse Herausgeber: Spiegelblicke. Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland. Orlanda Verlag 2016, 302 Seiten, 19,50 Euro.

Mesmerizing women poets?

… a word to the wise: beware the allure of the mesmerizing women poets — their language will pull you in, and you’ll fall utterly in love with their beautiful poetic imagery, and the next thing you know you’ll be writing extra-long analytical essays and getting lines like “Hope” is the thing with feathers – / That perches in the soul tattooed on the inside of your right arm. Or, you could just not beware, and totally indulge in the obsession. Like I have.

Here are 11 beautiful poetry collections by women poets to get you started. / E. Ce Miller, bustle.com