Karin-Kramer-Preis für Bert Papenfuß

Am 20. März 2016 jährt sich zum zweiten Mal der Todestag der Verlegerin Karin Kramer. Wir, die Bauphilosophen, wünschen, daß der Name des großartigen Verlegerpaares Karin und Bernd Kramer, die kurz hintereinander 2014 verstarben, dem deutschsprachigen Literaturbetrieb erhalten bleiben. In Andenken an diese beiden Verlegerpersönlichkeiten, die in ihrem 1968 gegründeten Karin Kramer Verlag viele undogmatische Impulse in die deutschsprachige Literaturlandschaft funkten, verleihen die Bauphilosophen zum ersten Mal den von ihnen ausgelobten „Karin-Kramer-Preis für widerständige Literatur„, der alle zwei Jahre verliehen werden wird. So geht nicht von ungefähr der diesjährige Preis an den Dichter Bert Papenfuß.
Das Preisgeld beträgt 1000,- Euro.

Die Veranstaltung zur Verleihung des Karin-Kramer-Preise findet statt am 20. März im Alten Roten Löwen Rein in der Richardstraße 31, Berlin-Neukölln, um 15:00 Uhr:

  1. Vorstellung des „Karin-Kramer-Preises für widerständige Literatur“ durch Hermann Jan Ooster
  2. Laudatio von Thomas Kapielski
  3. Übergabe des Preises durch die Bauphilosophen
  4. Rede von Bert Papenfuß
  5. Trinken & Rauchen.

Moderation: Andreas Hansen

Die Meute kommt näher

Sein erstes, von ihm selbst als gültig anerkanntes Gedicht verfasste Dieter Mucke 1963. An einem Sommernachmittag hatte der damals 27-jährige Wahl-Hallenser mit seiner Tochter unter einem Apfelbaum gespielt. Die Dreijährige fragte: Vater, wie schmeckt die Sonne? Das „Gedicht für Rahel“ entstand, in dem es heißt: „Ich klettre barfuß / Auf den Ästen eines Apfelbaumes / In den Himmel / Und lege ihr / Eine kühle Morgensonne / In die staunenden Hände“.

Ein malerisches, fast volkstümlich einfaches Gedicht. Klarheit, Wahrheit, Natürlichkeit in Bild und Ton, darum ging es Anfang der 60er Jahre nach all den Tonnen von politischer Erbauungslyrik der sogenannten Aufbaujahre. Das Gedicht trug Dieter Mucke in einem Radioliteraturwettbewerb den ersten Preis ein; in der Jury saßen Sarah und Rainer Kirsch, damals Dichter in Halle – und bis zu ihrem Tod Freunde Dieter Muckes. (…)

Dreimal studierte er, dreimal wurde er aus politischen Gründen exmatrikuliert: 1957, 1963 und 1967 nacheinander in den Studiengängen Psychologie, Fotografie und Kamera sowie Literatur.

Letztere studierte Mucke gemeinsam mit Helga M. Novak am Literaturinstitut in Leipzig. Mit drei Wochen Untersuchungshaft zahlte er für eine satirische Prosa-Übung. Dem solidarischen Dichter Georg Maurer, dem Mentor der Generation Kirsch und Kunze, hielt Dieter Mucke zeitlebens die Treue, „unser verehrter Lehrer-Dichter-Denker“. (…)

„Wer ich war und wer ich bin?“, hatte Dieter Mucke ein Gedicht überschrieben, das als „Kurze Vorstellung bei aufgeblasenen Kulturverwesern“ gedacht war. So sah er sich selbst: „Keine SED-Pfeife, keine ,Blockflöte’ / Keinerlei parteipolitischer Dudelsack / Für irgendein verfilztes Lumpenpack / Kein käuflicher Freier, kein Vereinsmeier / Kein Schmierenkomödiant, kein Inoffizieller / Informant, kein Freudenfeuer-Theologe / Kein Sonderschul-Pädagoge, kein / Psychotherapeut, sondern ein Poet / Hier geboren und hier zu Hause / Sie Banause oder Sie Banausin / Und für Ihresgleichen unvermeidlich / Nach wie vor ,negativ-feindlich’. // Das ist es, was ich war und bin.“ / Mitteldeutsche Zeitung

Aus einem Interview, das Dieter Mucke der Mitteldeutschen Zeitung zu seinem 80. Geburtstag vor wenigen Wochen gab:

Jedesmal, wenn wir jemanden gut fanden, wurde der entfernt. So haben wir uns mit denen angelegt, in der Hoffnung, dass das jeweils nur eine dogmatische Phase sei. Aber die waren Dogmatiker. Und so wurde die DDR entleert.

(…)

Autoren verhalten sich zueinander oft wie rivalisierende Rhinozerosse und neurotische Neidhammel. Jeder hat seine eigene poetische Konzeption und hängt darin fest. Das ist auch nachvollziehbar. Heute kommt eine gewisse Entsolidarisierung hinzu, die in unserer Gesellschaft stattfindet. Viele sehen nur noch das Eigene, versuchen mehr schlecht als recht über die Runden zu kommen. Ich bin mehr mit bildenden Künstlern befreundet, da kommt man sich nicht so sehr ins Gehege. Das sind gute Kommunikationen.

(…)

Jede Zwangsexmatrikulation war eine Meute, die auf mich gehetzt wurde. Die kommen im Traum immer näher und näher und im letzten Moment fliege ich denen davon. Und die gucken blöd hinterher. Und ich fliege da über ein Tal. Aber dann sind die schon wieder ganz nahe und ich werde munter.

Gestorben

Der Hallenser Dichter Dieter Mucke starb am 12. März im Alter von 80 Jahren. Er wurde 1936 in Leipzig geboren. Seine erste Veröffentlichung war das Poesiealbum 19 (1969). Er veröffentlichte Gedichte und Prosa für Erwachsene und Kinder.

Hier Teil II aus dem Gedicht „Die Verzweiflung des François Villon“

In dem schwarzen, hundekalten Himmel
Pfeif ich auf das blaue Sterngewimmel
Auf den Sabbereifer falscher Weltpropheten
Auf das blöde Blaken der Planeten
Auf die Spitzel hinter meinem Arsche
Auf des Herrgotts Weihnachtsmannvisage
Und auf alle, die in gut gestopften Strümpfen
Über mich den ehrenwerten Rüssel rümpfen.

Wenn ich irgendwann im Schnee verrecke
Und aus Taktgefühl mich ein für allemal verstecke
Seh ich im Delirium bestimmt nicht lauter Mäuse
Sondern ein Heer gestiefelt und gespornter Läuse.

Aus: Kammwanderung. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1983, S. 93f

Ich lege noch zwei Strophen aus dem bösen immer aktuellen Gedicht „Michel“ drauf:

Michel dürft nicht Michel heißen
Würde er den Tafelgreisen
Einmal auf die Teller scheißen
Oder sie vom Tische reißen.

(…)

Michel geht auf die Toilette
Legt sich in sein Federbette
Hofft, daß einst der Herr ihn rette
Dichtet traurige Sonette.

Aus: Wetterhahn und Nachtigall. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1974, S. 39

R.i.p.!

Jackie Kay ist die neue Scots Makar

Makar ist das schottische Wort für Dichter oder Barde. Wie im alten Griechischen (ποιητής, poiētēs bedeutet Macher und Dichter) wird der Dichter nach seiner Tätigkeit als „Macher“ von sprachlichen Kunstwerken bezeichnet. 2004 wurde in Schottland als Äquivalent zum englischen Poet laureate das Amt des Nationaldichters eingerichtet: The Scots Makar. Erster Makar wurde Edwin Morgan, gefolgt 2011 von Liz Lochhead. Das Amt ist unbezahlt, der Inhaber soll die schottische Dichtung für die Öffentlichkeit repräsentieren, die poetische Kreativität fördern und „Botschafter der schottischen Dichtung“ sein. (Ganz schön viele Funktionen für einen unbezahlten Posten. Gibt es eigentlich unbezahlte Ämter auch in anderen Bereichen wie Politik oder Wirtschaft?).

Neue Scots Makar wurde jetzt die Lyrikerin und Romanautorin Jackie Kay. 

BBC

National Poet for Scotland or Makar Jackie Kay reads her poem ‚A Lang Promise‘. It was first published in her pamphlet The Empathetic Store (Mariscat Press, 2015).

Schottland in L&Poe

Zur Entzifferung

Kaum ein anderer poetischer Text aus der Wendezeit zwischen 1890 und 1910 hat so viele Exegeten und Übersetzer, aber auch Nachahmer und Parodisten auf den Plan gerufen wie der Würfelwurf [Stéphane Mallarmés] – die oft beschworene „Dunkelheit“ (wenn nicht gar „Unverständlichkeit“) des Werks scheint demnach eher anregend als abschreckend gewirkt zu haben. In zahlreichen Sprachen liegen Hunderte von einschlägigen Abhandlungen, Dutzende von Nachdichtungen und appropriativen Überschreibungen vor, lauter Versuche, dem Würfelwurf mit unterschiedlichen Mitteln und Methoden einen Sinn abzugewinnen, wenn nicht gar den Text auf eine – und nur eine – Bedeutung festzulegen, die der Autor vorgefasst und sorgsam verschlüsselt haben soll, um ihn voreiligem Verstehen zu entziehen.

Das internationale Syndikat der Mallarmé-Forschung besteht, grob gesagt, aus zwei kontroversen Lagern, von denen das eine den Dichter als einen Hermetiker qualifiziert, dessen gleichsam sakrale Texte bewusst auf Unverständlichkeit angelegt seien und deshalb auch keiner Erklärung bedürften, derweil die Vertreter des anderen Lagers davon ausgehen, dass es sich beim Würfelwurf um ein vorsätzlich verdunkeltes Werk handle, das den Code zu seiner Entschlüsselung in sich trage, mithin also durchaus entzifferbar sei – ein verriegeltes Schloss, das sich problemlos öffnen ließe, sobald man den fehlenden Schlüssel dazu entdeckt haben würde.

Das heißt: Entweder hat der Würfelwurf als ein Rätsel zu gelten, für das es keine Lösung geben soll und geben kann, oder man hat es mit einem eigens verrätselten Text zu tun, dessen Lektüre die Lösung erbringen kann und erbringen muss, eine Lösung, die naturgemäß die einzige und auch die einzig richtige wäre. An Lösungsversuchen mangelt es nicht. Seit der postumen Publikation der Fassung „letzter Hand“ (1914) sind unzählige Vorschläge zur Dechiffrierung des Poems eingebracht worden, und immer wieder – vorab in den 1980er-Jahren, als der Strukturalismus neue Lesarten ermöglichte – glaubte man, den inhärenten Code des Würfelwurfs geknackt zu haben. Doch auch diese bisweilen ingeniös bewerkstelligten Auslegungen hielten kritischer Überprüfung nicht stand, und wenn nun neuerdings der französische Philosoph Quentin Meillassoux mit dem dezidierten Anspruch auftritt, den Schlüssel zu Mallarmés Jahrhundertpoem gefunden und damit dessen Lektüre vollendet zu haben, ist darauf zunächst mit Skepsis zu reagieren, obwohl – oder weil?! – die These des Autors wie auch deren geistreiche Herleitung bereits weithin als „Sensation“, ja als epochale „Wende“ der Mallarmé-Lektüre belobigt werden. Unter dem Titel Die Zahl und die Sirene (Le nombre et la sirène, 2011) liegt Meillassoux‘ Arbeit inzwischen auch in deutscher Übersetzung vor.

(…)

Der Exeget beantwortet die von ihm selbst gestellte rhetorische Frage mit hochgemuter Gewissheit: „Das Ergebnis der Scharade der Zahl ist jetzt eindeutig bestimmt: die Zahl des Würfelwurfs ist keine andere als 707.“ „Keine andere!“ – „Keine andere?“ „Endlich ist der Würfelwurf entziffert!“ So lautete eine Schlagzeile des Pariser Nouvel Observateur nach Erscheinen von Quentin Meillassoux‘ Untersuchung (…)

So oder anders: Quentin Meillassoux regt mit seiner brillanten Studie nachhaltig dazu an, die Frage nach Sinn und Bedeutung dichterischer Texte erneut zu bedenken; die Frage auch, inwieweit der jeweilige Autor für das „Sagen“ und die „Aussage“ solcher Texte zuständig ist und welchen eigengesetzlichen oder eigendynamischen Anteil die Sprache selbst daran hat. Es ist die Frage, über der einst Ferdinand de Saussure bei seinen Anagrammstudien ins Grübeln geraten ist: Sind die in altrömischen und mittelalterlichen Dichtungen besonders häufig auftretenden Anagramme auktorial gewollt oder handelt es sich dabei um Zufallsprodukte innersprachlicher Prozesse? Die Tatsache, dass er dazu keine Antwort finden konnte, veranlasste de Saussure schließlich zum Verzicht auf seine diesbezüglichen Forschungen. Wenn Meillassoux den geheimen Code des Würfelwurfs tatsächlich entdeckt haben sollte, wäre damit auch die Bedeutung des Poems geklärt, mithin das, was der Autor bewusst als verschlüsselte „Aussage“ in den Text investiert hat. Doch damit wäre keineswegs auch der Sinn des Werks erfasst, denn dieser ist nicht Sache des Autors, sondern des Rezipienten – der Sinn ist nicht im Text mitgegeben, er muss aus dem Text entwickelt werden. (…)

Stéphane Mallarmé selbst, „der Dunkle“, war’s, der einst dezidiert festhielt, es sei für den Dichter eine Schande, verstanden zu werden. Die Entzifferung seines Würfelwurfs hätte ihn demnach wohl eher verstimmt denn erfreut. Der Sinn seines Werks ist damit freilich noch lange nicht erschöpft. Weitere Lesarten sind gefragt.  / Felix Philipp Ingold, Volltext 1/2016

Quentin Meillassoux, Die Zahl und die Sirene (Eine Entschlüsselung von Mallarmés „Würfelwurf“). Aus dem Französischen von Giulia Agostini. Diaphanes Verlag, Zürich/ Berlin 2013; eine mündliche Darlegung seiner These bietet der Autor in englischer Sprache auf https://www.youtube.com/ watch?v=vmcIF2etD4A

Netzwerk freie Literaturszene Berlin als Verein gegründet

 Am 12. Januar 2016 hat sich in Berlin das Netzwerk freie Literaturszene Berlin (NFLB) als gemeinnütziger Verein gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern gehören neben freien Literaturinitiativen wie Lettrétage e.V., Berliner Literarische Aktion e.V., Latinale oder KOOK e.V. auch unabhängige Autorinnen, Übersetzer, Lektorinnen, Kleinverleger und Literaturveranstalterinnen. Das Netzwerk bestand bereits als offene Aktionsplattform. Wichtigstes Anliegen des Vereins wird es sein, in einem breiten Bündnis die kulturpolitischen Interessen der freien Literaturszene in Berlin sowie der rund 10.000 literarischen Autorinnen, Übersetzer und Lektorinnen der Stadt zu koordinieren und zu vertreten.

Der Bedarf dafür ist immens: Während Berlins quicklebendige freie Literaturszene weltweit Anerkennung genießt und eine große Anziehungskraft ausübt, leben zahlreiche deutsche und internationale Autoren, Literaturübersetzerinnen und Literaturveranstalter in der Stadt unter prekären Bedingungen. In anderen Kunstsparten haben starke Verbände bereits konkrete Verbesserungen der Situation erreicht – eine derartige schlagkräftige Interessenvertretung fehlt in der freien Literaturszene noch. Die gemeinsame Plattform entwickelt die Initiativen, Projekte und Konzepte, um die freie Literaturszene zu stärken, Anliegen und Forderungen gegenüber der Kulturpolitik zu formulieren und durchzusetzen.

Konkret setzt sich der Verein für eine adäquate finanzielle Ausstattung der freien Literaturszene, für tragfähige und nachhaltig gestaltete Arbeits- und Rahmenbedingungen sowie für eine Infrastruktur ein, die auf Langfristigkeit und Planungssicherheit setzt. Neben der Unterstützung von Akteuren der freien Literaturszene und der Expertise für den Berliner Senat in Sachen Literaturförderung wird das NFLB auf eine langfristig bedarfsgerechte Projekt- und Autorenförderung in Berlin hinwirken. Das spartenübergreifenden Raumförderprogramm des Berliner Senats, bei dem das NFLB die Literatur vertritt, soll bezahlbare Arbeits- und Veranstaltungsräume für die freie Szene sichern und entwickeln.

Der gewählte Vorstand des NFLB besteht aus Carolin Beutel / freie Literaturveranstalterin, Martin Jankowski / Berliner Literarische Aktion e.V., Moritz Malsch / Lettrétage e.V.(Vorsitzender), Aurélie Maurin / KOOK e.V., und Eric Schumacher / KOOK e.V. Die freie Literaturszene erhält durch das NFLB endlich eine starke und aktiv sich einmischende Stimme in der Weltliteraturmetropole Berlin.        

Netzwerk Freie Literaturszene Berlin e.V. (i.G.)
c/o Lettrétage e.V., Moritz Malsch
Büro: Methfesselstr. 23-25, D-10965 Berlin
Veranstaltungsort: Mehringdamm 61, D-10961 Berlin

Aus Ungarn

Auch keine Lyrik. Eine Nachricht aus dem mitteleuropäischen Land:

Das Philosophische Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften hat beschlossen, das Georg-Lukács-Archiv in Budapest zu schließen. Besagtes Archiv wurde 1972 gegründet. Es befindet sich in der fünften Etage des Hauses Belgrád rakpart 2, in unmittelbarer Nähe der Budapester Freiheitsbrücke. / Der Standard

Ältere Nachrichten aus Ungarn:

  • Ungarischer Autor Ákos Kertész erhält Asyl in Kanada hier
  • „Es wird nichts verboten, sondern ausgehungert“ hier

Auf gehts

Moskau. Die Patriarchalische (also zunächst einmal: beim Patriarchen eingerichtete, L&Poe) Kommission für Familie, Schutz der Mutterschaft und Kindheit kümmert sich mit dem Segen des Präsidenten um den Schullehrplan in der Literatur.

Da würden die Schüler Werke wie „Über die Liebe“ von Anton Tschechow, „Fliederbusch“ von Alexander Kuprin und „Kaukasus“ von Iwan Bunin lesen, in denen die „freie Liebe besungen“ werde. In dem einen Fall tötet sich der betrogene Ehemann, in dem andern zerbricht die Familie, und [was das Allerschlimmste ist, L&Poe] im dritten folgt daraus gar nichts.

„Diese lebendigen künstlerischen Bilder sind eine Zeitbombe für unsere Kinder. Unser Ausschuss sollte mit den Vorschlägen bei der Bildungsabteilung vorstellig werden.“

Vor kurzem wurde berichtet, dass in Russland eine „Gesellschaft der russischen Literatur“ begründet wurde, die durch den Patriarchen von Moskau und ganz Russland Kyrill geleitet wird. „Vor ein paar Monaten hat sich unser Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin mit einem Vorschlag an mich gerichtet, eine Gesellschaft der russischen Literatur zu gründen und sie dann an die Arbeit zu führen“, sagte der Patriarch in einer Sitzung der Patriarchalischen Rates für Kultur.

„Wir sollten dafür sorgen, die Situation in unserer Schule radikal zu verbessern, unter anderem im Bereich der russischen Sprache und Literatur, indem wir professionelle Empfehlungen machen, vernünftige, überzeugende, im guten Sinn ideologiefreie“ – sagte der Patriarch. / The Insider (trotz des englischen Titels ein russisches Reportagemagazin)

Wie Erich Honecker schon sagte, „von Rußland lernen heißt siegen lernen“. Ich bin sicher, die Experten arbeiten schon zusammen, Geld und, naja, Ideen fließen. Umbau heißt auf Russisch Perestroika. Das Wort legt zunächst einmal gar nicht fest, in welche Richtung der Umbau erfolgt.

Preis für Ulrich Schacht

Edition Rugerup teilt mit:

Wir freuen uns sehr, dass unser Autor Ulrich Schacht den Preis der Lite­ra­Tour Nord erhält. Der Preis ist von der VGH-Stiftung aus­ge­lobt und mit 15.000 Euro dotiert. Der Autor nimmt die Aus­zeich­nung im Rah­men einer öffent­li­chen Preis­ver­lei­hung am Don­ners­tag, dem 21. April, in Han­no­ver ent­ge­gen. Die Lau­da­tio hält der Lite­ra­tur­kri­ti­ker und Jour­na­list Ulrich Grei­ner.

Lesung zur Buchmesse, 16. März 2016

Am 16. März 2016 sind Texte der Edi­tion Ruge­rup bei einer Ver­an­stal­tung der Buch­hand­lung der Lyrik­ver­lage zu hören: Um 20:30 Uhr stellt Mar­gitt Leh­bert einen inter­na­tio­na­len Dich­ter aus Ihrem Pro­gramm vor. Um 21 Uhr liest Ulrich Schacht aus sei­nem Lyrik­band ”Pla­ton denkt ein Gedicht”, der eben­falls in der Edi­tion Ruge­rup erschie­nen ist. Die Ver­an­stal­tung beginnt um 20 Uhr.

Christian-Wagner-Preis für Kito Lorenc

Der sorbisch-deutsche Dichter Kito Lorenc erhält den 13. Christian-Wagner-Preis. Der 78-Jährige werde mit der Auszeichnung für sein lyrisches Gesamtwerk geehrt, teilte die Christian-Wagner-Gesellschaft am Montag in Leonberg (Baden-Württemberg) mit. «Seine Gedichte entfalten ihre subversive Schönheit zwischen ernster, genauer Weltwahrnehmung und selbstreflexivem Sprachwitz», hieß es. Lorenc wurde 1938 in dem Ort Schleife bei Görlitz geboren.

Verliehen wird die mit 10 000 Euro dotierte Auszeichnung am 19. November in Leonberg. Der Preis geht nach Angaben der Gesellschaft seit 1992 im Zweijahresrhythmus an Lyriker, die in ihrem Werk der Gedankenwelt des Dichters Christian Wagner (1835-1918) nahe stehen. / Die Welt

Christian-Wagner-Gesellschaft

Lyrik-Empfehlungen 2016 veröffentlicht

Eine Initiative der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und der Literaturwerkstatt Berlin/Haus für Poesie

Veranstaltungen am 18. März auf der Leipziger Buchmesse und am 23. März in der Literaturwerkstatt Berlin/Haus für Poesie

Welche Gedichtbücher sind besonders bemerkenswert, interessant, überraschend? Kritiker, Lyriker und Vertreter literarischer Institutionen empfehlen zwölf deutschsprachige und zwölf ins Deutsche übersetzte Gedichtbände – ausgewählt aus den Neuerscheinungen von Anfang 2015 bis März 2016. Abgegeben haben die Empfehlungen in diesem Jahr: Michael Braun, Heinrich Detering, Ursula Haeusgen, Harald Hartung, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Holger Pils, Marion Poschmann, Monika Rinck, Daniela Strigl und Thomas Wohlfahrt.

Die Lyrik-Empfehlungen werden jährlich zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht. Sie werden herausgegeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Stiftung Lyrik Kabinett und der Literaturwerkstatt Berlin/Haus für Poesie in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bibliotheksverband. Gefördert von: Deutscher Literaturfonds

Im Internet unter: www.lyrik-empfehlungen.de 

Lesungen zu den Lyrik-Empfehlungen finden am 18. März in Leipzig und am 23. März in Berlin statt. Zum Welttag der Poesie, am 21. März, werden die empfohlenen Lyrikbände in Bibliotheken und Buchhandlungen präsentiert.

 

Kurzübersicht der Lyrik-Empfehlungen

Deutschsprachige Lyrik

Gerd Adloff: zwischen Geschichte und September. Corvinus Presse, Berlin 2015

Christoph W. Bauer: stromern. Haymon, Innsbruck 2015

Daniel Falb: CEK. kookbooks, Berlin 2015

Swantje Lichtenstein: Kommentararten. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2015

Andreas Neeser: Wie halten Fische die Luft an. Haymon, Innsbruck 2015

Daniela Seel: was weißt du schon von prärie. kookbooks, Berlin 2015

Anne Seidel: Chlebnikov weint. Poetenladen, Leipzig 2015

Armin Senser: Liebesleben. Edition Lyrik Kabinett, Hanser, München 2015

Volker Sielaff: Glossar des Prinzen. luxbooks, Wiesbaden 2015

Julia Trompeter: Zum Begreifen nah. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2015

Christoph Wenzel: lidschluss. Edition Korrespondenzen, Wien 2015

Ror Wolf: Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2015

  

Lyrik in deutscher Übersetzung

Henry Beissel: Flüchtige Horizonte. Aus dem Englischen von Heide Fruth-Sachs. LiteraturWissenschaft.de (Transmit), Marburg a. d. Lahn 2016

Anna Maria Carpi: Entweder bin ich unsterblich. Aus dem Italienischen von Piero Salabè. Edition Lyrik Kabinett, Hanser, München 2015

Jon Fosse: Diese unerklärliche Stille. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Kleinheinrich, Münster 2015

Federico García Lorca: Liebesgedichte. Aus dem Spanischen von Ulrich Daum. Rimbaud, Aachen 2016

Bengt Emil Johnson: Das Fest der Wörter. Aus dem Sumpf. Aus dem Schwedischen von Lukas Dettwiler. edition offenes feld, Dortmund 2015

István Kemény: Ein guter Traum mit Tieren. Aus dem Ungarischen von Orsolya Kalász und Monika Rinck. Matthes & Seitz, Berlin 2015

Itzik Manger: Dunkelgold. Aus dem Jiddischen von Efrat Gal-Ed. Jüdischer Verlag / Suhrkamp, Berlin 2016

Kate Tempest: Hold Your Own. Aus dem Englischen von Johanna Wange. Suhrkamp, Berlin 2016 (Erscheinungstermin wurde auf Juni verschoben.)

Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki: Tumor linguae. Aus dem Polnischen von Michael Zgodzay und Uljana Wolf. Edition Korrespondenzen, Wien 2015

Rosmarie Waldrop: Ins Abstrakte treiben. Aus dem Amerikanischen von Elfriede Czurda und Geoff Howes. Edition Korrespondenzen, Wien 2015

William Wordsworth: Gedicht, noch ohne Titel, für S. T. Coleridge (The 1805 Prelude). Aus dem Englischen von Wolfgang Schlüter. Matthes & Seitz, Berlin 2015

Jeffrey Yang: Yennecott. Aus dem Amerikanischen von Beatrice Faßbender. Berenberg, Berlin 2015 

Militanz der schlechten Gedichte

Die Technik, mit der Boris Preckwitz Lyrik simuliert, ist geradezu peinlich schlicht: Man nehme eine möglichst platte politische Phrase, zerhacke den Satz dann, schreibe die Teile untereinander und quirle die gewöhnliche Wortstellung noch ein bisschen durcheinander. Heinrich Heine erfand für diese Art der Makulatur den schönen Begriff „gereimte Zeitungsartikel“ – allerdings bekommt Preckwitz selbst Reime nur selten hin. Als Beispiel diene das Poem mit dem subtilen Titel Merkel muss weg:

Wir schaffen das,
schwafelte die Kanzlermadame. Sie
hat es geschafft, das Land zu spalten, sie
hat es geschafft, einen Erdteil zu spalten.
Sie – und jene Geister, den [sic] sie rief –
haben hier nichts mehr
und gar nichts zu schaffen.

Wir jedenfalls
wollen mit ihr
nichts zu schaffen haben.

Preckwitz‘ Blog ist ein komplett gefüllter Krämerladen für den gewöhnlichen Reichsbürger- und Klemmnazibedarf. Natürlich geht’s oft gegen die „Maulhuren“ der Sudel-Journaille und ihre Lügen, was bei einem Mann, der als PR-Fatzke sein Geld auch schon mal selbst als professioneller Lügner verdiente, doch etwas überrascht. Die Kommunistenfresser und Judenhasser zugleich bedient er mit einem Poem, das die Ermordung der illegal eingewanderten „Galizierin“ Rosa Luxemburg* durch „Kolbenhieb an den Kopf“ aufs Schönste begründet. „Huschen Schwule durch die Schule“, beginnt ein Gedicht über grüne Kinderschänder, das mit einer zauberhaften Wortschöpfung endet: „Mal wieder wollen sie die Welt verändern, / jetzt gehen sie vergewaltigendern.“ […] Und den Rassisten erklärt Boris Preckwitz, wer allein schuld an Afrikas Schande hat – natürlich der Neger:

[…] Schwarze sind es,
die immer noch Schwarze
verjagen, vergewaltigen, zerhacken,
Wo immer sie darben
auf Wegen und Wellen,
wo immer sie sterben
in Wäldern und Wüsten,

das Elend Afrikas
ist die Schande des schwarzen Mannes.

/ Michael Bittner

*) Das ist zu schlimm, das muß ich [M.G.] ganz einrücken, damit keiner sagen kann, ich hätte extra die schlimmsten Stellen ausgesucht. Was ist das Schlimmste daran, die schiefe Grammatik, die verrenkten Gedanken, die verunglückten Bilder oder die widerlichen Bewertungen?

Rozalia Luksenburg

Eine Jüdin aus Polen.
Vorkämpferin deutscher Arbeiter,
versuchte sich Einheitsparteidichter Brecht
an sozialistischer Seligspreche.
Tatsächlich, scheinverehelicht
die Staatsbürgerschaft im Reich
erschlichen, beehrte sie Freund und Feind
mit klassenkämpferischem Gekeife, Genossen
vom F.-Lassallschen-Gedächtnisverein
nannten sie Giftnudel, sie
keilte zurück gegen die Judasse.
Zuwider war der Galizierin, dass Ukrainer
und Polen sich anschickten, freie Staaten zu gründen.
Selbst den Bolschewiki schickte sie
noch eine Verwünschung in den Smolny –
sie irrte… sie irrte… sie irrte, bestückte Lenin
das Magazin
zum späteren Abschuss der Luksenburgisten.
Im absichtlichen Sinne ist
ihr missverstandener Satz
über die Freiheit der Andersdenkenden zu lesen,
denn diese Freiheit meinte Rosa lediglich
als Freiheit der marxistisch Denkenden.
Den gewaltigsten Bürgerkrieg forderte sie
für die Gewaltherrschaft des Proletariats,
Todfeinde die Sozialdemokraten, ein Popanz
und Kretinismus das Parlament. Jawohl: Diktatur!
Dann Machtergreifung, Endsieg, Enteignung, weg
mit den Bürgerrechen. Sogar als die Arbeiter
vom Massenstreik nichts wissen wollten: Alle Macht den Räten,
dem Feinde Daumen aufs Auge und Knie auf die Brust!
Später am Tage, abseits von Urteil und Recht
beendete ein Kolbenhieb an den Kopf
ihr Schreien nach Staatsstreich.

Boris Preckwitz in L&Poe

Nachtrag 15.3.: Der beleidigte Barde droht damit, sich an den von ihm verachteten Staat um Hilfe gegen den Kritiker zu wenden. Hier

Ermordet

Der syrische Dichter Mohammad Bashir Al Ani aus Deir Ez-Zour im Osten des Landes wurde im September 2015 von ISIS verhaftet und am 10. März 2016 zusammen mit seinem Sohn Eias wegen „Unglauben“ hingerichtet. / Syrian network for human rights

Poetopie

halb Insel, halb Festland – wohin lässt sich der Kontinent treiben?

Hansjürgen Bulkowski

Whitman-Fund

Kürzlich wurde ein von Walt Whitman für einen analphabetischen todkranken Soldaten des Bürgerkriegs geschriebener Brief an dessen Frau entdeckt, einer von nur drei existierenden. Whitman nennt seinen Namen im Postskript. / The Washington Post