The UAE* is the first and only country in the world to make its best poets millionaires – and not just its own, but any man or woman from the region and beyond able to think, write and speak in Nabati rhymes.
This is about to happen again, for the seventh time, on May 17, when five out of 48 Arab poets that made it into the Million’s Poet competition will be awarded Dh15 million for their own written and recited poems. In the meantime, all 48 have to go through a process of elimination, a process that already began on February 9. / Khaleej Times
*) United Arab Emirates, Vereinigte Arabische Emirate
Der Deutsche Journalisten-Verband kritisiert die Erklärung von Bundeskanzlerin Angela Merkel vom heutigen Freitag zum Antrag der türkischen Regierung, den Satiriker Jan Böhmermann strafrechtlich verfolgen zu lassen.
„Dieser Entscheidung der Bundeskanzlerin hätte es nicht bedurft, weil der türkische Präsident Erdogan bereits Strafantrag bei der Staatsanwaltschaft Mainz gestellt hat“, sagt DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall. Die Kanzlerin hatte zuvor bekannt gegeben, dass die Bundesregierung der Staatsanwaltschaft eine Verfolgungsermächtigung erteile.
Der DJV-Vorsitzende sieht in der Erklärung der Kanzlerin das falsche Signal an die Adresse der türkischen Regierung. Das werde auch nicht dadurch wettgemacht, dass die Kanzlerin die massiven Verstöße gegen die Presse- und Meinungsfreiheit in der Türkei angesprochen habe. „Es ist allerdings zu begrüßen, dass die Bundeskanzlerin die Abschaffung des Paragrafen 103 in Aussicht gestellt hat“, sagt Überall. „Majestätsbeleidigung gehört nicht in den Strafkodex einer Demokratie.“
Auf Jan Böhmermann kommt ein Verfahren wegen möglicher Beleidigung des türkischen Staatschefs Erdogan zu. Laut Kanzlerin Merkel hat die Bundesregierung dem Verlangen Ankaras entsprochen. Der entscheidende Paragraf 103 soll jedoch bis 2018 abgeschafft werden. / Spiegel
Fein, dann wird ihm 2018 der Rest der Strafe erlassen. Vorausgesetzt, sie fällt hoch genug aus. Roter Teppich für den Sultan! Genugtuung für alle feinsinnigen Qualitätswahrer im deutschen Fernsehen und überhaupt!
„Ich bin gekommen um Ihnen mitzuteilen daß heute Ihre Auslieferung an die Türkei…“ [Frenetischer Beifall]
„Wenn es soweit kommt, daß wir vor ausländischen Staatschefs einknicken, dann ist das nicht mehr mein Land.“ (Volksmund)
Frau Merkel, Herr Steinmeier, Herr Gabriel: schämt euch!
Nachtrag: Damit keiner sagen kann, er habe es ja gar nicht gesehen, weil die Sendung aus der Mediathek flugs gelöscht wurde, hat jetzt der Deutschlandfunk das Video und eine Abschrift mit allem Vor- und Nachreden ins Netz gestellt. Lesen Sie hier (nicht nur das inkriminierte Gedicht sondern) was Böhmermann und sein Partner wirklich gesagt haben. Vielleicht sieht dann auch Herr Staeck und Frau (… nein, keine Namen mehr!), daß es hier nicht um die Qualität eines satirischen Gedichts geht.
Weiter geht die Debatte. Unter dem Beitrag von Carl Reiner Holdt bei Fixpoetry mit Leserkommentaren sowie mit einem zweiten Beitrag von Holdt.
Jetzt antwortet Armin Steigenberger unter dem langen Titel „Dialegometha?! Versuch einer Darstellung des Status Quo in der Lyrikdebatte. Metaebene, Wissenschaft, Belehrung“ auf Holdt. Zitat:
Es ist ja de facto etwas passiert, auch „Wenn man um einer wichtigen Einsicht willen 99 unsinnige Wege gehen muss“, schreibt Heuristiker Holdt. Deshalb sehe ich die Chance gerade darin, dass die – ich bin mal so frei, von Errungenschaften dieser Debatte zu sprechen, während „Prozessbeobachter“ C. R. Holdt versucht, zu resümieren und die Debatte in summa als banal und ineffektiv abzuqualifizieren, – Lyrikkritik nun positive Impulse erfahren hat. Wir sind ja noch nicht am Ende, wie es Holdts Ausführungen aber bereits implizieren. Die Sache ist noch nicht erstarrt und verfestigt, sondern noch und jederzeit formbar. Lasst uns jetzt mal auch ein positives Resümee ziehen, bitte. Und dann weiterreden.
(…)
In dieser Debatte ist genau das passiert – dass aus einer völlig ungeplanten Situation tatsächlich etwas entstand, und auch ich kann von mir sagen, dabei gelernt zu haben (…) dass wir uns längst schon unterhalten, schon Ergebnisse haben und uns gerade einmal mehr als Lyriker selber finden –, sprich uns Prozesse bewusst machen, uns gewisse Rahmenbedingungen vor Augen führen möchten, was Lyrikkritik in einer Lyrikwelt bedeutet, die (aus komplexen Gründen) keine richtige Öffentlichkeit findet (…) / Signaturen
Hier meine Liste der bisherigen Debatte.
Die Liste bei Fixpoetry (die im Titel behauptet, anders als ungenannt anderen ginge es ihr nicht um #präsenzpunktesammeln) und bei Signaturen (weiter unten rechts unter „Essay / Diskurs“)
Die vielfältigen Schattierungen im Buch machen es, wenn man nicht genug Sitzfleisch hat, zum idealen Foucault‘schen Steinbruch. Man kann an verschiedensten Stellen in die Lektüre einsteigen und immer beladen mit Denkanregungen wieder herauskommen. Zumindest, wenn man sich für Lyrik interessiert. Und warum man sich dafür, also für die Lyrik, aber auch für deren Rezipienten, interessieren sollte, und warum Lyrik nicht irgendwo in Arkadien angesiedelt ist, sondern einen Platz in der realen Welt hat, erfährt man im Vorwort des Buches durch eine Replik auf die dänische Autorin Janne Tenner die 1993 während des Bürgerkrieges für eine UN Mission in Mosambik arbeitete. / Jan Kuhlbrodt, Signaturen
Anja Utler: „manchmal sehr mitreißend“. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte. Bielefeld ([transcript] Verlag) 2016. 218 Seiten. 29,99 Euro.
Konstantin Ames
Böhmermann liegt am Meer
Mach dich nicht lächerlich! Wer schmäht …
Jan Böhmermann ist mutig; der Präsident hat viele Mutige um sich, die
Sichten und berichten.
Wer schmäht ist ein Schah; wer klagt ein Waschweib. Besser als tot zu sein.
Böhmermann lügt nicht am Meer. Er liegt daran. Was ist das Meer?
Ein Präsident? Nur, wenn es weise wär. Was waren die letzten Worte
Goliaths? „Respekt!“ vielleicht. Vielleicht hat auch er ans Meer gedacht.
Was ist das? Mach dich nicht lächerlich! Tu was Versöhnliches, wenn ringsum …
Ich Böhmermann. Wer schmäht, fliegt (so ist das mit der Blödigkeit)
über den Restpalast, verschönert ihn von oben mit ureigenem Code. Was
sich mal eben so vom Trittbrett und der Leber abstreifen ließe.
Man muss nicht Goliaths und ihren Mimen vertrauen. Auch die Experten
für „Böhmis Ego-Faschismus“ wissen es schon: Ein andres Wort für Leviathan
ist Weltmerkel. Die Kehrseite der Demokratie ist die Unterschrift.
Was kein schöner Leviathan braucht sind Föne, die vom rechten Weg …
Warum lächelt er nicht, der Präsident? Bucht eine Reise und schaut sich
dieses Böhmermannland mal an und seine Résistance-Museen.
Macht stattdessen Anwälte reich. Hat das Meer Ehre?
Herr Präsident, Sie müssen zu dem Haus mit Polizei davor!
Sie haben doch schon gewonnen. Sie könnten nun nur noch verlieren.
Der Komponist und Pionier der Lautpoesie Josef Anton Riedl ist tot. 1927 in München geboren, studierte Riedl in seiner Heimatstadt, wo er mit Carl Orff, Karl-Amadeus Hartmann und Hermann Scherchen in Kontakt kam. 1951 lernte er bei einem Ferienkurs in Aix-en-Provence Pierre Schaeffer und seine musique concrète kennen. Ende der 1950er-Jahre gründete er das Siemens-Studio für elektronische Musik, das er bis 1966 leitete. Die von Riedl initiierte Münchner Veranstaltungsreihe »Klang-Aktionen« steht für sein eigenes, keiner Stilrichtung zuzuordnendes, multimediales und alle Gattungsgrenzen sprengendes Schaffen. Zu seinen Schülern gehört der Autor, Literaturwissenschaftler und Lautpoet Michael Lentz. Josef Anton Riedl starb am 25. März 2016 in Murnau.
İlhan Berk (1918-2008) gehörte zu den Dichtern der İkinci Yeni (“Zweite Neue”), einer literarischen Ausrichtung in der Türkei, die sich in den 1950er-Jahren gegen ihre unmittelbaren Vorgänger u.a. dadurch abgrenzte, daß sie gesellschaftskritische und politische Aussagen aus dem Gedicht verbannte. Paradoxerweise war es vor allem diese formal apolitische, inzwischen großteils verstorbene Generation um Berk, Cemal Süreya, Turgut Uyar, Ece Ayhan, Sezai Karakoç, Edip Cansever, die von der #şiirsokakta-Bewegung und im Zusammenhang mit den Gezi-Protesten ab 2013 zitiert wurde und mit deren Versen seither die türkischen Städte von jungen Leuten wild beschriftet werden.
Der kleine Elif Verlag aus Nettetal bietet nun mit dem zweisprachigen Band Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin die erste größere Kompilation mit Gedichten und Zeichnungen von İlhan Berk für das deutschsprachige Publikum an. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen hat die Sammlung Yüksel Pazarkaya … / Mehr bei Stan Lafleur
İlhan Berk: Um die Gasse biegt deine Stimme / Sokaği Dönüyor Sesin, Elif Verlag, Nettetal 2016, Softcover, 168 Seiten, 12 Euro
Elf Nominierungen liegen vor / Preisgeld ist auf 10.000 Euro angehoben worden
Monheim am Rhein. Zum dritten Mal nach 2012 und 2014 steht in diesem Jahr die Vergabe des Ulla-Hahn-Autorenpreises an. Prämiert wird ein deutschsprachiges Erstlingswerk von einer Autorin oder einem Autor unter 35 Jahren. Vorgeschlagen werden können Lyrik und Prosa. 2012 wurde Nadja Küchenmeister für ihren Lyrikband „Alle Lichter“ ausgezeichnet, zwei Jahre später erhielt Lara Schützsack den Ulla-Hahn-Autorenpreis für ihren Roman „Und auch so bitterkalt“. Das Preisgeld ist um 4000 auf nun 10.000 Euro angehoben worden.
Eine achtköpfige Jury schlägt vor und entscheidet über den Preisträger. Vorsitzende ist die in Monheim aufgewachsene bekannte Autorin Dr. Ulla Hahn. Weitere Mitglieder sind in diesem Jahr Norbert Hummelt (Schriftsteller), Maren Jungclaus (Literaturbüro NRW, Düsseldorf), Prof. Swantje Lichtenstein (Schriftstellerin und Dozentin an der Fachhochschule Düsseldorf), Dr. Lothar Schröder (Rheinische Post, verantwortlicher Redakteur für Geistiges Leben), Lara Schützsack (Preisträgerin des Ulla-Hahn-Autorenpreises 2014), Dr. Hajo Steinert (Deutschlandfunk, Leiter der Abteilung Kulturelles Wort) und Dorothea von Törne (freie Literaturkritikerin).
Folgende Nominierungen für den Ulla-Hahn-Autorenpreis liegen vor:
Pierre Jarawan „Am Ende bleiben die Zedern“ (berlin verlag), Nis-Momme Stockmann „Der Fuchs“ (Rowohlt), Yevgeniy Breyger „flüchtige monde“ (kookbooks), Lea Schneider „invasion rückwärts“ (Verlagshaus Berlin), Juan Sebastian Guse „Lärm und Wälder“ (Fischer), Shida Bazyar „Nachts ist es leise in Teheran“ (Kiepenheuer&Witsch), Sina Klein „narkotische kirschen“ (Klever Verlag), Ulrike Feibig „perlicke perlacke, mein Herz schlägt“ (Poetenladen Verlag), Anja Kampmann „Proben von Stein und Licht“ (Carl Hanser Verlag), Mirna Funk „Winternähe“ (Fischer) und Ronja von Rönne „Wir kommen“ (Aufbau Verlag).
Die endgültige Entscheidung trifft die Jury im Sommer. Die Preisverleihung findet Ende des Jahres statt. (nj)
Ausgehend von solchen Szenarien erscheint es plausibel, dass »der Aufstieg von Death und Black Metal parallel zum Niedergang des realexistierenden Sozialismus erfolgte«, wie Jan Tölva anmerkt. Es gab im Osten aber auch Versuche, konstruktiv zu wirken. Bert Papenfuß, der in der DDR zwar eine Steuernummer als Schriftsteller hatte, aber mit Publikations- und Auftrittsverbot belegt war, beschreibt, wie im März 1984 eine einwöchige »Zersammlung« in einem Hinterhof des Prenzlauer Bergs stattfand, gedacht als »eine Generalkonferenz der nicht-offiziellen Künstlerszene der DDR«. Die Teilnehmer verortet er »zwischen verboten, verkannt, unbekannt, Underground und halblegal, Kandidatenstatus , offiziell«. Einig wurde man sich nicht, weil man sich »in erster Linie aus Eigendünkel selbst im Wege gestanden« habe.
(…)»1984!« ist eine der besten Darstellungen der 80er Jahre in Ost und West, die heute überwiegend nur noch als das Jahrzehnt der komischen Frisuren, Blazer und Schnurrbärte verhandelt werden. Die grundlegende Pointe ist natürlich die, dass es nie mehr Staat gab als heute, wie Papenfuß betont. / Christof Meueler, junge Welt
Alexander Pehlemann/Bert Papenfuß/Robert Mießner (Hg.): 1984! Block an Block. Subkulturen im Orwell-Jahr. Zonic Spezial, Ventil Verlag, Mainz 2015, 285 S., 19,90 Euro
Inhaltsverzeichnis
Ein Gedicht von Franzobel
Erdogan ist schön
Erdogan? Ist der schön. Und hundertmal
& überhaupt. Erdogan ist schön, und
schon schön ist Erdogan. Ich bin hundertmal
verliebt in Erdogan. Und Erdogan
ist sehr schön, das lernen wir, hundertmal, dass
Erdogan richtig schön ist, und das ist
das Schöne an Erdogan, dass hundertmal
schon die türkischen Schulkinder lernen,
wie schön und überall dieser Erdogan nun ist,
damit sie es nur ja nie mehr vergessen. Ist
der schön. Und überhaupt. Die Sonne. Und
damit sie es nur ja nie mehr vergessen, wie schön,
schön Erdogan ist, müssen schon die
türkischen Schulkinder hundertmal,
hundertmal schreiben, Erdogan ist schön.
Ist der schön. So schön ist Erdogan, dass
schon die Schulkinder es aufschreiben müssen.
Müssen schreiben: Erdogan fängt schön an, und
schön hört Erdogan auch auf. Ja. So ist das
mit Erdogan. Durch und durch schön. Hundertmal.
Hier, im «wolhynischen Jerusalem», beschloss der junge Aufklärer Scholem Yankev Abramowitsch in den 1860er Jahren, Erzählungen und Romane gerade in der gescholtenen jiddischen Alltagssprache zu schreiben, und musste dafür das Jiddische als Literatursprache erst einmal entwickeln. Von Berditschew also führt eine leuchtende Spur zum ersten und wohl auch letzten Nobelpreis für einen jiddischen Autor, für Isaac Bashevis Singer im Jahr 1978. Abramowitsch selbst hatte sich mit einer Satire über die Korruption bei der Fleischsteuer unbeliebt gemacht und musste die Stadt 1869 verlassen. Dafür verewigte er Berditschew unter dem sprechenden Namen Glupsk, was so viel wie Dummstadt heisst. Martin Walser hat Abramowitsch, dem «Grossvater der jiddischen Literatur», 2014 in seinem Büchlein «Shmekendike Blumen» (Duftende Blumen) ein liebevolles Denkmal gesetzt.
(…)
Das wichtigste Werk des Autors [Wassili Grossman], sein Stalingrad-Epos «Leben und Schicksal», von der Stiftung Lesen zu den 100 grössten Romanen des 20. Jahrhunderts gezählt, wurde 1961 vom KGB beschlagnahmt und konnte in der Sowjetunion erst 1988 erscheinen. Grossman hat es seiner Mutter gewidmet, die im Herbst 1941 zusammen mit allen 20 000 Juden Berditschews von deutschen SS- und Einsatzgruppen ermordet wurde.
/ Brigitte van Kann, NZZ 12.4.
In Berditschiw geboren:
Andere berühmte Bewohner

![Oswald Muris / Otto Wand Hansa Weltatlas [1943]. 75 Haupt- und Nebenkarten, 88 Abbildungen, Textteil und alphabetisches Ortsregister. 4. neubearbeitete und erweiterte Auflage mit einer Großraumkarte des Mittelmeeres.](https://lyrikzeitung.com/wp-content/uploads/2016/04/fullsizerender-22.jpg?w=698&h=740)
Florian Keßler berichtet aus Idomeni
Als die erste Tränengas-Granate zerplatzte, standen wir gerade vor dem Zelt von Noura. Noura ist eine junge Lehrerin aus Syrien, die gut englisch spricht und die ich schon vor ein paar Tagen kennengelernt habe. Ihr Mann war unter Assad sechs Monate im Gefängnis. Als er freikam, gaben die beiden sofort ihre Wohnung auf und machten sich mit ihren drei Jungs auf die Flucht aus Syrien. Und als jetzt Monate später nur ein paar hundert Meter entfernt von ihrem Zelt das erste Tränengas der mazedonischen Armee laut platzend detonierte, begann sie sofort zu weinen. Sie sagte, das Geräusch erinnere sie an den Krieg in Syrien. Weinend holte sie dann die paar Taschen der Familie aus dem wie alles hier schlammigen, kleinen Zelt. Wie viele Menschen um uns herum wollte auch ihre Familie nicht abwarten, sondern mit der Menschenmenge auf die Grenze zugehen – in der verzweifelten Hoffnung und wider besseres Wissen, dass sich die Grenze vielleicht, vielleicht jetzt doch für sie öffnen würde. Aber das ist natürlich nicht geschehen.
Stattdessen wurden die Leute einfach fürchterlich behandelt. Eine weitere niederschmetternde Erfahrung in ihrer langen Kette von niederschmetternden Erfahrungen mit europäischer Asylpolitik, die offiziell immer noch den Genfer Flüchtlingskonventionen zu entsprechen behauptet. Die anfängliche Demo jedenfalls weitete sich tatsächlich gegen elf Uhr zum versuchten Grenzübertritt aus. Vorne auf dem Feld vor dem Grenzstreifen waren vor allem Männer, aber gleich dahinter stauten sich auch viele Familien, Kinder, alte Leute, manche von ihnen in Rollstühlen. Viele Helfer warnten die Familien mit Kindern, dass es gefährlich werden würde und sie wenigstens nicht nach vorne gehen sollten. Andere Helfer mischten sich einfach nur unter die Menschen, und ich ärgerte mich über sie. Trotzdem nochmal fester Widerspruch gegen die Behauptung mancher Medien, das alles würde komplett allein durch „europäische Aktivisten“ „angezettelt“, wie sie ja schon so oft benutzt wurde, um Flüchtlingsproteste zu kleinzureden. Die Leute sind aber nun wirklich selber nicht blöd und vor allem wirklich verzweifelt. Sie halten es hier nicht aus. Sie wollen etwas versuchen und haben Hoffnungen, wie wir alle sie hätten. „At least we try“, sagte einer unserer Übersetzer von der Clothes Distribution dazu, mehr nicht, und damit hat er einfach recht.
Für Informationen an die Menschen oder irgendeine Deeskalationsstrategie hatte weder die griechische Polizei noch die mazedonische Armee Verwendung. Stattdessen gingen erstmal Hubschrauber zum Angsteinjagen immer wieder so tief runter, das viele Zelte kaputt gingen. Dann schossen sie stundenlang immer wieder das Tränengas in die Menge, die vorne mit Steinen zurückschmiss, ebenso harte Gummigeschosse und Blendgranaten. Die AfD kann sich zurücklehnen: Ha, wir sind jetzt wirklich schon ganz kurz davor, mit scharfen Waffen Flüchtlinge zu erschiessen, beziehungsweise haben wir auch diese Drecksarbeit an andere Staaten outgesourct. Es gab viele Verletzte. Es gibt hier ja wenig Wasser, keine Duschen und meist keine Ersatzkleidung – die Menschen kriegen das Tränengas also nicht vom Körper und leiden furchtbar. Auch drehte oft der Wind, immer wieder verteilte sich Tränengas über große Teile der Zeltstadt mit den Frauen und Kindern hinweg. Und zu allem Übel waren viele Familien den ganzen Morgen über aus anderen wilden Camps mit all ihrem Gepäck in der Hitze hierher gewandert, weil sie auf die Grenzöffnung hofften. Diese Familien hatten jetzt keine Zelte. Dann setzte auch noch Regen ein, und es wurde dunkel. Freiwillige organisierten die ganze Nacht neue Zelte für sie. Und das war nur der Sonntag in Idomeni. Guten Morgen.
In London wird es zu Ehren des 400. Todestages von William Shakespeare auch eine Ehrung durch Flüchtlings- und Migrantendichter geben. Am 23. April 1616 (julianischer Kalender – in katholischen Ländern schrieb man den 3. Mai) starb der Dichter in Stratford-upon-Avon. Am 23. April veranstaltet Bards Without Borders in London eine Lesung mit 10 Dichtern aus 9 Ländern, darunter Nigeria, Kolumbien, Bosnien, Somalia und Afghanistan. Die Dichterin Laila Sumpton, Mitgründerin, sagt: „Shakespeare verkörpert die britische Kultur und Identität, aber er ist ebenso global. Seine Werke werden in der ganzen Welt gesehen, so daß wir sagen können, daß er nicht Englands Eigentum ist. Unsere Poeten erforschen dieses Konzept und laden mit ihrer Lesung zum Mittun ein.“ Die Show soll den Dichtern eine Plattform geben, ihre Erfahrungen als Migranten und Flüchtlinge mitzuteilen.
Arne Pohlmeier, ein anderes Gründungsmitglied von Bards without Borders, sagt: “Shakespeares Stücke sind randvoll mit Geschichten von Migration, Vertreibung und kulturellem Anderssein. Viele seiner Figuren riskieren lange Reisen und enden als Schiffbrüchige an fremden Ufern. Prospero aus dem Sturm, Perikles, Viola aus Was ihr wollt sind einige der markantesten Beispiele.
Viele andere Figuren sind oder fühlen sich in ihrer Umgebung fremd, was ihre Identität, Gesundheit und Realitätswahrnehmung in Frage stellt, wie Hamlet, Lear, Antipholus von Syrakus in der Komödie der Irrungen. Das sind Erfahrungen, die Shakespeares Figuren mit uns teilen, den Migranten und Flüchtlingen von heute.“ / A younger theatre
Bards without Borders will performance a celebration of Shakespeare’s life on April 23 at Rich Mix.
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