Einladung zum Shakespearejahr

Ein Knüller zum Shakespearejahr bei Signaturen:

Im Shakespeare-Jahr
sieben Sonette wöchentlich
– übersetzt und kommentiert
von Günter Plessow

Jeder Leser ist eingeladen, an den nächsten 155 Tagen jeden Tag ein Gedicht des englischen Barden zu lesen. Oder einmal am Wochenende alle sieben Wochengedichte:

Wir präsentieren Shakespeares Sonette für Anfänger, das heißt: für die Kenner, die anfangen, sich einzugestehen, wie wenig sie eigentlich von dem kennen, über den sie so viel gelesen und so oft gesprochen haben.

Wir präsentieren die ganze Sequenz, so wie sie dasteht: 154 Sonette, englisch und deutsch, in verdaulichen Portionen, wöchentlich sieben zum Septett gebündelt, zweiundzwanzig Wochen lang, ohne zu vergessen, das Erzählgedicht A Lover’s Complaint folgen zu lassen. Leser, die Lust haben, diesen Schritten zu folgen, werden entdecken, daß dies Werk kein Sammelband für Liebhaber panegyrischer Gedichte ist (aber auch kein in sich geschlossener Zyklus), sondern eine eigentümlich offene Komposition, die einem Takt folgt und deren Elemente eng und weiträumig aufeinander reagieren, vergleichbar einer lyrischen Suite mit vier kontrapunktisch angelegten Sätzen: 1. Maßvoll getragen, 2. maßlos erregt, 3. nebenbei bemerkt, 4. desillusioniert.

Staatspreise

In Österreich gibt es viele Staatspreise für Kunst und Literatur (-> Bundeskanzleramt).

Aus einer Mitteilung des Bundeskanzleramts:

„Rechtzeitig zum Welttag des Buches vergeben wir auch heuer wieder sechs wichtige Preise an herausragende Literaturschaffende. (…)

„In unserer durch Medien geprägten Welt sind wir bestens informiert und Wissen ist scheinbar mühelos immer und überall auf Knopfdruck abrufbar. Aber wenn wir die Welt kennenlernen wollen, müssen wir uns entweder selber aufmachen oder können zur Literatur und zu Büchern greifen. Denn in Erzählungen, Romanen, Essays und auch in Gedichten können wir am Leben anderer teilhaben. Dort können wir in Geschichten erfahren, wie es anderen ergangen ist oder ergeht. Einige jener Künstlerinnen und Künstler, die solche Werke schaffen, werden auch heuer wieder für ihre einzigartige literarische Arbeit mit einem Preis der Republik Österreich ausgezeichnet. Ich gratuliere den Preisträgerinnen und Preisträgern sehr herzlich zu dieser Auszeichnung und danke der Jury für ihre wohlbedachte Auswahl an wunderbaren Schriftstellerinnen und Schriftstellern“, so [Kulturminister] Ostermayer.

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk wird mit dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur ausgezeichnet: „Er ist ein Wahrnehmungskünstler und zieht die Leser mit seinem bildkräftigen, von sinnlichen Eindrücken schier übergehenden Stil in diese Welterfahrung mit hinein. Mit fundiertem Geschichtswissen übt er scharfe Kritik am polnischen Selbstbild des ewigen Opfers“, heißt es in der Jurybegründung. Der Österreichische Staatspreis für europäische Literatur wird für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

Der Outstanding Artist Award für Literatur geht in diesem Jahr an Angelika Reitzer: Er wird jährlich an eine Autorin bzw. einen Autor der jüngeren oder mittleren Generation vergeben, die bzw. der bereits wichtige literarische Veröffentlichungen vorweisen kann, und ist mit 10.000 Euro dotiert. Die Jury erklärt: „Die Autorin zählt zu den eigenständigsten Stimmen der österreichischen Gegenwartsliteratur. Reitzer glaubt nicht an das einfach-süffige Erzählen, ist aber auch keine, die Geschichten zertrümmert. Mit großer Ausdauer arbeitet sie an einer Literatur, die der Welt zeigt, wie die Welt ist.“

Der Österreichische Kunstpreis für Literatur geht heuer an Sabine Gruber: Dieser Preis zeichnet das literarische Gesamtwerk einer österreichischen Autorin bzw. eines österreichischen Autors aus und ist mit 15.000 Euro dotiert. „Sabine Gruber erzählt mit existenzieller Wucht von Körper und Seele, von Grenzen und Freiheit, von Verzweiflung und Hoffnung, ihre Werke sind grundiert vom Wissen um die Bedeutung von Sprache und Kunst für das Leben“, so die Jury.

Den mit 15.000 Euro dotierte Österreichische Kunstpreis für Kinder- und Jugendliteratur geht an Linda Wolfsgruber: Die Jury betont: „Mit beeindruckendem Gespür für Farbe und Komposition versteht es Linda Wolfsgruber wie keine andere, ihren Bildern eine ganz eigene Atmosphäre und Spannung zu verleihen. Sie schafft mit ihren Buchillustrationen ausnahmslos Arbeiten von höchster künstlerischer Qualität und Ausdruckskraft und überrascht dabei seit nunmehr dreißig Jahren immer wieder mit neuen Techniken und Ideen.“

Der mit 10.000 Euro dotierte Outstanding Artist Award für Kinder- und Jugendliteratur geht an Elisabeth Steinkellner. „Elisabeth Steinkellner verfügt in ihrem Schreiben bereits über eine bemerkenswerte Bandbreite – Kinderbücher und jugendliterarische Texte finden sich in ihrem Werk ebenso wie Lyrik und Miniaturen oder Anthologiebeiträge. Sie ist in der langen wie in der kurzen Form zu Hause und verfügt unabhängig von der Textgattung über große Stilsicherheit und Ausdrucksvielfalt. In ihrer bilderreichen Sprache weiß sie auch in der Prosa einen sehr poetischen Erzählton zu finden, der ‚große‘ Themen wie den Abschied von der Kindheit schlicht, jedoch umso eindringlicher vermittelt“, so die Jury in ihrer Begründung.

Den biennal vergebenen Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik erhält 2016 Alfred J. Noll. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird von der Jury folgendermaßen begründet: „Als Advokat demokratischer Verhältnisse, unabhängig von textverwertenden Zwangsökonomien, entschieden in selbstgewählter Parteilichkeit und frei von Amtsverpflichtungen ist er ein gesellschaftskritischer Autor, der mit seinen Einsprüchen dazu beiträgt, die Obsolenz des videant consules ne res publica detrimentum capiat aufrecht zu erhalten.“

Lyrikpreis München

Bis zum 29. April 2016 können Gedichte für die erste Vorrunde eingereicht werden.

Die erste Vorrundenlesung findet am 23. Mai statt. Die Vorjury, bestehend aus Ulrich Schäfer-Newiger, Johanna Schumm und Markus Hallinger, wählt hierzu aus den Einsendungen sechs Teilnehmer aus.

Einreichungsmodalitäten unter dem Menüpunkt »Ausschreibung«.

Rückblick: Finale am 24.10.2015

Die Jury hat entschieden

  1. Preis: Ron Winkler
  2. Preis: Dominik Dombrowski

Russische Avantgarde

Als Kuriere und Berichterstatter zwischen Dada Ost und Dada West waren damals Roman Jakobson, Sprachforscher und Dichtungstheoretiker, sowie der georgisch-russische Schriftkünstler Ilja Sdanewitsch unterwegs: Beide standen mit den interessierten Autoren in direktem Kontakt – Sdanewitsch vermittelte zwischen Tbilissi und Paris, Jakobson zwischen Moskau und Berlin (wo er im Juni 1920 die Dada-Messe besucht und Huelsenbecks Dada-Almanach entdeckt hatte).

Dem jungen Jakobson gehört im Übrigen das Verdienst, den Dadaismus in der Sowjetpresse erstmals (im Februar 1921) vorgestellt und gewürdigt zu haben. Sdanewitsch wiederum machte die Wortführer von Dada Paris als Erster mit den Pionierleistungen der russischen «Zukünftler», «Alogiker» und «Transmentalisten» bekannt und stellte die direkte Verbindung zur georgischen Avantgarde her, die unter der Bezeichnung «41°» (gemeint ist der Breitengrad der Stadt Tbilissi) firmierte und den Dadaismus sogleich als ihr westliches Pendant begrüsste.

Freilich konnte Dada für die russischen und georgischen Neuerer kein Vorbild sein, hatten sie doch dessen Forderungen und Errungenschaften um viele Jahre vorweggenommen: Bereits um 1912/13 gab es in Moskau, Petersburg und anderswo in Russland performative Lesungen, absurdes Theater, Unsinnspoesie aller Art, deregulierte Typografie und diverse Programme, die den «Tod der Kunst» und den «Triumph des Nichts» postulierten.

Im Vergleich damit waren die Dadaisten eher Nachzügler denn Vorreiter, wobei allerdings zu berücksichtigen ist, dass sie die vorgängige russische Kunstrevolution nicht aus Prioritätsgründen ignoriert und verdrängt haben – sie ist ihnen ganz einfach entgangen. Festzuhalten bleibt jedenfalls: Was Tzara und Picabia mit «Dadaglobe» als exklusive Pionierleistung avantgardistischer Westkunst dokumentieren wollten, hatten die Russen bereits vor dem Ersten Weltkrieg in allen künstlerischen Sparten vollumfänglich umgesetzt. (…)

Beispielhaft dafür sind die Nitschewoken, die ihren Gruppennamen in ironischer Anlehnung an die Bolschewiken gewählt haben, ihn aber bedeutungsmässig ins Gegenteil verkehrten: Während sich die Bolschewiken (von russisch «bolsche», d. h. «mehr») als siegreiche «Mehrheit» darstellten, bezogen sich die Nitschewoken (von russisch «nitschewo», d. h. «nichts» oder «ist doch egal!») mit ihrem Neologismus wörtlich auf das «Nichts» und kehrten damit auch ihren wegwerfenden Zynismus heraus – man könnte sie demnach zu deutsch als «Nullitäter», «Einerleier» oder «Nichtsianer» bezeichnen.

Ausserhalb Russlands haben die Nitschewoken ein erstes und einziges Mal bei Ilja Ehrenburg Erwähnung gefunden, der sie in seinem Buch über die zeitgenössischen europäischen Kunstbewegungen («Und sie bewegt sich doch», Berlin 1922) explizit als «Dada-Filiale» bezeichnete. Doch auch dieser autoritative Hinweis blieb damals unbeachtet. Erst seit kurzem sind die Dekrete von Dada Moskau in deutscher Sprache greifbar («Die Nichtsler», Edition Raute, Dresden 2015), derweil eine Übersetzung der poetischen Texte sowie deren Einordnung in die dadaistische Wortkunst noch immer ausstehen. / Felix Philipp Ingold, Neue Zürcher Zeitung

Nichtsler in Lyrikwiki

Siehe auch in: Abwärts! – Heft 13 (März 2016) Redaktion: Robert Mießner, Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann, Stefan Ret, Kristin Schulz, Hugo Velarde, Karsten Wildanger. Grafiken: Agnes Grambow.  Preis: 5,00 EUR

These zur Lyrikkritik

von Jan Kuhlbrodt (Postkultur)

Wahrscheinlich gab es noch nie so viel Lyrikkritik wie heute, auch wenn sich das nur bedingt in den großen Medien spiegelt. Das Internet aber ist voll davon, und es gibt eine Menge unabhängiger Literaturzeitschriften. Und wahrscheinlich wurde auch noch nie soviel Lyrik produziert wie heute. Wenn wir mehr Qualität wollen, sollten wir eine Streitkultur entwickeln, das Planschbecken verlassen.

Free Download

National Poetry Month Special: Download Poetry Magazine April 2016 Issue for Free

In celebration of National Poetry Month, we’re happy to offer you, dear readers, a free download of the April 2016 issue of Poetry magazine. It’s available in our iTunes app or as a PDF for your other devices.

The April 2016 issue features a portfolio of poets associated with Split This Rock, a national organization that cultivates, teaches, and celebrates poetry that bears witness to injustice and provokes social change. The issue also includes remarks from members of the Academy of American Poets—the organization that founded National Poetry Month twenty years ago this month—describing what poetry means today; the occasional feature “The View from Here”; and much more. In the digital edition you’ll also find a reading list from contributors to this issue, a curated playlist, and Alice Lyons’s reflection on Hollis Frampton’s film Gloria! as a lyric poem. Listen to this month’s Poetry magazine podcast, hosted by the editors, and watch videos of our “The View from Here” contributors talking about how they encounter poetry in their daily lives. / Poetry foundation

Arbeitsstipendien für Schriftstellerinnen und Schriftsteller 2016 vergeben

Pressemitteilung vom 20.04.2016

Die Kulturverwaltung des Berliner Senats vergibt an 20 in Berlin lebende Autorinnen und Autoren Arbeitsstipendien in Höhe von insgesamt 360.000 €.

Die Stipendiaten erhalten jeweils ein neunmonatiges Stipendium in Höhe von 18.000 € (Monatssatz 2.000 €).

Die diesjährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten sind:

  • Thilo Bock
  • Tom Bresemann
  • Nina Bußmann
  • Marie Gamillscheg
  • Verena Güntner
  • Claus Heck
  • Nikolas Hoppe
  • Hendrik Jackson
  • Odile Kennel
  • Anne Köhler
  • Birgit Kreipe
  • Ute-Christiane Krupp
  • André Kubiczek
  • Sascha Reh
  • Gregor Sander
  • Nis-Momme Stockmann
  • Sonja vom Brocke
  • Thomas Weiss
  • Ron Winkler
  • Natascha Wodin

Der Jury zur Vergabe der Arbeitsstipendien gehörten dieses Jahr an:
Alexander Filyuta, Claudia Kramatschek, Sigrid Löffler, Jörg Magenau, Manuela Reichart und Ernest Wichner.

Die Jury hatte über 271 Bewerbungen zu entscheiden.

Die Stipendiatinnen und Stipendiaten werden sich und ihre Arbeiten im Rahmen einer Veranstaltung voraussichtlich im November 2016 präsentieren. Der Termin wird der Öffentlichkeit vorher bekannt gegeben. / berlin.de

März

Gut, eins noch, ein kleines. Zitat aus dem Poetenladen-Interview mit Kurt Drawert:

Etwas anderes ist die elektronische Verfügbarkeit der Diskussionen, wie sie in Darmstadt zum zweiten Mal, nämlich auch schon 2013, vorgenommen wurden. Ich bin hier nämlich gar nicht der Ansicht, dass die Jury einem online gestellten Mitschnitt aller Redebeiträge weiterhin zustimmen sollte und behalte mir ein weiteres Mitwirken unter diesen Umständen auch noch vor. Allein nach der letzten Auflage des Wettbewerbes habe ich so viele Verwünschungs- und Verleumdungsnachrichten erhalten, meistens verlinkt, weil ich mich in den unzählig vielen diversen Netzwerken selbst gar nicht zurechtfinden würde, dass ich mich fragte, warum man sich das eigentlich zumuten soll. Ein höchstfälliges Schmerzensgeld gibt es dafür ja auch nicht.

/ Mehr im Poetenladen

Geld

Zweifellos gibt es Dinge, über die Kurt Drawert besser Bescheid weiß als über das Internet. Geld & Gedichte auch, völlig unironisch:

Martina Weber: Beim Qualitätsausleseprozess geht es nicht nur um eine ideelle Anerkennung, sondern es geht – ganz besonders in der Lyrik – bei der Vergabe von Literaturpreisen und Stipendien auch um die Verteilung von Geldern und damit finanziellen Mitteln, die es einer Autorin / einem Autor mitermöglichen, sich eine Zeitlang weiter auf das Schreiben zu konzentrieren oder auch darum, weiter in der Künstlersozialversicherung mit ihren günstigen Konditionen versichert zu bleiben und den dafür erforderlichen Gewinn in Höhe von mindestens 3.900 Euro jährlich durch eine KSK-versicherungspflichtige Arbeit zu erzielen. Wir haben also grundsätzlich eine sehr interessante, vielfältige Lyrikszene (ich konzentriere mich auf die Lyrik, weil ich die Prosa nicht beobachte), aber die meisten Dichterinnen und Dichter verdienen mit ihrer Arbeit nur ein Taschengeld, wenn überhaupt. Der Herausgeber des Jahrbuchs der Lyrik, Christoph Buchwald, schrieb vor Jahren im Einladungstext, Lyrik sei derart unbezahlbar, dass sich der Verlag entschlossen habe, statt eines sowieso nur symbolischen Honorars von 10 Euro pro Gedicht gar kein Geld mehr zu bezahlen. Das Verhältnis von Gedichten zu Geld ist gnadenlos. Mir fällt gerade keine Tätigkeit ein, bei der der zeitliche und geistige Aufwand in einem derartigen Missverhältnis zum Honorar steht. In einem Wettbewerb um finanziell lukrative Tätigkeiten wäre das Schreiben von Gedichten wahrscheinlich bei den untersten Rängen zu finden. In deinem Gedichtband Frühjahrskollektion gibt es sogar ein Kapitel mit der Überschrift Geld & Gedichte. In einem Wettbewerb um ein allgemeines gesellschaftliches Prestige würde die Lyrik auch nicht so super abschneiden: Als ich vor einiger Zeit einmal ganz mutig einer Friseurin auf ihre Frage nach meiner Arbeit sagte, ich würde Gedichte schreiben, sagte sie, jetzt hätte ich aber bei ihr ganz viel an Ansehen verloren. Und das passiert nicht nur beim Friseur.

Kurt Drawert: Ich weiß nicht, ob ich von meinem Friseur Verständnis für meine Gedichte und meine soziale Rolle als Autor erwarte. So reich werden Friseure ja nun auch wieder nicht, dass sie es sich leisten könnten, über andere Arbeiter die Nase zu rümpfen. Dass Zeit gleich Geld ist, ist seit Benjamin Franklin, der es schon 1748 sagte, auch keine Geheimsache mehr. Und der Herr Buchwald, nun ja, also ich fürchte, er sah den Wald vor lauter Büchern nicht, als er diese zynische Bemerkung verlor wie andere ihren Verstand. Man stelle sich einmal vor, Unseld hätte seinerzeit, als er bei ihm als möglicher Nachfolger reüssierte, gesagt: »Verehrter Herr Buchwald, wissen Sie, Sie sind ein derart kompetenter, kluger und mit allen Wassern der Betriebskantine gewaschener Lektor, es beschämt mich zutiefst, Sie mit etwas so Gewöhnlichem wie Geld zu entlohnen. Ich dachte mir, vielleicht ein Freiexemplar von jedem neuen Titel des Suhrkamp-Verlages?« Ich glaube, darüber hätte er nun gerade nicht gelacht. Was mich betrifft, ich meine mich jetzt als einen primären Wirtschaftsfaktor für meine Familie, so verdiene ich mit Gedichten recht gut. Bei einer Auflage von etwa eintausend pro Band kommen keine Schulden zustande. Und mein Verlag überweist wirklich alles, Summen respektive, die unter dem Wert einer Briefmarke liegen. Geld zu haben ist sehr anstrengend, finde ich, belastend, irgendwie uncool. Fast so schlimm, wie keines zu haben. Aber kurz doch etwas ernster: mich nervt diese Frage unendlich, weil man natürlich sofort an Gottfried Benn denkt und weiß, dass alle es wissen und dass sich daran doch nie etwas ändert. Ich fühlte mich früher immer sehr allein gelassen, wenn ich so etwas Peinliches wie Geld überhaupt zu einem Thema werden ließ. Denn natürlich stinkt Geld, das weiß ja jeder, weil es die symbolische Ausscheidung aus einem Produktionsprozess ist, sein Abfall sozusagen. Aber dass es einen Wertzusammenhang von Lohn, Entlohnung und Leistung nun einmal gibt, das ist ja keine private Erfindung – und da sind wir naturgemäß die Deppen vom Dienst. Übrigens gibt es dazu einen grandiosen Essay von Gerhard Falkner, der vom »Unwert des Gedichtes« spricht, und das schon in den 1980er Jahren. Andererseits leben wir in Deutschland in einer Weise als Autoren gut, übertroffen vielleicht nur noch von Kollegen in Österreich und der Schweiz, dass jede Klage im Grunde auch etwas unanständig klingt. Ich meine, wir befinden uns in einem radikalen Utilitarismus, da wundert es gelegentlich, überhaupt noch da zu sein. Und vergessen wir nicht, dass es, und gerade bei uns, ein Fördersystem für Literatur gibt, das einzigartig ist auf der Welt. Die soziale Kränkung, durch Nichtbezahlung der Ware auf seine Überflüssigkeit im Kontext der Ökonomie andauernd hingewiesen zu werden, wiegt natürlich sehr schwer. Und dann kommt noch etwas hinzu: die Illusion einer exterritorialen Lebensform als Alternative zum puritanischen Funktionalismus. Manche übernehmen diese Rolle ganz gern und ziehen sich alte Klamotten an, wenn sie zu Lesungen gehen. Mich widert es an.

/ Mehr im Poetenladen

Literarischer März

Der Lyrikwettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis und die Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise

am 17. und 18. März 2017 in der Centralstation Darmstadt

Die Wissenschaftsstadt Darmstadt lädt junge Autorinnen und Autoren ein, sich zur Teilnahme am Literarischen März 2017 zu bewerben.

Bewerben können sich deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die nicht vor 1981 geboren sind.

Einsendeschluss für die Bewerbungen ist der

15.09.2016 

Mehr hier

Am Körper des Wortes

Die deutsche Sprache ist vergleichsweise logisch, eindeutig, transparent – transparent in der Struktur wie in der Herleitung. Zusammenhänge, die bei uns in den Sprachschichten untergehen, sind spürbarer präsent. Sicher käme niemand, ohne nachzuschlagen, auf all das, was im Gedicht steckt. Aber dass etwas drinsteckt, das wird deutlich am Körper des Wortes, an seinen sichtbaren Gliedern mit ihrer latenten Bewegung: Ge- und dichten. Das Wort poem dagegen ist dicht. Verdichtet auf einer Weise, die Fülle kaum ahnen lässt. Man schluckt das Wort, ohne zu kauen. Das Rätsel wird als Rätsel nicht erkannt. Ein Rätsel in fremder Sprache ist nur eine schöne Lautfolge. Paradox: Das Rätsel entfaltet sich erst in der Transparenz, in der Lesbarkeit.

Isabel Fargo Cole: Erfahrung mit Fühmanns Gedicht. Vor Feuerschlünden: Übersetzungsprobleme Teil 1. lyrikkritik.de

Erdogan limerick competition

„I’m a free-born British man, and we don’t live under the blasphemy laws of such despots,“ wrote columnist Douglas Murray. „So in honor of this fact I have spent the weekend writing rude limericks about Mr Erdogan.  And I would hereby like to invite all readers to join me in a grand Erdogan limerick competition.“

It went on, urging submissions be as „filthy and insulting as possible“ about the president, before concluding: „Please submit all entries to theeditor@spectator.co.uk, under the heading ‘The President Erdogan Offensive Poetry Competition‘. The winning poem will be announced by 23 June. Because we may not be able to announce it after that point.“

(On Tuesday, an editor at the Spectator informed WorldViews that the best submission would win a cash prize.) / Ishaan Tharoor, The Washington Post

Was Salafisten zur Weißglut treibt

„Ibn Arabi versucht, den islamischen Glauben von der strengen Orthodoxie wegzuholen und als gelebten Glauben den Menschen nahe zu bringen“. Der Islamwissenschaftler und Autor Stefan Weidner hat den Gedichtzyklus „Der Übersetzer der Sehnsüchte“ des mittelalterlichen islamischen Mystikers Ibn Arabi neu ins Deutsche übertragen – Gedichte, die die Salafisten zur Weißglut treiben, wie Weidner sagt, und die zum Beispiel in Saudi Arabien heute noch verboten sind.

„Wer wissen will, was uns die islamische Kultur jenseits der aktuellen nur noch bedrückenden Nachrichten aus der arabischen Welt zu bieten hat, findet es hier“, schreibt Weidner in seinem Vorwort zu dem von ihm übersetzten Gedichtzyklus. Ibn Arabi ist einer der bedeutendsten mystischen Schriftsteller des islamischen Mittelalters. Geboren in Andalusien, durchstreifte er die gesamte arabische Welt. Sein Grab in Damaskus ist heute ein Wallfahrtsort. Arabis poetisches Hauptwerk mit dem Titel „Der Übersetzer der Sehnsüchte«, von dem bisher nur wenige Auszüge zu lesen waren, erscheint jetzt erstmals vollständig auf Deutsch. / Domradio

Ibn Arabi
Der Übersetzer der Sehnsüchte
Gedichte
Jung & Jung

180 Seiten, gebunden, Format 14,5 x 18,5
€ 25,- [978-3-99027-082-0

Ibn Arabi in L&Poe

Mordnilap-Amor*

3 Zitate aus einer Besprechung von Titus Meyers Palindrom-Roman „Andere DNA“, palindromisch angeordnet und philologisch kommentiert

3

Nein, ein Roman ist es nicht**, auch wenn Hesse und Trakl drin vorkommen. Eher ein vertracktes Gewebe, das den Leser immerfort zum Entschlüsseln zwingt, weil die Satzlogik oft genug auf dem Kopf steht und schon gar nicht aus der Logik der vorangehenden Sätze folgt****. Aber man liest, wie weit sich Sprache reduzieren und – mit einiger Kopfakrobatik – auch noch entschlüsseln lässt. Quasi selbst zur DNA wird, die man immer wieder neu zusammenbauen kann. Was ja nicht heißt, dass jedes Mal ein funktionsfähiges Lebewesen dabei herauskommt. Manchmal wird’s auch nur Ulk, manchmal herrlicher Sprachspaß, der nach einer harten Tour durchs Bergwerk der Worte dann immer wieder in solche Passagen mündet: „Liebe ist fies. Liebe ist Ahnung.“

Mehr muss man über das Thema eigentlich nicht sagen. Aber da es mitten im Text erscheint, muss sich, wer hinfinden will, auch durcharbeiten. Aber das ist auf jeden Fall noch aufregender als jeder abendliche Börsenbericht im Fernsehen.

2

Auf Artikel verzichtet Meyer sowieso††, das & macht er zum Satzzeichen†††, konjugiert wird auch nicht. Der Autor lebt folglich in einem permanenten Jetzt, in dem ihn die Dinge und Zustände regelrecht überfallen, zum sofortigen Reagieren zwingen und damit zu einem Stakkato der Aufgeregtheiten, das einem doch irgendwie vertraut vorkommt, denn man kennt es ja aus Teilen der heutigen Jugendkultur und Teilen der Jugendsprache, die einige Medien und Forscher regelrecht faszinierend finden, weil die Grammatik dort förmlich zu Boden geht.

1

Denn „Annasusanna“, das kann jeder. Besonders gut konnte es der Satiriker Hansgeorg Stengel††††. Unsere Sprache hat diese herrlichen kleinen Gewächse des wortwörtlichen Spaßes. Aber darum geht es Titus Meyer nicht. Er lotet in ganz anderen Tiefen und seine Aufgabenstellung heißt: Wie weit kann ich gehen? Wann beginnt unsere Sprache sich zu verweigern? Wann werden die Texte unverständlich? Brüchig? Wann funktioniert Sprache nicht mehr als lesbarer Text?

/ Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Titus Meyer: Andere DNA, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 10 Euro.

*) Den Kalauer konnte ich nicht unterdrücken. In Wirklichkeit handelt es sich ohnehin um ein gelehrtes, nämlich Goethezitat.

**) Ceci n’est pas un roman. Immerhin: das Wort „Roman“ kommt auf der ersten Seite viermal vor (plus einmal palindromisch versteckt in „Na morse“)***), zweimal „Plot“, „Poesie“ dagegen nur einmal. Wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl ist!

***) Gleich mal nachsehen, wie er viermal „Amor“ am Schluß vermeidet. Da sind sie: Genieredner rann am Ort; wenn Amor-Rede; Genieredner rann am Ort nie; Nieser rann. Am? Ordne Saat.

****) Vergleiche aber die schon vermerkte Schlüsselwort-Dichte. Ein Roman, bei dem Wörter die Handlung vorantreiben. Wort-Plot. Roman im Sitzen†.

†) Gottfried Benn

††) Das wäre zu überprüfen. Immerhin ergibt „der“ den wichtigen Wortstamm „red“, „die“ wird zu „eid“ und auch „ein“ und „nie“ sind schwer zu vermeiden. Und siehe da, die Artikel purzeln nur so. Nur nicht jedesmal wo der Leser sie erwartet. Aber dazu lesen wir ja Literatur, sonst reichte die Zeitung aus.

†††) wie Sibylla Schwarz & e.e. cummings

††††) Hansgeorg Stengel: Annasusanna. Ein Pendelbuch für Rechts- und Linksleser. Eulenspiegel-Verlag, Ost-Berlin 1984

Pulitzerpreis 2016

Zum 100. Mal wurden in den USA die Pulitzerpreise vergeben. In diesem Jahr sind es 15 in journalistischen Sparten und 7 im Bereich „LETTERS DRAMA AND MUSIC“. Dieses sind

Hier eine Leseprobe aus dem Gedichtband von Peter Balakian.

Die anderen Finalisten im Bereich Lyrik waren

Four-Legged Girl, by Diane Seuss (Graywolf Press)

A richly improvisational poetry collection that leads readers through a gallery of incisive and beguiling portraits and landscapes.

Alive: New and Selected Poems, by Elizabeth Willis (NYRB)

A book worthy of its title in which the poet calls readers to look deep within themselves and regard anew the struggle to live.

Nikky Finney (Chair)

John H. Bennett, Jr. Endowed Professor of Creative Writing and Southern Letters, University of South Carolina

Rafael Campo

Associate Professor of Medicine, Harvard University

Al Filreis

Kelly Professor of English, University of Pennsylvania

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