The pataquerical imperative

Here Charles Bernstein is pitching poetry, pitching for poetry, and describing both the acoustic and visual pitch of poetry, and the field, the pitch, of poetry. He’s at once a shill, a carney, a huckster, a used-poem salesperson, a showman, a shaman, a promoter, a master of ceremonies, a promoter, a provocateur, a pitch-man – but only occasionally an apologist. The likes of Sophocles, Longinus, and Sydney all beat him to it, but it’s never too late to pitch again for poetry. A relief pitcher. Plato and his followers have kept hitting dingers. Bernstein is and wants to be the reason the poets were expelled from the Republic. He reads askance the ‘official verse’ poets who have tried not be expelled.

In one possible reading this book is 350 pages of Whitman saying “Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, / (I am large, I contain multitudes.)” For Bernstein, Poetry contains multitudes. He spurns poetry that is orthodox, normal, conventional, predictable, standard. “I can’t bear standards,” he writes, “or, rather, I want to lay them bare” (28). He describes the magazine L=A=N=G=U=A=G=E that he co-founded with fellow poet Bruce Andrews in 1978 as having “pursued a poetry aversive to convention, standardization, and received forms, often prizing eccentricity, oddness, abrupt shifts of tone, peculiarity, error, and the abnormal – poetry that begins in disability…. This is what I call the pataquerical imperative (a syncretic term suggesting weirdness, wildness, and precarious querulousness by combining inquiry with ’pataphysics…)” (76-77). / Frank Davey, London poetry open mic

Pitch of Poetry, by Charles Bernstein. Chicago: U of Chicago P, 2016. 350 pp. $34.44.

Nicht in Zeitungen, sondern in der Lyrik

Das Ringen um die Moderne stehe sehr wohl im Mittelpunkt des intellektuellen Lebens der arabischen Länder. Dabei sei die Frage entscheidend, ob der Weg in die Moderne ein Verlust der historischen Identität bedeute und ob es zwangsweise in Richtung „Verwestlichung“ gehen müsse. Creswell erklärte, die interessantesten Debatten über die Moderne würden nicht in Zeitungen, Romanen oder gelehrten Abhandlungen geführt, sondern in der Lyrik. Sie sei das bedeutendste arabische kulturelle Erbe, „die Königin der Künste“ bis heute, auch wenn ihre Bedeutung langsam abnehme. „Die Dichtung ist die Chronik der Araber“, heiße nicht zufällig eine alte arabische Maxime, sie sei ein „Archiv ihrer historischen Erfahrungen“.

(…)

Neben dem umstrittenen, mittlerweile über 80-jährigen Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis-Träger – Adonis stellte 2011 die syrische Revolution in Frage mit der Begründung, die syrische Gesellschaft sei noch nicht reif für eine Revolution – kam noch ein anderer, vor allem klassenkämpferischer und antikolonialistischer Dichter zur Sprache: der 1941 geborene Palästinenser Mahmud Darwisch, der die „poetische Stimme seines Volkes“ genannt wurde. Sein berühmtestes Gedicht: „Schreib’s auf! Ich bin Araber, / ich placke mich ab wie meine Gefährten im Steinbruch …“. Aber Darwisch ist schon 2008 gestorben. Wie es um die jüngere arabische Poesie steht, ließ der interessante Abend indessen weitgehend offen. / Verena Großkreutz, Eßlinger Zeitung

SWR2-Bestenliste April

Renommierte Literaturkritiker und -kritikerinnen nennen monatlich in freier Auswahl vier Neuerscheinungen und geben ihnen Punkte (15,10,6,3).

Auf Platz 5 im April ein Gedichtband:

Hendrik Rost: Das Liebesleben der Stimmen. Wallstein Verlag, 96 Seiten
Preis: 18,90 Euro
Bestellnummer: ISBN: 978-3-8353-1777-2
Extras: Mittelschwere Lektüre

Hendrik Rost gelingt hier fast alles, er beschwört die große Geschichte und die kleinsten Dinge des Alltags, und er zeigt, wie beides ineinander verwoben ist.
Mit seinem neuen Gedichtband erweist sich Hendrik Rost als einer der maßgeblichen Lyriker seiner Generation. Souverän und tiefenscharf nimmt er die Welt in den Blick, vergewissert sich der eigenen Rolle darin, fragt nach den geschichtlichen Gewordenheiten. Ohne Scheu und seiner poetischen Mittel vollkommen bewusst, kann er die Schönheit von Landschaften oder die Brisanz der kleinen Dinge zum Sprechen bringen. Rosts Gedichte zeigen, wie kunstvoll und innig die vielen Stimmen, die Welt und Literatur bevölkern, verbunden sind.

/ SWR2

Appropriation Literature

iRights.info: Was ist Appropriation Literature?

Annette Gilbert: Der Begriff ist ein Vorschlag von mir, den ich in Analogie zu Appropriation Art gebildet habe. Diese Künstler kopieren absichtlich und strategisch Werke anderer Künstler. Als Appropriation Literature bezeichne ich eine Form von Literatur, die sich anderer Literatur bedient, und zwar, im Gegensatz zu „traditionellen“ Formen wie dem Zitat oder der Collage, in einem sehr extremen Maße: In der Regel wird das fremde Werk nicht ausschnittweise, sondern komplett kopiert. Mir scheint, es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass immer mehr solcher Werke erscheinen.

iRights.info: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Annette Gilbert: Das bekannteste Beispiel ist wohl Jonathan Safran Foers Buch „Tree of Codes“ von 2010. Es wurde geradezu enthusiastisch in den Medien weltweit besprochen. Foer greift zurück auf die Kurzgeschichtensammlung „Die Zimtläden“ von Bruno Schulz und wendet darauf eine Technik an, die man als Erasure bezeichnet. Das heißt, er tilgt aus dem Text Wörter und Satzteile. Die übrig bleibenden Sprachelemente ergeben einen neuen Text.

Annette Gilbert (Hrsg.): REPRINT. appropriation (&) literature. Wiesbaden: Luxbooks, 2014. (Luxbooks KULT)
Seitenzahl: 580 Preis: 39,80 ISBN: 978-3-939557-67-8

Die Cyberpunk-Operettenhaftigkeit des ganzen

Man spürt, dass Hefter sich wohl vor allen Dingen selbst keine Sekunde langweilen wollte. Dieser entspannte Grundgestus ermöglicht der Autorin zweierlei: Erstens Reime – und damit Materialverkettungen – herzustellen, die in ihrer rhythmischen Schludrigkeit und zur Schau getragenen Schlichtheit in anderen Kontexten höchstens peinlich wirken würden, hier aber ohne weiteres „gehen“; zweitens jederzeit die Ausflüge ins (vom dramatischen Ablauf her gesehen) Jenseitige der poetischen Sprache zu unterbrechen und mit einer neuen Szenenüberschrift das „eigentliche“ Spiel weiterzutreiben. In diesem geht es übrigens um einen Komponisten, ein Ungeheuer, eine „Kioskmum“, eine verhungerte Katze und mehrere Gartenroboter. Beispiel gefällig? –

Ungeheuer und Gartenroboter liebkosen einander
eine Minute und vergessen darüber ihre Natur
Pas de Deux, ohne Worte

Unten, oben, Puls Puls Puls Puls,

Nichts ist falsch, was ich an dir taste von dir dachte.

Fühlt sich an, als hantiere man am ganzen
Herz. Nicht real. Bisschen kahl.

Bisschen tuscheln,
lass mich wuscheln, am Ohr, da wächst Flor,
und die Verhärtungen, dolle Knubbel,
bilden sich wieder zurück, heißts.

Los, noch ein Beinchen lupfen.
Kingsize-Bienchen auf Bauch, Schultern tupfen

Material, so zusammengeballt,
dass der Druck einen Ton macht.

Langsam tropft von mir
Gewicht für Gewicht.

Alles, was wir tun können, ist, zu ruhn
auf Rumpf. Oben lodert Kopf.

Ich form mit meinen Händen – ja, es sind Hände –
für diesen Darling einen blitzenden Topf.

Was an diesem Kopfkino auffällt, ist, dass es sich zwar bis in Details seiner Form den Gepflogenheiten zeitgenössischer lyrischer Rede verdankt, man aber an keiner Stelle die Cyberpunk-Operettenhaftigkeit des ganzen aus den Augen verliert.

/ Stefan Schmitzer, Fixpoetry

Martina Hefter
Ungeheuer.
Stücke: Gedichte
KOOKbooks
2016 · 80 Seiten · 19,90 Euro
Broschur mit Umschlag-Poster

Gestorben

Der tunesische Dichter Sghaïer Ouled Ahmed starb am 5.4. nach langem Kampf mit einer Krebserkrankung. Er wurde 1955 in Sidi Bouzid geboren. In den 90er Jahren lebte er in Paris und träumte von der Gründung eines Hauses der Poesie in Tunesien. 1992 lehnte er eine nationale Ehrung ab. 1993 gelang ihm die Gründung eines Hauses der Poesie in Tunis.
2012 hatte er auf Facebook mitgeteilt, daß ihn Salafisten angegriffen hätten. Der Angriff war eine Reaktion auf einen Auftritt in einer Fernsehsendung, in der er ein islamismuskritisches Gedicht vorgetragen hatte.
/ TN. Tunisie Numerique – La Tunisie à l’êre de la democratie (Tunesien im Zeitalter der Demokratie)

Fulminanz und Schludrigkeit

Aus einer Rezension von Timo Brandt, Fixpoetry

Was mich wirklich begeistert hat an „Verbannt!“ ist zweierlei: Zum einen schlicht das Repertoire an Sprache, das einfach beeindruckend ist (womit nicht nur ein hoher Anteil an intelligenten abstrakten Begrifflichkeiten gemeint ist, sondern auch ein hohes Maß an lebendigen, epiphanischen Worten, oft Neologismen). Wie diese Sprache sich dann aber formt zu einem Erkenntnisinstrument, auf dem Ann Cotten stundenlang jammt und improvisiert, das ist Fulminanz. Und reicht weit über das hinaus, was ich in letzter Zeit in Sachen intelligenter Literatur gelesen habe – eine Verbindung von Aussage und Eindrücklichkeit, die in den besten Fällen die Ebene einer guten Shakespearestelle erreicht.

Du weißt, dass du zu wenig ahnst.
Wissen ist Erfrischung nur für den casual Verwender.
So wie dein guter Freund mit seinem kargen Wanst
gibt es dir nie mehr Küsse als du tragen kannst.
Denn eigentlich wird wesentlich sein, einen einzigen
Kuss zu verfolgen, wohin er dich immer bringt.
Dort seiend, weißt du, du erlebst nur einen winzigen
Teil alles anderen – doch der Teil singt.

Dass Ann Cotten viele dieser Behauptungen zuzufliegen scheinen, machte es manchmal allerdings schwer, die Strophen zu ertragen, in denen nicht eine tiefere Idee verhandelt wird, sondern bloß die Handlung weitegetrieben werden muss. Eigentlich wartet man dann, trotz einiger unterhaltsamer Stellen, immer auf den Moment, wenn sich das Geflecht der Reime wieder zu einem präzisen Blick verdichtet und verengt. Dann muss noch nicht mal „neu“ sein, was sie sagt – allein dadurch, dass es in einer lyrischen Wendung daherkommt, wird es sichtbarer, mittelbarer und hämmert sich in die Wahrnehmung, statt nur mal kurz hineingehängt werden. Der Reim wird zu einem Schläger, mit dem die sonst ruhenden Sätze direkt auf den Leser geschlagen werden.

Behauptungen werden heute industriell gefertigt
aus einem kleinen Kanon an Begründungen,
die schon im internationalen Schlagabtausch bewährt sich.
Misstrauen herrscht gegen Erfindungen,
die zu viel ändern – Optimierung bestehender Windungen,
nicht mehr, nicht weniger, wird als Verbesserung erkannt.

Viele dieser Strophen könnte ich mir einzeln vornehmen und eine Rezension darüber schreiben; Ann Cottens Sprache hat eine Kristallstruktur, die hin und wieder so geschliffen ist, dass jede Idee darin gebrochen und in alle möglichen Winkel kaleidoskophaft gespiegelt wird. Für einen Moment ist es dann, als könnten einem einige wenige Zeilen den Kosmos einer ganzen Themennatur erklären.

Das kann auch auffallend kryptisch und an der Grenze zur Willkür sein. Aber die Eindringlichkeit, mit der jede Rundung der Strophen vonstattengeht, gibt den Motiven genug Gestalt, dass man sich darauf einlässt (…)

Cotten hantiert aber nicht nur mit Bravour und Weisheit, sondern auch mit Albernheit und Schludrigkeit. Das macht mitunter großen Spaß und man kann immer noch die pure Handwerklichkeit in Kombination mit dem funkenschlagenden Wortschatz bewundern. Man liest sich in die krudesten Behauptungen hinein, als würde man sich an etwas Wonniges erinnern.

Ann Cotten
Verbannt! Versepos
Suhrkamp
2016 · 168 Seiten · 16,00 Euro
ISBN: 978-3518071434

Hauptstadt-Literatur

Die Berliner haben einen „Rat für die Künste“ gewählt. Über ihn heißt es:

Der Rat für die Künste vertritt als gewähltes unabhängiges Gremium die Berliner Kultur. Die Mitglieder des Rates sind vierundzwanzig Persönlichkeiten, zu denen sowohl Kulturschaffende bekannter Berliner Kulturinstitutionen als auch freischaffende Künstler_innen gehören.

Vertreter der Literatur sind nicht dabei. Christian Rieger vom ilb und Florian Höllerer vom LCB hatten kandidiert. Hier die Liste.

(Ists auch nicht Lyrik…)

Wesentlich

Zeitungsmeldung aufs Wesentliche reduziert:

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich von einem Gedicht des ZDF-Moderators Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan distanziert.

Bleibt höchstens noch hinzuzufügen, daß dies in einem Telefonat mit dem türkischen Regierungschef geschah. Buchenswert: Zwei Regierungen sprechen über Gedichte. Wann hat es das zuletzt gegeben, bei Walter Ulbricht vielleicht (aber da nur 1 Regierung mit sich selber).

Hinweis für Neugierige: Klicken Sie auch mal in die Lücke zwischen den Worten 😉

Der Diskurs geht weiter (1)

schreibt Kristian Kühn von den Signaturen:

Lyrik und Kritik

Und zwar mit dem ersten Germanisten (& Lyriker), der sich einschaltet:

Wolfram Malte Fues: „Objektive Kriterien“? Ein Beitrag zu den Debatten über Literaturkritik

http://signaturen-magazin.de/wolfram-malte-fues—objektive…

Wie die Zahl (1) schon andeutete, ging es über Nacht weiter mit:

Konstantin Ames, Armin Steigenberger: Lobbyismus, Buddies & Homies, Kollektive,
Fanzonen und Implosionen
als ausbaufähige Wirklichkeit (in hineingemischten Digressionen), Signaturen

(Text von Steigenberger von kursiven Ames-Einwürfen durchbrochen)

Die bisherige Debatte hier

EJ und JD

EJ:

Mit ihren neuesten Gedichten zieht Friederike Mayröcker alle Register. Zärtlich bekennt sie sich zum postumen Partnerlook in Sachen Ernst Jandl: „Du hast gewildert in den Manuskripten von EJ“.

Und JD:

Doch ihr literarischer Mittelsmann ist nicht Baudelaire, sondern „JD“, der französische Philosoph Jacques Derrida. Täglich liest sie in seinem Buch „Glas“ (Paris 1974), das auf Deutsch „Totenglocke“ heißt, und sie liest darin schon seit mehr als sechs Jahren. „Ich erlebe Wunder mit GLAS was mein Schreiben angeht … Es ist das Honiglecken es ist das Geweihte es ist der Duft dieses Buches es ist ein Taumel von Sprache.“

/ Herbert Wiesner, Die Welt

Friederike Mayröcker: „fleurs“. Suhrkamp, Berlin. 151 Seiten, 22,95 €.

Huchel-Preis für Barbara Köhler

Der Gedichtband sei eine Liebeserklärung an die türkische Stadt am Bosporus, würdigte die Jury das Werk. Köhler schaffe es, „ein raffiniertes Netz von Sprachbildern und Bildsprache“ zu bilden und daraus „einen fliegenden lyrischen Teppich, der ganz selbstverständlich im Alltag auch die Wucht des Politischen einfängt“ zu knüpfen. Der Gedichtband passe daher genau in die Zeit.

Die 56-Jährige nahm die mit 10.000 Euro dotierte Ehrung am Sonntag in Staufen bei Freiburg entgegen. Der Peter-Huchel-Preis wird seit 1984 gemeinsam vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk (SWR) vergeben. Der Preis gilt als einer der bedeutendsten für Lyrik im deutschsprachigen Raum.

Ausgezeichnet wird jeweils ein herausragendes Werk des Vorjahres. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Elke Erb, Guntram Vesper, Manfred Peter Hein und Oswald Egger*. Vor einem Jahr erhielt der Dichter Paulus Böhmer den Preis. / SWR

*) Namen aus der SWR-Meldung von mir ausgetauscht – variatio delectat.

Gespräch mit Barbara Köhler

Lyrikpreis Meran

Am 7. Mai 2016 wird der Lyrikpreis Meran zum 13. Mal vergeben. Die neu ernannte Jury hat neun Finalistinnen und Finalisten nominiert, zugelassen waren 178 Autorinnen und Autoren.

Für die Endrunde des Wettbewerbs eingeladen sind demnach Konstantin Ames (1979), Helwig Brunner ( 1976), Carolin Callies (* 1980), Kenah Cusanit (1979), Thilo Krause (1977), Rainer Stolz (1966), Asmus Trautsch ( 1976), Mikael Vogel (1975) und Markus R. Weber (1963).

Die neun Finalistinnen und Finalisten werden am 6. und 7. Mai 2016 im Pavillon Des Fleurs ihre Gedichte, die sie bis September 2015 für den Wettbewerb eingeschickt hatten, dem Publikum und der Jury präsentieren. Die neu besetzte Jury besteht aus Thorsten Ahrend (Lektor Wallstein Verlag, D), Urs Allemann (Dichter, CH), Ulrike Draesner (Essayistin, Dichterin, D), Konstanze Fliedl (Professorin für Neuere Literatur an der Universität Wien, A) und Paul Jandl (Literaturjournalist, A).

Eröffnet wird der internationale Lyrikpreis am 5. Mai 2016 um 18.00 Uhr mit Durs Grünbein, der zu den renommierten Dichtern des deutschsprachigen Raums gehört und mit zahlreichen Preisen bedacht wurde.

Ausgeschrieben wurde der 13. Lyrikpreis Meran vom Südtiroler Künstlerbund/Literatur und von Literatur Lana. / Südtiroler Tageszeitung

Herburgers Antipoesie

Der 1932 im Allgäu geborene Herburger gehört einer Generation an, die noch das aktive Erleben des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit in ihrem Werk verarbeitet haben. In seinen Gedichten hält er diese Zeit lebendig, nicht als biederer Mahner, sondern als Wort- und Gedankenjongleur. So wundert es kaum, dass die Gegenwart bevölkert ist mit den GI und der sowjetischen Besatzungsarmee, es wimmelt von Stalinisten und Bürokraten, dem Mief der 1950er Jahre, die Günter Herburger literarisch ausmistet: „Ein Kinderwagen unter Beschuss?/ Der sowjetische Film./ Laute von Schnüren aus der Scham gezogen,/ westliche Mode./ Dazu Peenemünde stöhnte der Zahnarzt,/ Peenemünde.“

Herburger zeigt uns die Rückseiten, Wundränder und Brüche, die Angst und das aschgraue Alter, die Traumlosigkeit und eine tiefe Verletzung. Hier, wo wir leben, findet sich keine Herrlichkeit und die Versprechen sind abgewetzte Taschen, in denen sich gebrauchte Taschentücher befinden. Das, was wir meinen zu besitzen, nämlich die Liebe, glaubt man dem Autor, heißt: Wir befinden uns in einer Sackgasse, aus der wir wohl nicht mehr herausfinden können. Wir müssten längst umgekehrt sein in ein anderes Verständnis von Zusammensein – in ein anderes, wahres und menschliches Empfinden von Vereinigung. Uns dies vor Augen zu führen, bedarf es solcher Autoren wie Günter Herburger. Zu den beeindruckenden Gedichten des Bandes gehören die Porträts von E.E. Cummings und Jakob von Hoddis, denen der Autor auf seine Weise die Reverenz erweist: unsentimental, ohne jedes Pathos. Seit den „Maulwürfen“ und späten Versen von Günter Eich hat es eine solche Art von Anti-Poesie, die das genaue Gegenteil des Erhabenen und Gekünstelten ist, im deutschsprachigen Raum kaum mehr gegeben. Es scheint, als hätte sich ein gewisser, gut informierter Nihilismus mit der Vitalität einer nicht abbrechenden Schaffenskraft verbunden. Und darin liegt sie: die unbändige Lust. Die Lust am Sein, an Werden und Vergehen -und das Zugewandte zu allen Kreaturen, denn: „Wimpertierchen/ haben sieben Geschlechter,/ vermehren sich ewig, sind unsterblich.“ / Tom Schulz, Signaturen

Günter Herburger: Schatz. Liebesgedichte. Gerstetten (Kugelberg Verlag) 2015. 117 Seiten. 18,99 Euro.

Großes Lob

Seit einem Jahr sind die Sender und die – um das Wort komm ich jetzt nicht herum – Gazzetten voll des Lyriklobs. „Lyrik erlebt derzeit ein Hoch“ (Börsenblatt 3.6.15); „Lyrik steht derzeit hoch im Kurs beim Publikum“ (NZZ 29.7.15); „Heute ist Lyrik en vogue und aus der Mitleidsecke heraus“ (DLR 16.8.15); Lyrik findet zunehmend Beachtung“ (dpa 31.1.16); „Renaissance der Lyrik in Zeiten des Gelabers“ (Süddeutsche 4.3.16); als hätte für die deutsche Lyrikwelt eine neue Zeitrechnung begonnen“ (Tagesspiegel 16.3.16); „Das neue deutsche Lyrikwunder“ (Zeit 16.3.). (Text und Datierung jeweils nach den Webseiten).

Da ist es gut, neben der Lyrik und dem Wagner auch mal Einzellob zu verteilen. Voilà:

Max Czollek ist Lyriker und hat einige der schönsten Gedichte geschrieben, die es in deutscher Sprache zu lesen gibt

Ich habe nichts gegen Wagner und nichts gegen Czollek, ich zitiere nur mal. Letzteres brühwarm. Das stand so gestern in der Welt und steht so auch heute und sicher morgen noch. Ich habe auch nichts gegen Günter Herburger und Tom Schulz. Letzterer schreibt über den vorletzten bei Signaturen:

Die etwa achtzig Gedichte dieser Sammlung, die mit einem feinsinnigen Nachwort von Mirko Bonné versehen wurden, stehen wie ein Fels in einem seichten Meer der Gegenwartslyrik, wie sie uns zuhauf präsentiert wird.

Schöne neue Lyrikwelt.