(Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode.)
Im vergangenen Jahr wurden 43 Prozent der Originalveröffentlichungen in der Sparte Hardcover-Belletristik von Frauen verfasst. Je weniger U, desto weniger ♀. Während Frauen bei historischen Romanen und Krimis gut vertreten sind, bringen die renommierten Verlage im Hardcover deutlich weniger Originaltitel von Frauen heraus. Wir reden hier teilweise von einem Verhältnis von zwei zu elf oder elf zu 20 – schockierende Zahlen, eigentlich. Was heißt hier eigentlich?
Und erst die Literaturpreisnominierungen! Ich zähle mich in Rage. Diesmal fand die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse gerade ein einziges von einer Frau geschriebenes Buch gut genug, um es als einen der 15 nominierten Titel aufzuführen. Der Deutsche Buchpreis: 64 von 220 Nominierungen in elf Jahren. / Katy Derbyshire, Die Zeit
Erst vor wenigen Wochen wurde dem schwedischen Lyriker, Dramatiker und Romanautor Lars Gustafsson in Warschau der Internationale Zbigniew-Herbert-Preis zugesprochen. Die Preisverleihung sollte am 17. Mai in Warschau erfolgen, Gustafssons 80. Geburtstag. (Radio Polen).
Jetzt melden Zeitungen (zuerst Dagens Nyheter) den Tod des 79jährigen.
Gustafsson wurde am 17. Mai 1936 in Västerås geboren. 1962 bis 1972 war er Redakteur des Bonniers Litterära Magasin. 1972 kam er mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin, wo er zwei Jahre lebte. 1981 konvertierte er zum Judentum. 1983 bis 2006 war er Gastprofessor an der University of Texas in Austin/Texas.
Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehörte der Prix International Charles Veillon des Essais 1983, der Bellmanpreis 1990, der Tranströmerpreis 2006, Goethe-Medaille des Goetheinstituts 2009, Selma-Lagerlöf-Preis 2009 und Thomas-Mann-Preis 2015. Seine Bücher erschienen auf Deutsch bei Hanser, anfangs übersetzt von Hans Magnus Enzensberger. Zuletzt erschienen Der Dekan (2016), Das Feuer und die Töchter (2014) und Das Lächeln der Mittsommernacht (2013).
Nachruf in der Welt.
Lars Gustafsson in L&Poe
Ein Kunsthistoriker und eine Linguistin wollen in Deutschland die größte Graffiti-Datenbank der Welt aufbauen. Sie erhoffen sich Erkenntnisse über die urbane Sprachlandschaft.
(…)
Ein Trend im Fach ist die Erforschung von „linguistic landscapes“, von Sprachlandschaften im öffentlichen Raum. Dieser Raum hat sich auch aus linguistischer Sicht in den letzten fünfzig Jahren radikal verändert. „Es ist alles voller Schrift“, sagt Tophinke. Werbeschriftzüge gehörten dazu, aber eben auch Graffiti. Wenn Tophinke auf einzelne Wörter in Städten stößt, „Hass“ oder „Liebe“, sieht sie darin auch einen „assoziativen Sprachgebrauch“, der sie an Lyrik erinnert.
Wer kommuniziert mit wem? An welchen Orten, in welchen Farben, welcher Sprache? In der Datenbank soll alles genauestens erfasst werden. Papenbrock und Tophinke haben lange an ihrem Kategoriensystem gebastelt, die Liste reicht vom Trägermedium (Stromkasten, S-Bahn, Parkbank) über den Tonfall (beleidigend, drohend) bis zu Fragen von Syntax und Style. / Wiebke Hollersen, Die Welt
ohne jeden Halt rutschen die Tage an den langen Fahnen des Monatskalenders herunter
Hansjürgen Bulkowski
Mit diesem Bändchen liegt nun wieder eine kleine Auswahl vor, mit der man eintauchen kann in die Lyrik der Frühverstorbenen. Auf jeden Fall eine Freude für alle Liebhaber barocker Lyrik. Vielleicht gibt’s ja noch mehr bis zum 400. Geburtstag.* Ganz vergessen ist sie auf jeden Fall in Greifswald nicht. Auch ein Roman und ein Theaterstück erinnern an das Schicksal der Bürgermeistertochter, die auf ihre Weise eindrucksvoll zeigte, dass es auch wichtige weibliche Stimmen in der deutschen Literatur dieser Zeit gab. Anrührend und klug. Ihr Grab findet man übrigens im Greifswalder Dom.** / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung
Sibylla Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 9 Euro.
*) Das Gesamtwerk – über 100 Texte – erscheint 2016 in einer kritischen Ausgabe ebenfalls bei Reinecke & Voß
**) Genauer gesagt, findet man es nicht (es sei denn, man gräbt den Boden um). Eine Grabtafel ist nicht erhalten. Immerhin findet man ihr Bild (unten die vierte von rechts).
Brigitte Struzyk
Entgegnung
Ich, beispielsweise,
komme zu gar nichts.
Nichts und Niemand
kommen zu mir
und viele Kinder,
die eignen
und auch die fremden.
In Worten:
wieder nichts geschafft.
Da bleibt
das Chaos der Dinge
einfach erhalten.
Der größte Teil dieser Schöpfung
wurde nie richtig geboren,
das beweist eine Fahrt mit der U-Bahn,
und das finden Sie in Ordnung?
1983
In: Brigitte Struzyk: Leben auf der Kippe. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1984, S. 120
L&Poe gratuliert der Autorin zum heutigen Geburtstag.
Brigitte Struzyk im Lyrikwiki
Gute Nachricht (und keineswegs ein Aprilscherz):
Sperrsitz. Gegenwart im Gedicht.
Der Buchhändler Bernhard Handke und der Lyriker Tristan Marquardt kuratieren die neue Lyrikabteilung bei Literatur Moths. Dort ist ab sofort eine breite Auswahl an neuen Gedichtbänden zu finden, ihr Band des Monats, die „Lyrikempfehlungen 2016“, Veranstaltungshinweise und mehr.
Zur Eröffnung am 2. April 2016 präsentieren die Kuratoren gemeinsam mit weiteren Streiter*innen fürs Gedicht ausgewählte Neuerscheinungen.
Die Münchner Lyrikerin Anja Bayer stellt ihr jüngst erschienenes Debüt „ungewusstes Fell“ vor. Und Markus Hallinger [Sieger beim Lyrikpreis München 2014], der letzten Herbst seinen zweiten Band „Gesummsel“ veröffentlicht hat, wird lesen. Verbringen Sie mit uns den späten Nachmittag in der Buchhandlung, kommen Sie mit uns ins Gespräch über die Bücher, die Lyrikszene, die Gegenwart im Gedicht.
Ablauf:
16 Uhr Eröffnung, Bücherschauen, Trinken, Rauchen, Knabbern
17 Uhr-17 Uhr 30 Lesung Anja Bayer und Markus Hallinger
18 Uhr-18 Uhr 30 Präsentation ausgewählter Neuerscheinungen (Mitwirkende: Karin Fellner (Lyrikerin), Holger Pils (Leiter Lyrik Kabinett) u.a.Literatur Moths
Rumfordstraße 48, München
Wundersamerweise war es gerade dieser magisch inspirierte und gerne benebelte Dichter, der bei seinen Reisen in Israel um 1960 das offen diskriminierte Jiddisch – geschmäht als Sprache der historischen Verlierer im aschkenasischen Europa – wieder hoffähig machte.
Nun tafelte der Dichterfürst Manger beim Staatspräsidenten, seine nostalgischen Purimspiele und Liederabende wurden von Golda Meir und der vollständigen Knesset bewundert, er erhielt in Israel Wohnung, Ehrungen, hatte in Kibbuzim und Autorenklubs erneut ein hingerissenes Publikum, obwohl er das Hebräische nie beherrschte. Am Ende wurde der schwerkranke Manger von Freunden in Israel bis zu seinem Tod im Februar 1969 gepflegt.
(…)
Im kaum geordneten Nachlass in Jerusalem, wo man das kostbare Manger-Archiv 2009 achtlos auflöste, fand und übersetzte die Autorin Mangers Zeilen, die nicht nur sein Leben, sondern auch für sein tragisches, verdammtes Säkulum stehen: „Ich komm aus den Öfen von Auschwitz, / Ich bin jung und auch alt, / Ich war Millionen gewesen, / Nun bin ich Ein-Gestalt.“ / Dirk Schümer, Die Welt
Efrat Gal-Ed: „Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter.“ Jüdischer Verlag, Berlin. 784 Seiten, 44 €.
Manger in L&Poe
Der Lyrikpreis ‚Orphil‘ geht in diesem Jahr an die 1962 in München geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird am 9. Juni im Literaturhaus Villa Clementine übergeben. Eine Fachjury, bestehend aus dem Kritiker und Herausgeber Michael Braun, dem Literaturkritiker Alf Mentzer sowie der Schriftstellerin Silke Scheuermann, hat sich einstimmig für die Preisträgerin entschieden. Ulrike Draesner erhält die Auszeichnung aus den Händen von Kulturdezernentin Rose-Lore Scholz für ihren 2014 erschienenen Band ‚Subsong‘ (Luchterhand Literaturverlag).
Das Buch beeindruckte die Jury durch seine spielerische Intellektualität. Die Autorin setze Laute und Vogelstimmen, kindliche Sprache und mütterliche Einlullgesänge ein, um wissenschaftlich und kulturell geformte Sprechweisen in anderen Texten zu grundieren. ‚Der meisterhaft komponierte Band lässt sich auch als einziges, langes Gedicht lesen, das auf verschiedenen Ebenen zeigt, was ‚Sprache‘ ist – und was sie sein kann‘, so Silke Scheuermann.
Zudem zeichnet die Jury die 1985 in Berlin geborene Lyrikerin Rike Scheffler aus. Sie erhält für ihr Gedichtbuch ‚der rest ist resonanz‘ (kookbooks Verlag) den mit 2.500 Euro dotierten ‚Orphil‘-Debütpreis. ‚Rike Scheffler ist eine moderne Sappho mit Gitarre und Loopmaschine. Ihre Gedichte zelebrieren die kompositorische Einheit von Sprache, Musik und Gesang und entfalten sich als Text-Klang-Collagen von außerordentlicher Suggestivität‘, so Michael Braun.
Beide Preise werden in Kooperation mit hr2-kultur am 9. Juni 2016, 20.00 Uhr, im Literaturhaus Villa Clementine, vergeben. Die musikalische Umrahmung der Preisverleihung übernimmt das ‚Contrast Trio‘, bestehend aus Yuriy Sych (Klavier), Tim Roth (Bass) und Martin Standke (Schlagzeug), die Moderation erfolgt durch Alf Mentzer.
Vergeben wird der ‚Orphil‘ alle zwei Jahre an Lyriker oder Lyrikerinnen, die mit ihrem Werk Stellung beziehen und sich politischen wie stilistischen Moden zu widersetzen wissen. Vor vier Jahren erhielt Ursula Krechel den Preis, vor zwei Jahren Karin Kiwus. Orphil nannte George Konell jene eisernen Gockel auf den Rathäusern Frankreichs, die für ihn das Lied des Sängers Orpheus und die Ideale der Französischen Revolution verkörperten. Gestiftet hat die Preise Ilse Konell, Witwe des 1991 verstorbenen Dichters George Konell, der viele Jahre seines Lebens in Wiesbaden verbrachte und am 6. Juni seinen 104. Geburtstag gefeiert hätte.
Zum 172. Geburtstag von Paul Verlaine (geboren am 30.3. 1844). Verlaines klangvolle Sprache ist schwer übersetzbar. Selma Meerbaum-Eisinger (Merbaum), das Mädchen aus Czernowitz, das 1942 18jährig in einem deutschen Arbeitslager starb, übersetzte sein Herbstlied nicht nur ins Hochdeutsche, sondern auch ins Jiddische. (Fortsetzung im Juni)
Selma Meerbaum-Eisinger
harbst-lid (lid fun pol verlen ibergesezt funem franzejsischn*)
a lang gewejn, fidlen alejn harbst-farnacht. s’gejt scho noch scho fun benkschaft blo un fartracht.
derschtikt das glik kuk ich zurik — schohen gejn ch’se jene teg, sunike teg — un ich wejn.
ich loß sich gejn in wint, alejn — schwer un mat. a mide asa asoj wi a tojt blat.
*) Gedicht von Paul Verlaine, aus dem Französischen ins Jiddische übersetzt.
gewejn: Gewein, Weinen
fidlen: fiedeln, geigen
farnacht: Nacht
scho noch scho: Stunde um Stunde
benkschaft: Sehnsucht
blo: blau
fartracht: Nachdenken, denke nach
derschtikt: erstickt
gejn: (die Stunden) gehn
teg: Tage
sunike: sonnige
wejn: weine
a mide asa: auf solche Art
asoj: so
tojt: tot
Paul Verlaine
Chanson d’automne
Les sanglots longs
Des violons
De l’automne
Blessent mon coeur
D’une langueur
Monotone.
Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l’heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure
Et je m’en vais
Au vent mauvais
Qui m’emporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte.
Das war im Jahr 1916, in dem Rubén Dario starb, ein Genie, halb Indio in Nicaragua geboren. Stellen Sie sich vor: Aus der untersten Peripherie der spanischen Sprache, Ende des 19 Jahrhunderts geboren, schaffte es dieser Mann, die Dichtkunst zu erneuern. Ein Phänomen. Dario ist Begründer des lateinamerikanischen Modernismus und er veränderte die spanischsprachige Literatur für immer. Aber wussten Sie auch, dass Dario wiederum Schriftstellerinnen verachtete? Er erkannte sie nicht an, die meisten seien hässlich und lesbisch, so Dario, von George Sand bis Sappho…schauen Sie mich nicht so an Madame, so verwundert, solche Dinge passieren… Aber wissen Sie, Ruben litt viel in seinem kurzen Leben, seine erste Frau starb, von seiner zweiten ließ er sich scheiden, er hatte immer Geldprobleme, trank wie ein Loch und starb an einer Lungenentzündung im Alter von 49 Jahren. / Esther Andradi, Fixpoetry
Für den Leser zählt am Ende nur das Leseerlebnis, nicht die menschliche Autorschaft. Der Autor wiederum könnte, wie von Dahl oder Leiber beschrieben, zum literarischen Art-Director werden, der Handlungen und Figuren skizziert; ein kreativer Algorithmus generiert dann den Roman aus diesen Elementen. Zumindest die Autoren der Unterhaltungsliteratur dürften dieser Revolution zum Opfer fallen, ebenso deren Verlage und die Buchhandlungen. Globale Medienkonzerne werden die Themen wie den Markt dominieren.
Es sei denn, die Leser entscheiden sich doch gegen dieses Szenario und somit gegen journalistische und literarische Texte, die nichts Authentisches, Empfundenes, Erlebtes, Erduldetes, Erdachtes, Reflektiertes zu bieten haben, sondern nur die Simulation menschlicher Gedankengänge und Gedankenspiele. Setzte sich eine derartige Textgenese durch, dann würde der menschliche «Weltinnenraum», wie ihn Rainer Maria Rilke genannt hat, zu einer residualen Kategorie schrumpfen und einer Hochliteratur vorbehalten bleiben. / Bernd Flessner, NZZ 31.3. (darin auch Stochastische Texte / Autopoeme)
In „wolkenformate“ sind die Worte sorgsam gesetzt. Wir sehen das Ergebnis einer Übereinkunft des Dichters Hansen mit seinem Verleger Michael Wagener, der zugleich bildender Künstler ist und Fotografien seiner Serie landskeips zur grafischen Gestaltung des Buches nutzt. Wir werden an den Doppelsinn des Wörter-Setzens erinnert: Einerseits geht es um die Wahl der richtigen Worte, das Arbeiten an den Versen, solange, bis die Worte ihren endgültigen Platz gefunden haben (an den im ersten Kapitel wird was wolkenform hat eingefügten fast zwanzig Gedichten hat der Autor fünf Jahre bis zur Veröffentlichung gearbeitet), andererseits um die Wahl der grafischen Mittel, die Typografie, die hochwertige Umsetzung der Texte in einer bibliophilen Ausgabe, dieses Relikt aus vergangener Druckerzeit, das Setzen der Buchstaben.
Hansens Gedichte als wortkarg zu bezeichnen, nur weil sie zumeist mit wenigen Worten auskommen (und dabei ihren Sinn nicht auf den ersten Blick freigeben), wäre eine Verkennung der gewählten Arbeitsmethode. Sie sind am Kondensat interessiert, bilden nur noch das Übriggebliebene ab, ohne die Sinnzusammenhänge zu unterdrücken. / Eric Giebel, Fixpoetry
Dirk Uwe Hansen
Wolkenformate
reihe staben im Gutleut Verlag
2016 · 64 Seiten · 16,00 Euro
ISBN: 978-3-936826-84-5
Man muß nicht das Gras wachsen hören, um zu bemerken, daß die Diskurse sich verschieben. „Lügenpresse“ war jahrelang ein Kampfslogan der Neonazis und sickerte in den letzten beiden Jahren in breite Kreise quer zu politischen Linien ein. „Reichsbürger“ kämpften schon gegen die GEZ, als es sie noch gab, heute tun das viele. „Deutschland erwache“ riefen diverse Reaktionäre und also auch die Nazis, heute schallt es aus rechten, linken und diffusen Foren: „Wacht endlich auf“!
„Teutsche wehrt Euch!“ gegen Frankreich, lese ich in einer Schrift von 1689.
„Deutsche wehrt euch, kauft nicht bei Juden!“ schmierten die Nazis 1933. „Posemuckel wehrt sich“ heißt eine Serie rechter Kampfbünde, die sich seit ein paar Jahren gegen Flüchtlingsunterkünfte „wehren“, nicht mehr nur mit Worten, sondern inzwischen tausendfach mit Zündmitteln. Aber Worte zündeln immer mit. „Zwickau wehrt sich“, „Wismar wehrt sich“, „Neubrandenburg wehrt sich“, „Karlsruhe wehrt sich“, „Rems-Murr wehrt sich“… Im vorigen September gründete sich ein rechtes Bündnis „Greifswald wehrt sich“ und versucht bislang mit geringem Erfolg, in Greifswald einen Pegidaableger zu etablieren.
„Nein zum Heim – Marzahn-Hellersdorf“, die „Gemeinschaft“, die Anfang des Jahres die Story mit dem angeblich von südländischen Männern entführten 13jährigen Mädchen zuerst brachte, zitiert den „Berliner Kurier“ so:
„Europa wehrt sich“, titelte 2009 die DVU,
heute fast jeder. Am 24.1. 2015 der Bayernkurier,
vor vier Tagen „Die Welt“:
Ich bin nicht gegen konkrete Maßnahmen zur Strafverfolgung und Verbrechensverhinderung; aber die Kollektivmetapher „Wehrt euch“ schafft eine mythische Gefährdung, eine anbrandende „Flut“ (auch eine dieser Metaphern), gegen die man sich „geschlossen“ „wehren“ muß. Eigentlich ein sprachlicher Atavismus. „Wehren“ geht auf ein indoeuropäisches Wort mit der Bedeutung „mit einem Flechtwerk, Zaun, Schutzwall umgeben“ zurück und ist mit dem Wort „Wurm“ verwandt. Bürgerwehren als menschlicher Schutzwall gegen die Barbaren von draußen. Aber der Barbar ist immer schon da, es ist der „Wurm“, der „sich Windende“, der mit Drehbewegungen Erde „aufwirft“, dem Feinde zur „Wehr“. Fernere Verwandte sind: Werk, Vers, Wurst.
Seit neustem ist die wehrhafte Metapher im Qualitätsfeuilleton angekommen. Die FAZ berichtet über eine Widerrede von Reinhard Jirgl gegen Rafik Schami. Ich urteile nicht über Jirgls Widerrede, wenn er nichts über Islam sagt, soll er das auch sagen. Mir stößt die „wehr“hafte Inszenierung durch den redaktionellen Paratext auf:
(Hör ich das Gras wachsen, wenn ich da mithöre, daß sich nun auch der Autor in die Ab“wehr“-Front einreihe, Posemuckel, Europa und Autor „wehren sich“? Die Militanz der Titelung – Autor wehrt sich, Aggressor überschreitet Grenze, Attackierte – spricht für sich.) Ich hoffe, ihr wißt nicht, was ihr da tut. Ich fürchte, ihr wißt es wenigstens halb.
Nur der Tippfehlerteufel hat ein Einsehn und „whert sich“:
Dombrowskis Gedichte sind unterschiedlich lang, kurze Gedichte sind dabei eher die Ausnahme, was von ihrem narrativen Duktus herrührt, der für die außergewöhnliche Variationsbreite der Verse sorgt, die teils die Zeilenlänge sprengen oder sehr lakonisch teils nur aus ein bis zwei Worten bestehen – ganz charakteristisch mit den „typischen“ Schrägstrichen versehen, die weitere Interruptionen und Fermaten implizieren. Und es finden sich im neuen Band mehr Gedichte denn je, darunter auch mehrere Zyklen, was für Dombrowski überraschend ist; wo Finissage schon aufgrund des parasitenpresse-Formats naturgemäß sehr schmal ausfiel, rein quantitativ, und Fremdbestäubung als Band der Nummernlosen Reihe im selben Verlag etwa um die Hälfte dicker war, sind nun die Fermaten in der edition AZUR im Vergleich ein richtiger „Lyrikziegel⁴“ – aber eben nicht nur verdichtete Lyrik sondern auch prosanahe (wie auf der Website der edition AZUR ebenfalls zu lesen ist:) „Storys“ finden sich in einem Band zusammen, was ich so lese, dass innerhalb der Gedichte diverse Narrationen auftreten. / Armin Steigenberger, Signaturen
Dominik Dombrowski: Fermaten. Gedichte. Dresden (edition AZUR) 2016. 90 Seiten. 17,90 Euro.
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