Aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde

Seit anderthalb Jahren kämpft Kapitän-Leutnant der ukrainischen Seestreitkräfte Maxim Musyka im ostukrainischen Kriegsgebiet Donbass. In Momenten der Ruhe entstehen in seinem Zelt „stille Schöpfungen“ – seine in Verse und Strophen gefassten Erlebnisse und Gefühle. Unter diesem Titel kam im Februar Musykas erster Gedichtband heraus. (…)

In der Nacht zum 11. Dezember [2013] initiierte er mit seinen Freunden eine Menschenkette zwischen den Protestierenden und der Kolonne junger Kadetten der Regierung. „Wir stellten uns mit unserem Rücken gegen die Kolonne, um ihnen zu zeigen, dass wir friedlich sind, gleichzeitig wollten wir vermeiden, dass aus der Menschenmenge in ihre Richtung geworfen wird. Die geringste Provokation hätte Blut zu Folge haben können. Sehr viel Blut. So standen wir sechs Stunden. Nach einiger Zeit haben die Kadetten ihre Schilder gesenkt, die Knüppel eingesteckt, die Helmscheiben nach oben geklappt. Wir unterhielten uns mit ihnen, legten ihnen Karton unter die Füße, damit sie nicht erfroren“, erzählte er in einem Zeitungsinterview.

(…) Erst im Krieg hat Musyka angefangen zu dichten. Seine Gedichte sagen das Unaussprechbare. Es ist eine Möglichkeit „auszuatmen“. Er schreibt, wenn nicht geschossen wird, in Momenten der Stille und nennt das Geschriebene „stille Schöpfungen“ oder „tichotworenija“ – ein russisches Wortspiel. Lässt man im Wort „Gedicht“ – „stichotworenije“ den ersten Buchstaben weg, so bekommt das Wort eine neue Bedeutung und wird zur „stillen Schöpfung“. (…)

Kämpfen muss er manchmal auch hinter der Front. Etwa, wenn ihm vorgeworfen wird, auf Russisch und damit in der Sprache der Okkupanten zu schreiben. Dann wird er emotional. „Mehrmals war ich drauf und dran, nur auf Ukrainisch zu schreiben, aber ich will nicht das tun, wozu ich gezwungen werde“, erklärt Musyka. / Grigori Pyrlik, taz

Sachen mit Wörtern

2011, mitten im Onlineblog-Boom, gründete sich Sachen mit Wörtern. Jede Ausgabe steht unter einem Motto, zu dem dann Lyrik, Kurzprosa, Lesebühnentexte und Bilder abgedruckt werden. „Wir sehen Literatur als Prozess an, als Experiment und nicht als Produkt“, erklärte Mitgründerin Lubkowitz das Konzept. Die Zeitschrift hat eine kleine Auflage von 250 Stück, das Heft kostet 3,50 Euro. Damit sind die Kosten nicht gedeckt. „Wir finanzieren uns über Soli-Partys, Crowdfunding und Fördergelder.“ / taz

Wenn Jamben

Thomas Kunst

Genau genommen hoffe ich auf Klärung.
Geduld und Leistung führen nie zum Ziel.
Jahrhundertstrophen bleiben ohne Ehrung.
Gelingt durch strenge Schwafelei das Spiel
Betreuter Anpassung ans Geld, wieviel
Verändert sich, wenn Jamben durch Verlage
Verschiedener Herkunft ziehen, infantil
Genug, zu glauben, das sei nicht die Frage.
Von Suhrkamp bis Azur: es kommen bessere Tage.

Schmallenberger Dichtertreffen

Aus der Rückschau bedeutete das Schmallenberger Dichtertreffen eine Weichenstellung in der Literaturgeschichte, da es der literarischen Moderne in Westfalen zum Durchbruch verhalf. Während des Treffens prallten zwei Dichtergenerationen aufeinander: Jene heimatverbundenen Schriftsteller der älteren Generation um Josefa Berens-Totenohl, Maria Kahle und Heinrich Luhmann, die an ihrer im Nationalsozialismus formulierten Literaturauffassung festhielten, und auf der anderen Seite die der literarischen Moderne verpflichteten jungen Schriftsteller um Hans Dieter Schwarze, Paul Schallück, Erwin Sylvanus oder Ernst Meister. / Literaturland Westfalen

Schmallenberg in L&Poe

Stimmen die Stimmen

Was ist die eigene Stimme, was kann ich mit ihr tun? Wie mit Appropriation arbeiten? Im Kollektiv? Wie kann ich Vielstimmigkeit, auch Mehrsprachigkeit, in der Poesie Raum und Stimme geben? Sprechen, singen? ++ Tagsüber Symposium und Workshops, abends Präsentationen.

Mit Daniel Bayerstorfer, Andreas Bülhoff, Black Cracker, Sirka Elspass, Ernesto Estrella, Christiane Heidrich, Tabea Xenia Magyar, Rick Reuther, Cia Rinne, Lara Rüter, Max Wallenhorst, Anja Utler und Nora Zapf. Moderation: Rike Scheffler und Daniela Seel. Tontechnik: Kevin Nagel.

++ Eine Veranstaltung von KOOK e.V., mit freundlicher Unterstützung von Lettrétage, Ausland und Literaturwerkstatt Berlin sowie der Berliner Senatskanzlei — Kulturelle Angelegenheiten.

— Freitag, 22.4., 20 Uhr, Lettrétage
— Samstag, 23.4., 20 Uhr, Ausland

Mehr

Originalität

»Heute«, beklagte sich Herr K., »gibt es Unzählige, die sich öffentlich rühmen, ganz allein große Bücher verfassen zu können, und dies wird allgemein gebilligt. Der chinesische Philosoph Dschuang Dsi verfaßte noch im Mannesalter ein Buch von hunderttausend Wörtern, das zu neun Zehnteln aus Zitaten bestand. Solche Bücher können bei uns nicht mehr geschrieben werden, da der Geist fehlt. Infolgedessen werden Gedanken nur in eigner Werkstatt hergestellt, indem sich der faul vorkommt, der nicht genug davon fertig bringt. Freilich gibt es dann auch keinen Gedanken, der übernommen werden, und auch keine Formulierung eines Gedankens, die zitiert werden könnte. Wie wenig brauchen diese alle zu ihrer Tätigkeit! Ein Federhalter und etwas Papier ist das einzige, was sie vorzeigen können! Und ohne jede Hilfe, nur mit dem kümmerlichen Material, das ein einzelner auf seinen Armen herbeischaffen kann, errichten sie ihre Hütten! Größere Gebäude kennen sie nicht als solche, die ein einziger zu bauen imstande ist!« / Bertolt Brecht: Geschichten vom Herrn Keuner

Geniale Dilettanten

Als Teenager wird er von Sid Vicious wachgeküsst, nennt sich fortan Tommi from Germany und schreibt erste Slogans an die Häuserwände, „allergisch kontaminiert gegen Rasenmähen und gleichzeitig gegen jegliche andere Form von Vorgartendingen“. / Felix Stephan über Schorsch Kamerun, Die Zeit

Experte für das Obszöne

Ein elegantes Spiel mit einem Klassiker der Kunstgeschichte betreibt in der neuesten Ausgabe, der Nummer 11 der Literaturzeitschrift „Mütze“ der Dichter und Übersetzer Christian Filips. Er hat Gedichte des Renaissance-Genies Michelangelo ausgegraben, die den Maler und Bildhauer nicht als Heros formvollendeter Kunst zeigen, sondern als Experten für das Obszöne, Unflätige und Rohe. Michelangelo selbst, so Filips, habe die Vorstellung des erhabenen Künstlers und Schöpfergotts ausgehebelt – durch Lässigkeit. So heißt es in einem Gedicht in frivoler Schnoddrigkeit: „Vorm Hause liegt der Unrat von Giganten; / Wer Trauben oder Abführmittel fraß, / Scheißt hier herum und kotzt an alle Kanten. // Die Seele hat vom Leib dieses Vergnügen: / Er könnte sie, wenn sich der Darm entleert, / Auch nicht mit Käs und Nudeln wieder kriegen.“ / Michael Braun in seiner Zeitschriftenschau, Poetenladen

Dort über

Akzente, Heft 1/2016  externer Link
Carl Hanser Verlag, Postfach 860420, 81631 München. 116 Seiten, 9,60 Euro

Poet, Nr. 20  externer Link
poetenladen Verlag, Blumenstraße 25, 04155 Leipzig. 230 Seiten, 9,80 Euro

Neue Rundschau, Heft 1/2016  externer Link
S. Fischer Verlag, Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt a.M., 312 Seiten, 15 Euro

Mütze #11  externer Link
Urs Engeler, Turnhallenstr. 166, CH-4325 Schupfart, 52 Seiten, 6 Euro

Treibhaus, No. 11  externer Link
Edition Text+Kritik Levelingstr. 6a, 81673 München, 410 Seiten, 39 Euro

Schlafzimmer des Gegners

Nicht die Form, aber das inhaltlich Primitive verbindet es [Böhmermanns] mit einigen der berühmtesten Schmähgedichte der Weltliteratur. Kein Wunder: In der Invektive, wie man sie nach dem Wort „invehi“ für „schmähen“ nannte, ging es darum, mit allen Mitteln eine bestimmte Person so weit wie nur möglich herabzusetzen. Haarsträubende Übertreibungen und Unwahrscheinlichkeiten sind da geradezu zwingendes Gattungsmerkmal, ebenso wie „tiefste“ Vergleiche.

So ist in anderen Invektiven gegen Caesar von den „unverschämten Lustmolchen“ Caesar und Mamurra die Rede; und dass Mamurra (ein Günstling Caesars) „die Betten aller wie ein weiser Täuberich“ durchwandere. Erstaunlich, dass Caesar trotzdem versuchte, sich mit dem Verfasser dieser Zeilen zu versöhnen, und ihn dafür auch großzügig zu sich einlud. Die Tonart war damals nicht unüblich, die Römer stöberten besonders gern im Schlafzimmer des Gegners, wenn sie ihn beleidigen wollten. Hehre Motive hatten sie dabei nicht unbedingt. Catull, ein wohlhabender und vermutlich ziemlich unpolitischer Bürger, hat Caesar wohl aus persönlichen Gründen attackiert.

Genauso wie der für seine Spottgedichte berühmte griechische Lyriker Archilochos im 7. Jahrhundert v. Chr. einen Mitbürger. Es ist wohl eher Legende, dass er die Familie eines Mädchens, das er nicht heiraten durfte, mit seinen Versen in den Selbstmord trieb, jedenfalls rächte er sich aber verbal bitter an ihrem Vater. Auch seine fein gefeilten Gedichte auf bekannte Zeitgenossinnen waren heftig. /   Die Presse

Poetopie

Orte, die wir bewohnen – Kleidung, die uns überlebt

Hansjürgen Bulkowski

Hessische Literaturtage

19.04. – 23.04.

Rüsselsheim am Main

Aus dem Programm:

Dienstag, 19.04. um 19:00 Uhr
Eröffnung in der Stadtbibliothek Rüsselsheim am Main
Am Treff 5, 65428 Rüsselsheim am Main

„Hessen, Europa, Welt & Web“
Hessische Autorinnen und Autoren lesen Prosa und Lyrik
Christiane Geldmacher, Ursula Flacke, Harry Oberländer und Horst Samson

Mittwoch, 20.04. um 19:30 Uhr
Königstädter Bücherfreunde e. V.
Im Reis 29, Einkaufszentrum, 65428 Rüsselsheim am Main-Königstädten

„Lebensbrüche“
Autorinnen und Autoren aus der Region lesen aus ihren Prosa-Neuerscheinungen
Barbara Zeizinger, Maria Knissel, Alexander Pfeiffer und Eric Giebel

Samstag, 23.04. um 19:00 Uhr
Welttag des Buches
Buchhandlung Kapitel 43
Marktstraße 32-34, 65428 Rüsselsheim am Main

Zwei x Zwei
Prosa und Lyrik hessischer Autorinnen und Autoren
Iris Welker-Sturm, Irmgard Maria Ostermann, Ewart Reder und Peter Kapp
Entritt 5 Euro

Verhängnisvolle Liebe eines Siegers

(Eine historische Meldung aus dem L&Poe-Archiv)

Der Erdrutsch-Sieger aus der Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, liebt Gedichte – und darf deshalb auf Lebenszeit kein Amt mehr bekleiden. „He recited a poem and his life changed“, titelte der Turkish Press Scanner der turkish daily news vom 23.4.1998.

FAZ-Bericht:

Nicht wenige seiner Reden leitet Erdogan mit Gedichten ein, schon 1973 hatte er in Istanbul einen Gedichtlesewettbewerb gewonnen. Erdogan ist ein Verehrer der islamischen Mystik, des Sufismus, und die Essenz der Sufis findet er in Gedichten besser wieder als in der Prosa. / FAZ 5.11.2002, S. 12.

Über das Urteil von 1998 berichtete die taz:

Der 44jährige Politiker war wegen einer Rede, die er im Dezember letzten Jahres [d.i. 1997] im ostanatolischen Siirt gehalten hatte, vom Staatssicherheitsgericht Diyarbakir zu zehn Monaten Haft verurteilt worden. In seiner Rede hatte er den Dichter Ziya Gökalp zitiert: Die Moscheen sind unsere Garnisonen, die Kuppeln unsere Helme, die Minarette unsere Bajonette und die Gläubigen unsere Soldaten. Nachdem das Urteil wegen Volksverhetzung am Mittwoch vom Kassationshof bestätigt wurde, bleibt ihm als letzter Weg der Antrag zur Berichtigung des Urteils, der jedoch von derselben Instanz bearbeitet und mit Sicherheit negativ beschieden wird. Erdogan verliert damit seinen Posten, er darf lebenslang nicht für öffentliche Ämter kandidieren, wird aus seiner Partei ausgeschlossen und muß für mindestens vier Monate ins Gefängnis. / TAZ, 25.9.98

Über Gökalp (1876 – 1924) schreibt die FAZ:

Dieser Dichter und Denker aus Diyarbakir im Südosten ist  eigentlich der Ideologe des modernen Türkismus, auf dessen Werk „Die Grundlagen des Türkismus“ … sich der Republikgründer Atatürk stützte; mit islamischem Fundamentalismus hatte er wenig im Sinn. Sein Bestreben ging vielmehr dahin, den Islam zu türkisieren, bis in die Sprache hinein. /FAZ 5.11.2002, S. 3

Skeptisch gegenüber der Partei Erdogans bleibt der türkische Schriftsteller Nedim Gürsel:

Ich teile den Optimismus gewisser türkischer Intellektueller keineswegs, die denken, die AKP werde sich mit ihrem fortan europäisch angepaßten islamischen Gesicht leicht ins System einfügen. Politische und kulturelle Unverträglichkeiten mit europäischen Werten erscheinen mir offensichtlich. Denn der Islam ist, anders als das Christentum, eine Religion, die der Gemeinschaft einen Code civil vorschreibt und das gesellschaftliche wie das individuelle Leben reglementiert. Er läßt sozusagen keine Form von Weltlichkeit zu. / FAZ 12.11.2002

Schlechtere Zeiten für Lyrik?

(Eine historische Meldung aus dem Jahr 2002)

Ja – wenn es nach Enzensberger geht. Der nämlich fordert in der FAZ vernünftige Preise für seine Gedichte:

Die Buchproduktion ist, soweit ich sehen kann, die einzige Branche, bei der – um im Bild zu bleiben – ein Hamburger genausoviel kostet wie ein Tournedos und eine Portion Pommes frites soviel wie eine getrüffelte Pastete. Wohin wir auch blicken, ob es sich um Kleider handelt, Schmuck, Porzellan, Möbel, überall ist erstklassige Qualität teurer als der Schund, nur bei den Büchern nicht. Das ist höchst sonderbar, um nicht zu sagen abergläubisch. / FAZ 9.11.2002

Außerdem sollte jedes Land, wie bisher Restaurantführer, jährliche Literaturführer herausbringen, „von strengen, unabhängigen, gefürchteten Testern*) verfaßt“, um für den orientierungslosen Leser „die Spreu vom Weizen zu trennen“. Brave new world of poetry!

*) Bewerbungen an das FAZ-Feuilleton

In der Zwischenzeit

Griffin Poetry Prize Shortlist

TORONTO – April 12, 2016 – Scott Griffin, founder of The Griffin Trust For Excellence In Poetry is pleased to announce the International and Canadian shortlist for this year’s prize. Judges Alice Oswald (UK), Tracy K. Smith (USA) and Adam Sol (Canada) each read 633 books of poetry, from 43 countries, including 25 translations.

The seven finalists—four International and three Canadian—will be invited to read in Toronto at Koerner Hall at The Royal Conservatory in the TELUS Centre for Performance and Learning, 273 Bloor Street West, Toronto, on Wednesday, June 1st at 7.30 p.m. The seven finalists will each be awarded $10,000 for their participation in the Shortlist Readings.

The winners, to be announced at the Griffin Poetry Prize Awards on Thursday, June 2nd, will each be awarded $65,000.

International

  • The Quotations of Bone ● Norman Dubie. Copper Canyon Press
  • Conflict Resolution for Holy Beings ● Joy Harjo. W. W. Norton & Company
  • 40 Sonnets ● Don Paterson. Faber and Faber
  • Heaven ● Rowan Ricardo Phillips. Farrar, Straus and Giroux

Canadian

  • Frayed Opus for Strings & Wind Instruments ● Per Brask and Patrick Friesen, translated from the Danish written by Ulrikka S. Gernes. Brick Books
  • Infinite Citizen of the Shaking Tent ● Liz Howard. McClelland & Stewart
  • Tell: poems for a girlhood ● Soraya Peerbaye. Pedlar Press