Der Seefahrer

Heute zwei Gedichte mit fast dem gleichen Titel und von zwei Autoren, die heute Geburtstag haben. Georg Heym wurde am 30. Oktober 1887 geboren, Ezra Pound genau zwei Jahre früher. Pounds Gedicht heißt The Seafarer / Der Seefahrer, das von Heym: Die Seefahrer. Pounds Gedicht ist die sehr musikalische Übersetzung eines altenglischen Gedichts aus einer Handschrift des 10. Jahrhunderts, die älteste Darstellung eines Seefahrers, der allein mit dem Meer kämpft, in der englischen Literatur.

Ezra Pound: The Seafarer (Anfang)

From thc Anglo-Saxon

May I for my own self song’s truth reckon,
Journey’s jargon, how I in harsh days
Hardship endured oft.
Bitter breast-cares have I abided,
Known on my keel many a care’s hold,
And dire sea-surge, and there I oft spent
Narrow nightwatch nigh the ship’s head
While she tossed close to cliffs. Coldly afflicted,
My feet were by frost benumbed.
Chili its chains are; chafing sighs
Hew my heart round and hunger begot
Mere-weary mood. Lest man know not
That he on dry land loveliest liveth,
List how I, care-wretched, on ice-cold sea,
Weathered the winter, wretched outcast
Deprived of my kinsmen;
Hung with hard ice-flakes, where hail-scur flew,
There I heard naught save the harsh sea
And ice-cold wave, at whiles the swan cries,
Did for my games the gannet’s clamour,
Sea-fowls’ loudness was for me laughter,
The mews‘ singing all my mead-drink.
Storms, on the stone-cliffs beaten, fell on the stern
In icy feathers; full oft the eagle screamed
With spray on his pinion. (…)

(Hier gibt es den altenglischen Originaltext mit Übersetzung)

Ezra Pound: Der Seefahrer

Aus dem Angelsächsischen

Mög ich in meines Liedes Redlichkeit
Von Reisen radebrechen; wie ich in harter Zeit
Fährnis erfuhr oft.
Bittere Herz-Bang hab ich verbüßt,
Kannte auf meinem Kiel manch Kummers Klaue
Und baumhohe Brandung; oft verbracht ich
Voll Not die Nachtwach am Bug des Nachens,
Dieweil er kämpft an Klippen. Kälte fraß
Da meine Füße, starr vor Frost.
Klamm seine Ketten; stechendes Keuchen
Hetzte mein Herz und Hunger erzeugte
Meermüdigkeit. Daß kein Mann verkenne,
Wie er auf Festland lieblichstens lebt,
Lauschet wie ich, kummer-gepeitscht auf eiskalter See
Widerstand einst dem Winter – erbärmlicher Auswurf
Bar meiner Sippschaft.
Harter Eis-Schorf haftete an mir, Hagel flog.
Hörte dort nichts als harsches Meer
Und eiskalten Seegang; zuweilen ein Schwan-Schrei!
Diente zur Lust mir Seeraben-Lärm,
Vogel-Laut war mein Gelächter,
Möwenlied mein Met-Trunk.
Von Steinklippen prallten Stürme gegens Heck,
Eisig gefiedert; vielmals kreischte der Adler
Mit Gischt auf dem Fittich. (…)

Deutsch von Eva Hesse. Aus: Ezra Pound, Personae / Masken. Gedichte. München: dtv, 1992 (zuerst 1959 Zürich: Arche), S. 93

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