Hauptstadt-Literatur

Die Berliner haben einen „Rat für die Künste“ gewählt. Über ihn heißt es:

Der Rat für die Künste vertritt als gewähltes unabhängiges Gremium die Berliner Kultur. Die Mitglieder des Rates sind vierundzwanzig Persönlichkeiten, zu denen sowohl Kulturschaffende bekannter Berliner Kulturinstitutionen als auch freischaffende Künstler_innen gehören.

Vertreter der Literatur sind nicht dabei. Christian Rieger vom ilb und Florian Höllerer vom LCB hatten kandidiert. Hier die Liste.

(Ists auch nicht Lyrik…)

Wesentlich

Zeitungsmeldung aufs Wesentliche reduziert:

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich von einem Gedicht des ZDF-Moderators Jan Böhmermann über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan distanziert.

Bleibt höchstens noch hinzuzufügen, daß dies in einem Telefonat mit dem türkischen Regierungschef geschah. Buchenswert: Zwei Regierungen sprechen über Gedichte. Wann hat es das zuletzt gegeben, bei Walter Ulbricht vielleicht (aber da nur 1 Regierung mit sich selber).

Hinweis für Neugierige: Klicken Sie auch mal in die Lücke zwischen den Worten 😉

Der Diskurs geht weiter (1)

schreibt Kristian Kühn von den Signaturen:

Lyrik und Kritik

Und zwar mit dem ersten Germanisten (& Lyriker), der sich einschaltet:

Wolfram Malte Fues: „Objektive Kriterien“? Ein Beitrag zu den Debatten über Literaturkritik

http://signaturen-magazin.de/wolfram-malte-fues—objektive…

Wie die Zahl (1) schon andeutete, ging es über Nacht weiter mit:

Konstantin Ames, Armin Steigenberger: Lobbyismus, Buddies & Homies, Kollektive,
Fanzonen und Implosionen
als ausbaufähige Wirklichkeit (in hineingemischten Digressionen), Signaturen

(Text von Steigenberger von kursiven Ames-Einwürfen durchbrochen)

Die bisherige Debatte hier

EJ und JD

EJ:

Mit ihren neuesten Gedichten zieht Friederike Mayröcker alle Register. Zärtlich bekennt sie sich zum postumen Partnerlook in Sachen Ernst Jandl: „Du hast gewildert in den Manuskripten von EJ“.

Und JD:

Doch ihr literarischer Mittelsmann ist nicht Baudelaire, sondern „JD“, der französische Philosoph Jacques Derrida. Täglich liest sie in seinem Buch „Glas“ (Paris 1974), das auf Deutsch „Totenglocke“ heißt, und sie liest darin schon seit mehr als sechs Jahren. „Ich erlebe Wunder mit GLAS was mein Schreiben angeht … Es ist das Honiglecken es ist das Geweihte es ist der Duft dieses Buches es ist ein Taumel von Sprache.“

/ Herbert Wiesner, Die Welt

Friederike Mayröcker: „fleurs“. Suhrkamp, Berlin. 151 Seiten, 22,95 €.

Huchel-Preis für Barbara Köhler

Der Gedichtband sei eine Liebeserklärung an die türkische Stadt am Bosporus, würdigte die Jury das Werk. Köhler schaffe es, „ein raffiniertes Netz von Sprachbildern und Bildsprache“ zu bilden und daraus „einen fliegenden lyrischen Teppich, der ganz selbstverständlich im Alltag auch die Wucht des Politischen einfängt“ zu knüpfen. Der Gedichtband passe daher genau in die Zeit.

Die 56-Jährige nahm die mit 10.000 Euro dotierte Ehrung am Sonntag in Staufen bei Freiburg entgegen. Der Peter-Huchel-Preis wird seit 1984 gemeinsam vom Land Baden-Württemberg und dem Südwestrundfunk (SWR) vergeben. Der Preis gilt als einer der bedeutendsten für Lyrik im deutschsprachigen Raum.

Ausgezeichnet wird jeweils ein herausragendes Werk des Vorjahres. Zu den bisherigen Preisträgern gehören unter anderem Elke Erb, Guntram Vesper, Manfred Peter Hein und Oswald Egger*. Vor einem Jahr erhielt der Dichter Paulus Böhmer den Preis. / SWR

*) Namen aus der SWR-Meldung von mir ausgetauscht – variatio delectat.

Gespräch mit Barbara Köhler

Lyrikpreis Meran

Am 7. Mai 2016 wird der Lyrikpreis Meran zum 13. Mal vergeben. Die neu ernannte Jury hat neun Finalistinnen und Finalisten nominiert, zugelassen waren 178 Autorinnen und Autoren.

Für die Endrunde des Wettbewerbs eingeladen sind demnach Konstantin Ames (1979), Helwig Brunner ( 1976), Carolin Callies (* 1980), Kenah Cusanit (1979), Thilo Krause (1977), Rainer Stolz (1966), Asmus Trautsch ( 1976), Mikael Vogel (1975) und Markus R. Weber (1963).

Die neun Finalistinnen und Finalisten werden am 6. und 7. Mai 2016 im Pavillon Des Fleurs ihre Gedichte, die sie bis September 2015 für den Wettbewerb eingeschickt hatten, dem Publikum und der Jury präsentieren. Die neu besetzte Jury besteht aus Thorsten Ahrend (Lektor Wallstein Verlag, D), Urs Allemann (Dichter, CH), Ulrike Draesner (Essayistin, Dichterin, D), Konstanze Fliedl (Professorin für Neuere Literatur an der Universität Wien, A) und Paul Jandl (Literaturjournalist, A).

Eröffnet wird der internationale Lyrikpreis am 5. Mai 2016 um 18.00 Uhr mit Durs Grünbein, der zu den renommierten Dichtern des deutschsprachigen Raums gehört und mit zahlreichen Preisen bedacht wurde.

Ausgeschrieben wurde der 13. Lyrikpreis Meran vom Südtiroler Künstlerbund/Literatur und von Literatur Lana. / Südtiroler Tageszeitung

Herburgers Antipoesie

Der 1932 im Allgäu geborene Herburger gehört einer Generation an, die noch das aktive Erleben des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit in ihrem Werk verarbeitet haben. In seinen Gedichten hält er diese Zeit lebendig, nicht als biederer Mahner, sondern als Wort- und Gedankenjongleur. So wundert es kaum, dass die Gegenwart bevölkert ist mit den GI und der sowjetischen Besatzungsarmee, es wimmelt von Stalinisten und Bürokraten, dem Mief der 1950er Jahre, die Günter Herburger literarisch ausmistet: „Ein Kinderwagen unter Beschuss?/ Der sowjetische Film./ Laute von Schnüren aus der Scham gezogen,/ westliche Mode./ Dazu Peenemünde stöhnte der Zahnarzt,/ Peenemünde.“

Herburger zeigt uns die Rückseiten, Wundränder und Brüche, die Angst und das aschgraue Alter, die Traumlosigkeit und eine tiefe Verletzung. Hier, wo wir leben, findet sich keine Herrlichkeit und die Versprechen sind abgewetzte Taschen, in denen sich gebrauchte Taschentücher befinden. Das, was wir meinen zu besitzen, nämlich die Liebe, glaubt man dem Autor, heißt: Wir befinden uns in einer Sackgasse, aus der wir wohl nicht mehr herausfinden können. Wir müssten längst umgekehrt sein in ein anderes Verständnis von Zusammensein – in ein anderes, wahres und menschliches Empfinden von Vereinigung. Uns dies vor Augen zu führen, bedarf es solcher Autoren wie Günter Herburger. Zu den beeindruckenden Gedichten des Bandes gehören die Porträts von E.E. Cummings und Jakob von Hoddis, denen der Autor auf seine Weise die Reverenz erweist: unsentimental, ohne jedes Pathos. Seit den „Maulwürfen“ und späten Versen von Günter Eich hat es eine solche Art von Anti-Poesie, die das genaue Gegenteil des Erhabenen und Gekünstelten ist, im deutschsprachigen Raum kaum mehr gegeben. Es scheint, als hätte sich ein gewisser, gut informierter Nihilismus mit der Vitalität einer nicht abbrechenden Schaffenskraft verbunden. Und darin liegt sie: die unbändige Lust. Die Lust am Sein, an Werden und Vergehen -und das Zugewandte zu allen Kreaturen, denn: „Wimpertierchen/ haben sieben Geschlechter,/ vermehren sich ewig, sind unsterblich.“ / Tom Schulz, Signaturen

Günter Herburger: Schatz. Liebesgedichte. Gerstetten (Kugelberg Verlag) 2015. 117 Seiten. 18,99 Euro.

Großes Lob

Seit einem Jahr sind die Sender und die – um das Wort komm ich jetzt nicht herum – Gazzetten voll des Lyriklobs. „Lyrik erlebt derzeit ein Hoch“ (Börsenblatt 3.6.15); „Lyrik steht derzeit hoch im Kurs beim Publikum“ (NZZ 29.7.15); „Heute ist Lyrik en vogue und aus der Mitleidsecke heraus“ (DLR 16.8.15); Lyrik findet zunehmend Beachtung“ (dpa 31.1.16); „Renaissance der Lyrik in Zeiten des Gelabers“ (Süddeutsche 4.3.16); als hätte für die deutsche Lyrikwelt eine neue Zeitrechnung begonnen“ (Tagesspiegel 16.3.16); „Das neue deutsche Lyrikwunder“ (Zeit 16.3.). (Text und Datierung jeweils nach den Webseiten).

Da ist es gut, neben der Lyrik und dem Wagner auch mal Einzellob zu verteilen. Voilà:

Max Czollek ist Lyriker und hat einige der schönsten Gedichte geschrieben, die es in deutscher Sprache zu lesen gibt

Ich habe nichts gegen Wagner und nichts gegen Czollek, ich zitiere nur mal. Letzteres brühwarm. Das stand so gestern in der Welt und steht so auch heute und sicher morgen noch. Ich habe auch nichts gegen Günter Herburger und Tom Schulz. Letzterer schreibt über den vorletzten bei Signaturen:

Die etwa achtzig Gedichte dieser Sammlung, die mit einem feinsinnigen Nachwort von Mirko Bonné versehen wurden, stehen wie ein Fels in einem seichten Meer der Gegenwartslyrik, wie sie uns zuhauf präsentiert wird.

Schöne neue Lyrikwelt.

 

Je weniger U, desto weniger ♀

(Ists auch nicht Lyrik, hat es doch Methode.)

Im vergangenen Jahr wurden 43 Prozent der Originalveröffentlichungen in der Sparte Hardcover-Belletristik von Frauen verfasst. Je weniger U, desto weniger ♀. Während Frauen bei historischen Romanen und Krimis gut vertreten sind, bringen die renommierten Verlage im Hardcover deutlich weniger Originaltitel von Frauen heraus. Wir reden hier teilweise von einem Verhältnis von zwei zu elf oder elf zu 20 – schockierende Zahlen, eigentlich. Was heißt hier eigentlich?
Und erst die Literaturpreisnominierungen! Ich zähle mich in Rage. Diesmal fand die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse gerade ein einziges von einer Frau geschriebenes Buch gut genug, um es als einen der 15 nominierten Titel aufzuführen. Der Deutsche Buchpreis: 64 von 220 Nominierungen in elf Jahren. / Katy Derbyshire, Die Zeit

Lars Gustafsson gestorben

Erst vor wenigen Wochen wurde dem schwedischen Lyriker, Dramatiker und Romanautor Lars Gustafsson in Warschau der Internationale Zbigniew-Herbert-Preis zugesprochen. Die Preisverleihung sollte am 17. Mai in Warschau erfolgen, Gustafssons 80. Geburtstag. (Radio Polen).

Jetzt melden Zeitungen (zuerst Dagens Nyheter) den Tod des 79jährigen.

Gustafsson wurde am 17. Mai 1936 in Västerås geboren. 1962 bis 1972 war er Redakteur des Bonniers Litterära Magasin. 1972 kam er mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin, wo er zwei Jahre lebte. 1981 konvertierte er zum Judentum. 1983 bis 2006 war er Gastprofessor an der University of Texas in Austin/Texas.

Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehörte der Prix International Charles Veillon des Essais 1983, der Bellmanpreis 1990, der Tranströmerpreis 2006, Goethe-Medaille des Goetheinstituts 2009, Selma-Lagerlöf-Preis 2009 und Thomas-Mann-Preis 2015. Seine Bücher erschienen auf Deutsch bei Hanser, anfangs übersetzt von Hans Magnus Enzensberger. Zuletzt erschienen Der Dekan (2016), Das Feuer und die Töchter (2014) und Das Lächeln der Mittsommernacht (2013).

Nachruf in der Welt.

Lars Gustafsson in L&Poe

Graffitimuseum

Ein Kunsthistoriker und eine Linguistin wollen in Deutschland die größte Graffiti-Datenbank der Welt aufbauen. Sie erhoffen sich Erkenntnisse über die urbane Sprachlandschaft.

(…)

Ein Trend im Fach ist die Erforschung von „linguistic landscapes“, von Sprachlandschaften im öffentlichen Raum. Dieser Raum hat sich auch aus linguistischer Sicht in den letzten fünfzig Jahren radikal verändert. „Es ist alles voller Schrift“, sagt Tophinke. Werbeschriftzüge gehörten dazu, aber eben auch Graffiti. Wenn Tophinke auf einzelne Wörter in Städten stößt, „Hass“ oder „Liebe“, sieht sie darin auch einen „assoziativen Sprachgebrauch“, der sie an Lyrik erinnert.

Wer kommuniziert mit wem? An welchen Orten, in welchen Farben, welcher Sprache? In der Datenbank soll alles genauestens erfasst werden. Papenbrock und Tophinke haben lange an ihrem Kategoriensystem gebastelt, die Liste reicht vom Trägermedium (Stromkasten, S-Bahn, Parkbank) über den Tonfall (beleidigend, drohend) bis zu Fragen von Syntax und Style. / Wiebke Hollersen, Die Welt

Poetopie

ohne jeden Halt rutschen die Tage an den langen Fahnen des Monatskalenders herunter

Hansjürgen Bulkowski

Sibylla Schwarz die erste*

Mit diesem Bändchen liegt nun wieder eine kleine Auswahl vor, mit der man eintauchen kann in die Lyrik der Frühverstorbenen. Auf jeden Fall eine Freude für alle Liebhaber barocker Lyrik. Vielleicht gibt’s ja noch mehr bis zum 400. Geburtstag.* Ganz vergessen ist sie auf jeden Fall in Greifswald nicht. Auch ein Roman und ein Theaterstück erinnern an das Schicksal der Bürgermeistertochter, die auf ihre Weise eindrucksvoll zeigte, dass es auch wichtige weibliche Stimmen in der deutschen Literatur dieser Zeit gab. Anrührend und klug. Ihr Grab findet man übrigens im Greifswalder Dom.** / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung

Sibylla Schwarz: Ist Lieben Lust, wer bringt dann das Beschwer?, Reinecke & Voß, Leipzig 2016, 9 Euro.

*) Das Gesamtwerk – über 100 Texte – erscheint 2016 in einer kritischen Ausgabe ebenfalls bei Reinecke & Voß

**) Genauer gesagt, findet man es nicht (es sei denn, man gräbt den Boden um). Eine Grabtafel ist nicht erhalten. Immerhin findet man ihr Bild (unten die vierte von rechts).

Brigitte Struzyk zum Geburtstag

Brigitte Struzyk

Entgegnung

Ich, beispielsweise,
komme zu gar nichts.
Nichts und Niemand
kommen zu mir
und viele Kinder,
die eignen
und auch die fremden.
In Worten:
wieder nichts geschafft.
Da bleibt
das Chaos der Dinge
einfach erhalten.
Der größte Teil dieser Schöpfung
wurde nie richtig geboren,
das beweist eine Fahrt mit der U-Bahn,
und das finden Sie in Ordnung?

1983

In: Brigitte Struzyk: Leben auf der Kippe. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1984, S. 120

L&Poe gratuliert der Autorin zum heutigen Geburtstag.

Brigitte Struzyk im Lyrikwiki

Neue Lyrikabteilung

Gute Nachricht (und keineswegs ein Aprilscherz):

Sperrsitz. Gegenwart im Gedicht.

Der Buchhändler Bernhard Handke und der Lyriker Tristan Marquardt kuratieren die neue Lyrikabteilung bei Literatur Moths. Dort ist ab sofort eine breite Auswahl an neuen Gedichtbänden zu finden, ihr Band des Monats, die „Lyrikempfehlungen 2016“, Veranstaltungshinweise und mehr.

Zur Eröffnung am 2. April 2016 präsentieren die Kuratoren gemeinsam mit weiteren Streiter*innen fürs Gedicht ausgewählte Neuerscheinungen.

Die Münchner Lyrikerin Anja Bayer stellt ihr jüngst erschienenes Debüt „ungewusstes Fell“ vor. Und Markus Hallinger [Sieger beim Lyrikpreis München 2014], der letzten Herbst seinen zweiten Band „Gesummsel“ veröffentlicht hat, wird lesen. Verbringen Sie mit uns den späten Nachmittag in der Buchhandlung, kommen Sie mit uns ins Gespräch über die Bücher, die Lyrikszene, die Gegenwart im Gedicht.

Ablauf:
16 Uhr Eröffnung, Bücherschauen, Trinken, Rauchen, Knabbern
17 Uhr-17 Uhr 30 Lesung Anja Bayer und Markus Hallinger
18 Uhr-18 Uhr 30 Präsentation ausgewählter Neuerscheinungen (Mitwirkende: Karin Fellner (Lyrikerin), Holger Pils (Leiter Lyrik Kabinett) u.a.

Literatur Moths
Rumfordstraße 48, München