Jekami – also auch Frauen

Klingeln, Tingeln und Klaviergeklimper, dazu lockt eine kokette Frauenstimme: „Hello, hello, hello! O, o, o, iii, aaa . . .“, um Worte und Vokale mit klirrendem Gelächter zu zerbrechen – dem Lachen Dadas. Die Klanggedicht-Performance der „Dada-Baroness“ Elsa von Freytag-Loringhoven hinterfängt wie ein Soundtrack die Ausstellung, mit der hundert Jahre nach der Eröffnung des Cabaret Voltaire das Züricher Museum Haus Konstruktiv den Beitrag der Frauen zu der Bewegung würdigen will, die Hugo Ball ein „Narrenspiel aus dem Nichts“ nannte – und die tolldreisteste avantgardistische Anti-Kriegs-Anti-Bürger-Anti-Kunst-Kunst überhaupt war. Devise: „Jekami“, jeder kann mitmachen, also auch Dilettanten, also auch Frauen, die damals noch kaum Zugang zu Kunsthochschulen hatten.

(…)

Die einzige eher Unbekannte, die es in der von Sabine Schaschl, Margit Weinberg Staver und Evelyn Bucher kuratierten Schau zu entdecken gilt, ist Elsa von Freytag-Loringhoven, deren Gesang durch die Räume schwebt, bis er an den Nerven zerrt. Und was für eine nervenaufreibende Person muss die 1874 als Elsa Plötz in Swinemünde Geborene gewesen sein, die in dritter Ehe zu ihrem adligen Namen kam und sich in New York mit einer Exzentrik zur wandelnden Kunstfigur stilisierte, dass Lady Gaga gegen diese Lady Dada alt aussieht. Die Baroness posierte als lebende Statue und Nacktmodell, hatte eine Affäre nach der anderen, lief mit leeren Tomatendosen als BH durch die Gegend oder mit Rücklicht am Gesäß, schrieb skandalös erotische Lyrik, die mit Lauten und Typographie spielte und die „New York Times“ zu Artikeln über sie animierte. Mit Man Ray drehte sie Filme, mit Djuna Barnes diskutierte sie über Lyrik, Marcel Duchamp und sie befeuerten sich gegenseitig damit, Kunst neu zu definieren. Wo hätte das noch hingeführt, wäre sie 1927 nicht an einer vermutlich selbst herbeigeführten Gasvergiftung gestorben? / Ursula Scheer, FAZ

Dada anders. Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch, Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven bis 8. Mai im Museum Haus Konstruktiv in Zürich. Kein Katalog.

Die „Dada-Baroness“ in L&Poe

Satire darf alles (Tucholsky). Außer natürlich empfindliche Diktatoren provozieren

Vorneweg möchte ich sagen: Ich finde Ihr Gedicht gelungen. Ich habe laut gelacht. Das zu sagen ist mir deshalb wichtig, weil man in den vergangenen Tagen ja keinen einzigen Beitrag – egal ob anklagend oder für Sie parteiergreifend – über Ihren Text gelesen hat, der nicht erst mal, gleichsam als Captatio benevolentiae, betonte, wie geschmacklos und primitiv und beleidigend Ihre Satire über Erdoğan sei.

Das ist ungefähr so originell und aussagekräftig, als wenn man einem Formel-1-Autobauer vorwirft, seine Autos seien aber schnell. Dass Ihr Gedicht geschmacklos, primitiv und beleidigend war, war ja – wenn ich es richtig verstanden habe – der Sinn der Sache. Sie haben doch einfach alle beleidigenden, insbesondere alle in der muslimischen Welt beleidigenden Stereotype zusammengerafft, um in grotesker Übertreibung eine Satire über den Umgang mit geschmackloser Satire zu machen.

Sie wollten nach dem ziemlich lendenlahmen Erdoğan-Veräppelungs-Song in der ARD die illiberale Reaktion des türkischen Staatspräsidenten ironisieren und durch Maximalprovokation die Leute verstören, um sie darüber nachdenken zu lassen, wie eine Gesellschaft mit Satire und – noch viel wichtiger – mit der Satire-Intoleranz von Nichtdemokraten umgeht. Ein Kunstwerk. Wie jede große Satire. Und als solches: frei. Oder doch nicht?

Ich verstehe die Aufregung über Ihren Text nicht ganz. Gibt es doch in Deutschland eine gute von Tucholsky geprägte, von Hitler ex negativo gehärtete Tradition der Meinungs-, Kunst- und Satirefreiheit.

(…)

Sobald es gegen die katholische Kirche geht, ist das Lachen des Justemilieu programmiert. Es kann gar nicht respektlos und verletzend genug sein.

Sie, lieber Herr Böhmermann, mussten nun lernen, dass andere Maßstäbe gelten, wenn es um türkische Spitzenpolitiker geht. In Deutschland brach eine Art Staatskrise aus, nur weil Sie Herrn Erdoğan als „Ziegenficker“ bezeichnet haben. Apropos Ficken. Wenn das ZDF – seinem gebührenfinanzierten Bildungsauftrag feinsinnig verpflichtet – einen Hashtag „Fick dich, Bild-Zeitung“ ins Leben ruft und sich dazu die Domain „fickdichbildzeitung.com“ sichert, die bis heute auf einen Spot des ZDF verlinkt, dann klopft sich die deutsche Intelligenz vor freudiger Erregung prustend auf die Schenkel. „Fick dich, Bild“, und das vom Zweiten Deutschen Fernsehen in Auftrag gegeben und zur besten Sendezeit gesendet und dann multimedial online vermarktet – ho, ho, ho, ganz schön kühn. „Bild“ hat’s verdient. Die sind ja selbst nicht besser.

Beim türkischen Präsidenten ist das anders. Erdoğan kontrolliert in seinem Land etwa 90 Prozent der Zeitungsauflage und lässt Demonstranten, die anderer Meinung sind, gewaltsam von öffentlichen Plätzen entfernen. Oppositionelle bezeichnet er als „Atheisten und Terroristen“. Studenten, die demonstrieren, riskieren Exmatrikulation. Universitätsprofessoren, Journalisten oder Blogger, die Kritik äußern, werden willkürlich verhaftet, teils gefoltert, Redaktionen werden durchkämmt. Eine friedliche Kundgebung für die Rechte Homosexueller wird mit Wasserwerfern und Tränengas niedergeschmettert.

Die Gleichstellung von Männern und Frauen lehnt der türkische Präsident ab: Der Islam lehre, dass Frauen vor allem Mütter seien. Und auch gegenüber den Kurden ist exzessive und rücksichtslose Gewalt der türkischen Armee an der Tagesordnung, sagt Amnesty International. Die Gewalt gegen Kurden habe allein seit dem vergangenen Sommer Hunderte Todesopfer gefordert.

(…)

Ihr Mathias Döpfner

P.S. Ich möchte mich, Herr Böhmermann, vorsichtshalber allen Ihren Formulierungen und Schmähungen inhaltlich voll und ganz anschließen und sie mir in jeder juristischen Form zu eigen machen. Vielleicht lernen wir uns auf diese Weise vor Gericht kennen. Mit Präsident Erdogan als Fachgutachter für die Grenzen satirischer Geschmacklosigkeit.

/ Die Welt

Durch die Brille der Poesie

Als er jung war, wollte Juan Felipe Herrera Redner werden. „Ich träumte davon, vor Publikum zu stehen und lange Reden zu halten“, erklärt er am Telefon. Doch dann entdeckte er die Lyrik, und die Welt änderte ihre Farbe. „Man spricht davon, die Dinge durch eine rosafarbene Brille zu sehen, ich fing damit an, die Dinge durch eine poesiefarbene Brille zu sehen.“

Gestern erhielt Herrera den L.A. Times Buchpreis / Robert-Kirsch-Preis für ein Lebenswerk.

Juan Felipe Herrera, der 1948 in einer Einwanderer-Landarbeiterfamilie in Kalifornien geboren wurde, ist gegenwärtiger U.S.-Poet laureate. Er schrieb mehr als 30 Bücher, darunter die Gedichtbände „Notes of the Assemblage“ (2015), „187 Reasons Mexicanos Can’t Cross the Border“ (187 Gründe, warum Mexikaner nicht die Grenze überqueren können, 2007) und „Crashboomlove: A Novel in Verse“ (1999) sowie Bücher für Kinder und Jugendliche wie „Portraits of Hispanic American Heroes“ (2014). / Alex Espinoza, Los Angeles Times

 

Objektiv und hellsichtig

Nur eine Woche nach seiner [Rimbauds] Rückkehr nach Charleville erhob sich die Hauptstadt gegen die Versailler Regierung; am 28. März wurde die Kommune proklamiert. Begeistert verfolgte der junge Dichter diese Ereignisse aus der Ferne. Die alte Ordnung war zusammengebrochen, und im „heiteren Arbeiter-Paris der Kommune“ (Marx) schienen die kühnsten Träume der utopischen Sozialisten wahr zu werden. War die Pariser Kommune ein Versuch, Politik und Gesellschaft von Grund auf zu erneuern, so sollte eine neue Generation von Poeten auch den ästhetischen Horizont der bürgerlichen Welt überschreiten. Rimbaud schrieb, ihre ebenso aktuelle („moderne“) wie „objektive“ Dichtung solle „weder beschreiben noch belehren“; sie solle vielmehr das, was bisher „unaussprechlich“ gewesen sei, zur Sprache bringen und für die neuen Themen und Sujets neue Formen finden. In seinen poetologischen Briefen heißt es, der Dichter müsse sich „hellsichtig“ machen, um mehr und weiter zu sehen als seine Zeitgenossen. Nur durch Grenzüberschreitungen und Tabubrüche könne er sich von den Vorurteilen seines Milieus befreien; er müsse „verlumpen“, sich auf verpönte Praktiken einlassen und zu einem Paria werden. / Helmut Dahmer, Der Standard

Und weiter

geht die Debatte. Jemand, der sich (vorsichtshalber?) einen „Gebildeten unter den Lyrik-Verächtern“ nennt, möchte seins auch beitragen:

Obwohl alle das Wort haben, tun einige so, als hätten sie extra Einsichten:
Fragen eines Gebildeten unter den Lyrik-Verächtern.
08.04.2016
Von Carl Reiner Holdt

Fixpoetry

Die bisherige Debatte

Ein Unerwünschter

Als Schriftsteller mit seiner besonderen Erscheinung eine der meistfotografierten Figuren Berlins und durch die Porträts seines Malerfreundes Georg Grosz fast eine Ikone des Künstlerbetriebs geworden, streunte [Max] Herrmann-Neiße mit seiner Frau fast jeden Tag und vor allem jede Nacht durch die Ateliers, Theater, Kabaretts, Bars und Cafés. Fast wie nebenbei schuf er in seiner Wohnung am Kurfürstendamm ein umfangreiches Werk, zu dem neben den Gedichten auch Erzählungen und Romane, Theater- und Kabarettstücke sowie Essays und Kritiken gehören. Eichendorff-Preis 1924 und Gerhart Hauptmann-Preis 1927. Und dann plötzlich Zeilen wie diese:

„bin heut als Mann, den schon der Herbst umweht,
ein Unerwünschter, der stets draußen steht,
als wäre nutzlos alle Zeit verflossen.“

Das war schon geschrieben im Rückblick auf seine große Berliner Zeit. Da hatte er seit Ende der 1920er-Jahre vermehrt empörte Zwischenrufe gegen das Spießertum der Deutschen veröffentlicht und vor dem aufziehenden Faschismus als sich ankündigende „Vernichtung wehrloser Opfer durch hemmungslose Gewaltmenschen“ gewarnt.

Traurig-zornige Lieder als „Musik der Nacht“, wie er 1932 einen Band überschrieb. Ein paar Tage nach dem Reichstagsbrand vom 27./28 Februar 1933 ging er mit seiner Frau Leni ins Exil, zunächst nach Zürich, wo 1935 noch der Gedichtband „Um uns die Fremde“ mit einem Vorwort von Thomas Mann erscheinen konnte, bis er auf seiner Flucht über Frankreich und Holland in England strandete.

„Hier wird niemand meine Verse lesen,
ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen,
jetzt ist mein Leben Spuk wie mein Gedicht.“

/ Christian Linder, DLR Kalenderblatt

Nach Fukushima

Am 11. März jährte sich die Katastrophe von Fukushima zum fünften Mal. Nach einem Erdbeben folgte ein Tsunami, der das Kernkraftwerk Fukushima Eins schwer beschädigte. Bis heute tritt infolge des GAUs radioaktive Strahlung aus.
Ryo Kikuchi ist 1979 in Tokyo geboren, wo er auch 2011 das Erdbeben erlebt hat. Heute lebt der studierte Philosoph mit seiner Familie in Freiburg. Sein Gedichtband „Schlechte Zeit für Haiku. Gedichte nach Fukushima“ erschien zum fünften Jahrestag im freiraum-verlag in Greifswald.

Schlechte Zeit für Haiku: Gedichte nach Fukushima 
von Jürgen Buchmann (Herausgeber), Ryo Kikuchi (Autor), Götz Wienold (Mitwirkende)
Taschenbuch: 146 Seiten
Verlag: freiraum-verlag; Auflage: 1 (11. März 2016)
Sprache: Deutsch, Japanisch
ISBN-10: 3943672840
ISBN-13: 978-3943672848

Wohl als erster japanischer Kunstschaffender reagierte der Lyriker Ryôichi Wagô auf die Geschehnisse des 11. März 2011 in Fukushima. Beinahe parallel zur Dreifachkatastrophe schrieb er auf Twitter kurze Texte, die später in Buchform erschienen. Die Wahl des neuen Kommunika­tionsmittels als Medium für japanische Lyrik stellte eine Novität dar. Mit dem Band „Worte ohne Schutzanzug“ liegt nun zum ersten Mal ein zentraler Teil der Arbeiten Wagôs, nämlich das „Notizbuch zur Erdbebenkatastrophe“ (2012; „Shinsai nôto“), in Übersetzung vor: insgesamt 35 Gedichte, die den Schock durch Erdbeben und Tsunami, die unmittelbare großflächige Zerstörung in Nordostjapan sowie die bedrohlichen Konsequenzen der Havarie des Atomkraftwerks thematisieren. Wagôs „Post-Fukushima-Literatur“ bedeutet die Verarbeitung einer traumatischen Erfahrung und ist zugleich, wie es die Analyse der Beiträge zeigt, ein wichtiges Zeitdokument. / literaturkritik.de

Madlen Beret: „Worte ohne Schutzanzug“: Wagô Ryôichi. Japanische Lyrik nach „Fukushima“.
EB-Verlag, Berlin 2016.
318 Seiten, 24,80 EUR.
ISBN-13: 9783868931730

The pataquerical imperative

Here Charles Bernstein is pitching poetry, pitching for poetry, and describing both the acoustic and visual pitch of poetry, and the field, the pitch, of poetry. He’s at once a shill, a carney, a huckster, a used-poem salesperson, a showman, a shaman, a promoter, a master of ceremonies, a promoter, a provocateur, a pitch-man – but only occasionally an apologist. The likes of Sophocles, Longinus, and Sydney all beat him to it, but it’s never too late to pitch again for poetry. A relief pitcher. Plato and his followers have kept hitting dingers. Bernstein is and wants to be the reason the poets were expelled from the Republic. He reads askance the ‘official verse’ poets who have tried not be expelled.

In one possible reading this book is 350 pages of Whitman saying “Do I contradict myself? / Very well then I contradict myself, / (I am large, I contain multitudes.)” For Bernstein, Poetry contains multitudes. He spurns poetry that is orthodox, normal, conventional, predictable, standard. “I can’t bear standards,” he writes, “or, rather, I want to lay them bare” (28). He describes the magazine L=A=N=G=U=A=G=E that he co-founded with fellow poet Bruce Andrews in 1978 as having “pursued a poetry aversive to convention, standardization, and received forms, often prizing eccentricity, oddness, abrupt shifts of tone, peculiarity, error, and the abnormal – poetry that begins in disability…. This is what I call the pataquerical imperative (a syncretic term suggesting weirdness, wildness, and precarious querulousness by combining inquiry with ’pataphysics…)” (76-77). / Frank Davey, London poetry open mic

Pitch of Poetry, by Charles Bernstein. Chicago: U of Chicago P, 2016. 350 pp. $34.44.

Nicht in Zeitungen, sondern in der Lyrik

Das Ringen um die Moderne stehe sehr wohl im Mittelpunkt des intellektuellen Lebens der arabischen Länder. Dabei sei die Frage entscheidend, ob der Weg in die Moderne ein Verlust der historischen Identität bedeute und ob es zwangsweise in Richtung „Verwestlichung“ gehen müsse. Creswell erklärte, die interessantesten Debatten über die Moderne würden nicht in Zeitungen, Romanen oder gelehrten Abhandlungen geführt, sondern in der Lyrik. Sie sei das bedeutendste arabische kulturelle Erbe, „die Königin der Künste“ bis heute, auch wenn ihre Bedeutung langsam abnehme. „Die Dichtung ist die Chronik der Araber“, heiße nicht zufällig eine alte arabische Maxime, sie sei ein „Archiv ihrer historischen Erfahrungen“.

(…)

Neben dem umstrittenen, mittlerweile über 80-jährigen Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis-Träger – Adonis stellte 2011 die syrische Revolution in Frage mit der Begründung, die syrische Gesellschaft sei noch nicht reif für eine Revolution – kam noch ein anderer, vor allem klassenkämpferischer und antikolonialistischer Dichter zur Sprache: der 1941 geborene Palästinenser Mahmud Darwisch, der die „poetische Stimme seines Volkes“ genannt wurde. Sein berühmtestes Gedicht: „Schreib’s auf! Ich bin Araber, / ich placke mich ab wie meine Gefährten im Steinbruch …“. Aber Darwisch ist schon 2008 gestorben. Wie es um die jüngere arabische Poesie steht, ließ der interessante Abend indessen weitgehend offen. / Verena Großkreutz, Eßlinger Zeitung

SWR2-Bestenliste April

Renommierte Literaturkritiker und -kritikerinnen nennen monatlich in freier Auswahl vier Neuerscheinungen und geben ihnen Punkte (15,10,6,3).

Auf Platz 5 im April ein Gedichtband:

Hendrik Rost: Das Liebesleben der Stimmen. Wallstein Verlag, 96 Seiten
Preis: 18,90 Euro
Bestellnummer: ISBN: 978-3-8353-1777-2
Extras: Mittelschwere Lektüre

Hendrik Rost gelingt hier fast alles, er beschwört die große Geschichte und die kleinsten Dinge des Alltags, und er zeigt, wie beides ineinander verwoben ist.
Mit seinem neuen Gedichtband erweist sich Hendrik Rost als einer der maßgeblichen Lyriker seiner Generation. Souverän und tiefenscharf nimmt er die Welt in den Blick, vergewissert sich der eigenen Rolle darin, fragt nach den geschichtlichen Gewordenheiten. Ohne Scheu und seiner poetischen Mittel vollkommen bewusst, kann er die Schönheit von Landschaften oder die Brisanz der kleinen Dinge zum Sprechen bringen. Rosts Gedichte zeigen, wie kunstvoll und innig die vielen Stimmen, die Welt und Literatur bevölkern, verbunden sind.

/ SWR2

Appropriation Literature

iRights.info: Was ist Appropriation Literature?

Annette Gilbert: Der Begriff ist ein Vorschlag von mir, den ich in Analogie zu Appropriation Art gebildet habe. Diese Künstler kopieren absichtlich und strategisch Werke anderer Künstler. Als Appropriation Literature bezeichne ich eine Form von Literatur, die sich anderer Literatur bedient, und zwar, im Gegensatz zu „traditionellen“ Formen wie dem Zitat oder der Collage, in einem sehr extremen Maße: In der Regel wird das fremde Werk nicht ausschnittweise, sondern komplett kopiert. Mir scheint, es ist ein Phänomen unserer Zeit, dass immer mehr solcher Werke erscheinen.

iRights.info: Können Sie ein paar Beispiele nennen?

Annette Gilbert: Das bekannteste Beispiel ist wohl Jonathan Safran Foers Buch „Tree of Codes“ von 2010. Es wurde geradezu enthusiastisch in den Medien weltweit besprochen. Foer greift zurück auf die Kurzgeschichtensammlung „Die Zimtläden“ von Bruno Schulz und wendet darauf eine Technik an, die man als Erasure bezeichnet. Das heißt, er tilgt aus dem Text Wörter und Satzteile. Die übrig bleibenden Sprachelemente ergeben einen neuen Text.

Annette Gilbert (Hrsg.): REPRINT. appropriation (&) literature. Wiesbaden: Luxbooks, 2014. (Luxbooks KULT)
Seitenzahl: 580 Preis: 39,80 ISBN: 978-3-939557-67-8

Die Cyberpunk-Operettenhaftigkeit des ganzen

Man spürt, dass Hefter sich wohl vor allen Dingen selbst keine Sekunde langweilen wollte. Dieser entspannte Grundgestus ermöglicht der Autorin zweierlei: Erstens Reime – und damit Materialverkettungen – herzustellen, die in ihrer rhythmischen Schludrigkeit und zur Schau getragenen Schlichtheit in anderen Kontexten höchstens peinlich wirken würden, hier aber ohne weiteres „gehen“; zweitens jederzeit die Ausflüge ins (vom dramatischen Ablauf her gesehen) Jenseitige der poetischen Sprache zu unterbrechen und mit einer neuen Szenenüberschrift das „eigentliche“ Spiel weiterzutreiben. In diesem geht es übrigens um einen Komponisten, ein Ungeheuer, eine „Kioskmum“, eine verhungerte Katze und mehrere Gartenroboter. Beispiel gefällig? –

Ungeheuer und Gartenroboter liebkosen einander
eine Minute und vergessen darüber ihre Natur
Pas de Deux, ohne Worte

Unten, oben, Puls Puls Puls Puls,

Nichts ist falsch, was ich an dir taste von dir dachte.

Fühlt sich an, als hantiere man am ganzen
Herz. Nicht real. Bisschen kahl.

Bisschen tuscheln,
lass mich wuscheln, am Ohr, da wächst Flor,
und die Verhärtungen, dolle Knubbel,
bilden sich wieder zurück, heißts.

Los, noch ein Beinchen lupfen.
Kingsize-Bienchen auf Bauch, Schultern tupfen

Material, so zusammengeballt,
dass der Druck einen Ton macht.

Langsam tropft von mir
Gewicht für Gewicht.

Alles, was wir tun können, ist, zu ruhn
auf Rumpf. Oben lodert Kopf.

Ich form mit meinen Händen – ja, es sind Hände –
für diesen Darling einen blitzenden Topf.

Was an diesem Kopfkino auffällt, ist, dass es sich zwar bis in Details seiner Form den Gepflogenheiten zeitgenössischer lyrischer Rede verdankt, man aber an keiner Stelle die Cyberpunk-Operettenhaftigkeit des ganzen aus den Augen verliert.

/ Stefan Schmitzer, Fixpoetry

Martina Hefter
Ungeheuer.
Stücke: Gedichte
KOOKbooks
2016 · 80 Seiten · 19,90 Euro
Broschur mit Umschlag-Poster

Gestorben

Der tunesische Dichter Sghaïer Ouled Ahmed starb am 5.4. nach langem Kampf mit einer Krebserkrankung. Er wurde 1955 in Sidi Bouzid geboren. In den 90er Jahren lebte er in Paris und träumte von der Gründung eines Hauses der Poesie in Tunesien. 1992 lehnte er eine nationale Ehrung ab. 1993 gelang ihm die Gründung eines Hauses der Poesie in Tunis.
2012 hatte er auf Facebook mitgeteilt, daß ihn Salafisten angegriffen hätten. Der Angriff war eine Reaktion auf einen Auftritt in einer Fernsehsendung, in der er ein islamismuskritisches Gedicht vorgetragen hatte.
/ TN. Tunisie Numerique – La Tunisie à l’êre de la democratie (Tunesien im Zeitalter der Demokratie)

Fulminanz und Schludrigkeit

Aus einer Rezension von Timo Brandt, Fixpoetry

Was mich wirklich begeistert hat an „Verbannt!“ ist zweierlei: Zum einen schlicht das Repertoire an Sprache, das einfach beeindruckend ist (womit nicht nur ein hoher Anteil an intelligenten abstrakten Begrifflichkeiten gemeint ist, sondern auch ein hohes Maß an lebendigen, epiphanischen Worten, oft Neologismen). Wie diese Sprache sich dann aber formt zu einem Erkenntnisinstrument, auf dem Ann Cotten stundenlang jammt und improvisiert, das ist Fulminanz. Und reicht weit über das hinaus, was ich in letzter Zeit in Sachen intelligenter Literatur gelesen habe – eine Verbindung von Aussage und Eindrücklichkeit, die in den besten Fällen die Ebene einer guten Shakespearestelle erreicht.

Du weißt, dass du zu wenig ahnst.
Wissen ist Erfrischung nur für den casual Verwender.
So wie dein guter Freund mit seinem kargen Wanst
gibt es dir nie mehr Küsse als du tragen kannst.
Denn eigentlich wird wesentlich sein, einen einzigen
Kuss zu verfolgen, wohin er dich immer bringt.
Dort seiend, weißt du, du erlebst nur einen winzigen
Teil alles anderen – doch der Teil singt.

Dass Ann Cotten viele dieser Behauptungen zuzufliegen scheinen, machte es manchmal allerdings schwer, die Strophen zu ertragen, in denen nicht eine tiefere Idee verhandelt wird, sondern bloß die Handlung weitegetrieben werden muss. Eigentlich wartet man dann, trotz einiger unterhaltsamer Stellen, immer auf den Moment, wenn sich das Geflecht der Reime wieder zu einem präzisen Blick verdichtet und verengt. Dann muss noch nicht mal „neu“ sein, was sie sagt – allein dadurch, dass es in einer lyrischen Wendung daherkommt, wird es sichtbarer, mittelbarer und hämmert sich in die Wahrnehmung, statt nur mal kurz hineingehängt werden. Der Reim wird zu einem Schläger, mit dem die sonst ruhenden Sätze direkt auf den Leser geschlagen werden.

Behauptungen werden heute industriell gefertigt
aus einem kleinen Kanon an Begründungen,
die schon im internationalen Schlagabtausch bewährt sich.
Misstrauen herrscht gegen Erfindungen,
die zu viel ändern – Optimierung bestehender Windungen,
nicht mehr, nicht weniger, wird als Verbesserung erkannt.

Viele dieser Strophen könnte ich mir einzeln vornehmen und eine Rezension darüber schreiben; Ann Cottens Sprache hat eine Kristallstruktur, die hin und wieder so geschliffen ist, dass jede Idee darin gebrochen und in alle möglichen Winkel kaleidoskophaft gespiegelt wird. Für einen Moment ist es dann, als könnten einem einige wenige Zeilen den Kosmos einer ganzen Themennatur erklären.

Das kann auch auffallend kryptisch und an der Grenze zur Willkür sein. Aber die Eindringlichkeit, mit der jede Rundung der Strophen vonstattengeht, gibt den Motiven genug Gestalt, dass man sich darauf einlässt (…)

Cotten hantiert aber nicht nur mit Bravour und Weisheit, sondern auch mit Albernheit und Schludrigkeit. Das macht mitunter großen Spaß und man kann immer noch die pure Handwerklichkeit in Kombination mit dem funkenschlagenden Wortschatz bewundern. Man liest sich in die krudesten Behauptungen hinein, als würde man sich an etwas Wonniges erinnern.

Ann Cotten
Verbannt! Versepos
Suhrkamp
2016 · 168 Seiten · 16,00 Euro
ISBN: 978-3518071434

Hauptstadt-Literatur

Die Berliner haben einen „Rat für die Künste“ gewählt. Über ihn heißt es:

Der Rat für die Künste vertritt als gewähltes unabhängiges Gremium die Berliner Kultur. Die Mitglieder des Rates sind vierundzwanzig Persönlichkeiten, zu denen sowohl Kulturschaffende bekannter Berliner Kulturinstitutionen als auch freischaffende Künstler_innen gehören.

Vertreter der Literatur sind nicht dabei. Christian Rieger vom ilb und Florian Höllerer vom LCB hatten kandidiert. Hier die Liste.

(Ists auch nicht Lyrik…)