Die Verscheuchte

Else Lasker-Schüler

(* 11. Februar 1869 in Elberfeld; † 22. Januar 1945 in Jerusalem)

Am 19. April 1933 verließ die Dichterin auf der Flucht vor den Nazis ihr Heimatland.

DIE VERSCHEUCHTE

Es ist der Tag im Nebel völlig eingehüllt,
Entseelt begegnen alle Welten sich –
Kaum hingezeichnet wie auf einem Schattenbild.

Wie lange war kein Herz zu meinem mild…
Die Welt erkaltete, der Mensch verblich.
– Komm bete mit mir – denn Gott tröstet mich.

Wo weilt der Odem, der aus meinem Leben wich?
Ich streife heimatlos zusammen mit dem Wild
Durch bleiche Zeiten träumend – ja ich liebte dich.

Wo soll ich hin, wenn kalt der Nordsturm brüllt?
Die scheuen Tiere aus der Landschaft wagen sich
Und ich vor deine Tür, ein Bündel Wegerich.

Bald haben Tränen alle Himmel weggespült.
An deren Kelchen Dichter ihren Durst gestillt –
Auch du und ich.

Aus: Else Lasker-Schüler, Sämtliche Gedichte, hrsg. von Friedhelm Kemp. 3. Aufl. – München : Kösel, 1984, S. 204

Wir Utopisten

Charlotte Wohlmuth

(* 1880, ab 1942 verschollen; aus Marienbad deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet)

Wir Utopisten

Laßt uns um das Feuer scharen,
Das noch in den Herzen glimmt,
Eh’ die Lippen uns erfrieren.

Scheit um Scheite werfen wir, gesparte Worte,
In die matte Glut, daß sie entbrenne,
Züngelnd, lodernd sich erkenne.

Brände fahren ungebändigt
In die fahlen Widerspiele
Unseres Namens. – Ziele
Flammen auf vor unsern Blicken!

Unsere Hände schlagen Brücken,
Unsere Leiber sind die Pfeiler!

Eingeäschert liegen Meiler
Falscher Scham. Ihr in den Bezirken
Eingeengten Atems, sehet unser Wirken!

Alle Grenzen sind vernichtet
Wir allein nur, aufgerichtet
Ragen aus dem Fall der Zeiten
In die ersten Menschlichkeiten!

Aus: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012, S. 54. Zuerst in: Die Aktion, Jg. 8, Nr. 5/6, 9.2.1918, Sp. 55 (zus. mit einem Gedicht von
Karl Otten unter der gemeinsamen Überschrift „Wir Utopisten“ I/II)

Hier ein Porträt von Heinrich Ehmsen (1920)

Herr, nun ists Zeit

Maria Benemann

(* 5. April 1887 in Herrnhut; † 11. März 1980 in Überlingen)

Herr, nun ists Zeit

Herr, nun ists Zeit. Es stehen Katastrophen,
Am Horizonte wie erstarrt in Waffen.

Herr, es ist Zeit, sie nun herbei zu raffen,
Und ein Entsetzen in das leere Gaffen,

In Deiner Völker ausgebrannten Ofen
Ein neues Grauen schwer hinein zu schaffen.

Herr, es ist Zeit, uns Späher zu vernichten,
Die wir Dich nur wie ein Phantom erdichten,

Daß wir das Unerfaßliche nicht mehr befassen.
Herr, es ist Zeit… Dich nun allein zu lassen.

Aus: Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. IGEL Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2012, S. 30. Zuerst in: Die Weißen Blätter, Jg. 1, H. 7, März 1914, S. 683

Highkuh, West

Rolf Dieter Brinkmann

(* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London)

Highkuh, West

    Das Geld, das
         Schwein, die
         Schweinerei,
         der Tod.

„Das Gegenteil der Mythen   
  ein Embryo“    

    (wie da    

    der Embryo auch 
    schon eingeteilt  

    ist, verstanden 
    ist, als Gegensatz   
 
    1 Satz gegen 1 Satz     

    wie da).

In den Wörtern leben sie  
  ihr Leben, was das    

    ist: „Lav iß äh 
    mäh nie splendort
    sink.“

Aus: Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1&2. Gedichte. Mit Fotos und Anmerkungen des Autors. Erweiterte Neuausgabe. Reinbek: Rowohlt, 2005, S. 36

(Gekürzte Erstausgabe 1975)

Sterben blutenfleck

Erich Arendt

(* 15. April 1903 in Neuruppin; † 25. September 1984 in Wilhelmshorst)

Sterben blutenfleck

Flases Fassen bleichhaft schmerzer Stirne…
bebe Hände flarren schwirr verstorben…
strahe Blicke steinwucht weitab dumpfen
hin auf fratzer Menschenlarven Erz.
Lachrot glirre Sonnen bleisack stumpfen…
röchelt Sticken schwell in welke Hirne…
fern im Augenschliessen blahst umwoben
schmelzen Nächte milb das heisse Herz.

Mondgerisse, zucke Nächte kerben:
klaffe Wunde kriss das Sehnen rasend.
Sägezerr gehiebte Ängste blechern…
Schweres Grauen schlitzt die Munde krumm.
Donnernd steigt die Stille aus dem Sterben,
buckelt tief in Himmel glei verglasend…
Zacke Flüche löchern Himmel brechern…
Monde neigen Bahnen blutgelb, stumm.

Gleiss zerströmet gellet Schrei nach oben:
Zahllos strammte Schmerz den Pfeil gewuchtet…
Küsse gilben dünn und Wahnen lodert.
Knistern raschelt See ab stirr gebuchtet.
Schläfern fitzt Genebel knöcherfab gewoben…

Schlenker Kahn der Welt fast steht.
Sternlicht prell zertümpelt modert…
Wirre filbert — glast — verweht.

Aus: Erich Arendt, Gedichte 1925-1959. (Werke I). Berlin: Agora, 2003, S. 18

Nochmal Petersburg

Wladimir Majakowski

(*7. jul./ 19. Juli greg. 1893 in Bagdadi, Gouvernement Kutaissi, heute Georgien; † 14. April 1930 in Moskau)

Nochmals Petersburg

Tanzmusik fetzt in den Ohren,
Nebel – grauer Schneewolf – schleicht heran
mit der Kannibalenfresse eines Mohren,
doch ihm schmecken weder Frau noch Mann.

Stunden drehen drohend ihre
Runden, fünf, dann sechs – ahoi!
Hoch im Himmel thront, es ist doch irre,
So ein mieser Typ wie Lew Tolstöj.

1914

ЕЩЕ ПЕТЕРБУРГ

В ушах обрывки теплого бала,
а с севера – снега седей –
туман, с кровожадным лицом каннибала,
жевал невкусных людей.

Часы нависали, как грубая брань,
за пятым навис шестой.
А с неба смотрела какая-то дрянь
величественно, как Лев Толстой.

Deutsch von Felix Philipp Ingold, aus: „Als Gruß zu lesen“. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Zürich: Dörlemann, 2012,  S. 237

Google-Transkription

YESHCHE PETERBURG

V ushakh obryvki teplogo bala,
a s severa – snega sedey –
tuman, s krovozhadnym litsom kannibala,
zheval nevkusnykh lyudey.

Chasy navisali, kak grubaya bran‘,
za pyatym navis shestoy.
A s neba smotrela kakaya-to dryan‘
velichestvenno, kak Lev Tolstoy.

Annähernd wörtliche Übersetzung (nur zur groben Orientierung):

Nochmals Petersburg

In den Ohren Fetzen heißer Tanzmusik,
und von Norden her – grau vom Schnee –
Nebel, mit blutdürstigem Kannibalengesicht
kaute schlecht schmeckende Menschen.

Die Stunden hängen (schweben drohend), wie ein grobes Gezänk,
über der fünften hängt die sechste,.
Und vom Himmel schaut irgend so ein Lump
Erhaben [herab], wie Leo Tolstoi.

Hans Adler (1880-1957)

Hans Adler

(* 13. April 1880 in Wien; † 11. November 1957 ebenda)

AUTOBIOGRAPHISCHE NOTIZ

Weiß Gott, wieso: die andern kriegen Geld!
Reklame flammt für sie von den Fassaden,
Der schönsten Frauen süße Seidenwaden
Sind sprungbereit, sobald ihr Auto bellt.

Ihr Ruhm steigt hoch in künstlichen Kaskaden
Und ihre Siegestafel ist bestellt
Mit allen teuren Drogen dieser Welt.
Wer keinen Frack hat, wird nicht eingeladen.

Die Zeit vergeht, die Ambitionen welken,
Verleger sparen gerne an Prozenten…
Aus meinen Liedern blühn mir keine Renten,

Fortuna läßt sich nicht von jedem melken.
Ich huste unter ausgelöschten Sternen
Und ohne Aufsehn möcht ich mich entfernen.

Aus: Hans Adler (1880-1957): AFFENTHEATER. Gedichte. Eine Auswahl. Mit einem Nachwort hrsg. von Heidemarie Müller und Martina Maria Quoika (Vergessene Autoren der Moderne XXXIV), hrsg. von Franz-Josef Weber und Karl Riha. Universität-Gesamthochschule Siegen, Siegen 1988, S. 4

Osterspaziergang

Franz Hodjak

Osterspaziergang

der holunderduft am dorfrand als memento
und in den bergruinen hausen illegal
verfickte kater.
die tage ähneln immer mehr gepackten koffern.
der kettenhund streckt unruhig die ohren in den wind.
die brunnen, die einst anders rauschten, sind ausgedorrt.
man rückt auf den Stühlen hin und her.
wie feine bazillen verbreitet
unausgesprochenes nachdenklichkeit.
gott ist das, was von gott geblieben ist.
die botschaften, die von allgemeinem interesse sind,
stehn auf ansichtskarten
und in briefen.

Aus: Das Land am Nebentisch. Texte und Zeichen aus Siebenbürgen, dem Banat und den Orten versuchter Ankunft. Hrsg. Ernest Wichner. Leipzig: Reclam, 1993, S. 162

Elegie der Jugend

Wieland Herzfelde

(* 11. April 1896 in Weggis, Schweiz; † 23. November 1988 in Berlin)

Elegie der Jugend

Wir wachsen auf wie die Schatten im Walde
So zag betastend und körperlos.
Wir kleben an modernder Erde Schoß
Und streben nach lodernder Halde.

Mit Faserhänden saugen wir Licht,
Umklammern es in Verzückung. Doch
In uns lasten Wirrnis und Dunkel noch
Wie Schlamm. Die Sonne kennt uns nicht.

Kreaturen unsrer Erzeuger, erbeben
Vor ihnen wir. Und verfluchen sie.
Ihre Starrheit stiehlt uns das Leben.

In gleichen Gründen verankert wie sie.
Sind andern Göttern wir ergeben
Und lauschen andrer Melodie.

(Wiesbaden, 1913)

Aus: Wieland Herzfelde: Blau und Rot. Gedichte. Leipzig: Insel, 1971, S. 8

Aus dem Nachwort von Stephan Hermlin:

Wieland Herzfelde steht seit mehr als fünfzig Jahren in der Avantgarde der deutschen Kunst. Der Name des Zwanzigjährigen war verbunden mit dem Namen von Else Lasker-Schüler, die sich selbst den Prinzen von Theben und Herzfelde den Roland von Berlin nannte, und denen von Theodor Däubler, Johannes R. Becher, Albert Ehrenstein, George Grosz. Vor der Nase der kaiserlichen Zensoren machte der junge Frontsoldat 1916-1917 seine Zeitschrift »Neue Jugend«, später, in den revolutionären Jahren 1919 und 1920, eine andere mit dem Titel »Jedermann sein eigner Fussball«, von der nur eine Nummer erschien, danach »Die Pleite« und die Zeitschrift »Der Gegner«.

Ruhm

Albert Ehrenstein

(* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York)

Ruhm

Sie besudeln das Firmament,
sie werden statt ihrer Journale
die Sterne bedrucken.
Mich widert der faulige Atem
williger Besprecheriche.
Bittrer Arbeit Abendstirn
spült doch ruckweise der Tod hinab!
Ich bin ja nur ein armes Gurgelwasser
im Rachen der Zeit.

Aus: Albert Ehrenstein: Werke. Band 4/1. Gedichte I. Klaus Boer Verlag, 1997, S. 54

Ein Entwurf hat die Überschrift: „Journalisten oder der Ruhm“. Erstdruck im Gedichtband „Die weiße Zeit“. München: Georg Müller, 1914. – In einem Notizbuch aus Berlin, Mai 1913, stehen die Zeilen 2 und 3 des Gedichts und der Eintrag: „Ein Buch schreiben, um davon zu leben, sich den Magen zufüllen, wieder Besprechungen zu lesen, das Ausbleiben anderer erbittert zu verfolgen, den Aufstieg jüngerer neidisch zu verfolgen, wie elend u. ekelhaft.“ (Werke Band 4/II, S. 143).

Land der Toten

Ernst Balcke

(* 9. April 1887 in Berlin; † 16. Januar 1912, zusammen mit seinem Freund Georg Heym beim Eislaufen im Wannsee ertrunken)

Land der Toten

Dies ist das Land, das keine Tränen kennt,
doch auch kein Lachen; Sonne nicht, nicht Wetter,
kein Tier, das flüchtig durch die Landschaft rennt,
nicht Winter, Lenz und Sommer. Nur der Blätter

Lautloses Sinken herrscht in diesem Reich;
ein lehmiger Himmel hängt ob dieser Stille
und färbt die toten Schläfer gelb und bleich.
So liegen sie, bis von der Blätter Fülle,

Der toten, sie verschüttet sind, so daß
der schmutzige Geier, der am Himmel zieht,
die Flügel zornig schlägt, und weit das Naß
des gelben Nebels aus den Federn sprüht.

Aus: Ernst Balcke, Versensporn 20. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2015, S. 26

Prolog

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Prolog [zu dem Buch „Ein kleines Leben“, 1906]

                        »Zwecklos ist mein Lied. Ja, zwecklos
                        Wie die Liebe, wie das Leben.... «
                        (Heine, »Atta Troll«.)

»An jedem Tage wandern wohl Millionen
Von Versebüchlein in die weite Welt.
Wollt Ihr denn niemals uns're Ruhe schonen?
Es kostet Euch ja doch bloß Euer Geld!
Und niemand wird Euch das Geschreibsel lohnen!
Wir sind ja übersatt von »Etsch zum Belt!!!«
  »Denn jede Stunde bringt uns neue Ware:
  Die Redakteure raufen sich die Haare.«

» Wozu kommst Du da noch mit Deinen Liedern?
So ruft empört das ganze Publikum. -
Was soll ich, armer Tor, Euch drauf erwidern?
Ihr habt ja recht! - Mir ist schon selbst so dumm
Von vielen Versen, und die Reime widern
Mich selber an, das ewige »Bim - Bum. «
  Jedoch - wie schreit ein jeder Lyrikus? …
  Die Muse ruft in mir!! Ich muß!!! Ich muß!!!

Na, fürchtet nichts! Und werdet nicht gleich bleich!
Du Kritiker, fall mir nicht gleich vom Stuhle!!
Ich singe nicht so » wonne - wiegsam - weich«,
Ich spinne nicht die ewigalte Spule,
Und meine Verse sind nicht formenreich,
Ich schwärme nicht von einer treuen Buhle.
  Doch möcht ich immerhin Euch eines raten:
  Lest sie nicht vor dem Frühstück oder Braten!!

Nach dieser Warnung kann ich ruhig schlafen:
Ich fühle mein Gewissen nun befreit,
Ich seh' geborgen mich im Unschuldshafen. -
Und, kriegt nun wirklich einer Katzenleid,
So darf er mich deshalb nicht streng bestrafen:
Ich hab' es ihm ja vorher prophezeit. -
  Und außerdem - manchmal bring ich auch Prosa,
  Wie's grade kommt: chinesisch-schwarz und rosa.

»O je, o je! Das klingt nach Lilienkron!!
So ruft der Kritiker, entsetzt, erschreckt. -
O je, o je! Ein neuer Epigon!!!
So viele haben »Wir« bereits entdeckt,
Und ihre Zahl ist wohl schon Legion;
Viel Lilienkrönchen hat der Herr erweckt!«
  Na wegen mir! Den Rock hab ich geborgt,
  Der Kerl darin bin Ich!!! Seid unbesorgt!

Und zwar ein armes, krankes Menschenkind,
Das alles, was sein Herz erfüllt, bedrückt,
Das, was ihm Freude, Leid und Schmerzen sind,
Was ihn betrübt und was ihn hochbeglückt,
Vom Herzen also sich zu schaffen sinnt,
In einer Form, wie Gott sie ihm grad schickt!
  Ich mache meinem Fühlen Luft, so wißt!
  Wie mir der Schnabel halt gewachsen ist!!!

Aus: Max Herrmann-Neiße: Im Stern des Schmerzes. Gedichte 1. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986, S. 7f

Nicht Etsch, Tessin, Po, Arno

Francesco Petrarca

CXLVIII

   Non Tesin, Po, Varo, Arno, Adige et Tebro,
Eufrate, Tigre, Nilo, Hermo, Indo et Gange,
Tana, Histro, Alpheo, Garona, e 'l mar che frange,
Rodano, Hibero, Ren, Sena, Albia, Era, Hebro;
   Non edra, abete, pin, faggio o genebro
Poria 'l foco allentar che 'l cor tristo ange,
Quant'un bel rio ch'ad ognor meco piange,
Co l'arboscel che 'n rime orno et celebro.
   Questo un soccorso trovo tra gli assalti
D'Amore, ove conven ch'armato viva
La vita che trapassa a sì gran salti.
   Così cresca il bel lauro in fresca riva,
Et chi 'l piantò pensier' leggiadri et alti
Ne la dolce ombra al suon de l'acque scriva.

Nicht Etsch, Tessin, Po, Arno, Var und Tiber,
   Nil, Tigris, Hermus, Indus, Phrat und Ganges,
   Alpheus, Ister, Don, noch, kräf'gen Ganges,
   Rhon’, Elbe, Seine, Rhein, Eur’, Hebrus, Iber,
Nicht Epheu, Tann’, und Pinie kühlt mein Fieber,
   Wachholder nicht mein Herz, mein glühend-banges,
   Wie Bächlein thut, das mitweint gleichen Dranges,
   Und Bäumlein, das ich singe lieb und lieber.
Die eine Zuflucht find’ ich, seit begonnen
   Amor den Kampf, drin nimmer darf ermatten
   Mein Leben, das so schnellen Laufs verronnen.
Drum, schöner Lorbeer, wachs' auf Ufers Matten;
   Und, was sein Pflanzer Freudiges ersonnen,
   Schreib' er beim Laut des Bachs im süßen Schatten.

Karl Förster (um 1818)

Keine Aufzählung, keine Summe; keine Wasserläufe, die uns auf der Zunge liegen und dort und hier bereits exotisch zerlaufen; kein Abschmecken der Mündungen in das zerfranste Meer von Märchen, Völkerschicksal, Operette; bitte auch kein einheimisches Grün in Haufen, ausgezogen nach Gattung, Art und Blütenstand - je länger die Liste, umso ausführlicher die Angst; ich bin krank am ganzen Ausmaß - es zu füllen! So halte ich mich an die Klammer, die Chance, die bleibt ein Rinnsal, eines, wohl und übel an meiner Seite - der kleine Auswuchs, wenn ich rede, und Angebot von überall, wenn er sich spreizt. Ja, ich umschreibe die Aussparung, die mir jetzt hilft; und indem ich mich dagegen wehre, helfe ich ihr auf die Sprünge - dann wächst aus der Gürtellinie auch der Zweig, auf dem ich sitze im süßen Auf und Ab der Unterschiede - auf manchen Ebenen.

Oskar Pastior (um 1980)

Aus: Francesco Petrarca, Poet’s Corner 4. Ausgewählt von Peter Gosse. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, 1991, S. 16f

Das dritte Sonett

Am 6. April 1327 sieht der italienische Dichter Francesco Petrarca in Avignon seine Laura zum ersten Mal. Am 6. April 1348, 21 Jahre später, stirbt sie. Nach der Komposition seines Canzoniere fand beides an einem Karfreitag statt (was rein astronomisch nicht zutreffen kann). Nach den Lehren der Kirchenväter ist der 6. April ein symbolisches Datum: am 6. April ist Adam erschaffen, am gleichen Datum fand die Erbsünde statt und ist Christus gestorben. Am 6. April 1341 kommt Petrarca nach 49 Reisetagen in Rom an, wo ihm die Lorbeerkrone überreicht wird. Es gibt noch weitere Lebensereignisse an einem 6. April (so 1357: da pflanzt er 6 Lorbeerbäume). Laurel (Lorbeer) ist ein häufiges Wortspiel mit dem Namen Laura.

Zum bedeutenden Tag ein kleines Petrarcafest. Oder wenn Sie wollen und können, zwei Stunden Heimarbeit in Sachen Petrarca?

Der Oulipot Jacques Roubaud schreibt:

Am 19. Mai 1348 erhielt Petrarca einen Brief von Sokrates [so nannte Petrarca seinen flämischen Freund Ludwig van Kempen, Kantor in der Kapelle von Petrarcas Beschützer, dem Kardinal Giovanni Colonna], in dem ihm dieser Lauras Tod mitteilte. Unmittelbar darauf schrieb er auf die Rückseite des Vorsatzblattes seines Vergil-Kodex, gegenüber dem Frontispiz von Simone Martini, folgende Worte:
»Laura, herrlich durch ihre eigenen Tugenden und lange in meinen Liedern gefeiert, erschien meinen Augen zum ersten Mal in meiner ersten Jünglingszeit, im Jahre des Herrn 1327, am sechsten Tage des Monats April, in der Kirche der heiligen Klara zu Avignon bei der Morgenandacht; und in derselben Stadt, in demselben Monat, an demselben sechsten Tag, zu derselben ersten Andachtsstunde, jedoch im Jahre 1348, ist dem Lichte dieser Welt jenes Licht entzogen worden, als ich zufällig und ach! meines Geschickes unkundig, in Verona war. Die unselige Kunde ereilte mich dann durch einen Brief meines Ludovicus in Parma, in demselben Jahr im Monat Mai, morgens am 19. Tag. Ihr so keuscher und schöner Leib wurde noch am Tage ihres Todes gegen Abend auf dem Friedhof der Minoritenbrüder beigesetzt. Ihre Seele freilich, des bin ich gewiß, ist in den Himmel zurückgekehrt, von wo sie herstammte, gerade wie Seneca von Africanus sagt. Dies aber glaubte ich gerade in diesem Buch, das mir so oft vor Augen kommt, zur traurigen Erinnerung mit einer Art bitterer Wonne verzeichnen zu müssen, damit mir fernerhin nichts mehr im Leben gefalle, und ich, nachdem nun diese stärkste Fessel zerrissen ist, durch den häufigen Anblick dieser Zeilen und durch die Erwägung der Hinfälligkeit dieser Welt daran gemahnt werde, daß es Zeit sei, aus dem Babylon des Weltlebens zu fliehen, was mir mit Gottes Gnade leicht werden wird, wenn ich eindringlich und männlich bedenke, wie vergeblich die früheren Sorgen, wie nichtig die Hoffnungen und wie unerwartet der Ausgang doch sind.«

Aus: Die numerologische Anordnung der Rerum vulgarium fragmenta / vorausgeschickt / Lebens-Entwurf des Francesco Petrarca von Jacques Roubaud. Berlin: Edition Plasma, 1997, S. 14f

Ob nun Petrarca ein schlechter Rechner war, oder ob, wahrscheinlicher, das Datum nicht faktisch sondern poetisch wahr ist: Karfreitag, wie Petrarcas drittes Sonett behauptet, kann der 6. April weder 1327 noch 1348 gewesen sein. Der 6. April 1327 war ein Montag und der von 1348 ein Sonntag.

Vom Tag, als er Laura zum ersten Mal sah, nach der Wahrheit seines Canzoniere (so nennt die Nachwelt die vom Autor beiläufig „Rerum vulgarium fragmenta“ betitelte Gedichtsammlung) handelt das dritte Sonett, das hier in mehreren Fassungen erscheint. Ich beginne mit dem Originaltext, gefolgt von (für den Fall, dass sich jemand aus der geneigten LeserInnenschaft langsam einarbeiten will – wer das nicht will, überblättert es einfach – einer automatischen Übersetzung von Google.

Era il giorno ch’al sol si scoloraro
per la pietà del suo fattore i rai,
quando i’ fui preso, e non me ne guardai,
che i be’ vostr’occhi, Donna, mi legaro.

Tempo non mi parea da far riparo
contra colpi d’Amor: però m’andai
secur, senza sospetto; onde i miei guai
nel commune dolor s’incominciaro.

Trovommi Amor del tutto disarmato
ed aperta la via per gli occhi al core,
che di lagrime son fatti uscio e varco:

Però, al mio parer, non li fu onore
ferir me de saetta in quello stato,
a voi armata non mostrar pur l’arco.

Automatische Übersetzung von Google (Benutzung auf eigene Gefahr):

Es war der Tag, an dem die Sonne verblasste
für das Mitleid seines Rai-Faktors,
als ich erwischt wurde und es nicht ansah,
dass deine Augen, Donna, mich binden.

Die Zeit schien mir nicht zu schützen
gegen Liebesschläge: aber ich ging
ohne Verdacht sichern; daher meine Probleme
im allgemeinen Schmerz beginne ich.

Ich fand Amor völlig unbewaffnet
und öffnete den Weg für die Augen zum Kern,
dass Tränen durch und durch gemacht werden:

Meiner Meinung nach war es jedoch keine Ehre
verletzt mich de saetta in diesem Zustand,
Zeige dir den Bogen nicht bewaffnet.

(Weiter unten die Übersetzungsversuche von DeepL und Bing für die ganz Hartgesottenen).

Jetzt aber die klassische Übersetzung von August Wilhelm Schlegel und daran anschließend eine fast zeitgenössische Übersetzung in Prosa:

Es war der Tag, wo man der Sonne Strahlen
Mitleid um ihren Schöpfer sah entfärben:
Da ging ich sorgenlos in mein Verderben,
weil Eure Augen mir die Freiheit stahlen.

Die Zeit schien nicht gemacht zu Amors Wahlen,
und Schirm und Schutz vor seinem Angriff werben,
unnötig; so begannen meine herben
Drangsale mit den allgemeinen Qualen.

Es fand der Gott mich da ohn alle Wehre,
den Weg zum Herzen durch die Augen offen,
durch die seitdem der Tränen Flut gezogen.

Doch, wie mich dünkt, gereicht’s ihm nicht zur Ehre:
Mich hat sein Pfeil in schwachem Stand getroffen.
Euch, der Bewehrten, wies er kaum den Bogen.

August Wilhelm Schlegel, aus: Francesco Petrarca: Sonette. Auswahl. italienisch/deutsch. Leipzig: Reclam 1968, S. 7.

Eine reimlose Übersetzung von Peter Brockmeier:

Es war der Tag, an dem der Sonne Strahlen
sich aus Mitleid mit ihrem Schöpfer entfärbten,
als ich gefangen wurde, und ich hütete mich nicht davor,
dass Eure schönen Augen, Herrin, mich banden.

Es schien mir nicht die Zeit zu sein, Schutz zu suchen
gegen Amors Pfeile: darum ging ich sicher dahin,
ohne Misstrauen; so begannen meine Leiden
in dem allgemeinen Schmerz [aller Christen],

Amor fand mich gänzlich waffenlos
und offen den Weg durch die Augen ins Herz,
die der Tränen Ausgang und Durchgang sind:

Jedoch, glaube ich, brachte es ihm keine Ehre,
mich in diesem Zustand mit dem Pfeil zu treffen,
und Euch, gewappnet, nicht einmal den Bogen zu zeigen.

Aus: Francesco Petrarca: Canzoniere. 50 Gedichte mit Kommentar. Italienisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 17.

Weiter unten folgt der ausführliche Kommentar aus dieser Ausgabe. Hier aber zuerst zwei gereimte Übersetzungen aus dem 20. Jahrhundert.

Benno Geiger 1937:

Drittes Sonett

Er tadelt Amor, daß er ihn an einem Tag verwundete, an dem er es am wenigsten befürchtet hätte

Karfreitag wars, der Tag, da vor der Güte
des Heilands einst die Sonnenstrahlen blaßten,
als Eure Augen, Fraue, mich erfaßten,
versagt mir blieb, daß ich vor Euch mich hüte.

Geeignet schien die Zeit nicht, um der Blüte
des Lenzes fromm zu widerstehn; auch paßten
wir zwei nicht auf: so ging zu beider Lasten
der Jammer uns gemeinsam zu Gemüte.

Es fand mich Amor völlig ohne Waffen,
den Weg zum Herzen offen durch die Leuchten,
die Tür und Schwelle sind dem Tränengrauen.

Doch wars nicht schön von ihm, so will mich deuchten,
in jenem Zustand mich dahinzuraffen;
von Euch, im Harnisch, nur so zuzuschauen.

Aus: Petrarca: Der Canzoniere auf das Leben und den Tod der Monna Laura. Deutsch von Benno Geiger. Zürich, Leipzig, Wien: Amalthea, 1937, S. 7

Ernst-Jürgen Dreyer 1989 / 1993:

Es war der Tag, an dem der Sonne schwanden
Mitleids mit ihrem Schöpfer voll die Strahlen,
als jählings mich in Haft und Bann befahlen,
o Herrin, Eure Augen, und mich banden.

Nicht wähnt ich, heute würde ich zuschanden
durch Amors Streiche; nimmer, mit-zermahlen
im allgemeinen Gram, daß meine Qualen
– so arglos war ich! – hier den Ursprung fanden.

Es hat mich Amor waffenlos gefunden,
offen den Weg zum Herzen durch die Augen,
die nun der Tränen Tore sind und Schleusen.

Doch mag sein Schuß zu wenig Ehre taugen
– und Euch, bewaffnet und kaum zu verwunden,
den Bogen nicht einmal von fern zu weisen.

Aus: Petrarca: Canzoniere. Zweisprachige Gesamtausgabe. München: dtv, 1993, S. 11 (zuvor 1989 und 1990 bei Stroemfeld / Roter Stern).

Dreyer übersetzte nach einer Interlinearübersetzung von Geraldine Gabor.

Es folgt ein kleiner Arbeitsabschnitt mit einem kurzen und einem längeren Kommentar.

Kommentar von Geraldine Gabor aus dem eben zitierten Buch:

1-2 Es war… die Strahlen: Karfreitag, Tag der Kreuzigung Christi
9 Es hat… waffenlos gefunden: Der Karfreitag (6. April) des Jahres
1327 ist der Tag der ersten Begegnung mit Laura

Kommentar von Peter Brockmeier aus dem Reclamband von 2006:

Rhetorisch betrachtet ist das erste Gedicht ein Exordium; die Gedichte zwei bis fünf können als »initium narrationis«, als »Schilderung des Sachverhaltes« aufgefasst werden (Göttert, S. 30). Sie greifen jeweils auf die Topoi oder Gemeinplätze der Ursache des Geschehens (Rer. vulg. frag. 2), der Zeit (Rer. vulg. frag. 3), der Person, d.h. ihrer Herkunft (Rer. vulg. frag. 4) und ihres Namens (Rer. vulg. frag. 5) zurück (Santagata, S. 13). Allerdings ist die Zeitangabe in dem dritten Sonett nicht nur als standesamtliche Mitteilung über das erste Treffen zwischen dem poetischen Ich und seiner Geliebten aufzufassen – die am Karfreitag des Jahres 1327 stattgefunden haben soll (Santagata, S. 17). Bei dieser Begegnung fühlt sich das Ich durch die Blicke der Frau in Besitz genommen: Hat das Ich in Rer. vulg. frag. 2 noch einen vernünftigen oder moralischen Widerstand gegen die erotische Verführung erwogen, so gesteht es nun seine völlige Wehrlosigkeit und Hingabe ein. Außerdem wird sein Leiden mit der Einseitigkeit der Liebe begründet: Die Geliebte ist spröde, sie wird nicht von Amor angegriffen. Auf diese Weise wird ihre doppelte Funktion als Verführerin und Erlöserin erkennbar (vgl. Komm. 2). Um die Ausnahmesituation des poetischen Ich hervorzuheben, erinnert Petrarca seine Leser in den Versen 6 bis 7 an die unglücklich liebende Francesca da Rimini: »allein waren wir und ohne einen Verdacht« (»soli eravamo c sanza aleun sospetto«; Dante, Inf. 5,129; vgl. Komm. 6, 8, 164). Neben der eigenen Schwäche und der Rache Amors (vgl. Komm. 2) wird eine weitere Begründung dafür angeführt, dass das Ich in die Gewalt des Liebesgottes geraten ist: Der Karfreitag als ein Tag des Leidens und des Mitleidens ist nicht der Tag, an dem es auf einen solchen Angriff, auf ein Begehren im sexuellen und im geistigen Sinn hätte gefasst sein müssen (5 f.). Wie Christus sieht sich auch das poetische Ich dem Bösen und dem unverdienten Leid hilflos ausgeliefert. Sein Leiden (7f.) erhält eine ebenso repräsentative Bedeutung, wie sie sein Dichtertum erhalten wird (Rer. vulg. frag. 5, 6). Der Leser wird angeleitet, die »jugendliche Verirrung« des Ich, die so großes Leid verursacht hat, bereitwilliger nachzuvollziehen und wohlwollender zu beurteilen; die sakralen Assoziationen führen zur Reue des Ich (»Tränen«, 11) und ermutigen den Leser, ihm zu verzeihen. Die Erinnerung (9, 12) an das oben zitierte ironische Gedicht Ovids (Amor. 1,2; vgl. Komm. 2) und der bittere Hinweis auf die spröde Geliebte (13f.) deuten das Thema der Allmacht und der Unerfüllbarkeit der Liebe an.

Aus: Petrarca: Canzoniere. 50 Gedichte mit Kommentar. Italienisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Peter Brockmeier. Stuttgart: Reclam, 2006, S. 195f

Nachtrag

Zwei weitere maschinelle Übersetzungen und die Titelseiten der benutzten Bände.

Die Maschine von deepL übersetzt so:

Es war der Tag, an dem die Sonne sich verfärbte
für die Barmherzigkeit seines Bauern i rai,
als ich genommen wurde, und ich habe nicht hingesehen,
dass deine Augen, Donna, mich fesseln werden.

Ich habe keine Zeit, mich zu verstecken.
Gegen die Schläge der Liebe: aber ich ging
Sicherheit, ohne Verdacht; also meine Sorgen
in der Gemeinschaft des Schmerzes werde ich beginnen.

Finden Sie mich Liebe völlig unbewaffnet
und öffnete den Weg für den Kern,
Die der Tränen werden zu Tür und Tor gemacht:

Aber meiner Meinung nach gab es dort keine Ehre
mich so zu verletzen,
Wenn Sie bewaffnet sind, zeigen Sie den Bogen nicht.

Übersetzt mit http://www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)

Noch eine maschinelle Übersetzung (von Microsofts Bing):

Es war der Tag, an dem sich die Sol verfärbte
zum Mitleid seines i rai-Faktors,
als ich dort erwischt wurde, und ich sah es nicht an,
dass mich die gutäugige Donna bindet.

Die Zeit scheint mir nicht zu sein, Umschlupf zu suchen
Contra-Aufnahmen von Amor: aber ich ging
secur, ohne Verdacht; Wellen meine Probleme
in der Gemeinde begannen die Sorgen.

Ich finde Amor völlig unbewaffnet
und öffnete den Weg für die Augen zum Kern,
die von Tränen sind ausgemacht und Weg:

Aber für meinen Parer war es keine Ehre für sie
ferir me de lightning in diesem Zustand,
Sie bewaffnet nicht zeigen den Bogen.

Sodom den Sodomern, sonst für keinen!

Chaim Grade

(auch Chajim Grade; חיים גראדע) (Geboren am 4. April 1910 in Wilna, Litauen, damals Russisches Reich; gestorben am 26. April 1982 in New York)

Sodom

Gotts Antlitz der Abendhimmel voll Trauer
guckt auf Sodoms Mauer.

Die Sonne sinkt, daß sie in Weiten vergehe.
Der Tod erhebt sich in der Nähe.

Ein Finger schreibt mit schwarzen Lettern ins Abendrot:
Tod.

Beim Tor von Sodom knien zwei finstere Gestalten,
Sodom ein Totengebet zu halten.

Zwei Schatten schleichen in Sodoms Tor,
einer ist Aug und der andere Ohr.

Die Wolke – Regen und Blitz. Sodom ein Geschrei.
Des Volkes Leid süßt den Satten die Völlerei.

Für einen Teil Wein, für den andern kein Brot.
Sodoms Gesicht halb trunken, halb schon tot.

Hunger? Benag dir die eigenen Muskeln, Knecht.
So will es das Sodomer Recht.

Menschen leben unbesorgt wie die Bäume
– so sind die Sodomer Träume.

Führt man wen zum Galgen – der ersticke.
Ein Sodomer geht seinen eigenen Weg zum Glücke.

Und kommt das Grausen: Stumm! daß niemand dein Herz jagen hört.
Über jedem Kopfe hängt das Schwert.

Eine Hur an der Ecke, ein Dieb ist ihr Wächter.
Ein Netz ist die Nacht, und der Mensch ein Wild für die Schlächter.

Im Fenster – Fäuste, Axt und Stein,
es bricht die Rotte zur Tür herein.

Es lauschen die Fremden bei Lot im Haus.
Draußen spricht Sodom, es schreit heraus:

Leute, trollt euch auf anderen Wegen,
Sodom kam euch genug entgegen.

Macht euch im Feld ein Lager aus Steinen:
Sodom den Sodomern, sonst für keinen.

s hat Lot uns verraten, der eklige Spötter.
Ewig ist Sodom, und Kraft ist der Retter.

Bleich wird die Nacht, noch bleicher wird Lot.
Es reden die Fremden von Opfer und Tod.

Wir machen Sodom mit Blitzen und Donner satt,
Gotts steinernem Urteil für die steinerne Stadt.

Flügel für dich und für Sodom die Flamm,
es bleibt von den Bäumen kein einziger Stamm.

Sodom, ein göttlicher Irrtum, bald ist es ein Meer von Feuern.
So wird die Welt sich in Flammen erneuern.

Morgen. Es gehen Wogen von leuchtendem Schaum.
Morgen. Die Wolken entgleiten von Sodom wie nächtlicher Traum.

Aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Ausgewählt und aus dem Jiddischen übertragen von Hubert Witt. Leipzig: Reclam, 1993 (5., neu durchgesehene u. veränderte Aufl.), S. 210-212

CHAIM GRADE
geboren 1910 in Wilna als Sohn eines Hebräischlehrers. Ausgezeichnete Bildung, reiche Kenntnis des hebräischen und jiddischen Schrifttums, auch der Weltliteratur. Zweiundzwanzigjährig begann er zu schreiben, weltlich, aber tief verwurzelt in jüdischer Tradition. Mitglied der Schriftsteller-Gruppe Jung-Wilne. 1941 bis 1946 als Flüchtling in der Sowjetunion, danach Polen, Frankreich, seit 1948 New York. Lyriker, Novellist, Romanautor, Essayist. Gestorben 1982.