Prolog

Max Herrmann-Neiße

(* 23. Mai 1886 in Neiße, Schlesien; † 8. April 1941 in London)

Prolog [zu dem Buch „Ein kleines Leben“, 1906]

                        »Zwecklos ist mein Lied. Ja, zwecklos
                        Wie die Liebe, wie das Leben.... «
                        (Heine, »Atta Troll«.)

»An jedem Tage wandern wohl Millionen
Von Versebüchlein in die weite Welt.
Wollt Ihr denn niemals uns're Ruhe schonen?
Es kostet Euch ja doch bloß Euer Geld!
Und niemand wird Euch das Geschreibsel lohnen!
Wir sind ja übersatt von »Etsch zum Belt!!!«
  »Denn jede Stunde bringt uns neue Ware:
  Die Redakteure raufen sich die Haare.«

» Wozu kommst Du da noch mit Deinen Liedern?
So ruft empört das ganze Publikum. -
Was soll ich, armer Tor, Euch drauf erwidern?
Ihr habt ja recht! - Mir ist schon selbst so dumm
Von vielen Versen, und die Reime widern
Mich selber an, das ewige »Bim - Bum. «
  Jedoch - wie schreit ein jeder Lyrikus? …
  Die Muse ruft in mir!! Ich muß!!! Ich muß!!!

Na, fürchtet nichts! Und werdet nicht gleich bleich!
Du Kritiker, fall mir nicht gleich vom Stuhle!!
Ich singe nicht so » wonne - wiegsam - weich«,
Ich spinne nicht die ewigalte Spule,
Und meine Verse sind nicht formenreich,
Ich schwärme nicht von einer treuen Buhle.
  Doch möcht ich immerhin Euch eines raten:
  Lest sie nicht vor dem Frühstück oder Braten!!

Nach dieser Warnung kann ich ruhig schlafen:
Ich fühle mein Gewissen nun befreit,
Ich seh' geborgen mich im Unschuldshafen. -
Und, kriegt nun wirklich einer Katzenleid,
So darf er mich deshalb nicht streng bestrafen:
Ich hab' es ihm ja vorher prophezeit. -
  Und außerdem - manchmal bring ich auch Prosa,
  Wie's grade kommt: chinesisch-schwarz und rosa.

»O je, o je! Das klingt nach Lilienkron!!
So ruft der Kritiker, entsetzt, erschreckt. -
O je, o je! Ein neuer Epigon!!!
So viele haben »Wir« bereits entdeckt,
Und ihre Zahl ist wohl schon Legion;
Viel Lilienkrönchen hat der Herr erweckt!«
  Na wegen mir! Den Rock hab ich geborgt,
  Der Kerl darin bin Ich!!! Seid unbesorgt!

Und zwar ein armes, krankes Menschenkind,
Das alles, was sein Herz erfüllt, bedrückt,
Das, was ihm Freude, Leid und Schmerzen sind,
Was ihn betrübt und was ihn hochbeglückt,
Vom Herzen also sich zu schaffen sinnt,
In einer Form, wie Gott sie ihm grad schickt!
  Ich mache meinem Fühlen Luft, so wißt!
  Wie mir der Schnabel halt gewachsen ist!!!

Aus: Max Herrmann-Neiße: Im Stern des Schmerzes. Gedichte 1. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 1986, S. 7f

One Comment on “Prolog

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: